Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 337 Niederaula, Evangelische Kirche              um 1615 bis um 1632?

Beschreibung

Epitaph (Hängeepitaph) des Hospitalverwalters Werner Meckbach und seiner Frau Anna geb. Weißmüller samt Kinderschar. Auf der ersten Empore in die Westwand eingelassen. Der hochrechteckige Stein aus wohl hellem Sandstein, heute rot mit Ölfarbe gestrichen, ist dreizonig aufgebaut und zeigt in der Mitte in einer schlichten doppelten Rundnische die den Kruzifixus anbetende Familie, nämlich das Ehepaar mit den Kindern kniend, der Mann mit fünf Söhnen links, die Frau mit sechs Töchtern, darunter ein Säugling, rechts, aber unsymmetrisch der Vater neben dem Kreuz, die Mutter weit außen; in den Zwickeln aufgelegt ovale, vorgewölbte Wappenschilde mit erhabenen Bildern. Der Sterbevermerk (A) ist in sechs Zeilen auf den mit Voluten und Beschlagwerk verzierten Unterhang geschrieben, das zweifache Grabgedicht (B) in 15 Zeilen auf einen weit überragenden hohen Giebel mit geflügeltem Putto im dreieckigen Abschluß und Voluten auf den Seiten. Bei dem Gedicht sind zwölf Zeilenanfänge in Kapitalis zu einem Akrostichon (unten fett mit Abstand abgesetzt) herausgehoben, des weiteren die eingerückte achte Zeile in Kapitalis und Latein abgesetzt zur Verbindung zweier Texte. Über den männlichen Figuren steht das einzige lesbare von vielen Graffiti (C), die mehrfach freie Flächen bedecken, aber sonst nur aus zusammenhanglosen Einzelbuchstaben bestehen. Als Trenner bzw. Markierung am Zeilenende und somit am Reim dienen kleine Schrägstriche. Kleine Löcher stören nur wenig, der Unterhang unten bis knapp an die Schriftzone verstümmelt.

Maße: H. 126, B. 66, Bu. 1,5 (A), 1,4–1,7 (B), 1,5 cm (C).

Schriftart(en): Fraktur (A, B) und Kapitalis (B tw., C).

© Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Brunhild Escherich) [1/3]

  1. A

    A(nn)o 16<..>a) den <……….> ist der Achtpare Werner Meg=/bach, Verwalter deß F(ürstlichen)b) Hoßpitals zu NidenAula, Vnd A(nn)o 16<..> / Den <……….> Seine Tugentsame Haußfrauwe / Anna Weißmöl=/lerin beide in Gott Fried=/lich von dieser welt geschieden : und habe(n) / mit einander in <..> Jähriger Ehe / erzihlet Eilff Kinder, 5 Söh=/ne vnd 6 Töchter, Deren <..> noch ahm Leben.

  2. B

    W eil es O liebe Haußfrau mein,E inmahl ia muß Gestorben sein,R echt woellenc) wir vnß Schicken drein,N icht Außschlagn vnßer Stündelein,E s nemb Gott unser SeleleinR uhn woellenc) wir in Jesulein,M itt vnßer beider leib ohn pein.R(ESPON)DET UXORd)A ch Liebster Herr Auch Solchß ich meÿn,N ur Einße) Bitt ich von euch allein,N embt mich ahn euwer Seiten fein,A lß euch ich wen ich kom herein,W ol schlafftt wir so im Kämmerlein,Biß vnser Leib vnd Seel mit ein,Kompt zu dir, Herr, und Reiche dein,A(men).

  3. C

    IOHANNES · GILSST[A]L

Übersetzung:

… Antwortet die Ehefrau … (B).

Versmaß: Deutsche Reimverse, alle einheitlich gereimt (B), Haufenreim; Akrostichon (B).

Wappen:
MeckbachWeißmüller1)

Kommentar

Werner Meckbach stammte aus einer Familie, die zahlreiche Verwaltungsbeamte der Landgrafschaft und ihrer geistlichen Einrichtungen stellte. Sein Urgroßvater Jakob war 1517 Bürgermeister zu Spangenberg. Über Großtanten und Basen war Werner mit den Hersfelder Äbten Crato (Kraft) Weiffenbach und Joachim Roell verwandt. Im Jahre 1606 folgte er seinem Vater Heinrich Meckbach als Verwalter des Hospitals in Niederaula und ist zuletzt 1632 in den Hospitalrechnungen belegt.2) Er war damals schon nach 26 Dienstjahren ein reifer Mann mit großer Familie, wie der Stein bezeugt, seine Frau anscheinend jenseits der Fruchtbarkeit, sonst hätte man die Kinder noch nicht zählen dürfen. Der Grabstein entstand wohl um oder eher kurz vor 1632; der Nachtrag der Daten unterblieb anscheinend wegen der in diesem Jahrzehnt die Region in besonderem Maße treffenden Kriegsläufe, die mancherorts zur völligen Auslöschung der Bevölkerung führten.3) Landgraf Wilhelm V. hatte durch sein Bündnis mit Frankreich den Zorn der kaiserlichen Partei auf sich gezogen, die Niederhessen für eine Strafaktion freigab; deshalb wird das Jahr 1637 oft als „Kroatenjahr“ bezeichnet, in dem das Land bis auf Kassel verwüstet wurde.

Aus der Generationenfolge – man vergleiche oben Werner Meckbachs Urgroßvater Jakob in Spangenberg – ließe sich auch eine frühere Herstellung des Epitaphs, bei gleichbleibender Begründung für den unterbliebenen Nachtrag der Daten, annehmen. Für einen Ansatz schon in der zweiten Dekade könnte man gute Gründe anführen, obgleich es für das Erscheinungsbild des Epitaphs im Raum Hersfeld, mit Ausnahme des Epitaphs Walter von 1614 (Nr. 298),4) zu wenig Vergleichsobjekte gibt. Immerhin sind Mischung von Fraktur und Kapitalis 1612 (Nr. 292) und 1614 (Nr. 298), aber auch 1626 (Nr. 328), 1633 (Nr. 338) und 1635 (Nr. 339) bekannt, aber auch dazwischen die breite Ziffer 6 ohne Rückbiegung des oberen Bogenendes. Umfassende Übereinstimmungen lassen sich nicht gewinnen, doch weisen sowohl die Kapitalis, das untypische A der Fraktur, die Voluten und ovalen vorgewölbten Wappenschilde (Nrr. 295, 303, 319, 325) auf eine mögliche Frühdatierung.

Textkritischer Apparat

  1. Ein eingefügter Buchstabenrest, höchstwahrscheinlich abgebrochenes Graffito.
  2. Der Versal mit Kürzung, aber ohne deutlichen Balken; ggf. auch F(ürstäbtlichen).
  3. Das e klein dem o überschrieben.
  4. Diese Zeile zentriert. ..P..II ET UXOR Classen.
  5. Dieß Classen.

Anmerkungen

  1. Lilie und (redend) Müllerhaue.
  2. Alles nach Classen 27 f. Zur Abstammung und zu Verwandtschaften vgl. auch Schimmelpfennig, Familie Meckbach und Knetsch, Landgraf Philipps Leibarzt 163–168.
  3. Vgl. u. a. Lerch, Geschichte und ders., Amt Landeck vornehmlich zu den Auswirkungen der Überfälle kaiserlicher Truppen.
  4. Dort auch die asymmetrische Darstellung der Familie.

Nachweise

  1. Classen, Hospitalverwalter 28 (A, B).

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 337 (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0033700.