Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 270† Rotenburg, Evangelische Pfarrkirche St. Jakobi 1605

Beschreibung

Epitaph für den Pfarrer und Dekan Christoph Formicarius (Ameiser). Das in Holz ausgeführte Epitaph befand sich zwischen dem Gestühl für die Geistlichen und der Kanzel, über der Tür zur Sakristei. Die Buchstaben waren vergoldet. Sein Grab hatte Formicarius vor dem Altar erhalten.1)

Nach Lucae.

  1. A

    Epitaphium / reverendi doctrina pietate et virtutibus praestantissimi viri domini Christophori Formicarii ecclesiae Rotenburgensis pastoris et decani fidelissimi memoriae scriptum a Valentino Schonero comitatus Ziegenhainensis2) ecclesiarum superattendente.

  2. B

    Hac ego Christophorus cubo Formicarius urna,Quem Deus ex humili vexit ad alta loco.Clara mihi primos Schmalcaldia3) praebuit ortus,Eduxit larga Facha4) celebris ope,Argentina potens animum melioribus annisExcoluit studiis et pietate meum.Urbe sub hac coepi divinuma) spargere dogmaNecdum ierant vitae lustra quaterna meae.His ego praeteritis in patria iura reversusMunia mox obii sacra vacanteb) Deo:Kirchemii tria lustra duosque fideliter annosErudii vera religione rudes,Inde Friedewaldum me transtulit inclitus herosWilhelmus princeps, Hassia cara, tuus,Mauritius princeps annis me quinque peractis,Mauritius populi cura salusve sui,Praefecit sacris opibus sanxitque decanumTempli, quod stringit flumine Fulda suo,Qua Roteburga iacet, pulchro iussitque sacelloArcis et aede sub hac dogma sonare Dei.Hoc ubi bis senos annos sum munere functus,Vita mihi spatio clauditur acta brevi.Inservire fuit summis imisque voluptasInprimisque Deo cura placere fuit.Secla bis octo ierant post incunabula ChristiAnnus et in cursu praepete quintus eratEt bis quinta dies aderat iam mensis iuliHoraque nascentis septima lucis erat,Quando soluta fuit mea mens a corpore, coeloQuae fruitur coeli perfruiturque bonis.Adc) desiderium viduae fratrique reliquiEt cunctis, verus quos mihi iunxit amor.Mitiget hoc suprema dies soletur et omnes,Quae nos aeterna iunget amicitia.

Übersetzung:

(A) Epitaph zum Andenken an den ehrwürdigen, durch Lehre, Frömmigkeit und Tugenden vortrefflichsten Mann, Herrn Christoph Formicarius (Ameiser), Pastor und getreuster Dekan der Kirche von Rotenburg, geschrieben von Valentin Schonerus (Schöner), Superintendent der Kirchen der Grafschaft Ziegenhain.

(B) Ich, Christoph Formicarius, ruhe in diesem Grab, den Gott von einem niedrigen Ort zu den höchsten geführt hat. Das berühmte Schmalkalden gewährte mir die ersten Anfänge, und das bekannte Vacha hat mich mit reichen Mitteln erzogen. Das mächtige Straßburg hat meinen Geist in den besseren Jahren in der Wissenschaft und in der Frömmigkeit ausgebildet. In dieser Stadt begann ich, die göttliche Lehre zu verbreiten, und es waren noch keine vier Lustren (20 Jahre) meines Lebens vergangen. Nachdem diese (zwanzig) überschritten waren, kehrte ich in die heimischen Verhältnisse zurück und übernahm bald, von Gott gerufen, die heiligen Pflichten.5) Drei Lustren und zwei Jahre (17 Jahre) habe ich getreu die Unwissenden in Kirchheim in der wahren Religion unterrichtet. Darauf hat mich dein berühmter Held, geliebtes Hessen, Fürst Wilhelm, nach Friedewald geschickt, und nachdem fünf Jahre vergangen waren, hat mich der Fürst Mauritius (Moritz) – Mauritius, die Fürsorge und das Heil seines Volkes – an die Spitze des heiligen Dienstes gestellt, und er hat mich zum Dekan der Kirche ernannt, die die Fulda mit ihren Wellen streift, an der Rotenburg liegt. Und er befahl, daß ich in der schönen Burgkapelle und in dieser Kirche die Lehre Gottes verkünde. Als ich dieses Amt 12 Jahre verwaltet hatte, ist mein Leben vollbracht und wird in kurzer Zeit beschlossen. Den Höchsten und den Niedrigsten zu dienen war mein Wunsch, und vor allem war es meine Sorge, Gott zu gefallen. Es waren 16 Jahrhunderte nach der Geburt Christi vergangen, das fünfte Jahr war in schnellem Lauf, und es war schon der 10. Tag im Monat Juli und es war die siebte Stunde des heraufziehenden Tages, als sich meine Seele vom Körper löste, die sich am Himmel erfreut und sich an den Schätzen des Himmels labt. Aber die Sehnsucht habe ich der Witwe und dem Bruder zurückgelassen und allen, mit denen mich wahre Liebe verband. Diese Sehnsucht wird der Jüngste Tag stillen, und er wird alle trösten, der uns in ewiger Zuneigung verbindet.

Versmaß: 17 elegische Distichen (B).

Kommentar

Die Inschrift bietet dichte Informationen zum Lebenslauf von Christoph Formicarius. Er wurde am 10.07.1552 in Schmalkalden geboren, studierte bis 1571 in Straßburg war von 1572 bis 1589 Kaplan in Kirchheim und wurde dann von Landgraf Wilhelm IV. zum Pfarrer in Friedewald ernannt, wo er von 1589 bis 1593 sein Amt versah. Auf Wunsch des Landgrafen betreute er in den Jahren 1590 bis 1593 zugleich die Schloßkapelle in Rotenburg. Von 1593 bis zu seinem Tode 1605 war er Schloßpfarrer und erster Pfarrer an der St. Jakobskirche in Rotenburg. Im Jahr 1596 wurde er zudem Stiftsdekan. Wie es auch in dem Text des Epitaphs angedeutet wird, verdankte Formicarius seine Ernennung zum Schloßpfarrer und Stiftsdekan dem Vertrauensverhältnis, das ihn mit Landgraf Moritz (1592–1627) verband.6)

Formicarius heiratete zu unbekannter Zeit seine Frau Margarete, die ihn überlebte.7) Sein Epitaph verfaßte Valentin Schöner, der von 1576 bis 1605 als erster Pfarrer und Superintendent in Ziegenhain und von 1605 bis 1611 als erster Pfarrer und Superintendent in Marburg wirkte.8) Die enge Verbindung beider zeigt sich darin, daß Formicarius im Jahr 1584 Pate eines Sohnes von Valentin Schöner wurde.9) Schöner starb am 13. August 1611 und lag in Marburg begraben.10)

Städte als quasi Handelnde und das Leben eines Menschen Bestimmende hervorzuheben geht auf das Vergilsche Grabepigramm Mantua me genuit … zurück.

Textkritischer Apparat

  1. Sic.
  2. Lucae gibt in seiner Abschrift vacante, bemerkt dazu aber am Rand: „rectius vocante“. Tatsächlich macht vacante hier wenig Sinn.
  3. So wohl statt at.

Anmerkungen

  1. Lucae 37 (43) und 49 (48).
  2. Ziegenhain ist heute Ortsteil von Schwalmstadt, Schwalm-Eder-Kreis, Hessen.
  3. Schmalkalden, Landkreis Schmalkalden-Meiningen, Thüringen.
  4. Vacha, Wartburgkreis, Thüringen.
  5. Vgl. zur Übersetzung oben Anm. b.
  6. Hütteroth, Pfarrer 88.
  7. Hütteroth, Pfarrer 89.
  8. Hütteroth, Pfarrer 315.
  9. Hütteroth, Pfarrer 88. Schöners gleichnamiger Sohn war 1603 im Pädagogium und 1605 in den Marburger Annalen verzeichnet, vgl. Falckenheiner, Personen- und Ortsregister 147.
  10. Vgl. Stölzel, Grabinschriften 78.

Nachweise

  1. Lucae, Kleinod 38 (43 f.).

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 270† (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0027002.