Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 332† Rotenburg, Schloßkirche 1629

Hinweis: Die vorliegende Online-Katalognummer ist im Vergleich zum gedruckten Band mit Ergänzungen und Korrekturen versehen. Sie finden diese am Ende des Artikels. [Dorthin springen]

Beschreibung

Devisen, Initialen, Namen und Bibelzitat auf dem Fürstenstuhl, dessen Giebel bis an das Gewölbe reichte. Im oberen Teil trug er zwei Spruchinschriften (A, B) in goldenen Buchstaben. Unterhalb dieser Inschriften folgten zwei Doppelfenster, an deren Seiten zwei Wappen angebracht waren, die Initialen in goldenen Buchstaben trugen (C, D). Die Wappen wurden von je zwei Löwen gehalten. Unter dem oberen Doppelfenster folgten sechs weitere in einer Reihe angeordnete Doppelfenster, unter denen die Inschrift (E) in einer Zeile und in goldenen Buchstaben ausgeführt war. Darunter wiederum waren in schwarzen Buchstaben auf weißen Feldern drei Bibelzitate angebracht, von denen Lucae nur das mittlere wiedergibt (F).

Nach Lucae.

  1. A

    CONSILIO ET VIRTVTEa)1)

  2. B

    HERR NACH DEINEM WILLENa)2)

  3. C

    M(ORITZ) L(ANDGRAF) Z(V) H(ESSEN)a)

  4. D

    I(VLIANE) L(ANDGRAEFIN) Z(V) H(ESSEN)a)

  5. E

    Alle Landgraffen und Landgräffin zu Hessen: Philippus, Herrmannus, Mauritius, Christianus, Ernestus, Philippus, Agneta, Juliana, Sabina, Magdalena, Christiana, Elisabetha im iahr 1629

  6. F

    Denn Gott hat den der von keiner sünde wuste fur uns zur sünde gemacht auf dasz wir würden in ihm die gerechtigkeit die fur Gott gilt 2. Corinther 5 Vers 21b)3)

Übersetzung:

(A) Mit Besonnenheit und Tatkraft.

Wappen:
Hessen-KasselNassau-Dillenburg?

Kommentar

Als der Fürstenstuhl 1629 in der Kirche eingerichtet wurde,4) war Landgraf Moritz bereits abgesetzt worden. Der Grund dafür lag in seiner politischen Erfolglosigkeit. Er hatte sich im jahrelangen Streit um das Erbe der Marburger Landgrafenlinie nicht gegen Ludwig V. von Hessen-Darmstadt durchsetzen können, der das Marburger Territorium schließlich an sich bringen konnte.5) In diesem Streit sowie im 1618 ausgebrochenen Dreißigjährigen Krieg geriet Moritz in Konflikt mit dem Kaiser. Hessen-Kassel wurde in den Kriegszügen verwüstet, und dem Land drohte der finanzielle Ruin, weshalb sich die Landstände im Jahr 1627 dazu entschlossen, Moritz abzusetzen. Sein Nachfolger wurde sein Sohn aus erster Ehe, Wilhelm V. (1602–1637).6) Moritz gelang es jedoch, für die Söhne aus seiner zweiten Ehe mit Juliane von Nassau-Dillenburg/Siegen, die er 1603 geheiratet hatte, das teilselbständige Fürstentum Hessen-Rotenburg zu erhalten, das allerdings unter der Oberhoheit von Hessen-Kassel stand.7) Aus dieser Konstellation erklärt sich, daß der Fürstenstuhl nicht nur die Namen von Moritz und Juliane und ihre beiden Devisen, sondern auch die Namen aller Kinder aus ihrer Ehe trägt und sie als Landgrafen bezeichnet. Damit dienten die Inschriften der Legitimation der neuen Linie.

Textkritischer Apparat

  1. Lucae gibt die Buchstaben in Kapitalis wieder, was der realen Ausführung entsprechen dürfte.
  2. Der Text ist bei Lucae auf dem Rand der Seite notiert und durch einen Pfeil im Haupttext als Ergänzung gekennzeichnet und plaziert.

Anmerkungen

  1. Die Devise findet sich bei Andrea Alciato, Emblemata (1584) fol. 22r, Emblema XIII, als Beischrift zu einer Darstellung eines gegen einen Drachen kämpfenden Reiters: „Consilio et virtute Chimaeram superari, id est, fortiores et deceptores.“ Sie steht auch auf dem Kupferstichporträt des Landgrafen Moritz von Elias Holwein, vgl. http://kk.haum-bs.de/?id=e-holwein-ab3-0017 (geprüft 07.12.2021) und auf einem Hessen-Kasseler Taler von 1593, vgl. Wenzel, Auflösungen 52; die Junktur u. a. bei Cic. Mur. 33 und öfter. Es handelt sich um die mehrfach abgewandelte bzw. auch ergänzte Devise des Landgrafen Moritz, vgl. Löbe, Wahlsprüche 85, dort übersetzt als „Mit Vorsicht und Tapferkeit“. Die Devise befand sich auch auf einer Ehrenpforte für Pfalzgraf Friedrich V. und seine Gemahlin Elisabeth Stuart im Jahre 1613.
  2. Auf der Grundlage von Tob 3,6 (nach der Vulgata, nicht nach dem griechischen Text!) aufbauend, die Devise der Landgräfin Juliane, zweite Frau des Landgrafen Moritz, vgl. Löbe, Wahlsprüche 86 nach einer Medaille von 1606. Diese Devise ist u. a. identisch mit der des calvinistischen Kurfürsten und Herzogs von Pfalz-Simmern Friedrich III. (des Frommen), vgl. ebd. 138.
  3. 2 Kor 5,21.
  4. Lucae 50 berichtet von einem weiteren Fürstenstuhl, der von Kunigunde Juliane von Anhalt-Dessau (1608–1683) errichtet wurde, die 1642 Landgraf Hermann von Hessen-Rotenburg geheiratet hatte.
  5. Vgl. Press, Hessen 291–304; zu Ludwig V. vgl. auch DI 49 (Darmstadt, Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau) Nr. 359.
  6. Franz, Haus Hessen 68–70.
  7. Franz, Haus Hessen 70.

Nachweise

  1. Lucae, Kleinod 52 f. (52 f.).
Addenda & Corrigenda (Stand: 20. Oktober 2022):

Hinweis zur Übersetzung:

Alternative Übersetzung von Inschrift (A): Mit Rat und Tat.

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 332† (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0033205.