Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 283 Bad Hersfeld, Klausstraße 34 1609

Beschreibung

Bauinschrift, Meistername und Jahreszahl an der Front des dreigeschossigen, traufständigen Rähmbaus. Die Bauinschrift (IA) befindet sich im Sturz der Haustür, die Jahreszahl (IB) ist links und rechts der Tür im Portal in erhabenen Ziffern angebracht, und die Meisterinschrift (II) steht auf dem Schwellbalken. Im Sturz ist die ursprüngliche Kerbe der Buchstaben an vielen Stellen nicht mehr nachvollziehbar, da sie fast ganz mit weißer Farbe zugestrichen wurde. Trotzdem folgen die heute sichtbaren und mit roter Farbe ausgemalten Buchstaben weitgehend der ursprünglichen Kerbe; gelegentlich fehlt sogar die Ausmalung von Buchstabenteilen bei noch vorhandenen Kerben (Q in QVAS; zweites T in STRVXIT; G in CONIVGE; AE in AEDES); die beste Beurteilung der originalen Kerbe liefert die Abbildung bei May. Bei Inschrift (II) ist die mit roter Farbe ausgemalte Kerbe gut zu erkennen. Die Jahreszahl (IB) ist ebenfalls in neuerer Zeit farbig gefaßt worden.

Schriftart(en): Kapitalis; Ziffern erhaben.

© Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Rüdiger Fuchs) [1/3]

  1. IA

    QVAS STRVXIT IVSTVS CVM CONIVGE GRAVIVS AEDES

  2. IB

    16 // 09

  3. II

    IOANNES WEBER ZIMMERMEISTER

Übersetzung:

(IA) Dieses Haus hat Justus Gravius (Grau) mit seiner Ehefrau errichtet.

Versmaß: Hexameter (IA).

Kommentar

Bei dem Bauherrn handelt es sich wohl um Justus Gravius (Grau), angeblich Sohn des Spangenberger Rentmeisters Johannes (1488–1560) und Stadtsyndikus von Kassel, der mit Dorothea geb. Feige verheiratet war und angeblich 1609 starb.1) Das muß so nicht stimmen, da nach den Kirchenbüchern von Hersfeld am 19. Dezember 1611 und noch am 2. Juli 1620 jeweils Kinder des Just Grau starben und am 26. November 1627 ein Junior Just Grau verschied.2) 1633 gab es noch einen Hersfelder Bürger Johannes Grau.3) An der Lesung des Namens ist also nicht zu zweifeln. Der Erbauer könnte auch der Lohgerber Jost Grau gewesen sein, der 1614 unter den reichsten Bürgern der Stadt firmierte.4) 1612 war er Weinmeister der Stadt.5)

Dem Zimmermannsmeister Johannes Weber werden noch zwei weitere Häuser zugeschrieben, nämlich Hanfsack 7 und Hanfsack 2.6) Außerdem baute er das Rathaus, die berühmte „Widemarkt“, in Vacha.7) Weber war seit 1601 Bürger in Hersfeld und außerdem noch 1612 am Rathaus (Nr. 279) beteiligt, zog dann 1622 als sächsischer Baumeister nach Eisenach, wo er 1639 starb.8) Ein Scheunenbau im Hanfsack (Nr. 341) kann höchstens seinen Nachfolgern in Hersfeld zugeschrieben werden. Zur Unterscheidung des Fachwerks sind Beschlagwerkdekor und genaste Feuerböcke heranzuziehen.

Anmerkungen

  1. Nach Strieder, Grundlage V 67 f. Unter dem Namen Graf (Grave, Gravius) Justus Spangenbergensis könnte er 1552 in Marburg immatrikuliert gewesen sein, vgl. Falckenheiner, Personen- und Ortsregister 69. Nach Kirchenbuch Kassel 144 starb am 25. März 1594 die Ehefrau des Magisters und Stadtschreibers Jost Graw. In Hersfeld wurde der Name oft Graf gelesen.
  2. Kirchenbuch Hersfeld 1/1611, 1620, 1627.
  3. Demme, Nachrichten II 39.
  4. Vgl. dazu Witzel, Hersfeld 129. Schmidt, Bürgerbücher 152 (Register) verzeichnet viele in Hersfeld neu aufgenommene Bürger namens Grau ab dem Jahre 1639.
  5. Nach Rechnungsbuch 1612, StA (Louis Demme-Archiv) Bad Hersfeld, Ra 11a, Deckblatt.
  6. Dehio, Hessen I (2008) 64, siehe auch Nrr. 118/VII, 313.
  7. Nach Neuhaus.
  8. Vgl. Helmboldt, Hans Weber; ausführlicher zur Karriere und zum Werk Bleibaum. Zu 1601 vgl. Schmidt, Bürgerbücher Nr. 89.

Nachweise

  1. Neuhaus, Geschichte Hersfeld 193 (IA, IB u. II erw.).
  2. Bleibaum, Johannes Weber 8 (II).
  3. May, Türen und Tore 35 (Abb.).
  4. May, Gib Frieden 33 (erw.).
  5. May, Hersfelder Inschriften 33 (IA, IB, II).
  6. Wiegand, Kulturdenkmäler 163 (IA, IB, II).
  7. Dehio, Hessen I (2008) 64 (IB, II erw.).

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 283 (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0028307.