Inschriftenkatalog: Bad Kreuznach

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 34: Bad Kreuznach (1993)

Nr. 622† Sponheim, ehem. Kloster 17.Jh.?

Beschreibung

Gedächtnisinschrift der (hl.) Jutta (von Sponheim). Mehrzeilig auf einem gemalten Bild oder Bildwerk „sub effigie“ angebracht. 1751 erstmals „in monasterio“ überliefert, wohl seit Aufhebung des Klosters 1802 verloren; Ausführung unbekannt.

Nach Wickenburg.

  1. S(anc)ta Juta ordinis S(anc)ti Benedicti Soror Meginhardi Comitis, Fundatoris Sponheimensis / in Monte S(anc)ti Disibodii Magistra S(anc)tae Hildegardis virginis et postea Abbatissae in Monte S(anc)ti Ruperti prope Bingam / quae S(anct)a Juta multis etiam in vita miraculis claruit / inter coetera aquam mutavit in Vinum / et Liquidas Clania) Fluminis undas Siccob) pede cum pluries pertransivit / unde et non Sine Magna opinione Sanctitatis ex hoc mundo transiit. Anno 1136 II. Calend(as) Januarÿc).

Übersetzung:

Die heilige Jutta vom Orden des heiligen Benedikt, Schwester des Grafen Meginhard, Gründers des Klosters Sponheim; auf dem Berg des heiligen Disibod Lehrerin der heiligen Jungfrau Hildegard und späterer Äbtissin auf dem bei Bingen gelegenen Berg des heiligen Rupert. Diese heilige Jutta wurde in ihrem Leben auch durch viele Wunder berühmt; unter anderem hat sie Wasser in Wein verwandelt und oftmals trockenen Fußes die Fluten des Glanflusses überschritten, so daß sie nicht ohne den großen Ruf der Heiligkeit aus dieser Welt gegangen ist, im Jahre 1136, am 2. Tag vor den Kalenden des Januar (31. Dezember).

Kommentar

Wie ein Textvergleich1) zeigt, basiert die Inschrift zumindest in ihrer zweiten Hälfte mehr oder weniger genau auf einer Stelle der 1492 von dem damaligen Abt Johann Trithemius begonnenen und 1506/09 im Manuskript abgeschlossenen Sponheimer Klosterchronik2), die erst 1601 durch Freher zum Druck befördert wurde. Da vorerst nicht entschieden werden kann, welcher Überlieferung die erstmals 1751 zusammen mit drei weiteren vergleichbaren Inschriften3) erwähnte Bildbeischrift zugrunde liegt, ist ihre Entstehung einem größeren Zeitraum zuzuweisen. Dennoch ergeben sich aus der Klostergeschichte einige Anhaltspunkte für eine genauere Einordnung: Abgesehen von der verbleibenden Zeit bis zur Säkularisation des Klosters 1564/654), kommen vornehmlich die Jahre 1622-32 und 1643-1652 in Frage, als das Kloster im Zuge des 30jährigen Krieges von Benediktinern aus St. Martin in Köln zeitweise wieder in Besitz5) genommen wurde – möglicherweise wollte man durch die Berufung auf die Tradition den umstrittenen Anspruch auf das Kloster unterstützen und sichern. Gleiches gilt sicherlich auch für die Zeit nach 1687, als das verfallene Kloster unter französischem Einfluß reaktiviert und unter Pater Elias Bingel6) aus St. Jakob in Mainz wiederbesiedelt wurde. Daher ist auch eine mögliche Entstehung der Inschrift im beginnenden 18. Jahrhundert nicht auszuschließen.

Die wohl 1092 geborene Jutta7) entstammte der Verbindung Graf Stephans von Sponheim (dem eigentlichen Gründer des Klosters) mit Sophie (von Formbach). Ihr Bruder Me(g)inhard von Sponheim setzte das Werk des Vaters fort. Laut Trithemius8) trat Jutta 1112 als Meisterin in die Frauenklause des Klosters Disibodenberg ein und wurde nach ihrem Tod an bevorzugter Stelle „iuxta maius altare versus meridiem“ begraben9). Zur Nachfolgerin der nur regional verehrten Heiligen wurde ihre damals noch weitgehend unbekannte Schülerin Hildegard von Bingen10) bestimmt.

Textkritischer Apparat

  1. Andreae liest clari.
  2. Sicco bis pertransivit fehlt ebd.
  3. Die Annales Sancti Disibodi 25 und ihre Vita (wie Anm. 7, S. 184) überliefern dagegen als Todestag „XI Kalendis Ianuarii“, also den 22. Dezember 1136.

Anmerkungen

  1. „... Iutta multis in hac vita miraculis claruit: aquam inter caetera mutauit in vinum, et liquidas Glani fluminis vndas sicco pede compluries pertransiuit, vnde non sine magnae opinione sanctitatis ec hoc mundo transiuit ad coelum ...“ (Trithemius, Chr. Sponh. 248).
  2. Autograph in der Univ.-Bibl. Würzburg Sign. M.ch.f. 126, fol. 4-124.
  3. Vgl. die folgenden Nrr.
  4. Die Rezeptionsgeschichte des Chronicon Sponheimense ist noch nicht untersucht; es kann daher nicht ausgeschlossen werden, daß in Sponheim selbst eine der zahlreichen Abschriften aufbewahrt wurde (vgl. dazu Arnold, Trithemius 242).
  5. Vgl. dazu und zum Folg. Schneegans, Trithemius 276ff.
  6. Vgl. Nr. 479 von 1614 Anm. 1.
  7. Vgl. zu ihr Mötsch, Sponheim 75 und die Stammtafel S. 96 sowie zu ihrer jüngst aufgefundenen, 1137 unter dem Disibodenberger Abt Adelhun entstandenen Vita F. Staab, Reform und Reformgruppen im Erzbistum Mainz. Vom ‘Libellus de Willigisi consuetudinibus‘ zur ‘Vita domnae Juttae inclusae‘, in: St. Weinfurter (Hg.), Reformidee und Reformpolitik im spätsalisch-frühstaufischen Reich (QuAmrhKg 68). Mainz 1992, 163-166 mit Anhang II.
  8. Chr. Sponh. 247.
  9. Die seit 1985 auch im Südchor der Klosterkirche durchgeführten Untersuchungen vorliegender „unerklärliche(r) Mauerkanten“ ergaben wohl wegen früherer Raubgrabungen keinen sicheren Hinweis auf ihre Grabesstätte; vgl. Stanzl, Klosterruine 29ff.
  10. Vgl. zu ihr Nr. 8 aus dem 4.V.12. Jh.

Nachweise

  1. Wickenburg, Thesaurus Palatinus I 186.
  2. Andreae, Crucenacum Palatinum 79.
  3. Kdm. 391.

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 622† (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di034mz03k0062206.