Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 308 Richelsdorf (Wildeck), Evangelische Kirche 1616

Beschreibung

Epitaph des Philipp Wilhelm von Cornberg. Das aus rotem Sandstein, Schiefer und Stuck gearbeitete Epitaph steht an der Ostwand des Chores. Die Grabinschrift (A) befindet sich in dem von Säulen flankierten Mittelteil, an den breite Seitenhänge anschließen. Auf ihnen befinden sich untereinander jeweils zwei Allianzwappen mit Beischriften (W2). Den Aufsatz bildet ein von Putten flankiertes Wappenmedaillon mit der Beischrift (W1) in einem Rollwerkrahmen. Darüber befindet sich noch ein kleiner Aufsatz mit einem Putto und den Vanitassymbolen Schädel und Sanduhr. In dem Aufsatz ist die Jahreszahl (C) angebracht. Der Sockel trägt das Bibelzitat (B). Das gesamte Denkmal, mit Ausnahme des Sockels, ist farbig gefaßt. Wie die Abweichungen der Tinkturen zeigen, sind die Farben zumindest bei den Wappen nicht immer korrekt; dasselbe gilt möglicherweise für die Präzision der Wappenbilder. In (A) und (W2) sind die Buchstaben erhaben ausgeführt und stehen in Gold auf schwarzem Grund. Als Worttrenner dienen Quadrangel, als Satzzeichen kleine, auf die Grundlinie gesetzte Schrägstriche.

Maße: H. ca. 500, B. 292, Bu. 4,5 (A), 3–4 (B), 3,5 (W) cm.

Schriftart(en): Kapitalis (B, W1), Kapitalis, erhaben (A, W2).

© Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Sebastian Scholz) [1/7]

  1. A

    NOBILITATE, PIETATE, ERUDITIONE, / OMNIQ(UE)a) VIRTUTUM GENERE CLA=/RISSIMO VIRO PHILIPPO WILHELMO / A CORENBERG, ILLUSTRISSIMORUM / HASSIAE PRINCIPUM, GUILIELMI ET / MAURITII PATRIS ET FILII, PRIMUM / A CONSILIIS, POST THESAURARIO / FIDELLISSIMO, DECEM EX PRIMO, ET / TOTIDEM EX SECONDO MATRIMONIO / LIBERORUM PATRI, FILII ADHUC SUPER=/STITES MATRIBUS EX FALCKENSI ET / BOINEBERGICA FAMILIA NOBILIBUS NATI, / AD TESTANDAM SUAM IN PATREM PIETA=/TEM MOESTISSIMI POSUERE VIXIT AN=/NOS ∙ 63 ∙ DECESS(IT) 30 AUGUST(I) A(NN)O SALUT(IS) 1616

  2. B

    IOHANNES ∙ 3 ∙ CAP(ITEL) / ALLSO HATT GOTT DIE WELT GELIEBT, DAS / ER SEINEN EINIGEN SOHN GAB AUFF DAS / [AL]L[E] DIE AN IN GLEUBEN NICHT VER=/[LOR]EN WERDEN SONDERN [DA]S / [EWIG]E LEBEN HABEN [– – –]1)

  3. C

    1716

  4. W1

    PHILIP WILHELM // VON // CORNBERG ∙

  5. W2

    FALCKEN VND / BEIMELBVRG BEIMELBVRGK / VND HERD 
    HARSTAL VND / BVSCHHAVSEN RECROT VND / CHREVTZBVRG 

Übersetzung:

Dem durch Adel, Frömmigkeit, Bildung und jeder Art der Tugenden hochberühmten Mann Philipp Wilhelm von Cornberg, der bei den erlauchtesten Fürsten von Hessen, Wilhelm und Moritz, Vater und Sohn, zuerst Rat und danach treuester Schatzmeister war; dem Vater, der 10 Kinder aus seiner ersten Ehe und ebenso viele aus der zweiten Ehe hatte, haben die bisher überlebenden Söhne, die von den edlen Müttern aus den Familien von Falcken und Boineburg geboren wurden, sehr traurig (dieses Denkmal) gesetzt, um ihre Liebe zu ihrem Vater zu bezeugen. Er lebte 63 Jahre und starb am 30. August im Jahre des Heils 1616.

Wappen:
Cornberg2)
Falcken3), BoineburgBoineburg, Herda4)
Harstall5), Bischofshausen6)Reckerodt7), Kreutzburg8).

Kommentar

Das Denkmal scheint im Jahr 1716 restauriert worden zu sein, worauf sich die bei dieser Gelegenheit im Aufsatz angebrachte Jahreszahl (C) bezieht.

Philipp Wilhelm war ein unehelicher Sohn Landgraf Wilhelms IV. von Hessen-Kassel und der Elisabeth Wallenstein (Waldenstein). Als Philipp Wilhelm von Kassel war er in Marburg und anschließend in Straßburg, Genf und Padua immatrikuliert. Von 1580 bis 1588 ist er als hessischer Rat nachweisbar. Im Jahr 1588 wurde er hessischer Drost und Amtmann zu Auburg und erhielt 1592 die Erbamtmannschaft über das Amt Auburg. In den Jahren 1600 bis 1605 ist er als Kammermeister des Landgrafen Moritz belegt.9) Bereits 1572 war Philipp Wilhelm von seinem Vater mit einer Pfründe im Stift Hersfeld versorgt worden und wurde im Dezember 1580 vom Hersfelder Abt Ludwig Landau zum Propst des 1533 aufgelösten Benediktinerinnenklosters Cornberg ernannt, nach dem er sich seit 1572 benannte. Doch 1582 verließ Philipp Wilhelm den geistlichen Stand, um Anna Christine von Falcken zu heiraten. Bis 1598 behielt er aber das Kloster als hersfeldisches und landgräfliches Lehen. Nach dem Tode seines Vaters trat er 1598 Cornberg an seinen Halbbruder Landgraf Moritz gegen 10.000 Reichtaler ab.10) Erst kurz zuvor (29. März 1597) hatte er einen kaiserlichen Adelsbrief erhalten. Nach dem Tode Anna Christines von Falcken 1602 heiratete Philipp Wilhelm in zweiter Ehe 1603 Christine von Boineburg.11) Die Cornberg zählen zu den direkten Vorfahren des niederländischen Königshauses und der Fürsten von Bismarck.

Textkritischer Apparat

  1. Das Q ist unzial.

Anmerkungen

  1. Joh 3,16.
  2. Geteilt; oben in Silber ein roter, nach rechts schreitender Löwe; unten von Rot, Silber und Schwarz fünfmal zu drei Reihen geschacht; Helmzier: Büffelhörner in den Farben geteilt, Buttlar-Elberberg, Stammbuch, Taf. Cornberg.
  3. In Silber ein schwarzes ? Halseisen; nicht übereinstimmend zu Falcken in Siebmacher 1, Taf. 143 unter hessischen Wappen, auch nicht unter anderen; Helmzier: Schildbild wiederholt.
  4. In Silber ein schwarzer Dämonenrumpf, nur roter -kopf in Siebmacher 3, Taf. 171; Helmzier: Schildbild wiederholt; vgl. Siebmacher, Sachsen 1, 32 mit Taf. 35.
  5. In Silber ein offener roter Flug, inmitten an der Pfahlstelle ein goldener Stab (Zepter), bei Siebmacher 1, Taf. 141 u. Siebmacher, Sachsen 1, 31 mit Taf. 33 die Farben umgekehrt; Helmzier: Schildbild wiederholt, der Stab durch (grünen) Kranz mit den Flügen verbunden.
  6. In Silber ein schwarzer Adlerrumpf; Helmzier: Schildbild wiederholt. Nach Siebmacher, Sachsen 1, 21 mit Taf. 21 Schwarz in Gold.
  7. In Blau zwei silberne Flügel; Helmzier: zwischen silbernem offenem Flug ein blauer gekrönter Adlerrumpf, vgl. Siebmacher 1, Taf 147; Siebmacher, Bayern 105 mit Taf. 128: silberner Adlerrumpf – hier die Farben nicht getreu.
  8. In Silber ein roter Adler; Helmzier: ein von Armen gehaltener Ring; vgl. Siebmacher, Sachsen Erg. 5 mit Taf. 3; nach Siebmacher, Sachsen 1, 36 mit Tafel 39 in Silber Schwarz, der Ring geviert.
  9. Gundlach, Zentralbehörden III 137 f.
  10. Schminke, Geschichte des Klosters Cornberg 179 f.; Burkardt, Cornberg 119 f.; vgl. auch Neuhaus, Beiträge 21f und „Cornberg, Philipp Wilhelm von“, in: Hessische Biografie <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/bio/id/9763> (Stand: 1. 9. 2014).
  11. Zu den Ehen vgl. Europäische Stammtafeln NF III/2, Taf. 250; Buttlar-Elberberg, Stammtafeln, Taf. Cornberg. Schminke, Geschichte des Klosters Cornberg 179 gibt irrtümlich an, Philipp Wilhelm habe in erster Ehe Dorothea Maria von Trott zu Solz geheiratet.

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 308 (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0030805.