Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 222† Rotenburg, Schloßkirche 1590

Beschreibung

Fundationsinschrift an der Südseite der Kirche, die sich im Nordflügel des Schlosses befand und beim Umbau des Schlosses nach 1790 beseitigt wurde.1) Die Inschrift war in silbernen Buchstaben auf schwarzen Grund gemalt und wurde von einem Stuckrahmen in Form einer geschnitzten Tafel eingefaßt.

Nach Lucae.

  1. Fundation Herrn Landgraf Wilhelms des IV. der SchloßkircheAlß von dem allerhöchsten GottNach seines Lieben Vaters Todtder durchleuchtig fürst hochgeborenLandgraff WILHELMa) ist auserkohrenzum Regiment des HESSENa) landesseines von Gott bescheerten standeshat er hier zum gedächtnüß seinwie daß christlich löblich und feinauch seiner gnad Gemahl zuliebdarzu eheliche trew ihn triebder fromen fürstin hochgeborenfrawen SABINENa) außerkohrenvon Wirtenberg eine herzoginder diese stat soll verwidmet sin2)vornemlich aber Gott dem herrenzu lob ewigen preiß und ehrendis schloß samt der Capellen gebawtwie das hier iedermann anschawtvnd bit daß Gott sein heiliges worthie und im gantzen land hinforterhalten wolt lauter und klarvor aller Ketzerey bewahrauch den gantzen fürstlichen Stammdes Hauses HESSENa) lobesamgnädiglich schützen und erhaltenund Seine Gnad drüber laßen waltenwolt auch verleihen seine gnaddie er allein zu geben hatallen so diese sprüch ansehenwelch sind wie leichtlich zu verstehenmit fleiß gezogen aus heiliger schrifftvnd hier zu schreiben angestifftdas Sie daraus schöpffen nutzen vielzu erreichen das rechte zielden Weg zur Seelen seeligkeitSo denen glaubigen bereit.Do aber iemand aus vorwitzoder andern gedancken spitzauch sonsten heücheley gleichfalswie solches mag gescheen alßwird diesen Spruch lahnb) tilgen außund solches vornemlich in diesem hausdas ihn Gott straff an Seinem leibalso mit qual und marter treibbiß er erkennen thu sein sünddarüber rew vnd leid empfindlaß Sie auch wieder schreiben darwie Sie intzt stehn hell und klar.

Versmaß: Deutsche Reimverse.

Kommentar

Die Innenausstattung der Schloßkirche wurde von Wilhelm Vernukken und seinen Söhnen zwischen 1581 und 1590 geschaffen.3) Da sowohl die Wandflächen als auch die Emporenbrüstungen „lehrreiche Kernsprüche“ aus der Bibel in silbernen Buchstaben auf schwarzem Grund trugen,4) ist das Inschriftenprogramm vermutlich am Ende der Ausstattungsarbeiten geschaffen worden. Auf eben jene Bibelzitate beziehen sich die Verse in der Fundationsinschrift allen so diese Sprüch ansehen / welch sind wie leichtlich zu verstehen / mit Fleiß gezogen aus Heiliger Schrift und hier aufschreiben angestift daß sie daraus schöpfen Nutzen viel. Die Verse machen den wesentlichen Zweck des gesamten Inschriftenprogramms deutlich. Die Bibelzitate sollten den Gläubigen grundlegende Aussagen der Bibel im Sinne Luthers nahebringen und dadurch zur Festigung der als richtig empfundenen evangelischen Lehre beitragen. Offensichtlich befürchtete Landgraf Wilhelm IV. eine katholische Gegenreaktion, bei der die Inschriften entfernt werden könnten, denn die Anweisung am Ende der Inschrift, die Texte in diesem Fall wiederherstellen zu lassen, ist äußerst ungewöhnlich. Die Bedeutung der Reformation hatte Wilhelm IV. schon 1587 in einem Inschriftenzyklus in der Schloßkirche von Schmalkalden thematisieren lassen, in dem der Papst als Antichrist dargestellt wurde.5) Wenn auch die Stoßrichtung in Schmalkalden ganz anders ausgerichtet ist als in Rotenburg, wird doch in beiden Programmen die Sorge Wilhelms um den Bestand der Reformation und sein Mißtrauen gegen die katholischen (oder auch innerreformatorischen) Kräfte sichtbar, das sich auch in seiner Politik bemerkbar machte.6)

Textkritischer Apparat

  1. Die Namen bei Lucae in Kapitalis mit erhöhten Versalien herausgehoben. Die Hervorhebung von Namen – in diesem Falle von Fürsten und ihren Herrschaften – in Kapitalis aus einem Frakturtext ist vom Epitaph Hans’ III. Landschad von Steinach († 1572) bekannt, vgl. DI 38 (Bergstraße) Nr. 160 mit Abb. 69a–b, dazu auch Drös, Schrifthierarchie 91 f. mit Abb. 2. Wegen der deutschen Sprache scheint auch die Kombination mit Frakturversalien möglich.
  2. Sic!

Anmerkungen

  1. Dehio, Hessen 756 f.
  2. Vgl. eine Urkunde, den Schutzbrief vom 21. Februar 1567, wegen des „Widdums“ Schloß, Stadt, Amt und Gericht zu Rotenburg, Rengershausen und Wildeck, HStA Stuttgart, Württembergisches HausA, G 52 U 74. Die Landgräfin Sabine, geb. Herzogin von Württemberg starb am 17. August 1581 in Rotenburg.
  3. Dehio, Hessen 756; Dehio, Hessen I (2008) 787; eine quellenbasierte Darstellung bei Ortmüller, Geschichte; siehe auch bei Nr. 176, 223 u. 224.
  4. Vgl. zu dem Inschriftenprogramm Lucae 51 (50).
  5. Unter dem Eindruck von Luthers Papstkritik entstand 1521 die Schrift „Passional Christi und Antichristi“, in welchem das Wirken Christi und das Wirken des Papstes kontrastierend gegeneinander gesetzt wurden. Lucas Cranach der Ältere entwarf dazu die Bilder, und Philipp Melanchthon wählte mit Unterstützung des Juristen Johann Schwertfeger die Bibelstellen und die Zitate aus dem kanonischen Recht aus. Landgraf Wilhelm ließ den Bilderzyklus Cranachs mit den Texten sowie zusätzlichen Hexametern vom Schloßmaler Georg Kronhard für die Schloßkirche in Schmalkalden malen, vgl. Gerland, Die Antithesis Christi et Papae 189–201.
  6. Press, Hessen im Zeitalter der Landesteilung 275 f.

Nachweise

  1. Lucae, Kleinod 51 f. (50 f.).

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 222† (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0022200.