Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 265† Rotenburg, ehem. Totenhofkirche St. Georg 1602

Hinweis: Die vorliegende Online-Katalognummer ist im Vergleich zum gedruckten Band mit Ergänzungen und Korrekturen versehen. Sie finden diese am Ende des Artikels. [Dorthin springen]

Beschreibung

Epitaph des Pfarrers Cyriacus Bosius, genannt Sutorius (Schuhmacher). Das Denkmal befand sich in der Nähe der Kanzel an der Südwand der Kirche.1) Es trug eine Grabinschrift (A), ein Grabgedicht (B) und eine Spruchinschrift bzw. Sentenz (C).

Nach Lucae.

Schriftart(en): Vier elegische Distichen (B); ein Pentameter(?) (C).

  1. A

    Epitaphium.a) / Reverendus vir dominus Ciriacus Bosius vulgo / Sutorius ecclesiae Rotenburgensis per annos 39 / diaconus et xv liberorum parensb) aetatis suae / 65c) anno subiectis versibus patriae vale=/dixit anno salutis 1602 die [. ob]d) (decem)br(is)e).

  2. B

    Huc qui multorum sum funera moesta secutus,Quando mea patria est usa ministerio,Hic quoque funus ago tranquilla morte peremptusCarne sed invictus spiritus astra tenet.Illinc nunc Christi, quem viva voce docebam,Conspectu nunquam deficiente fruor.Bis senis lustris unumf) qui iungit, habebitPrincipium vitae deliquiumque meae.

  3. C

    Pulchrum est ante mortem consumareg) vitam.h)

Übersetzung:

(A) Epitaph. Der ehrwürdige Mann, Herr Cyriacus Bosius genannt Sutorius (Schuhmacher), 39 Jahre lang Diakon der Rotenburger Kirche und Vater von 15 Kindern, hat im Alter von 65 Jahren mit den unten angefügten Versen Abschied von der Vaterstadt genommen im Jahre des Heils 1602, am 6.(?) Dezember.

(B) Ich, der ich hierher dem traurigen Leichenzug vieler Menschen gefolgt bin, wenn meine Vaterstadt meinen Dienst in Anspruch nahm, habe nun auch hier im Fleische mein Grab, hinweggenommen durch einen sanften Tod, aber die unbesiegte Seele hat Anteil am Himmel. Dort nun werde ich mich an dem niemals endenden Anblick Christi erfreuen, den ich mit lebendiger Stimme verkündet habe. Wer zweimal sechs Lustren eines anfügt (65 Jahre), wird den Beginn meines Lebens und sein Ende kennen.

(C) Schön ist es, das Leben vor dem Tode zur höchsten Vollendung gebracht zu haben.

Kommentar

Cyriacus Bosius gen. Schuhmacher wurde 1537 in Rotenburg geboren, studierte in Marburg, wurde zu unbekannter Zeit Kaplan in Rotenburg-Altstadt und 1563 Kaplan in Rotenburg-Neustadt. Er wirkte zugleich als Pfarrer in Lispenhausen, doch gab er diese Stelle im Dezember 1593 auf.2)

Nach eher konventionellen Passagen zum Grabplatz und zur Leib-Seele-Trennung demonstriert der Verfasser seine Literaturkenntnisse, denn der abschließende, in der Handschrift auch optisch hervorgehobene Spruch ist eine Adaptation aus Seneca: „… considera quam pulchra res sit consummare vitam ante mortem, deinde expectae secure reliquam temporis partem, …“.3) Die demgegenüber leicht umgestellte Version der Inschrift findet sich schon bei Thomas von Aquin4) und wurde mit Kondensaten der Seneca-Stelle vielfach weitergereicht. Obwohl es durch den Spondeus im vorletzten Fuß prosodisch fehlerhaft ist, könnte der Verfasser der Inschrift das Thomas-Zitat als isolierten Pentameter aufgefaßt haben.

Bosius fand sein Grab auf dem der Kirche benachbarten Friedhof; das Epitaph thematisiert passenderweise seine Tätigkeit als Pfarrer der Altstadt, der in der Spitals- und Totenhofkirche bzw. -kapelle Leichenpredigten hielt, jedoch keine normalen Gottesdienste, wie eine Notiz zu Renovierungen im Jahr 1595 vermeldet.5)

Textkritischer Apparat

  1. Von Lucae als zum Inschriftentext gehörig in eigener zentrierter Zeile vorangestellt, in Großbuchstaben.
  2. Der erste Buchstabe des Wortes ist im Manuskript korrigiert worden und schwer zu lesen.
  3. 61 Druckausgabe Lucae.
  4. 1 ob ist schwierig zu verstehen, aber die 1 kommt wohl doch von der Rückseite der Handschrift; aus der Position des Textes müßte eine Zahl folgen, auch wäre obiit überflüssig. Vielleicht hat der Überlieferer Ziffern wie 6, 16 oder 26 mißverstanden, vgl. folgende Anm.
  5. 16 Nobr Druckausgabe Lucae für 16. November.
  6. annum Druckausgabe Lucae, anscheinend eine Verlesung aufgrund von der Rückseite durchschlagender Tinte – die Lesung der Handschrift ist eindeutig unum und stimmt zur Information der Prosagrabschrift, die zum Todesjahr 1602 ein Alter von 65 Jahren angibt.
  7. In der Druckausgabe Lucae nach Textverständnis consummare, in der Handschrift nur consumare.
  8. Text bei Lucae von den vorangehenden Distichen abgesetzt und in Großbuchstaben wiedergegeben.

Anmerkungen

  1. Lucae 57 (56).
  2. Hütteroth, Pfarrer 327, der wohl aus dem Epitaph 1537 als Geburtsjahr und den Dezember 1602 als Todesmonat angibt.
  3. Sen. epist. 32,3.
  4. In Aquins De eruditione principum V, 5 heißt es zu „De securitate in vita dicit Seneca: Pulchrum est ante mortem consummare vitam, deinde …“. Entsprechende Hinweise werden Dr. Michael Oberweis, Mainz, verdankt.
  5. So nach Lucae 56 (56).

Nachweise

  1. Lucae, Kleinod 57 (57).
Addenda & Corrigenda (Stand: 21. Juli 2022):

Hinweis zu Inschrift und Übersetzung:

Dr. Edgar Siedschlag, Witzenhausen, regt aus Gründen der Metrik eine Verbesserung der Lesung von Lucae für Inschrift B und somit auch eine Verbesserung der Übersetzung an:

2. Zeile: „Quando mea …“ → „Quando meo patria … „, also: „… wenn die Vaterstadt meinen Dienst ...“

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 265† (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0026509.