Inschriftenkatalog: Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 91: Hersfeld-Rotenburg (2015)

Nr. 212 Bad Hersfeld, Museum, aus Stiftsgebäude 1587

Beschreibung

Bauinschrift und Lobgedicht auf einem Wappenstein des Abtes Ludwig Landau. Der Stein befand sich ursprünglich über der zum Kreuzgang führenden Durchfahrt, die der Abt in dem Gebäude des Stiftes anlegen ließ, das südlich direkt an die Klausur anschloß.1) Später ließ man den Stein in die Friedhofsmauer ein2) und verbrachte ihn dann ins Museum (Inv. Nr. 89/55). Er trägt in der Mitte das Abtswappen unter einer Mitra, hinterlegt von einem Abtsstab, der durch die Mitra gesteckt ist. Darüber befindet sich eine Tafel mit der Bauinschrift (B) und darunter eine Tafel mit dem Lobgedicht (C). Die Jahreszahl (A) ist im dreieckigen Giebel unter einer Rosette angebracht. Die untere Inschrift weist einen Längsriß sowie zahlreiche Beschädigungen auf. Als Trennzeichen dienen in (A) Quadrangel.

Maße: H. 181, B. 83, Bu. 3,5 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

© Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/3]

  1. A

    1 ∙ 5 ∙ 8 ∙ 7

  2. B

    TRES A(NN)OS ET LVSTRA DECEM DVM VIXERAT ABBAS /LVDVICVS SEX ET DENOS REGNAVERAT A(NN)OS /HAS FIERI PORTAS HAEC PONI INSIGNIA FECIT /DIGN(VS) QVI PORTAM COELI POST FATA SVBI(N)TRET

  3. C

    IVSTITIAE PORTA QVI MVNIS COM(M)ODA REGNI /HANC FIERI [PORTA]M TV LVDOVICE FACISTV REGNV(M) DECORAS STRVCTVRIS IVRE SALV[T]E /INDE DEI REGNI CIVIS ET HOSPES ERIS

Übersetzung:

(B) Als Abt Ludwig drei Jahre und 10 Lustren (= 53 Jahre) gelebt und 16 Jahre regiert hatte, ließ er dieses Tor machen und dieses Wappen darauf setzen, er, der nach dem Tode würdig das Tor des Himmels durchschreiten möge.

(C) Der du als Tor der Gerechtigkeit den Nutzen der Herrschaft schützest, du, Ludwig, hast dieses Tor machen lassen. Du hast die Herrschaft durch Bauten, durch Recht und durch die Wohlfahrt geschmückt und wirst deshalb Bürger und Gastfreund im Reich Gottes sein.

Versmaß: Vier Hexameter (B); zwei elegische Distichen (C).

Wappen:
Stift Hersfeld/Landau3)

Kommentar

Die Inschrift ist in einer Kapitalis mit schmalen, gedrängt stehenden Buchstaben ausgeführt und weist in deren Bildungsweise einige Besonderheiten auf: Der obere Balken des F steht verhältnismäßig weit nach links über, der Bogen des G reicht nicht auf die Grundlinie, und die Cauda ist unter das Bogenende bis auf die Grundlinie gezogen. Auch die geschlossene Bogenlinie des Q steht etwa auf der Zeilenmitte auf, während die durchgebogene Cauda mit dem rechtsschrägen Ansatzstrich bis auf die Grundlinie reicht.4) Das O ist spitzoval, und das X besteht aus zwei voneinander abgewendeten Bögen, durch die ein kurzer Mittelbalken gezogen ist. Das ist nicht die Schrift von Landaus Bildhauer Valentin Hep, dessen E mit gleichlangen Balken ebenfalls fehlt.

Abt Ludwig Landau5) veranlaßte in seiner nicht ganz 17 Jahre währenden Amtszeit zahlreiche Baumaßnahmen, auf die die Inschrift (C) anspielt. So wurde unter ihm ab 1572 die Burg Eichhof umgebaut (Nr. 181) und das sogenannte Abtsschlößchen in Hersfeld (Im Stift 11, Nr. 118/VIII) errichtet.6) Im Jahr 1584 ließ er den Amtshof in Niederaula erweitern (Nrr. 208 f.). Die Formulierung der Inschrift, Ludwig habe „die Herrschaft durch Recht und durch die Wohlfahrt geschmückt“, könnte sich auf sein Bemühen beziehen, die Lehnsverhältnisse des Stifts zu ordnen.7) Beide Inschriften nehmen jeweils in ihrem letzten Vers auf den Tod und auf eindeutig von katholischem Gedankengut geprägte Jenseitsvorstellungen Bezug. Tatsächlich hat Abt Ludwig Landau den Bau der Durchfahrt nicht lange überlebt: Er starb am 6. September 1588 (Nr. 213).

Anmerkungen

  1. Wiegand 139.
  2. Demme 80; Neuhaus.
  3. Quadriert: 1/4. Stift Hersfeld, 2/3. Landau (zwei [Pilger]stäbe); Helmzier: Landau (ein Pfauenstoß).
  4. Diese Variante kommt in Oberwesel 1597 vor, vgl. DI 60 (Rhein-Hunsrück-Kreis I) Nr. 252 mit Abb. 220, und in Trier 1604, vgl. DI 71/1 (Trier II) Nr. 550 mit Abb. 379.
  5. Zu seiner Person vgl. Nr. 213 u. 214.
  6. Wiegand 144 f.
  7. Vgl. dazu Demme 76 f.

Nachweise

  1. Demme, Nachrichten I 80 f., Anm. 4.
  2. Neuhaus, Bei den Toten 75 (Abb.).
  3. Hörle, Alt-Hersfelder Inschriften vor 1606, 119.
  4. Neuhaus, Geschichte Hersfeld 149 (Abb.).
  5. Frontispiz zu HJH 12 (1966).
  6. Wiegand, Kulturdenkmäler 140 (Abb.).

Zitierhinweis:
DI 91, Hersfeld-Rotenburg, Nr. 212 (Sebastian Scholz und Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di091mz14k0021202.