Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 293 Bad Hersfeld, Stiftskirche/Stiftsruine 1612

Beschreibung

Grabplatte des Constantin Faber. Die Platte aus gelbem Sandstein ist auf der Nordseite des Turmerdgeschosses aufgestellt. Die Grabinschrift (A) läuft zwischen Linien auf dem erhöhten Rand um. Im Feld ist oben auf einer Beschlagwerktafel das Bibelzitat (B) angebracht. Darunter befindet sich ein Vollwappen, unter dem, gleichfalls auf einer Tafel, die Devise (C) steht. Die darunter vorhandene Tafel trug vermutlich ebenfalls eine Inschrift, doch sind keine Textreste mehr zu erkennen. Alle Tafeln sind in Beschlagwerk eingebettet. Als Worttrenner dienen Dreiecke. Die gesamte Platte ist stark abgetreten, und die linke untere Ecke ist herausgebrochen, wodurch Textverlust eingetreten ist.

Maße: H. 211, B. 101, Bu. 4,5 (A), 3 (B) cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

© Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/2]

  1. A

    AN(N)O D(OMI)NI M ∙ DC ∙ XII 22 NOVEMB(RIS) / CONSTANTIA ET FIDE MORTIS QUAE ∙ IPSI AD PATRIAM COELESTEM / ITER APERUIT A[– – – / – – –]a) FABER [ECCLESI]AE HERSF(ELDENSIS) CAM(ERARIUS) ET PRAEP(OSITUS) M(ONTIS) S(ANCTI) IO(ANN)IS

  2. B

    PSALM XC / [T.....]SIT [– – –]T[..]A[....]IUSb)

  3. C

    C[ONSTANTIA ET] FIDE

Übersetzung:

(A) Im Jahre des Herrn 1612, am 22. November hat in Standhaftigkeit und Glauben (die Ankunft, den Stachel) des Todes, der ihm selbst den Weg zur himmlischen Heimat eröffnet hat, (angenommen) Constantin Faber, Kämmerer der Hersfelder Kirche und Propst des Sankt Johannesberges.

(C) Mit Standhaftigkeit und Glauben.

Wappen:
Faber1)

Kommentar

Constantin Faber (Schmied) stammte aus Schlitz und gehörte spätestens seit 1586 dem Kapitel des Hersfelder Stifts an, das zu dieser Zeit unter dem katholischen Abt Ludwig Landau sowohl mit Katholiken als auch mit Protestanten besetzt war.2) Faber, der seit 1594 Propst von Sankt Johannesberg war,3) wurde nach dem Tode des Abtes Joachim im Jahr 1606 Dekan und Verwalter der geistlichen Angelegenheiten des Stifts, da kein neuer Abt gewählt und der 12jährige Landgraf Otto von seinem Vater Moritz zum Administrator des Stifts erklärt worden war.4) Der Familienname (dt.) und ein sehr ähnliches Wappen begegnen auf dem Grabstein des Johann Faust (Nr. 282). Taufname und Devise stehen in einem reizvollen Bezug. Der Verstorbene steht mit unverwechselbarem Titel unter dem 30. November 1612 im evangelischen Kirchenbuch von Hersfeld, wohl seinem Begräbnistag.5)

Bei der durchaus zeitkonformen und qualitätvollen Kapitalis kommen M mit schrägen und senkrechten Außenschäften nebeneinander vor.

Textkritischer Apparat

  1. Hörle schlägt als Ergänzung ADVENTUM TULIT ... CONSTANTINUS vor. Diese Konjektur ist der Struktur des Textes nach richtig und dem Raumangebot konform – man darf kaum mit mehr Buchstaben rechnen. Insofern sind Varianten, etwa SVBIIT, nur eingeschränkt möglich. Eine alternative Ergänzung zu MORTIS … ACULEUM ... zog Dr. Michael Oberweis, Mainz, in Erwägung; nach dem A läßt sich mit einer gewissen Unsicherheit sogar noch der obere Bogenabschnitt eines C in Ansätzen erkennen. Das wäre dann eine Anspielung auf 1 Kor 15,55, freilich in einer Rückübersetzung wie beim Epitaph Herzog Reichards von Pfalz-Simmern, vgl. DI 79 (Rhein-Hunsrück-Kreis II) Nr. 109/A. Die Übersetzung wurde entsprechend und in Anlehnung an Hörle ergänzt.
  2. Zwischen den erkennbaren Buchstaben und dem Text des Psalms 90 konnte keine Verbindung hergestellt werden.

Anmerkungen

  1. Eine Gans (?); ggf. begleitende Bilder wegen der Abtretung nicht erkennbar.
  2. Vgl. Demme, Nachrichten I 75; Neuhaus, Beiträge 30.
  3. Unger, Hersfeld, Johannesberg 631.
  4. Demme, Nachrichten I 95 und Beilage 113; vgl. auch Nr. 304.
  5. Kirchenbuch Hersfeld 1/1612.

Nachweise

  1. Hörle, Die Grabsteine im Stift aus dem 16. Jahrhundert 43.
  2. „Constantin Faber 1612, Hersfeld“, in: Grabdenkmäler <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/gdm/id/1110> (Stand: 7. 11. 2006, Bearb. Andreas Schmidt, HLGL).

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 293 (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0029301.