Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 269 Raboldshausen (Neuenstein), Evangelische Kirche 1604

Beschreibung

Epitaph des Werner von Wallenstein (Waldenstein). Das ädikulaförmige Denkmal aus zum Teil farbig gefaßtem Marmor und Sandstein steht links an der Stirnwand des Chores. In der Nische steht links die auffällig schlanke Figur des Verstorbenen in Ritterrüstung ohne Helm, die linke Hand auf das gezogene Schwert gestützt. Daneben ist die Figur der Frau in zeitüblicher Tracht wiedergegeben. Die rahmenden Pilaster und der Fries tragen jeweils sieben Vollwappen. Ein Photo aus dem Jahr 1936 läßt jedoch erkennen, daß ursprünglich acht Wappen auf jedem Pilaster vorhanden waren1) – heute fehlen die Wappen an der zweiten Stelle –; außerdem wurde die Anordnung der Wappen auf den Pilastern gegenüber dem damaligen Zustand verändert. In der Architrav-Zone befinden sich somit neun Wappen, weil die beiden oberen außen zu den beiden Ahnenproben der Verstorbenen auf den Pilastern zu rechnen sind; die Ahnenprobe auf dem Fries besteht also nur aus sieben Wappen. Als Besonderheit ist festzuhalten, daß die Wappen der Pilaster auf eigenen, in eine Aussparung zu montierende Platten aufgelegt sind, ein Umstand, der Veränderungen Vorschub geleistet haben mochte. In der Nische des Obergeschosses ist in einem vertieften, oben gerundeten Feld, das von Rollwerk und Voluten gerahmt wird, das Grabgedicht (B) angebracht, während sich die Grabinschrift (A) schwarz gefaßt auf dem Sockel befindet; dieser Sockel ist aus zwei Teilen zusammengesetzt und bietet sich heute links rötlich, rechts gelblich dar. Den Platz des Giebels nimmt ein Rollwerkmedaillon ein, das die Vollwappen der Eheleute vereint.

Maße: H. ca. 450, B. 250, Bu. 6,5 (A), ca. 4 (B) cm.

Schriftart(en): Kapitalis (A), Kapitalis konturiert (B).

© Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Sebastian Scholz) [1/8]

  1. A

    ILLVSTRIS AC STRENVVS NEC NON NOBILISS(IMVS) VIR WERNERVS / A WALDENSTEIN DESIIT ESSE MORTALIS 17 IANVARII VES/PERI HORA 6 ∙ AN(N)O CHR(IST)I MILLESIMO SEXCENTESIMO QVARTO ∙ / ANNO AETATIS SVAE 51 AD LATVS AVI / SVI WERNERI SENIORIS WALDEN(STEIN) PIAE ME=/MORIAE HONORIFICE SEPVLTVS ∙ H(EINRICVS) ∙ W(INOLD)a) ∙ P(OSVIT)b)

  2. B

    IM IAR 1604 /WERNER VON W͜A͜LDENSTEINc) ALHIR /IN SEIN RVHBETLEIN W͜A͜RDT GELEGTd)NACH GOTES WILLEN DER DA PFLEGTd)DIE SEINEN ZV VERLASEN NICHTWEN SIE DIE HOESTE NOT ANFICHTDEIN GNAD O HER WERT EWIGLICHVBER DIE SO STETS FVRCHTEN DICHDRVM LIEBER CHRIST GEDENCK MIT FLEISd)DIE SVN SCHEINET GLEICH SCHWARTZ ODERe) WEISDAS DV BEHALTEST DIE GENADE GOTTESSO HASTV GAR EIN SICHEREN TROTZf)

Übersetzung:

Der edle, gestrenge und wohledelgeborene Mann Werner von Wallenstein (Waldenstein) hörte auf sterblich zu sein am Abend des 17. Januar zur sechsten Stunde im Jahr Christi 1604 im Alter von 51 Jahren. Er ist an der Seite seines Großvaters, Werner von Wallenstein des Älteren frommen Angedenkens, ehrenhaft bestattet worden. Heinrich Winold hat (dies Denkmal) gesetzt.

Versmaß: Deutsche Reimverse (B).

Wappen:
Wallenstein (Waldenstein); Berlepsch
Holtzadel2), Dalwigk, Buchenau3), Baumbach, Hanstein4), Rau von Holzhausen, Trott zu Solz5)
Holtzadel (Holzsattel)Echter von Mespelbrunn6)
[Steinau genannt Steinrück]7)verloren
unbekannt8)Rau von Holzhausen
Bommersheim9)Haxthausen10)
Nordeck zur RabenauBoineburg
Eringshausen (?)11)Schleyer gen. Schlegerer12)
Bischofferode (?)13)unbekannt14)
TroheMalsburg15)

Kommentar

Werner war ein Sohn Balthasars von Wallenstein (Waldenstein) und der Katharina von Baumbach. Er heiratete 1586 Christine von Berlepsch, der er 1598 das Schloß Wallenstein (Waldenstein) als Witwensitz anwies, und starb 1604 ohne Kinder. Seine Frau Christine scheint zu dieser Zeit noch gelebt zu haben, da sie zwar als Figur auf dem Denkmal erscheint, aber in den Inschriften nicht erwähnt wird; angeblich lebte sich noch 1617.16) Das laut Kramm aus der Werkstatt des Andreas Herber stammende Denkmal17) wurde aber nicht von ihr, sondern von H. W. in Auftrag gegeben. Dabei dürfte es sich um Heinrich Winold handeln, der am 1. Juli 1588 als Pfarrer von Raboldshausen durch Hans von Wallenstein (Waldenstein) präsentiert wurde und bis zu seinem Tode im Jahr 1625 amtierte.18) Auch das Epitaph des 1577 verstorbenen Großvaters19) Werner von Wallenstein (Waldenstein) (Nr. 189) war von dem damaligen Raboldshausener Pfarrer Johannes Curtius gesetzt worden. Werners Onkel Hans († 1608) lag lange im Streit mit der Familie und litt beständig unter Geldnot, kommt also trotz der passenden Initialen als Stifter kaum in Frage. Bezeichnenderweise steht in beiden von den Pfarrern gesetzten Denkmälern der Familie Wallenstein (Waldenstein) bei den Epitheta illustris, das sonst bei gräflichen oder auch nur edelfreien Familien vorkommt; es beginnt freilich eine Aufweichung der strengen Zuordnung ständisch gebundener Epitheta an der Jahrhundertwende.20)

Ungewöhnlich ist die Anordnung der Wappen. Der Aufsatz trägt die Wappen Werners und seiner Frau Christine. Die Pilaster links und rechts der Nische des Hauptgeschosses zeigen Wappen aus den Ahnenproben der Familien von Wallenstein (Waldenstein) und von Berlepsch. Die Ahnenprobe beginnt also nicht im Fries des Hauptgeschosses, wie es zu erwarten gewesen wäre. Hier ist statt dessen die Ahnenprobe von Werners Mutter Katharina von Baumbach wiedergegeben, freilich von der Mitte (Baumbach) aus zu rechnen und nicht vollständig, die beiden anderen Ahnenlinien demgegenüber mit einem Wappen vermehrt und im Ehewappen des Aufsatzes beginnend.

Trotz raumbedingter Drängung zeigt die Schrift von (B) deutliche Ambitionen zu Klarheit, sogar Anzeichen von Klassizierung in Schattenachsen des O (GNAD O HERR), dazu Linksschrägenverstärkung, außer bei V und W, dort freilich Rechtsschrägenverstärkung, außer einmal bei Nexus mit A (WALDENSTEIN); in Inschrift (A) besteht dieser Fehler nicht, aber doch Rechtsschrägenverstärkung einmal bei WALDENSTEIN. Inschrift (A) zeigt auch ein ungleichmäßigeres Schriftbild, dazu in der vierten Zeile größere Buchstaben und weitere Spationierung und weit weniger strenge und konsequente Sporenbildung. In beiden Schriften gelang wie bei vielen anderen der Gegend und für lokale Kapitalisvarianten typisch nicht die gleichmäßige Positionierung und Gewichtung der Bögen von S.

Textkritischer Apparat

  1. Zur Auflösung der Initialen vgl. den Kommentar.
  2. P(ASTOR) Volk/Schmidt, HLGL.
  3. D über den Balken des L gestellt.
  4. E über den Balken des L gestellt.
  5. D in O eingestellt.
  6. So im Sinne von Trutz/Schutz.

Anmerkungen

  1. Vgl. die Abbildung bei Kemp, Kulturdenkmäler II 646.
  2. Zwei Störche (schwarz nur seitliches Gefieder); Helmzier: ein Storchenhals zwischen offenem Flug, nicht wie Nr. 189 zwei Krähen nach Siebmacher 1, Taf. 142.
  3. In Gold ein grüner Vogel (Sittich); Helmzier: Schildbild in geschlossenem Flug, vgl. leicht abweichend Siebmacher 5/2, Taf. 16; Siebmacher, Hessen 26; Siebmacher, Bayern Abgestorbene 3, 165 mit Taf. 115, hier gewendet.
  4. In Silber drei schwarze Halbmonde 2:1; Helmzier: silberne Säule, mit fünf Federn besteckt und mit zwei abgewendeten Halbmonden besetzt, Siebmacher 1, Taf. 143; Siebmacher, Hessen 12 mit Taf. 12.
  5. In Blau ein rot-silbern geschachter Sparren; Helmzier: offener Flug, Siebmacher 5, 137; Siebmacher, Hessen 28 f. mit Taf. 31 f.
  6. Ein Schrägbalken, belegt mit drei Ringen; Helmzier: zwei Büffelhörner mit Schildbild, Wolfert, Aschaffenburger Wappenbuch 76 mit Taf. 12, I, 1, hier gewendet. Vgl. zu der Verbindung Biedermann, Geschlechtsregister Steigerwald Taf. CCII. In der Ahnenprobe der Christina von Berlepsch steht Echter von Mespelbrunn auf Platz 9.
  7. Fehlendes Wappen nach altem Foto, vgl. Anm. 1. In Silber drei schwarze Räder 2:1; Helmzier: ein mit fünf Federn geschmücktes Rad; Wolfert, Aschaffenburger Wappenbuch 124 mit Taf. 82, III, 4. Das Wappen ist heute nicht mehr vorhanden. Diese Identifizierung auch in Grabmäler.
  8. Ein Hahn(?); Helmzier: ein Hahn/Vogel, vielleicht Klauer, vgl. Nr. 346; nicht wie Grabmäler 78 f. Rotenhan.
  9. Vgl. dazu Nr. 189.
  10. In Rot ein silbernes Gatter, eine silberne Hürde, hier nicht schräggestellt, anders als Siebmacher 1, Taf. 186, vgl. Siebmacher, Bayern 12 mit Taf. 5; Helmzier: offener Flug mit dem Schildbild belegt, vgl. auch Siebmacher, Preußen 45 mit Taf. 57.
  11. Gespalten: vorn ein halber Adler am Spalt, hinten drei statt zwei Balken; Helmzier: ein Adlerrumpf; vgl. Nr. 129, also auch ggf. gewendet.
  12. Drei Schlegel 2:1; Helmzier: ein Schlegel, vgl. Siebmacher 1, Taf. 137; nicht Klöpper wie Grabmäler.
  13. In Silber zwei schwarze gekreuzte Streitkolben (?); Helmzier: zwei Streitkolben unten spitz zusammengesetzt, Siebmacher 1, Taf. 139; Siebmacher, Thüringen 30 mit Taf. 22.
  14. Dreimal von Silber und Rot geteilt; Helmzier: offener Flug mit Schildbild.
  15. Geteilt: oben in Rot ein goldener gekrönter Löwe, unten in Blau drei weiße Rosen 2:1; Helmzier: ein aus einer Krone wachsender Männerrumpf mit ausgebreiteten Armen, Siebmacher 1, 134; Siebmacher, Sachsen 2, 103 mit Taf. 67, das dort genannte Stierhaupt fehlt.
  16. Zu Werner vgl. Landau, Ritterburgen II 415; zum langen Leben Christines vgl. Schmidt.
  17. Kramm, Andreas Herber 32 f., der aus formalen Gründen Andreas Herbers ältesten Sohn Antonius als Meister des Denkmals vermutet.
  18. Bätzing, Pfarrergeschichte 236.
  19. Mehr gibt die Stammtafel bei Lennep, Codex probationum, nach S. 354, nicht her.
  20. Aus dem beliebig herausgegriffenen Bestand von DI 60 (Rhein-Hunsrück-Kreis I) sei bemerkt, daß von sechs Belegen vier eine gräfliche bzw. fürstliche, einer eine freiherrliche Familie und nur der weitaus jüngste Beleg eine ministerialische Familie betreffen, vgl. DI 60 (Rhein-Hunsrück-Kreis I) Nrr. 114, 167, 170, 258, 291, 345. Die Verschiebung standesgebundener Epitheta ist noch nicht untersucht.

Nachweise

  1. Grabmäler in Raboldshausen 78 f. (A in Ü, B).
  2. 775 Jahre Raboldshausen 1224–1999, S. 22 (A) (nicht eingesehen).
  3. Schücking, Burg Neuenstein 67 (A in Ü) mit Nachzeichnung von M. Grund.
  4. „Werner V. von Wallenstein 1604 und seine Frau Christine geb. von Berlepsch, Raboldshausen“, in: Grabdenkmäler <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/gdm/id/1071> (Stand: 25. 1. 2007, Bearb. Otto Volk und Andreas Schmidt, HLGL).

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 269 (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0026902.