Inschriftenkatalog: Landkreis Calw

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 30: Landkreis Calw (1992)

Nr. 185 Hirsau, Marienkapelle 1516

Beschreibung

Firgürliche Gewölbekonsolen im Schiff und im Chor der Kapelle. Stein, farbig gefaßt (neu). Das einschiffige Netzgewölbe der 1508–16 von Martin von Urach erbauten Marienkapelle ruht auf 12 Gewölbekonsolen mit polygonalen Deckplatten, die von nahezu lebensgroßen Halbfiguren der 12 Apostel getragen werden; sie halten jeweils ihre Attribute und vielfach verschlungene Schriftbänder mit Namen und Votum in den Händen1. Die Schrift ist schwarz auf weiß aufgemalt, teilweise aber bei einer Restaurierung im 19. Jahrhundert sehr stark verändert; auch die Figuren sind nach 1888 durchgreifend restauriert und teilweise ergänzt worden.

Maße: H. (der Spruchbänder) ca. 14, Bu. ca. 12 cm.

Schriftart(en): Frühhumanistische Kapitalis.

© Heidelberger Akademie der Wissenschaften [1/4]

  1. NordseiteS(ANCTUS) IACOBOb) [ORA PRO NOBIS]a)S(ANCTUS) A(N)DREAS ORA PRO [NOBIS]a)S(ANCTE) PETRE ORA PRO NOBISS(ANCTUS) MA[TTH]IAS ORA [PRO NOBIS]a)S(ANCTUS) IUDAS ORA PRO N[OBIS]a)(Simon Zelotes) Spruchband zerstört

    SüdseiteS(ANCTUS) IOHA[NNES] ORA PRO N[OBIS]a)S(ANCTUS) PHILIPOb) ORA [PRO NOBIS]a)S(ANCTUS) THOMAS ORA [PRO NOBIS]a)S(ANCTUS) BARTOL[MEUS ORA PRO NOBIS]a)S(ANCTE) [MATT]EE ORA PRO NOBI[S]a)S(ANCTUS) IACOBUS [ORA PRO NOBIS]a)

Kommentar

Der Schlußstein des Rippengewölbes zeigt den Apostel Petrus mit Schlüsseln und Buch ohne Beischrift.

Der ursprüngliche Schriftcharakter ist durch die Restauerierungen weitgehend verwischt, obwohl eine Orientierung an den Grundformen der frühhumanistischen Kapitalis erkennbar bleibt. So erscheinen das der Schrift eigentümliche nach links offene D, ein eckiges C wie auf dem figürlichen Aurelius-Denkmal (vgl. nr. 160) und das P meistens mit übergroßem Bauch. Das runde U in JUDAS dagegen dürfte wohl Zutat der Restaurierung sein. Willkürlich sind die Endungen der Namen, vermutlich durch die Restaurierung beeinträchtigt. In einigen Fällen ist der Vocativ nachweisbar, in anderen ebenso deutlich der Nominativ. Die hochformatige und relativ schmale Kontur der Buchstaben dürfte unverändert übernommen worden sein. Worttrenner bilden paragraphenförmige Zierpunkte. Den Windungen der Spruchbänder entsprechend erscheint gelegentlich die Schrift spiegelverkehrt (Johannes-Konsole). Eine erwogene ehemalige Beschriftung mit den Credo-Artikeln statt der Anrufung erscheint angesichts der Dimension der Schriftbänder und ihrer Windungen kaum denkbar, weil die Proportionen der Schrift es kaum zulassen, daß die längeren Credo-Artikel – selbst bei starker Kürzung oder nur mit dem Initium – ästhetisch befriedigend Platz gefunden haben könnten. – Die Halbfiguren-Konsolen sind hier für das Jahr 1516 (Weihedatum) in Anspruch genommen worden, da nach dem Baufortgang ihre Vollendung zum Zeitpunkt der Weihe gesichert sein dürfte.

Textkritischer Apparat

  1. Rest der Schrift durch die Windungen des Spruchbandes verdeckt.
  2. O statt VS Fehler der Restaurierung?

Anmerkungen

  1. Zum Motiv der spätgotischen Halbfiguren-Konsole im Gewölbebau und seiner vermutlichen Herkunft vgl. DI 25 (Ludwigsburg) Einleitung S. XXXV. Spezifisch und ausführlich zu Hirsau jetzt Seeliger-Zeiss, Studien zur Architektur der Spätgotik in Hirsau, S. 343ff.

Nachweise

  1. Seeliger-Zeiss (wie Anm. 1) S. 343 (Lit.).

Zitierhinweis:
DI 30, Landkreis Calw, Nr. 185 (Renate Neumüllers-Klauser), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di030h010k0018504.