Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 333 Neukirchen (Haunetal), Evangelische Kirche 1630

Beschreibung

Tafel aus rotem Sandstein über dem Portal auf der Südseite des Langhauses. Die Bauinschrift (B) ist in der unteren Hälfte der Tafel angebracht. Darüber folgt, durch ein Gesims abgetrennt, ein Vollwappen in einer Flachbogennische. Der obere Rand trägt die Spruchinschrift (A). Unter der Tafel ist die Jahreszahl (C) im Sturz des Portals aus grauem Sandstein zu sehen. Die Tafel wurde 1929 aus dem Schutt der Sakristei geborgen und über dem Portal angebracht.1) Die rechte untere Ecke ist beschädigt.

Schriftart(en): Kapitalis (A, B), Minuskel mit Versal (C).

© Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Brunhild Escherich) [1/1]

  1. A

    VIVAT TRIUMPHET MEMORIA EIUS

  2. B

    IOANNES BERNHARDUS DEI GRA(TIA) / ABBAS FULDEN(SIS) D(IVAE)a) AUGUSTAE ARCHI=/CANCELLARI(US), PER GERMANIAM, / AC GALLIAM PRIMAS, ADMINI[=]/STRATOR HERSFELDENSIS

  3. C

    Anno ∙ 1 ∙ 6 ∙ 3 ∙ 0b)

Übersetzung:

(A) Es lebe und triumphiere sein Andenken. – (B) Johannes Bernhard, von Gottes Gnade Abt von Fulda, der erhabenen Kaiserin Erzkanzler, Primas in Germanien und Gallien und Administrator/Verwalter von Hersfeld.

Wappen:
Fürstabtei Fulda/Schenk zu Schweinsberg2)

Kommentar

Die ursprünglich zur Fürstabtei Fulda gehörende Kirche St. Veit in Neukirchen wurde im Zuge der Reformation in der Landgrafschaft Hessen nach 1529 mit lutherischen Pfarrern besetzt, geriet aber in den Wechselfällen des Dreißigjährigen Krieges wieder kurz unter fuldischen Einfluß und wurde in der Zeit um 1630 umgebaut, d. h. nach Westen erheblich erweitert. Laut Rechnung des Neukirchener Gerichts wurden 26 Klafter Holz für den Kirchenbau geliefert.3) Motiviert war die Erweiterung unter dem Fuldaer Abt einmal durch die dadurch erweisbare Erneuerung der Fuldaer Rechte und gewiß auch, um die alte Funktion einer Wallfahrtskirche wiederzubeleben.

Die Bauzahl (C) gehört zu diesen Aktivitäten, die Tafel des Fuldaer Abtes Johannes Bernhard auch; beide stammen freilich nicht von derselben Hand, denn die Schriften sind grundverschieden: Der Hersteller der Tafel (A, B) nutzte für seine Kapitalis mehrfach klassizierende Gestaltungsweisen wie Linksschrägenverstärkung, Bildung von Bögen aus Kreislinien, tief zur Grundlinie gezogenen Mittelteil breiter M und stachelartige Cauda bei R, so daß gar der Eindruck einer wesentlich älteren Schrift entsteht. Die Tafel gehörte daher nicht zwingend zur Portalgestaltung von 1630.

Johann Bernhard wurde 1584 als Sohn Friedrichs Schenk zu Schweinsberg und der Binhilde von Schwalbach geboren.4) Obwohl seine Eltern lutherisch waren, stimmten sie seinem Eintritt in das Kloster Fulda im Jahre 1608 zu. Johann Bernhard konvertierte, wurde 1609 Kapitular, 1613 Propst zu Blankenau, dazu 1616 Propst am Michaelsberg und 1618 Dekan.5) Im Jahr 1623 wurde er zum Abt gewählt und begann umgehend mit der Reform der zu Fulda gehörenden Pfarreien.6) Ab 1626 bemühte er sich mit päpstlicher Unterstützung gegen den Widerstand der Pröpste um die Reform der Abtei und ihrer Filialen.7) Im Jahr 1628 wurde er von Kaiser Ferdinand II. zum kaiserlichen Administrator der Abtei Hersfeld ernannt, um diese dem Zugriff des Landgrafen von Hessen zu entziehen.8) Nach dem Sieg des schwedischen Königs Gustav Adolf bei Breitenfeld 1631 mußte Johann Bernhard aus Fulda fliehen. Er fiel – freilich nicht als Kombattant – am 16. November 1632 in der Schlacht bei Lützen.9) Kaiser Karl IV. hatte den Fuldaer Äbten den Titel eines Erzkanzlers der Kaiserin verliehen, worauf der Titel DIVAE AUGUSTAE ARCHICANCELLARIUS der Inschrift Bezug nimmt.10) Schon im Jahr 969 hatte Papst Johannes XIII. dem Fuldaer Abt den primatus sedendi in Gallien und Germanien verliehen, der es ihm erlaubte, bei allen Versammlungen der Äbte in Gallien und Germanien den Vorsitz zu übernehmen.11)

Textkritischer Apparat

  1. D(OMINAE) Neuhaus, sonst nicht aufgelöst.
  2. Links des Datums las Sturm HM, wovon noch das M zu erkennen ist; viel weiter rechts der Bauzahl steht ein Minuskel-x. Beides gehört anscheinend nicht zusammen und auch nicht zur Zahl.

Anmerkungen

  1. Neuber 157.
  2. Quadriert: 1/4. Fulda, 2/3. Schenk von Schweinsberg; Helmzierden: in der Mitte eine Abtsmitra, daraus hervorragend ein Abtsstab sowie zwei Fahnen, die mit dem Schildbild Fulda belegt sind. Links und rechts davon die beiden Helmzierden des Wappens Schenk zu Schweinsberg, ein Hunderumpf und ein geschlossener, mit dem Schildbild belegter Flug.
  3. Neuber 156 f.
  4. Komp, Fürstabt Johann 14.
  5. Komp, Fürstabt Johann 15–22.
  6. Komp, Fürstabt Johann 31 ff.
  7. Komp, Fürstabt Johann 48 ff.; Kathrein, Fulda, St. Salvator 261 f.
  8. Komp, Fürstabt Johann 102.
  9. Komp, Fürstabt Johann 130; Kathrein, Fulda, St. Salvator 262.
  10. Kathrein, Fulda, St. Salvator 246.
  11. Zimmermann, Papsturkunden I 395, Nr. 199; Kathrein, Fulda, St. Salvator 227.

Nachweise

  1. Neuhaus, Gegenreformation 17 (A, B).
  2. Kietzell, Kirche von Neukirchen 50 (A–C).
  3. Sturm, Bau- und Kunstdenkmale des Fuldaer Landes II 272 (A–C).
  4. Neuber, Haunetaler Geschichte 157, Abb.
  5. Azzola/Sabo, Giebelkreuz, Abb. 3.
  6. Sabo, Buchonia 359 f. (Übers. A, B).
  7. Fleck, Lateinische Inschriften Hersfelder Raum 29 m. Abb. (A–C).

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 333 (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0033304.