Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 354 Oberellenbach (Alheim), Evangelische Kirche 2. D. 17. Jh.?

Beschreibung

Grabstein einer unbekannten Person. Die beiden Teile des zerbrochenen Denkmals aus rotem Sandstein stehen heute voneinander getrennt außen an die Ostwand des Chors gelehnt im Gras. Von dem ursprünglich ädikulaartigen Mal ist nur der untere, in zwei Stücke zerbrochene Teil der flachen Nische erhalten geblieben; sie ist so flach, daß die mit Schuppen dekorierten Pilaster wie aufgelegte Leisten wirken. Im Schriftfeld des oberen Fragments (1) stehen heute noch fünf Zeilen eines Bibelzitats und vier weitere auf dem zweiten (2), wo noch drei Zeilen des Leichtexts anschließen. Etwa auf der Höhe des halben Textes ragen zwei Konsolen in die Schrift hinein. Daraus und aus der kleiner werdenden Schrift läßt sich nicht auf zwei eigenständige Inschriftenträger schließen, da der Text nahtlos fortfährt und zudem zwei extreme Abweichungen von der Schriftnorm und der Nexus von H und A auf beiden Objekten vorkommen. Trotz der Härte des körnigen Sandsteins sind die Kanten der Schrift verwischt; daher kann man die präzise Form der Worttrenner, wahrscheinlich Quadrangel auf der Zeilenmitte, nicht bestimmen. Die Rückseite ist nicht bearbeitet.

Maße: H. (Fragm. 1) 25,5, H. (Fragm. 2) 41,5, B. 46, Bu. 2,8–3,3 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

© Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Rüdiger Fuchs) [1/2]

  1. [– – –T]EN ∙ / KAMPF ∙ GEKEMPFET ∙ / ICH͜H͜ABEa) ∙ DEN LAUF UOLENDET ∙ ICH ∙ HABE ∙ / GLAUBEN ∙ GEHALTEN ∙ /b) HINFORT IST MIRc) / BEYGELEGTd) ∙ DIE ∙ / GRONe) ∙ DERf) GE/RECHTIKEITg,1) // LEICHTEXT HIOB ∙ I ∙ V(ERS) ∙ 21 ∙ / DER HERR HATTS GEGEBE(N) DE[R] / [H]ERR HATTS GENOME(N) D(ER) NAM[E] / DES HERRN SEYh) GELOBET2)

Kommentar

Mit Schuppen dekorierte Pilaster sind im Bestand in der zweiten Dekade des 17. Jahrhunderts vorhanden (Nrr. 292, 305, 306, 324), zeichnerisch sogar schon auf dem Epitaph des Abtes Joachim Roell (Nr. 275); über diese datierten Stücke hinaus dürfte es noch mehr heute nicht mehr aus sich heraus datierte geben und gegeben haben. Obwohl in etwa gleich breit, gehören die vorliegenden Grabsteinfragmente nicht zu einem benachbarten Stein, zu dem Grabstein Scheid von nach 1606 bzw. aus dem 1. Viertel des 16. Jahrhunderts (Nr. 324), der aus demselben Material besteht; das erweisen unterschiedliche Maße des Schriftfeldes und Unterschiede der Schriftformen und Buchstabengrößen. Dort sind die Buchstaben breiter proportioniert, somit die Breiten der E-Balken besser abgestuft; die Cauden des R sind geschwungen vom Bogen herabgeführt und gehen nicht gerade von verschiedenen Ansatzpunkten am Schaft in wechselnden Winkeln ab. Hier entsprechen die Buchstabenformen dem ländlich-gemütvollen minderen Niveau eines längeren Zeitraums, etwa die nach außen gebogenen Schrägschäfte des A, die vorgewölbte und stumpf auf der Grundlinie endende Cauda des R, das schwach gekrümmte S und die drei fundamentalen Abweichungen des gelegentlich verwendeten Minuskel-b, des schmalen, kreuzförmigen Minuskel-t, dessen Balken mehr oder weniger waagerecht durch die Mitte des Schaftes schneidet, und des Minuskel-y mit Trema im Zwei-Linien-Schema. Die Unterschiede der Schriftformen zum Grabstein Scheid sind angesichts des gleichen Materials und ähnlichen Typs sowie der Neigung zur unmotivierten Verdopplung des T nicht so groß, daß man die beiden Fragmente zu weit vom ersten Viertel des 17. Jahrhunderts weg datieren dürfte, doch wird man von der zweiten Dekade des 17. Jahrhunderts abrücken müssen. Nach 1620 wird der Vergleich jedoch durch geringere Inschriftendichte und die Konzentration auf zwei Grablegen mit eigenen Schrifttraditionen der Hersteller erschwert.

Textkritischer Apparat

  1. Der Nexus HH geht über den Wortzwischenraum.
  2. Wechsel auf das zweite Fragment.
  3. In dieser Zeile einige Nachlässigkeiten des Herstellers: Beim N kein Schrägbalken, der rechte Schaft rechtsschräg, beim F unten ein scheinbarer Schaft, beim letzten R die Cauda nicht erkennbar.
  4. Das Y als Minuskelbuchstabe dünnstrichig in zwei Linien gestellt und mit einem Trema versehen; zwischen E und G Ausbruch, der von der Schrift umgangen wird.
  5. Sic, die Cauda leicht eingestellt.
  6. Zwischen D und E Ausbruch, der von der Schrift umgangen wird.
  7. Beim K fehlt der untere Schrägschaft.
  8. Das Y als Minuskelbuchstabe dünnstrichig in zwei Linien gestellt und mit einem Trema versehen.

Anmerkungen

  1. 2 Tim 4,7.
  2. Ijob 1,21.

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 354 (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0035409.