Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 341 Bad Hersfeld, Museum, von Haus Hanfsack (?) vor 1629 o. vor 1635 (?)

Beschreibung

Hölzernes Tor, in dem dem Thema entsprechenden Saal des Museums (EG), höchstwahrscheinlich von einem Haus in der Gasse Hanfsack, sogenanntes Sauersches Haus, benachbart zu Nr. 2 (Nr. 313); es handelte sich um ein Scheunentor.1) Die einzeilige Inschrift steht in flach erhabenen und gelb gefaßten Buchstaben zwischen zwei Wappenschilden auf einem dem oberen Tragbalken vorgelegten Brett. Pfosten und Unterzug sind mit farbig gefaßtem Beschlag- und Rankenwerk verziert, die Unterkante des unteren Balkens mit ungefaßtem, ausgespartem Beschlagwerk. Ein Doppelpunkt dient gegebenenfalls als Verstrenner.

Maße: H. ca. 260, H. (Balkenkonstruktion gesamt) 55, B. (gesamt) 445, B. (Pfosten) 34–37,5, Bu. 6 cm.

Schriftart(en): Kapitalis, erhaben.

© Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Rüdiger Fuchs) [1/1]

  1. IM NAMEN GOTTES GEBAWT HAT :a) DIES HV̈TTE JOHAN HETTENROT :

Versmaß: Deutsche Reime (?).

Wappen:
Hüttenroth2)Faust

Kommentar

Der Bauherr Johannes Hüttenroth, 1616, 1622 und 1628 Bürgermeister der Stadt Hersfeld,3) verewigte sich 1619 mit anspielungsreichen Inschriften am Haus Hanfsack 2/Kettengäßchen (Nr. 313), zusätzlich mit einer schlichten, heute verlorenen Bauinschrift. Der Dekor des Tores soll dieses ebenfalls dem Hersfelder Zimmermannsmeister Johannes (Hans) Weber zuweisen,4) der 1622 in sächsische Dienste trat. Ausgangspunkt für Mays Vergleich war vor allem das gut erhaltene Haus Klausstraße 34 von 1609 (Nr. 283). Das Tor wird man allerdings eher in die Nähe jenes oben erwähnten inschriftenreichen Baus datieren dürfen, der nicht nur topographisch näher liegt, sondern auch von demselben Bauherrn stammt, wiewohl auch dort Unterschiede der Schriften auf mehr Hände verweisen und die gesichert zu 1619 gehörende Bauinschrift verloren ist. Außerdem fehlen hier wie dort die für die Produktion Webers typischen Beschlagwerkformen; genaste Feuerböcke können hier nicht vorkommen.

Die vorliegenden Buchstaben sind mit goldgelber Farbe so stark überlagert, daß keine Vergleiche zu den derselben Werkstatt zugeschriebenen Inschriften von 1609 und 1619 (Nrr. 283, 313) vorgenommen werden können, zumal die Inschriften dort alle eingetieft sind. Trotz der abweichenden Ausführung, hier erhabene, bei den beiden anderen Inschriften eingetiefte Buchstaben, lassen sich grundsätzliche, davon eben nicht berührte Unterschiede feststellen, die einen jüngeren Ansatz favorisieren. Es sei dazu vorbemerkend festgehalten, daß die acht Buchstaben am Rathausneubau (Nr. 279/III), dessen Holzarbeiten ebenfalls Weber zugeschrieben werden, erhaben ausgeführt sind und daß insgesamt nur wenige Buchstaben für Vergleiche zur Verfügung stehen.

Wechselnde Übereinstimmungen zwischen den vier Probanden zeigen an, daß Teile überarbeitet wurden und Unterschiede gewiß auch aus Entwicklungen innerhalb der Werkstatt Webers bzw. der seiner namentlich noch nicht bekannten Nachfolger resultieren: Immerhin zeigt das A hier mit beidseitig überstehendem Deckbalken ein Merkmal des frühen 17. Jahrhunderts, bei geradem Mittelbalken letztmalig datiert 1608 (Nr. 280), mit gebrochenem Mittelbalken wie hier auch jünger.5) Am Rathaus und bei der Inschrift von 1619 ist dieser Typ nicht vorhanden, bei letzterem sind allerdings Balken teilweise falsch restauriert. Das G mit leicht verlängerter Cauda kommt nur hier vor; das J, nicht I, mit nach links verlängertem Sporn unten gibt es hier und 1609 – der Buchstabe fehlt 1612 und 1619, da ohne Namen –; die Q von1609 und 1619 sind sehr unterschiedlich, aber 1612 und hier nicht vorhanden; S mit teilweise geradem Mittelteil und scharf gekrümmt in den Bogen übergehend ist hier, nur teilweise 1609, kaum 1619 und 1612 nicht vorhanden.

In Schrift und Dekor bestehen zweifellos Zusammenhänge innerhalb der der Weberschen Werkstatt in Hersfeld zugeschriebenen Produktionen. Wie die Buchstabenanalyse ergibt der Vergleich von Dekor und konstruktiven Formen den jüngeren Schritt von genasten Feuerböcken 1609 und 1612 zu neuen, konvergierenden genasten Fußstreben nach 1619, deren krallenartige Nasen wie auch die sehr flachen Beschlagwerkreliefs hier wiederholt werden. Die Ranken haben kein Vorbild in der Weberschen Produktion in Hersfeld. Das Tor ist also jünger. Man weiß allerdings nicht, ob das aufgelegte Brett mit der Inschrift zeitgleich zum Rest ist oder die Integration eines älteren Bauteils bedeutet.

Inhaltlich wird man die Inschrift nur vor 1635 datieren dürfen, da in jenem Jahr der 1629 nach Neukirchen abgewanderte ehemalige Bürgermeister Johannes Hüttenroth (gelegentlich auch Hettenrot(h) / Hettenrod) im Hersfelder (!) Kirchenbuch als verstorben bezeichnet wird (vgl. Nr. 313) – es bestanden also noch Verbindungen dahin – und danach in Hersfeld keine gleichnamige Person, schon gar nicht in ähnlich herausgehobener Position, vorkommt.6) Innerhalb der weiten Datierung wird man doch die Jahre zwischen dem Weggang Webers 1622 und dem Auszug Hüttenroths als Entstehungszeit favorisieren und darin eben die Zeit kurz vor letzterem Ereignis, weil die Besetzung durch ligische Truppen unter Tilly und seinen Unterführern keine Zeit für Bauen war.

Textkritischer Apparat

  1. Doppelpunkt. Vielleicht dient er wegen des unreinen Reims als Verstrenner.

Anmerkungen

  1. Alles nach May. Die Bezeichnung „Sauersches Haus“ bezieht sich offenbar auf Bewohner oder Besitzer zur Zeit der Übernahme in das Museum, hat aber nichts mit den jüngeren Häusern Sauer Am Markt 10 und Neumarkt 29, vgl. Wiegand, Kulturdenkmäler 102, 174, zu tun. Im Hanfsack 5 wohnte nach dem Krieg ein Alfons(?) Sauer, aber nicht namengebend?
  2. Es handelt sich nicht um eine Sanduhr, wie May meinte, sondern um eine Hausmarke, Anhang Nr. 18.
  3. Demme, Nachrichten I 378, II 345.
  4. So May u. Bleibaum, Johannes Weber 8.
  5. Siehe auch Einleitung Kap. 5.2.
  6. So das zugegeben vorläufige Ergebnis aus Demme, Nachrichten I und II; Schmidt, Bürgerbücher; Witzel, Hersfeld.

Nachweise

  1. May, Türen und Tore 35.
  2. May, Hersfelder Inschriften 33 u. Abb. S. 23.

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 341 (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0034104.