Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 292 Bad Hersfeld, Museum, aus Stiftskirche/Stiftsruine (?) aus Ev. Stadtkirche o. Friedhof (?) 1612

Beschreibung

Grabstein einer Tochter (Elisabeth?) des Ratsherrn Heinrich Will. Das Denkmal aus gelbgrauem Sandstein ist außen vor der Westwand im Eingangsbereich des Museums aufgestellt. Das von mit Schuppen belegten Pilastern flankierte Rundbogenfeld zeigt links den Gekreuzigten, in der Mitte einen gewickelten Säugling auf einem Kissen und rechts eine kniende, betende Frau. Darunter befindet sich das Inschriftenfeld. Der Giebel wurde gewaltsam entfernt. Der Sockelbereich verschwindet im Boden und ist nicht beurteilbar; die Rückseite zeigt eine geglättete Fläche und Löcher, aber keine tastbaren Gestaltungselemente.

Maße: H. 88, B. 58, Bu. 2,5 cm.

Schriftart(en): Fraktur, Kapitalis.

© Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Brunhild Escherich) [1/2]

  1. Heinrich Willen. Raths=/herrn zue Hersfelt Eheleib=/liche Dochter welche im jahr / 1612 Den 12 MAY des mor=/gens zwischen 5 vnd 6a) / vhr im Herrn selig / Entschlaffen

Kommentar

Aus der regelhaften Fraktur mit den typischen Versalien und Gemeinen (Schaftverlängerung bei f und s, einstöckiges a) und der typischen Bildungsweise von Schwellzügen (vornehmlich beim langen s) ragt die Kapitalis für den Monatsnamen heraus. Bei vielen Gemeinen hielten sich, wie so oft für Inschriften, Schäfte und Schaftbrechungen aus der Gotischen Minuskel.

Andreas Schmidt stellte durch Tasten fest, daß die Rückseite des Denkmals bearbeitet ist. Daher müsse es sich um einen Grabstein handeln, nicht um ein Epitaph; anscheinend wurde der Sockel entfernt. Schmidt vermutete auf der verdeckten Rückseite eine weitere Inschrift, die sich auf den Tod der Mutter bezog, da im Bildfeld der Vorderseite lediglich das verstorbene Kind und anscheinend dessen Mutter, nicht aber der Vater dargestellt seien. Azzola wies den Grabstein als Nachfolgetyp zum mittelalterlichen Grab-Kreuzstein aus, der das Aussehen der Bildepitaphien der Renaissance nachahmt.

Heinrich Will kommt in einer hersfeldischen Urkunde des Jahres 1602 vor.1) Bei der Tochter handelt es sich wohl nicht um Elisabeth, Tochter des Heintz Will, die am 30. Mai 1612 starb und deren Mutter nicht lange danach am 16. Dezember 1612 verschied.2) Möglicherweise betrifft die vorliegende Inschrift eine ungetaufte Totgeburt, deren Zwillingsschwester Elisabeth kurz darauf als bereits getaufter Säugling verstarb. Dann muß man mit einem verlorenen Denkmal für letztere Tochter rechnen oder entsprechende Informationen beim vorhandenen annehmen.

Textkritischer Apparat

  1. Aus einer 2 verbessert; die 6 anders als in der Jahreszahl.

Anmerkungen

  1. Demme, Nachrichten I 362, Beilage 111.
  2. Kirchenbuch Hersfeld 1/1612.

Nachweise

  1. „Tochter des Heinrich Will 1612, Hersfeld“, in: Grabdenkmäler <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/gdm/id/1102> (Stand: 24. 10. 2006, Bearb. Andreas Schmidt, HLGL).
  2. Azzola/Azzola/Schmidt, Grab-Kreuzsteine, Ms. S. 348.

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 292 (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0029201.