Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 219 Bad Hersfeld, Museum, vom Friedhof am Frauenberg 1590

Beschreibung

Gedenkinschrift auf einer Tafel aus rotem Sandstein, im Museum (Inv. Nr. D 89/68, alte Inv. Nr. B 31, ein Foto von 1936, Nr. 324/36). Die Inschrift befand sich ursprünglich in der Mauer rechts neben dem Tor des Friedhofs am Frauenberg.1) Oben in der Mitte der Tafel ist ein Wappen angebracht, das die ersten drei Zeilen der Inschrift unterbricht. In Inschrift (A) ist hinter die Namen der beiden zusammengehörenden Amtsträger jeweils eine geschweifte Klammer gesetzt, hinter der die Amtsbezeichnung steht.

Maße: H. 83, B. 47, Bu. 3 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

© Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Brunhild Escherich) [1/1]

  1. A

    AN//NO / 15//90a) / 26 // MAII / CRATO MILSING / CYRIAC(VS) [GO]LTZIVSb) / CO(N)S(VLES)c) / HENRIC(VS) FVCHSIVSd) / IOA(N)NES BECKER WISG/ERBER / AEDI/LES

  2. B

    VOS QVI TRANSITIS ME/[M]ORESe) NOSTRI QVOQVE / SITIS2)QVOD SVMVS / HOC ERITIS FVI[M]VS / QVANDOQ(VE)f) QVOD ESTIS

Übersetzung:

(A) Im Jahr 1590, am 26. Mai, Crato Milsing, Cyriacus Lizius, (beide) Bürgermeister, Heinrich Fuchsius, Johannes Becker, Weißgerber, (beide) Baumeister.

(B) Ihr, die ihr vorübergeht, seid auch unserer eingedenk: Was wir sind, das werdet ihr sein, und wir sind einst das gewesen, was ihr jetzt seid.

Versmaß: Zwei Hexameter, zweisilbig rein und einsilbig rein gereimt (B).

Wappen:
Stadt Hersfeld (Doppelkreuz)

Kommentar

Die Inschrift dokumentiert vermutlich die Eröffnung des Friedhofs auf dem Frauenberg,3) wo schon der erste Friedhof Hersfelds lag, nachdem er zwischenzeitlich an die Stadtpfarrkirche verlegt worden war. Inschrift (A) nennt die für die Errichtung des Friedhofs verantwortlichen Amtsträger: Crato (Kraft) Milsing ist 1590 und 1597 als Bürgermeister belegt, Cyriacus Golz 1590, 1603 und 1614.4) Fuchsius und Becker waren die Baumeister der Stadt. Ein Hen Fuchs zu der Ecken hatte 1597 per Los Anteil am Klausweerth; ein Johannes Becker war 1588 Bürgermeister.5)

Inschrift (B) hält zum Gedenken an und verweist auf die Vergänglichkeit des Menschen. Der zweite Hexameter findet sich in leicht abgewandeltem Wortlaut bereits in römischen Grabinschriften und auch im Epitaph Alkuins († 804), des Beraters Karls des Großen.6) Später bildete der Spruch „Quod fuimus, estis; quod sumus, vos eritis“ den Kern der Legende von den drei Lebenden und den drei Toten. Diese Legende erzählt von drei vornehmen jungen Männern, die ausritten und drei Skeletten begegneten, von denen sie an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnert wurden. Besondere Verbreitung fand diese Erzählung im 14. und 15. Jahrhundert.7) Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts läßt sich dieser Teil der Aussage in verschiedenen Varianten auf Grabdenkmälern nachweisen.8) Die ganze Inschrift (B) mit einigen Varianten („mortis“, „super omnia“, „rogo sitis“) scheint weit verbreitet gewesen zu sein und gelegentlich sogar weit in die Anfänge der Grabplattenzeit zurückzureichen.9) Übereinstimmend steht die Inschrift seit 1574 am protestantischen Friedhof von Wasselonne (Bas-Rhin)10) und 1592 auf dem Epitaph des Sobernheimer Schultheißen Johann Schneck.11) Die alte Wurzel des Textes ist verantwortlich für die 1590 schon lange nicht mehr zeitgemäßen Leoniner.

Ein ähnlicher Stein von 1666 (hochrechteckig, erhabene Jahreszahl über erhabenem Wappen, d.i. Hersfelder Doppelkreuz, Namen und hier noch stärker verstümmelter Text) befindet sich gleichfalls im Museum und kombiniert die Namen der für eine Baumaßnahme am Friedhof Verantwortlichen mit einem Text zur Vergänglichkeit.12)

Die 0 der Jahreszahl ist sehr klein im Verhältnis zu den übrigen Ziffern. Die lineare Schrift besitzt eine eher rudimentäre Qualität und weist schwankende Buchstabengrößen und nicht konsequent senkrechte Ausrichtung der Schäfte auf, außerdem unsichere Bogenbildung, vor allem mandelförmiges O; an Besonderheiten fallen schmales, aber trapezförmiges A mit Deckbalken, M mit sehr schrägen Außenschäften und kurzem Mittelteil sowie unziales Q, hier in der Version der humanistischen Minuskel, auf.

Textkritischer Apparat

  1. Die Jahreszahl ist in erhabenen Ziffern ausgeführt.
  2. Lezius Demme; [go]LTZIVS Hörle.
  3. Abgekürzt als COSS, also aus der Suspensionskürzung CO(N)S mit der Verdopplung des letzten Buchstabens als Pluralindikator, nicht mittelalterlich als Kontraktion.
  4. Fuchsio Demme.
  5. meliores Demme.
  6. quando Demme.

Anmerkungen

  1. Demme 82; Wiegand, Kulturdenkmäler 206.
  2. Vgl. unten Kommentar.
  3. Wiegand, Kulturdenkmäler 206, mit Hinweis auf eine mit der Jahreszahl 1666 zu verbindende Erneuerung.
  4. Gegen Demme 378 f. muß man den Namen Golz statt Bolz lesen, so bei Demme verbessert.
  5. Vgl. StA Bad Hersfeld, Sa1a, fol. 99r; Demme, Nachrichten I 378.
  6. Wallach, Alcuin 256 f.
  7. E. Heyse, Drei Lebende und drei Tote, in: LMA 3 (1986) 1390 f.
  8. DI 1 (Badischer Main- und Taubergrund) Nrr. 272, 316; DI 25 (Ludwigsburg) Nr. 654; DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) Nr. 477 (am Friedhof).
  9. Vgl. die Inschriften des Abtes Johannes von Eldena († 1295), DI 77 (Greifswald) Nr. 3, und des Abtes Gilbert von Le Bec († 1327). Jüngere in DI 58 (Stadt Hildesheim) Nr. 130, DI 49 (Darmstadt, Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau) Nr. 271.
  10. So scheint der Text nicht nur für Grabinschriften, sondern auch für die Friedhofsumgebung und Funeralriten interessant gewesen zu sein, vgl. in Anm. 8 den Rheingauer Beleg und die Umarbeitung einer Grabplatte im Main- und Taubergrund, sodann in der Hessischen Landesbibliothek Fulda, Hs. Aa 136, fol. 106v innerhalb eines „Sermo de morte“.
  11. Vgl. DI 34 (Bad Kreuznach) Nr. 385.
  12. Vgl. zum Text Ley: Es folgt nach Bürgermeistern und Baumeistern, AEDILES, ein Horaztext aus Carm. 4,7,16: PVLVIS ET VMBRA / SVMVS . PVLVIS / NIHIL EST NISI / FVMVS . SED NI/HIL EST FVMVS NOS NIHIL ERGO / SVMVS.

Nachweise

  1. Demme, Nachrichten I 82, Anm. 3 (A, B).
  2. Hörle, Alt-Hersfelder Inschriften 110.
  3. Ley, Friedhöfe 78 (A, B).
  4. Zillinger, Friedhof 6.

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 219 (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0021902.