Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 338 Kerspenhausen (Niederaula), Ev. Kirche 1633

Beschreibung

Grabplatte des Pfarrers Johann Stotzmann. Die hochrechteckige Platte aus hellem Sandstein steht innen in einer Nische am Ostende der Langhausnordwand. Die Platte wird vierseitig von einer Grabinschrift (A) umlaufen. Im vertieften Feld sind vier Gefache durch Leisten abgetrennt, oben und unten auf geschachtem Grund erhabene Wappenschilde tragend, in den beiden mittleren Gefachen fünfzeilig die Aufforderung an den Leser, dem Toten zu folgen (A), und sechszeilig ein Grabgedicht (C) mit demselben Thema. Die Steinoberfläche ist bestoßen, die rechte untere Ecke ausgebrochen, rechts der Mitte ein tiefer Abrieb bis unter die Kerbentiefe, während sonst meist die alte Kante der Kerbe erhalten ist; trotzdem können noch viele verderbte Buchstaben rekonstruiert werden. Als Wortrenner dienen Quadrangel (A).

Maße: H. 155,5, B. 74,5, Bu. 5 (A), 4 (B), 3 (C) cm.

Schriftart(en): Kapitalis (A, B), Fraktur (C).

© Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Rüdiger Fuchs) [1/2]

  1. A

    ANNO ∙ M ∙ DC ∙ XXXIII MORT(UUS) M(AGISTER) ∙ IO=/HAN ∙ STOTZMAN SONTR(ANUS) ∙ PASTOR ∙ KIRSPENH(USENSIS) ET ∙ AS[..]PAC(ENSIS)a) A(NN)O ∙ AETAT(IS) XXXVIII ∙ / MAGNO SUI DESIDER(IO) RELICT(O) ECCLES(IIS) UXORI ∙ LIBERIS ∙ V ∙

  2. B

    DEFUNCTUS AD LECTOR(M) / META HAEC MEA ERAT TU / BREVI, CUM OMNIA FINI / IAM SUO INCURRERE / CERNAS CUPIDUS SEQUE/REb)

  3. C

    Dis war der lauff des / lebens mein[dar]uff ich im herrn ge[sc]hloffe(n) einkompt balt h[ern]ach die / ihr erkentt[das a]lles sich / neig Zu s[eim e]ndt

Übersetzung:

(A) Im Jahr 1633 starb der Magister Johann Stotzmann aus Sontra, Pfarrer in Kerspenhausen und Asbach, 38 Jahre alt, der bei den Kirchen, der Ehefrau und den fünf Kindern eine große Sehnsucht nach ihm hinterließ.

(B) Der Verstorbene zum Leser: Dieses war mein Ziel. Du folge eifrig in Kürze nach, wenn du alles auf sein Ende hinlaufen siehst.

Wappen:
Deutsche Reimverse (C).
Stotzmann1)unbekannt2)

Kommentar

In dem deutschen Gedicht paraphrasiert der Autor seine lateinische Aufforderung an den Leser, ihm nachzufolgen, beides eine künstlerische Ausformung des zeitgenössischen „All hernach“. Auch der Haupttext der umlaufenden Grabinschrift fällt aus dem Rahmen des Üblichen, da der Todestag fehlt und die Trauer der Hinterbliebenen, zu denen auch die beiden Kirchen gehören, nicht in Trost gelenkt ist, sondern in das eher seltene, gleichwohl im 17. Jahrhundert im Bereich der Gelehrten und Geistlichen gepflegte Bild des Verlangens nach dem Verstorbenen.3)

Über den Pfarrer Johann Stotzmann aus Sontra ist nur bekannt, dass er 1613 in Marburg studierte,4) während von einem Vorgänger in Asbach und Kerspenhausen Johann Metzger 1614–1618 Verfehlungen ruchbar wurden und für seinen Nachfolger 1633 Johann David Brombeer in Kerspenhausen ein landgräfliches Reskript existiert.5) Stotzmann war nur kurz in Kerspenhausen, da er noch 1632 in Frielingen genannt ist.6)

Die Kapitalis offenbart einen gewissen Verfall der Schriftkultur, die mit dem sprachlichen und intellektuellen Anspruch nicht mehr mithalten kann. Der unruhige Duktus resultiert aus dem Nebeneinander überbreiter Buchstaben wie A, D, N und V und schmaler Varianten von E, F, O, T und U, bei dem sich die Lautangleichung durchgesetzt hat. Sehr auffällig sind an Einzelformen das an der senkrechten Achse zugespitzte O, das R mit der geschwungenen, aber weit außen ansetzenden und ausgreifenden Cauda sowie das nach links gekippte S (der obere Bogen steht nach links über bei gleichzeitig meist flach liegendem Mittelteil) und das zweibogige Z; große Unsicherheit verrät der Winkel am Mittelteil des M. Überflüssig sind diakritische Zeichen über U. Kaum anders verhält es sich mit der Fraktur, deren Gemeine in vielen Fällen zwar mit den entsprechenden Typen übereinstimmen, jedoch in der Bildungsweise die Brechungen der Gotischen Minuskel fortschreiben und die für die Fraktur typischen Schwellzüge und Schwellschäfte nur ansatzweise realisieren. Besonders auffällig ist das lange Schluß-s.

Alle diese Merkmale, soweit sie im geringeren Textvolumen vorkommen können, finden sich auch auf der Platte des Bartholomäus Derentz(?) (Nr. 339); es passen auch die deutschen Gedichte in Fraktur und deren eckiger Stil, insbesondere auch das h.

Textkritischer Apparat

  1. Keine Anzeige der Kürzung vorhanden. Eigentlich fehlt kein Text, also ggf. ein alter Ausbruch.
  2. Die beiden letzten Buchstaben klein unter der letzten vollen Zeile.

Anmerkungen

  1. Redendes Wappen für Stoßmann, ein aufrecht stehender Mann, in der rechten Hand ein langes Werkzeug zum Stoßen/Schieben haltend.
  2. Halbes, auf der Felge liegendes Rad.
  3. Vgl. etwa DI 56 (Stadt Braunschweig II) Nr. 849, in der grammatischen Konstruktion dem vorliegenden Text näherstehend ebd. Nrr. 647, 677; aktivisch formuliert im Epitaph Formicarius (Nr. 270).
  4. Vgl. Falckenheiner, Personen- und Ortsregister 160.
  5. Nach HStA Marburg, Best. 104, Nr. 89 und Best. 340 Brombeer 1.
  6. Universitäts- und Landesbibliothek Kassel, fol. Ms. Hass. 119c, Konvolut Frielingen.

Nachweise

  1. Dehio, Hessen I (2008) 502 (erw.).

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 338 (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0033809.