Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 257 Oberstoppel (Haunetal) 16. Jh.?

Beschreibung

Steinkreuz mit Namensinschrift. Etwa drei Meter hinter dem Waldrand steht seit 1993/94 beim Hegeberger Feld ein Kreuz aus weißem Sandstein, dessen quarzithaltiges Material seine Herkunft aus dem Blocksteinmeer der „Langen Steine“ erweist. Das Kreuz stand früher unweit am Fußweg nach Neukirchen, so nach einer Flurkarte von 1822.1) Auf den fast völlig abgeschlagenen Armen steht ein Name, der in der Vierung – leicht nach unten versetzt – von einem erhaben gearbeiteten, mit der Klinge nach unten weisenden und 28 cm langen Jagdmesser unterbrochen ist; nur noch vier mittlere Buchstaben sind erhalten. Eine gebogene Linie am Kopf des Kreuzes, die durchaus die Stärke der Kerbe besitzt, läßt sich wegen des Materialverlusts nicht als Rest einer Datierung deuten, es fehlen benachbarte Kerben.

  1. [CHR]IS // TO[FEL]a)

Kommentar

Für die frühere Datierung auf um 1500 war anscheinend zunächst nur die äußere Form als nachgotisches Kreuz maßgeblich. Sie schien dadurch gestützt zu werden, daß der Name Christoph Kyle (Keil) in einer von Trümbachschen Notariatsurkunde (1486 III 08) vorkommt, welche die Einsetzung, Versorgung und Rechte des Zehntgrafen im Gericht Neukirchen betrifft; an der Ausstellung war jener Christoph Kyle (Keil) als Zehntgraf von Neukirchen beteiligt. Es ist offenbar derselbe Christoph Kyle (Keil), dessen Besitz beim Teilverkauf von Burg, Stadt und Tal Haun an die Reichsabtei Fulda (1500 X 14, bestätigt 1501) betroffen war.2) Außerdem war ein Christoffel Kyle (Keil) 1491 Vorsteher und Heiligenmeister an der St. Antoniuskirche von Unterstoppel.3) Dieser lokalen Größe wurde das Kreuz als Fürbittkreuz zugeschrieben, weil Keil bei einer „Jagdausübung“ zu Tode gekommen sein soll.4) Eigentlich ist aber das Jagdmesser als Standeszeichen eines Jägers, ggf. eines Jagdgehilfen zu sehen und kaum als das eines zufällig jagenden Amtsträgers.

Die von den ersten Bearbeitern des Steinkreuzes angeführten Belege (zu 1486 und 1491) dürften entscheidend für die frühe Datierung gewesen sein. Obwohl die nahebei gelegene Burg Hauneck durch den landgräflich-hessischen Baumeister Jakob von Ettlingen damals (1483–1489) gerade wieder aufgebaut wurde und deshalb eine leistungsfähige Bauhütte und Steinmetze bzw. Bildhauer greifbar waren, ist diesen die Ausführung der Kapitalis kaum zuzutrauen. Mag noch das S mit weit nach innen gebogenen Bogenenden – wie in der Frühhumanistischen Kapitalis vorkommend – mit dem Ansatz vereinbar sein, so sind dies I, T und das ovale O in der vorliegenden Ausprägung zusammen und mit dem S als Frühhumanistischem Buchstaben kaum. Zwar ist nicht von einer gewöhnlichen, durch die lokale Entwicklung geprägten Kapitalis auszugehen, die sich erst weit nach 1520 auszubreiten begann, doch auch in höherem Niveau stehende Schriften sind vorher kaum vorhanden, die Kapitalis ist früh oft nur eingestreut oder von der frühhumanistischen Variante überformt. In der weiteren Umgebung läßt sich die Ablösung einer frühen und zumeist klassizierenden oder wenigstens hochwertigen Kapitalis durch die regionalen Ausprägungen mangels Masse der Belege nicht nachvollziehen. Trotzdem wird man ausgehend vom asymmetrischen Balken des T, der von schmaler Mitte zu den Sporen hin allmählich und nur wenig breiter wird und dessen Sporen weder symmetrisch noch parallel stehen, nur einen Ansatz im 16. Jahrhundert vertreten können, wobei das erste Viertel eher unwahrscheinlich sein dürfte.

Es spricht also wenig für die Identifizierung des Verunglückten mit jenem Christoph Kyle (Keil).

Textkritischer Apparat

  1. So überzeugend die Ergänzung bei Azzola/Sabo, die bei der letzten Silbe FFL oder FEL angeben und offenbar gerechtfertigt das häufigere FFEL ausschließen, weil dann im Vergleich zu den Kanten des Stamms rechts zu viele Buchstaben stünden.

Anmerkungen

  1. Vgl. bei Azzola/Sabo 280, Abb. 5.
  2. HStA Marburg, Reichsabtei Fulda (Urk. 75), Nrr. 1211 u. 1343.
  3. So bei Azzola/Sabo 282.
  4. So Sabo, Buchonia 411 f.

Nachweise

  1. Azzola/Sabo, Steinkreuz 282 mit Abb. 1 u. 9 (Rekonstruktionszeichnung).
  2. Sabo, Zeichen 33 f.
  3. Sabo, Buchonia 412.

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 257 (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0025709.