Inschriftenkatalog: Landkreis Calw

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 30: Landkreis Calw (1992)

Nr. 194 Hirsau, Marienkapelle 1524

Beschreibung

Grabplatte des Abtes Johannes Hannßmann. Im Chor als Wandgrabmal aufgestellt. Der Platte aus grauem Sandstein ist im Bildfeld die Figur des Abtes mit Mitra, Pedum und Buch aufgelegt, zu Häupten Ornament in Baldachinform, zu Füßen kapitellartiger Sockel mit Wappen. Umschrift umlaufend, durch Ritzlinie vom Bildfeld abgegrenzt. Nach dem Fundbericht von 1888 lag die Platte grabdeckend im Fußboden des Langhauses, durch einen Bretterboden abgedeckt. Nach einer Restaurierung wurde die Platte hinter dem Altar in der Marienkapelle aufgerichtet (bis ca. 1970), heute ist der Standort auf der nördlichen Polygonseite.

Maße: H. 199, B. 104, Bu. 4,6–4,8 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

© Heidelberger Akademie der Wissenschaften [1/1]

  1. ANNO D(OMI)NI · M · CCCCC XXIIII · XVI/KALEN(DAS) IVLII OBIIT R(EVEREN)DVS IN CHR(IST)O P(ATE)R · D(OMI)N(V)S IOANNES HANSEMAN(N) / DE CALVA HVIVS MONASTERII / ABBAS CVIVS ANIMA DEO FELICITER IN ETERNVM VIVAT · AME(N) ·

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1524 an den 16. Kalenden des Juli (Juni 16) starb in Christus der verehrungswürdige Vater, Herr Johannes Hannßmann aus Calw, Abt dieses Klosters. Seine Seele möge durch Gott selig in Ewigkeit leben. Amen.

Wappen:
Hannßmann, Buchstaben I(OHANNES) A(BBAS).

Kommentar

Die Kapitalis ist sehr sorgfältig proportioniert und läßt auf eine genaue Vorlage bzw. sogar eine Vorzeichnung schließen, zumal auch die Verteilung auf den verfügbaren Raum genau beachtet ist. Die Kürzungen sind vermutlich spätmittelalterlichen Schreibergewohnheiten abgesehen: REVERENDVS ist durch ein R mit Kürzungsstrich durch die Cauda dargestellt, das D mit VS-Ligatur dahinter hochgestellt. Die Kürzungsstriche sind alle mit Wölbung im Querbalken ausgeführt, A mit breitem Deckbalken, I zweimal mit I-Punkt.

Hannßmann wird in anderen Quellen auch ‚de Leonberg‘ genannt1. Die Unstimmigkeit ist schon Parsimonius aufgefallen2. Leonberg war Geburtsort, die Familie dagegen gehörte zur Calwer Ehrbarkeit3. Johannes Hannßmann vollendete den Kreuzgang, erbaute die Marienkapelle, und er ließ ‚ad honestam fratrum suorum petitionem hoc picturae opus (in isto aestivali refectorio) posteritati benemerenti‘ anfertigen4. Sein Wappen ist an einem Balken des Refektoriums eingeschnitzt worden und erscheint auch an der Lesekanzel mit den Buchstaben I. A wie am Grabdenkmal5.

Ein in Distichen gefaßtes Epitaph überliefert der Codex Hirsaugiensis6. Das läßt auf ein weiteres Denkmal – möglicherweise eine Schrifttafel (Stein oder nur Pergament?) – in der Nähe schließen. Da die Bildnisplatte trotz der plastischen Ausführung nachweislich im Kirchenfußboden zur Abdeckung des Grabes verlegt war7, müssen die Distichen als Schriftepitaph (mit Wappen?) angesehen werden (vgl. nr. 195).

Anmerkungen

  1. Vgl. nr. 179 und 184 (Bauinschriften 1508 und 1516).
  2. Parsimonius fol. 90.
  3. Schreiner, Benediktinerkonvente S. 148f.
  4. Parsimonius fol. 89v. – Vgl. Codex Hirsaugiensis fol. 13v.
  5. Parsimonius fol. 117v.
  6. Codex Hirsaugiensis fol. 13v; Ausgabe Schneider S. 17.
  7. Vgl. K. H. Klaiber, Gedenkwort zur Einweihung der Marienkapelle 1892 (Pfarrarchiv Hirsau) S. 7.

Nachweise

  1. Parsimonius fol. 126r.
  2. Bach, Grabdenkmale S. 121.
  3. Weizsäcker, Baugeschichte S. 25.

Zitierhinweis:
DI 30, Landkreis Calw, Nr. 194 (Renate Neumüllers-Klauser), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di030h010k0019400.