Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 313 Bad Hersfeld, Hanfsack 2 1619, ?

Beschreibung

Bauinschrift und Spruchinschriften an dem dreigeschossigen Rähmbau. Das reiche Fachwerk wurde 1960 wieder freigelegt. Einige Balken waren im Laufe der Zeit erneuert worden, wodurch auch wohl der Textverlust in Inschrift (I) verursacht wurde, die sich am Schwellbalken des ersten Obergeschosses zum Hanfsack hin befindet. Inschrift (II) ist auf dem Rähm angebracht. Die Inschriften (III) und (IV) stehen auf dem Schwellbalken des ersten Obergeschosses zum Kettengäßchen hin. Die Bauinschrift (E) befand sich auf der Hofseite und ist heute nicht mehr vorhanden. Die Buchstaben sind mit weißer Farbe ausgemalt worden.

(V) nach Wiegand.

Schriftart(en): Kapitalis.

© Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Rüdiger Fuchs) [1/4]

  1. I

    DA PACEM DOMINE IN DIEBUS NOSTRIS QVIA NON EST ALIUS QVI [PUGNET PRO NOBIS NISI TU DEUS NOSTER]a)1)

  2. II

    DUX ET AUTHOR EST DEUS MEUS2)

  3. III

    INVIDUS NON MINUS DISCRUCIATUR ALIENA FELICITATE QVAM PROPRIA INFORTUNA3)

  4. IV

    MALIM AMICUM BONUM QUAM AVRVM DARII / POSSIDE[RE]b)4)

  5. V†

    Joh(annes) Hüttenrod f(ieri) f(ecit) 1619

Übersetzung:

(I) Gib Frieden in unseren Tagen, Herr, weil es niemanden anderen gibt, der …

(II) Führer und Lenker ist mein Gott.

(III) Der Neidische ärgert sich mehr über fremdes Glück als über eigenes Unglück.

(IV) Ich besäße lieber einen guten Freund als das Gold des Darius.

(V) Johannes Hüttenroth ließ es machen 1619.

Versmaß: Ein Hexameter (IV).

Kommentar

Johannes Hüttenroth (Hutteroth, Hüttenrod) war 1616, 1622 und 1628 Bürgermeister von Hersfeld;5) eine Tochter Jacobina starb am 14. März 1613, ein weiteres Kind am 14. Juli 1626 und er selbst wohl am 16. September 1635.6) So steht es im Hersfelder Kirchenbuch, obwohl er die Stadt am 23. November 1629 nach Neukirchen ziehend verlassen hatte.7) Das Haus wird dem Zimmermannsmeister Johannes Weber zugeschrieben.8)

Mit der lateinischen Dichtung und den anspielungsreichen Aussagen bekundet der Bauherr seinen Ehrgeiz, sich im exklusiven Kreis der Gebildeten in Hersfeld zu präsentieren.9) Betreffs der Antiphon (I) machte Fleck auf eine dichterische Übersetzung Martin Luthers anläßlich der Türkengefahr vor Wien 1529 aufmerksam, die in das Kirchenliedgut Eingang fand.10)

Die Schrift unterscheidet sich von jener des von Weber signierten Hauses Klausstraße 34 (Nr. 283) deutlich. Die verlorene Teilinschrift (V) dürfte somit von 1619 stammen, nicht aber notwendigerweise auch die übrigen Inschriften, deren aus zwei voneinander abgewendeten Bögen bestehendes X im Jahre 1629 bei einer anderen Werkstatt (Nr. 331) wiederkehrt. Außerdem fehlen für die Produktion Webers typische Beschlagwerkformen und genaste Feuerböcke.

Textkritischer Apparat

  1. Der Schluß des Textes, der nach der Antiphon zu ergänzen ist, fehlt. Er stand vermutlich ursprünglich auf einem der ausgewechselten Balken.
  2. Die Balken des vorletzten E stehen auf einem Brett des benachbarten Hauses, von den restlichen Buchstaben ist nichts mehr zu sehen; eine Kürzung ist nicht angezeigt, im Text auch sonst nicht vorhanden.

Anmerkungen

  1. Antiphon der Eucharistie, Corpus antiphonalium officii Bd. 3, 135, Nr. 2090.
  2. Ein ähnlicher Gedanke findet sich bei Johannes Balbus, Catholicon 86v (s.v. auctor): „Sepe eciam deus dicitur auctor, id est: noster dux, noster augmentator.“; auch „… in eo proposito, cuius dux et auctor est Deus“ in Georgio Fabricio Chemnicensi et Magdalenae Faustae scriptorum carminum nuptialium liber I. Basel o.J. (ca. 1550–1570) 4.
  3. Vgl. Joannis Plantavitii Florilegium Rabbinicum complectens praecipuas veterum Rabbinorum sententias …, Lodève 1645, 432 und Apophthegmata Graecolatina Joannis Posselii … Frankfurt a.M. 1595, enden auf „… quam suo infortunio“. // De affectibus ciendis et coercendis ad hominum de eorundem servitute manumittendum …. authore R.P.D. Cajetano Felice Verani II. München 1710, 629: „Ea etiam est invidi indoles, ut minus doleat de iniuria sibi illata ab eo, cui invidet, quam de aliena felicitate.“ // Annotationes in Habacuc Prophetam sive discursus praedicabiles … authore R.P. Ildefonso de Padilla …, Sulzbach 1674, 310: “… quia magis invidus aliena gloria vexatur quam propria infoelicitate” // Daniel Caesar, Orationes duae de fratricidio primo … o.O., ca. 1600, o. S.: “… quam significabat, invidum non minus discruciari aliena felicitate, quam proprio infortunio”.
  4. Am nächsten kommt dieser Version aus Plat. Lys. die Übertragung ins Lateinische in Sententiae Iesu Syracidae, addita explicatione Davidis Chytraei. Wittenberg 1564/65 u.ö., 80: „Malim amicum bonum, quam Darii Persarum regis aurum possidere“. Sokrates in den Mund gelegt in Platos Lysis auch in Sententiarum volumen absolutissimum, a Stephano Bellengardo Lemovico. Lyon 1559, 50: „Amicum bonum habere malim quam pretiosissimam coturnicem aut gallum, et per Iovem potius quam equum atque canem, ac medius fidius potius quam Darii aurum adipisci, vel ipsum Darium capere, amicum bonum eligere“. Ein ähnlicher Spruch läßt sich in deutscher Sprache nachweisen: „Besser ein guter Freund als Silber und Gold“, vgl. Wander, Sprichwörter-Lexikon Bd. 1, 1173, Nr. 31 und 1179, Nr. 153.
  5. Demme, Nachrichten I 379, II 345.
  6. Kirchenbuch Hersfeld 1/1613, 1626, 1635.
  7. Nach Schmidt, Bürgerbücher Nr. 325.
  8. Dehio, Hessen I (2008) 64, siehe auch Nr. 283.
  9. Vgl. zur Rolle der lateinischen Sprache Fleck. Erst 1634 war ein Johann Joachim Hutterod aus Hirschfeld/Hersfeld in Marburg eingeschrieben, vgl. Falckenheiner, Personen- und Ortsregister 89.
  10. Vgl. auch Henkys, Glaube 219 ff.

Nachweise

  1. May, Gib Frieden 31 (I, mit Abb.); 33 (V), 34 (III, IV).
  2. May, Hersfelder Inschriften 33 (I, V, in Ü II, III) u. 30 (Abb. III–IV).
  3. Wiegand, Kulturdenkmäler 116 f.
  4. Fleck, Lateinische Inschriften Hersfeld 36 (I–IV) mit Abb.

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 313 (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0031308.