Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 350 Ronshausen, Evangelische Kirche 1. H. 17. Jh.?

Beschreibung

Grabplatte des Jakob Schneider, an der südlichen Außenwand der Kirche knapp vor der Westecke befestigt.1) Die hochrechteckige Platte aus gelbem Sandstein wird von einer Umschrift (A) umlaufen, die von zwei breiten, leicht abgerundeten Stegen begrenzt ist und in der unteren Hälfte des Feldes fortgeführt wird. Oben ein von zwei Sternen begleitetes Kreuz mit Titulus (B), in dessen Sockel ein Wappen eingestellt ist, das Ganze in flachem Relief. Die Platte ist stellenweise stark abgewittert, an den Außenkanten ausgebrochen, an den Schmalseiten mit Schriftverlust. Als Worttrenner dienen Quadrangel. Die Rückseite ist offenbar mit einer weiteren, und zwar sehr langen, Grabinschrift (C) beschrieben; von ihr sind wegen der festen Aufstellung der Platte an der Wand nur unten einige Worte ertastbar bzw. mit einem kleinen Spiegel zu sehen.

Deutsche Reime.

Maße: H. 187, B. 82,5, Bu. 5–6 (A), 4 (B), ca. 2 (C) cm.

Schriftart(en): Kapitalis (B, C), Kapitalis erhaben (A).

© Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/1]

  1. A

    [ANN]O DOMINI [– – – / – – –] 9 TAG ∙ APRILIS ∙ IST ∙ IM ∙ HERN ∙ SELIG ∙ ENTSCHLAF/FEN ∙ DER ∙ EHRBAR ∙ VND / ACHTBAR ∙ IACOB ∙ SCHNEIDER ∙ SONST HEIDRICH ∙ GEN[ANT]a) // CHVER ∙ VND ∙ FVR=/STEN ∙ SAXEN ∙ VND / BRANDENBVRG ∙ / REINISCH ∙ WEIN ∙ / ICH ∙ HAB ∙ ZVGE/FVRT ∙ BEID ∙ ZVE ∙ / WASSER ∙ VND ∙ ZV / LAND ∙DARZVE ∙ / MIR ∙ HALF ∙ O HER / DEIN ∙ GOTLICHE ∙ HAND ∙WOL ∙ 30 ∙ IAR / VIELEN ∙ ERBARN ∙ BEKANT

  2. B

    I(ESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDEORVM)2)

  3. C

    [– – –PH]INIS MANIBVS [– – –] / ET VALE

Übersetzung:

(C) (mit) … Händen/Totengöttern … und lebe wohl!

Wappen:
Schneider gen. Heidrich(?)3)

Kommentar

Diese Grabinschrift ragt aus der Masse zeitgenössischen Materials heraus, weil dem konventionellen Sterbeformular ein dem Verstorbenen und seiner Familie wichtiges Detail seines Lebens angefügt ist, und das teils in hervorhebenden Reimen: Jakob Schneider alias Heidrich war 30 Jahre im Weinhandel tätig, transportierte also Rheinwein über die Altstraßen Hessens, die „Lange“ oder vielmehr die „Kurze Hessen“, die südlich von Ronshausen über Friedewald lief,4) nach Sachsen und Brandenburg. Möglicherweise war er kein Einheimischer, sondern starb auf der Durchreise; daher wird man seinen Lebensspuren auch außerhalb des Bearbeitungsgebietes nachgehen müssen. Das gilt, obwohl der Name Schneider in Ronshausen häufig war und ein Jakob Schneider 1668 unter den Hausgesessenen genannt ist, der angeblich am 20. Mai(!) 1687 (nicht im April) und seine Witwe Maria am 28. April 1693 starben; das Kirchenbuch beginnt 1617 und ist lückenhaft zwischen 1635 und 1653.5)

Die Stelle mit der Jahreszahl auf der oberen Leiste rechts ist unrettbar verloren, eine alte, dieses Manko behebende Abschrift nicht bekannt. Angesichts der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Hersfeld blühenden Grabplattenkunst, in der zahlreiche erhabene Kapitalisschriften auch in Umschriften zu finden sind, der manierierten Wappenbildung und überhaupt der Singularität des Steins im vorgeschlagenen Umfeld könnte man eine Datierung weit im 17. Jahrhundert erwägen. Das ist jedoch wegen der Kreuzdarstellung, die nach den „Verbesserungspunkten“ des Landgrafen Moritz 1605 innerhalb einer Generation ausstarb, kaum anzunehmen.6) Im übrigen unterscheidet sich die erhabene Kapitalis von der auf den zahlreichen späten Steinen in Hersfeld durch die gerade oder gar konkave Cauda des R und die hier angespitzten mandelförmigen O. In der eingetieften Schrift des Titulus ist das R mit sich nicht berührendem Bogen und Cauda gebildet, in einem Typ also, der ab dem beginnenden 17. Jahrhundert eine Generation lang verbreitet war.7)

Die rückseitige Inschrift entzieht sich jeder Beurteilung, solange man die Platte nicht von der Wand löst. Die bisher ermittelte Passage, der Lebewohl-Gruß an die verstorbene Person, hier ET VALE, ist, wie stichprobenartige Prüfungen ergaben, ein Formelteil, das vornehmlich nach 1600 vorkommt, wie unter anderen Belege zu 1635/53 und 1656 zeigen.8) Eine Kombination mit MANIBVS ist sogar älter,9) doch wird man hier nicht nur mit dem Begriff „Hände“ operieren dürfen, sondern auch die Manen (Totengötter, Seele) in Betracht ziehen müssen, die etwa zur gleichen Zeit in Grabinschriften einbezogen werden.10) Ohne Kenntnis einer größeren Textpassage läßt sich keine Datierung und somit Reihung zur durchaus unsicher datierten heutigen Frontseite festlegen.

Textkritischer Apparat

  1. So aus der schwer lesbaren Passage ergänzbar nach dem Vorbild des Anesorge-Steins von 1593 in Grebenstein (Lkr. Kassel), wo es heißt HENRICH ANESORGEN ANDERST GROPE GENANT …, vgl. Riebeling, Historische Verkehrsmale in Hessen 79 f. Nr. 4522.V1, übrigens auch dort plumpe Reime.

Anmerkungen

  1. Die Kenntnis der Platte wird Herrn Prof. Dr. Friedrich Karl Azzola, Trebur, ein erstes Foto Herrn Andreas Schmidt, Wettenberg, verdankt.
  2. Joh 19,19.
  3. Hausmarke Nr. 20.
  4. Zu den Handelsstraßen vgl. beim sogenannten Nadelöhr nordöstlich von Friedewald (Nr. 154).
  5. Alles nach Kirchenbuch Ronshausen ab 1617. Ein Jacob Schneider aus der Oberpfalz hatte 1666 nach Ronshausen eingeheiratet, vgl. Rechnungen des Amtes Rotenburg 44, ein anderer aus dem Amt Spangenberg 1782 in Rotenburg, vgl. ebd. 33.
  6. Vgl. bei einem Grabstein in Neukirchen (Nr. 288).
  7. Vgl. Fuchs in DI 71/2 (Trier II) 165 u. DI 71,1 (Trier II) Nrr. 588, 658, 647; vgl. zu dieser Form schon Fuchs in: DI 29 (Worms) LXVI (statt „Schäften“ muß es dort „Cauden“ heißen).
  8. Vgl. DI 31 (Aachen, Dom) Nr. 132; DI 61 (Stadt Helmstedt) Nr. 189.
  9. Vgl. DI 31 (Aachen, Dom) Nr. 94.
  10. Vgl. DI 71,1 (Trier II) Nr. 623 mit Belegen ab Ende 16. Jh.: DI 33 (Stadt Jena) Nrr. 132, 221, 234, 252; DI 38 (Bergstraße) Nr. 195.

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 350 (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0035003.