Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 213 Bad Hersfeld, Stiftskirche/Stiftsruine 1588

Beschreibung

Grabplatte des Abtes Ludwig Landau. Die Platte aus gelbem Sandstein steht heute im Turmerdgeschoß an der Südwand; Schlegel teilt auch nur den Standort Stiftskirche mit. Die Grabinschrift (A) läuft auf dem Rand zwischen Linien um. Im Feld befindet sich das reliefierte Abtsvollwappen, hinterlegt von einem Abtsstab, der durch die Mitra der Helmzier gesteckt ist und unten links unter dem Wappen hervorschaut. Darunter ist die Jahreszahl mit der Signatur (B) angebracht. Der Stein zeigt im unteren Drittel einen waagerechten Bruch. Die rechte untere Ecke ist herausgebrochen, aber noch vorhanden. Lediglich ein kleines Stück der rechten Leiste ist verlorengegangen. Als Trennzeichen dienen Quadrangel, als Kürzungszeichen für Suspensionen Quadrangel in Kontur. Schlegels Bemerkung zu „aeri incisum“ bezieht sich nur auf den Kupferstich für eine geplante Veröffentlichung.

Maße: H. 211,5, B. 90, Bu. 8 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

© Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/2]

  1. A

    AN(N)O D(OMI)NI 1588 / VI SEPTEMB(RIS) ∙ OBIIT PLACIDE IN [CHRI]STO REVE/RENDISS(IMVS) [P]RINCEPS / AC D(OMI)N(V)S D(OMI)N(V)S LVDOVIC(VS) ECCL(ES)IAE HERSFELD(ENSIS)a) ∙ ABBAS

  2. B

    ∙ 1 ∙ 5 ∙ V(ALENTINVS) H(EP) ∙ 8 [8]b)

Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1588, am 6. September starb sanft in Christo der hochwürdigste Fürst und Herr, Herr Ludwig, Abt der Hersfelder Kirche.

Wappen:
Stift Hersfeld/Landau1)

Kommentar

Die Buchstabenformen der gleichstrichigen Kapitalis unterscheiden sich etwas von jenen, die sich auf früheren Grabdenkmälern aus der Werkstatt des Valentin Hep nachweisen lassen. So sind die Bogenansätze nun eckiger, und das E trägt drei unterschiedlich lange Balken, während sie zuvor in der Regel gleich lang gestaltet waren; den trotz teilweiser Drängung rundovalen O fehlen die für Heps gedrängte Schrift typischen Spitzen in der Senkrechten.2) Den links überstehenden oberen Balken des F weist auch die Bauinschrift Abt Ludwigs aus dem Vorjahr (vorangehende Nr.) auf; wegen der übermäßigen Drängung von deren Buchstaben sind weitere Vergleiche kaum möglich. Der große zeitliche Abstand zu anderen Arbeiten Heps, zugewiesen letztmalig 1582 (Nr. 203) und signiert letztmalig davor 1581 (Nr. 200), und das Fehlen seiner Schriftmerkmale in drei Auftragsarbeiten Landaus (Nrr. 208 f., vorangehende Nr.) deutet auf tiefgreifende Veränderungen in der Werkstatt, deren Signatur hier jedenfalls nicht mehr zu den Schrifteigenheiten der älteren Werkstatt Heps paßt.

Der aus Hünfeld stammende Ludwig Landau war zunächst Mönch in dem Kloster auf dem Petersberg bei Fulda. Auf Empfehlung des Bischofs von Naumburg, Julius Pflug, wurde er nach Hersfeld versetzt, wo er 1560 zum Propst von Johannesberg3) und zum Dekan des Kapitels erhoben wurde. Nachdem ihn Abt Michael bereits zum Koadjutor ernannt hatte, wurde er nach Michaels Tod 1571 selbst Abt. Der Konvent bestand zu dieser Zeit nur noch aus ihm und dem lutherisch gesinnten Propst von Göllingen, Crato (Kraft) Weiffenbach (Nrr. 202, 211/OOO). Zwischen den beiden kam es zu ernsthaften Konflikten, so daß Landgraf Wilhelm IV. von Hessen auf eine Ergänzung des Konvents drängte, die 1582 stattfand.4) Der neue Konvent bestand aus katholischen und protestantischen Mitgliedern,5) was Ludwig kein Problem bereitet haben dürfte, da er wie schon sein Vorgänger dem Protestantismus pragmatisch gegenüberstand, aber gerade im Hinblick auf Aktivitäten außerhalb Hersfelds, etwa mit einer Studienstiftung für seine Familie am Fuldaer Jesuitenkolleg, eine tief katholische Gesinnung an den Tag legte. Auch zum Landgrafen von Hessen pflegte Ludwig ein gutes Verhältnis und wandelte die 1558 für 20 Jahre vereinbarte Überlassung der Hälfte der Stadt Hersfeld an den Landgrafen in ein förmliches Lehen um.6) Viel Energie verwendete Ludwig auf Baumaßnahmen in seiner Residenz Burg Eichhof sowie im Stiftsbezirk und in anderen Besitzungen des Stiftes7) sowie für das vom Vorgänger gegründete Gymnasium8) und das Hospital in Niederaula9).

Dem schon lange kranken Abt wurde im Februar 1588 der Dekan Crato (Kraft) Weiffenbach (Nr. 211/OOO) als Koadjutor zur Seite gestellt, der dann nur wenige Tage nach Ludwigs Tod mit gehörigem Druck von landgräflicher Seite zum Abt gewählt wurde. Weiffenbach wurde von Papst und Kaiser nicht bestätigt, weshalb immerwährend Einmischungen drohten. Im Jahre 1592 wurde er vom neuen Landgrafen Moritz I. zum Rücktritt gedrängt, und der katholische Joachim Roell (Nrr. 211/OOO, 274 f.) folgte ihm nach.10)

Textkritischer Apparat

  1. Der obere Balken des F ist wie der Deckbalken eines T gestaltet.
  2. Schlegels Nachzeichnung weist eine in eine 0 geschriebene 8 auf; im Text las Schlegel die Stelle allerdings 1580 und schloß daraus auf eine Fertigung schon zu Lebzeiten des Abtes. Das wäre bei Grabplatten mindestens ungewöhnlich, würde aber die dünnere Linienführung und Füllung der Bögen bei der 88 der Jahreszahl erklären. Das Tagesdatum ist jedoch ohne irgendwelche Unregelmäßigkeiten an den Beginn der rechten Leiste gestellt, wo wie am Ende die Ecke freigelassen wurde. Die Buchstaben von VI SEPTEMB passen zum übrigen Text. Zwar zeigte sich Hep beim Epitaph des Lukas von Trümbach (Nr. 172) weitsichtig und ließ viel Platz für den Nachtrag des Tagesdatums, doch eben zu viel, was wie bei zu geringem Platz zu einer unregelmäßigen Verteilung führte. Auch versah Valentin Hep seine Werke vielfach mit seinen Initialen und gab regelmäßig das Herstellungsjahr dazu, auch wenn es nicht vom Todesjahr abwich.

Anmerkungen

  1. Quadriert: 1/4. Stift Hersfeld, 2/3. Landau; Helmzier: Krone, in der verwitterten Mitra kein Kreuz, auch nicht nach Schlegel, darüber Landau (Pfauenstoß); der Stab ist nicht nur Helmzier, sondern, als Ganzes schräggestellt, ein auf der Platte verewigtes Herrschaftszeichen.
  2. Vgl. zu weiteren erhaltenen Arbeiten der Werkstatt Hep Nrr. 172 f., 181, 184, 186, 195 f., 199, 200, 203 und Einleitung Kap. 5.2.
  3. Unger, Hersfeld, Johannesberg 631.
  4. Vgl. Piderit, Denkwürdigkeiten 162 f.; Demme, Nachrichten I 73 und 75 falsch zu 1576; verläßlich Neuhaus, Instruktion und ders., Beiträge 20–22.
  5. Demme, Nachrichten I 75. Die Nähe Landaus zur Reformation relativiert Weber, Landau 38 anhand diverser Stiftungen.
  6. Piderit, Denkwürdigkeiten 163; Demme, Nachrichten I 54 und Beilage 79.
  7. Vgl. dazu Nrr. 181, 208 f., besonders vorangehende Nr.
  8. Vgl. Neuhaus, Beiträge 43 f. zum Stipendium.
  9. Vgl. den erneuerten Stiftungsbrief mit weiteren Zuwendungen, HStA Marburg, Best. Urk. 56, Nr. 1863 vom 2. August 1587.
  10. Vgl. zur Person zusammenfassend Ziegler, Mitra und Krummstab 21; „Landau, Ludwig V.“, in: Hessische Biografie <http://www.lagis-hessen.de/pnd/136244297> (Stand: 14. 4. 2021, Bearb. Stefan Alles).

Nachweise

  1. Schlegel, Abbatia, fol. 185v (Zitat), fol. 186r (Nachzeichnung) (A, B).
  2. Schlegel, Abbatia (Hs, Gießen) 418.
  3. Hörle, Alt-Hersfelder Inschriften vor 1606, 119.
  4. Bildhauer Valentin Hep 54 m. Abb. S. 53.
  5. „Abt Ludwig (V.) Landau 1588, Hersfeld“, in: Grabdenkmäler <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/gdm/id/1061> (Stand: 29. 9. 2021, Bearb. Andreas Schmidt, HLGL).

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 213 (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0021301.