Inschriftenkatalog: Landkreis Calw

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 30: Landkreis Calw (1992)

Nr. 117 Obertsrot (Stadt Gernsbach), Schloß Eberstein 1464

Beschreibung

Kreuzigungsgruppe an der Mantelmauer des Schloßhofs links neben dem Bergfrit. Früher im Kloster Herrenalb über der nördlichen Tordurchfahrt in den Klosterhof am früheren Klostervogteigebäude. 1830 wurde die Kreuzigungsgruppe unter Großherzog Leopold von Baden für 500 Gulden vom württembergischen Staat erworben und 1842 an den heutigen Standort verbracht, wo sie in eine neugotische Rahmenarchitektur eingebaut wurde. Gelblicher Keupersandstein mit Farbspuren früherer Bemalung. Unterbau mit Sockel und Strebepfeilern Zutat der Umsetzung von 1842, ebenso ein schmaler Rahmen aus rotem Sandstein, auf dem die neugotische Verdachung ruht. Kreuz mit Titulus (erhaben, A). Am Kreuzesstamm kniend Maria Magdalena, darüber am Kreuzesstamm in erhabenen Ziffern die Jahreszahl, rechts und links davon auf der Grundfläche die Devise (B). Unter dem Kreuz links Maria, rechts Johannes. Zwei weitere vollplastische Figuren unter Baldachinen rechts und links auf dem seitlichen Rahmen, links Mönch (mit Lilie oder Rose in der Hand?), rechts Abt mit Stab und Buch. Unter den Figuren jeweils ein Wappenschild. Fünf Wappenschilde in der Kehlung des unteren Rahmens, zentral ausgerichtet unter dem Kreuz der Reichsadler.

Maße: H. 410, B. 171, Bu. 12,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel, erhaben.

  1. A

    i · n · r · i1)

  2. B

    Soli 1 · 4 · 6 · 4 deo

Wappen:
Württemberg, Pfalz-Bayern, Reichsadler, Baden-Sponheim, Eberstein; Hl. Bernhard, Zisterzienserorden

Kommentar

Das S am Beginn der Devise ist deutlich überhöht, die Buchstaben d und e sind ligiert. In der Jahreszahl die Ziffer 4 jeweils in der gestürzten Form. Das auffallend überhöhte S ist auch in den anderen Inschriften mit der Devise des Abtes Johann von Udenheim charakteristisch; sie findet sich auch auf dem Dachreiter des spätgotischen Glockentürmchens der Herrenalber Klosterkirche (vgl. nr. 115), auf einem Tympanon aus dem Klosterbereich (vgl. nr. 114) und an einem Türsturz des heutigen Arbeitsamtes aus dem Jahre 1465 (vgl. nr. 119).

Die Wappenfolge in der Kehlung des unteren Rahmens spiegelt die Herrschaftsverhältnisse des Klosters im ausgehenden Mittelalter wider: der Reichsadler als Symbol der Reichsunmittelbarkeit, Württemberg, Pfalz, Baden und Eberstein als Schirmherren in Vergangenheit und Gegenwart2. Die Wappen auf der Rahmung geben zugleich einen Hinweis auf die zugehörigen Figuren: danach dürfte links Robert von Molesme, der Gründer des Zisterzienserordens, dargestellt sein, rechts Bernhard von Clairvaux als dessen bahnbrechender Erneuerer3. Bei der rechten Figur ist die ausgeprägt porträthafte Darstellung des Kopfes bemerkenswert: möglicherweise hat hier Abt Johann von Udenheim in gewissem Sinn Modell gestanden.

Die Herrenalber Kreuzigung wird einem Meister aus der Trierer Schule des Nikolaus Gerhaerts von Leyen zugeschrieben4. Stilistische Eigentümlichkeiten verbinden sie mit dem Sakramentshäuschen in der Kirche St. Jakob zu Gernsbach (Kr. Rastatt); dabei könnten verwandtschaftliche Beziehungen über die Grafen von Eberstein zu Aufträgen in Herrenalb und in Gernsbach an den gleichen Meister geführt haben5.

Anmerkungen

  1. i(esus) n(azarenus) r(ex) i(udeorum); Joh. 19, 19.
  2. Dazu ausführlich Pflüger, Schutzverhältnisse S. 67ff.
  3. Die bisherige Identifizierung der linken Gestalt als ein dem Zisterzienserorden zugehöriger Graf von Eberstein überzeugt nicht; das Wappen widerspricht dieser Deutung, das Attribut ist nicht identifizierbar. Verbal angesprochen in der Gründungsgeschichte wird Robert von Molesme in der 1424 datierten Wandmalerei im Kloster Maulbronn, vgl. DI 22 (Enzkreis) nr. 58. – Hier könnte ein Anstoß für die seltene Darstellung dieses Ordensheiligen liegen. – Seilacher, Herrenalb S. 42 identifiziert die linke Figur als Stephan Harding (der aber erst 1623 kanonisiert wurde), die rechte als Robert von Molesme. Für Bernhard von Clairvaux spricht außer den Attributen Stab und Buch (die allerdings für sich genommen wenig spezifisch sind) das ‚Bernhardswappen‘.
  4. Die Kunstdenkmäler des Landkreises Rastatt, bearb. von Peter Hirschfeld (= Kdm Baden XII 1) Karlsruhe 1963, S. 287ff. – Otto Linde, Die Konservierung der Kreuzigungsgruppe im Binnenhof des markgräflich-badischen Schlosses Eberstein, in: Mein Heimatland 29 (1942) S. 143–148. – Vgl. auch Die Kunstdenkmäler der Stadt Baden-Baden (Kdm Baden Bd. XI 1) S. 184ff.
  5. Vgl. Kdm Baden XII 1 (wie Anm. 4) S. 141ff.

Nachweise

  1. Kdm Baden XII 1 (wie Anm. 4).
  2. Linde (wie Anm. 4).

Zitierhinweis:
DI 30, Landkreis Calw, Nr. 117 (Renate Neumüllers-Klauser), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di030h010k0011706.