Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 304 Kassel, Museumslandschaft Hessen Kassel bzw. Hess. Landesmuseum, jetzt Bad Wildungen, Schloß Friedrichstein, aus Hersfeld, landgräfliche Residenz (?) 1615

Beschreibung

Bolzenkasten des hessisch-landgräflichen Administrators des Stifts Hersfeld Otto Landgraf von Hessen. Der Kasten gelangte anscheinend auf unbekannten Wegen vom Besitz des Administrators ins Hersfelder Museum1) und von da nach Kassel (Inv. Nr. KP B XIV.400, Obj. Id. M +: 242072, Sammlung angewandte Kunst). Danach zu schließen, könnte er sich ursprünglich in Landgraf Ottos Hersfelder Residenz, also dem Stift, befunden haben.2) Der mit Ölfarbe bemalte Holzkasten zeigt auf dem Deckel außen zentral das landgräfliche Vollwappen in einem Kranzmedaillon, in dem die Farbe Schwarz neben Gold und Rot vorherrscht – Schwarz könnte wie beim hessischen Löwenschild aus Blau verändert sein. Begleitet wird das Wappen von zwei Beschlagwerkkartuschen, auf deren dunklen (Schwarz oder Blau) Hintergrund Name und Jahr (A) in goldener Schrift geschrieben sind. Als Kürzungszeichen dienen Doppelpunkte aus Quadrangeln, als Trenner der Ziffern Quadrangel auf der Grundlinie.

Die Bemalung des Innendeckels präsentiert ein höfisches Schützenfest auf einer ebenen Wiese vor waldreicher Landschaft und zwei fernen befestigten Siedlungen. Vor prunkvollen Zelten, in denen musiziert wird und Bedienstete mit Armbrüsten hantieren, stehen zahlreiche in Schwarz gekleidete Personen mit ihren Waffen (Armbrüsten und Bolzen, größtenteils in länglichen Kästen) für einen Schuß auf den rechts in großer Höhe auf einer Stange befestigten Vogel an, während ein Mann darauf zielt. Im Zentrum des Bildes sitzt wohl der Prinz in schwarzer Kleidung auf einem Pferd.3) Links im Vordergrund tragen zwei Männer zwei Bolzenkästen mit denselben, jedoch weniger prunkvoll ausgeführten und geradezu winzigen Inschriften (B, C) – die verdeckten Teile wurden in geschweiften Klammern nach dem Modell des Deckels ergänzt.

Maße: H. 9,5, B. 41, Tiefe 19 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

  1. A

    O(TTO) L(ANDGRAF) Z(V) H(ESSEN) // 16.a) 15.

  2. B

    O(TTO) L(ANDGRAF) Z(V) H(ESSEN) // 16b) 15

  3. C

    O(TTO) L(ANDGRAF) Z(V) H(ESSEN) // 16b) 15

Wappen:
Hessen-Kassel4)

Kommentar

Bei dem Kasten handelt es sich um einen Transportbehälter von Bolzen für Schießübungen bzw. Schießwettbewerbe, nicht für die Jagd, für die Taschen oder Köcher benutzt wurden.5)

Der Bolzenkasten des jungen Landgrafen und Prinzen Otto (1594–1617), der noch als Jüngling von seinem Vater Moritz mit der Administration des laisierten Stifts Hersfeld betraut wurde und dem noch andere Aufgaben und Ämter aufgebürdet wurden, mag zu seiner Ausstattung gehört haben, mit der er den Vorschriften seines Vaters folgen wollte. Diese reservierten zwei Tage der Woche, falls nicht wichtigere politische Angelegenheiten dem entgegenstanden, für fürstliche Reit- und Leibesübungen, nicht jedoch für Jagd.6) Das im Inneren abgebildete Vogelschießen soll sich auf eine derartige Veranstaltung auf dem Hersfelder Johannisweerth beziehen;7) dann wären die Siedlungen Johannesberg und Hersfeld selbst, obwohl sich keine Baudetails darauf beziehen lassen. Auch für den jährlichen Aufenthalt des Kasseler Hofes in Schmalkalden ist ein Preisschießen bekannt;8) dort gibt es aber keinen engeren Bezug zum Prinzen Otto.

Die sehr exakte Beschriftung des Deckels weist einen gewissen kalligraphischen Einschlag auf, der sich in der Verteilung der Buchstaben und Ziffern, den Unterschieden der Strichstärken und den schwungvollen Ziffern zeigt. Das Innenbild des wohl in Kassel 1615 hergestellten Kastens zeigt Verwandtschaft mit den Werken des Adriaen van der Venne (1589–1662), aus dessen aquarellierten Zeichnungen man das Thema Wettschießen kennt.8)

Textkritischer Apparat

  1. Zwei weitere Punkte gehören nicht zum Ursprung.
  2. Leicht vergrößertes Spatium, anscheinend vom Wappen verursacht.

Anmerkungen

  1. Diese Stationen nennt Hinz, vgl. auch unten Kommentar.
  2. Der Kasten ist dauerhaft in der Militär- und Jagdabteilung auf Schloß Friedrichstein, Bad Wildungen, ausgestellt (Freundliche Auskunft von Frau Dr. Antje Scherner, Museumslandschaft Hessen Kassel), vgl. auch Fusenig.
  3. Die schwarze Kleidung wird mit dem am 15. Februar 1615 erfolgten Tod von Ottos erster Gemahlin Katharina Ursula Markgräfin von Baden-Durlach in Verbindung gebracht, vgl. Fusenig.
  4. Vollwappen mit den Teilwappen Herzschild Hessen (Löwe), geviert von Katzenelnbogen, Ziegenhain, Nidda, Diez, entsprechende Oberwappen nicht klar erkennbar.
  5. Nach Apel enthielt der Kasten mit Ihro kurprinzlichen Durchlaucht beschriftete Bolzen – zusammen mit der Form des Kasten ein klarer Hinweis auf den sportlichen Wettkampf, bei dem man den besten Schuß anhand des Bolzens identifizieren mußte.
  6. Text bei Post 59. Zur Person auch Sieburg, Landgraf Otto.
  7. So nach May, Entschwundene Kostbarkeiten 20 f.; dementsprechend auch die Bemerkung eines Inventars von 1780, dem gemäß das Innenbild ein Wettschießen des Prinzen in Hersfeld zeige, vgl. Fusenig.
  8. Vgl. Fusenig.

Nachweise

  1. Apel, Hersfeldisches 88 (erw., Jz.).
  2. Post, Landgraf Otto 59 (Abb. u. Paraphrase A).
  3. Th. Fusenig, Bolzenkasten des Prinzen Otto von Hessen, in: Moritz der Gelehrte (1997) 82 f. Nr. 100 (A–C) m. Abb. (B, C).
  4. Hinz, Fast so alt 48 mit Abb. S. 49 (A).

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 304 (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0030409.