Inschriftenkatalog: Bad Kreuznach

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 34: Bad Kreuznach (1993)

Nr. 261† Bad Münster am Stein-Ebernburg vor Juni 1523

Beschreibung

Bibelsprüche auf zwei gleich gearbeiteten Werksteinen. Erstmals 1874 bzw. 1917 als Spolien in der hofseitigen Längsfront des 1848/50 in den Ruinen der Ebernburg neuerbauten Gasthauses nachgewiesen, verloren. Unter einem profilierten Muschelaufsatz rechteckige Tafel aus Sandstein mit vierzeiliger Inschrift (I), in gleicher Höhe eingemauert – mit zerstörtem Muschelaufsatz – Inschrift (II).

Nach Kohl, Bildhauerwerke (Foto).

Maße: H. ca. 40, B. ca. 50 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

  1. I

    DER · HER · HAT · MICH / NIT · GELASSEN · SEIN / DIERN · VERMAYLI/ GET · WERDEN1)

  2. II

    DER · HER · VNSZER / GOT · HAT · IN · GESCHL/AGEN · DVRCH · DIE / HANDT · DES · WYBS2)

Kommentar

Die in Form und Inhalt aufeinander bezogenen, von Schrift und Ausführung her der Renaissance verpflichteten Inschriftensteine gehörten wohl zum Interieur der von Schweikhard VIII.3) und seinem Sohn Franz von Sickingen4) ausgebauten Ebernburg. Die vorgenommene Datierung ergibt sich einerseits durch die nachweisbare Verwendung einer hochdeutschen Bibelübersetzung von 1475/76 und andererseits durch die Zerstörung der Ebernburg im Juni 1523.

In Inschrift (I) liegt somit der sehr seltene Fall einer wörtlichen Zitierung eines deutschen, vorlutherischen Bibeldruckes5) vor; bei Inschrift (II) handelt es sich wohl um eine individuelle, weder in den vorlutherischen noch lutherischen Bibeln nachweisbare Übersetzung des lateinischen Textes. Der heute schwer verständliche Sinn der Bibelsprüche erschließt sich nur durch den Zusammenhang der alttestamentarischen Ereignisse: Als Judith den Juden das von ihr abgeschlagene Haupt des zudringlichen Holofernes vorzeigt, begründet sie ihr Tun mit dem Willen Gottes, der es eben nicht zugelassen habe, daß „ancillam suam coinquinari“ (Vulgata), seine Magd vermayliget6), „verunreiniget“ (Luther) worden sei.

Anmerkungen

  1. Jud. 13,20.
  2. Jud. 16,7.
  3. Vgl. dazu Nr. 238 von 1507.
  4. Vgl. Nr. 255 von 1519.
  5. Nach freundlicher Mitteilung von Frau Dr. Christine Wulf, Göttingen, wurde als Vorlage zweifellos die 1475/76 bei Günter Zainer in Augsburg gedruckte Biblia germanica verwendet. Die von Kohl, Inschriften, als Quelle angegebene Nürnberger Koberger-Bibel von 1483 übernahm hingegen lediglich den Text der erwähnten Zainer-Bibel. Vgl. dazu W. Eichenberger/H. Wendtland, Deutsche Bibeln vor Luther. Die Buchkunst der achtzehn deutschen Bibeln zwischen 1466 und 1522. Hamburg 1977, 29ff.
  6. „vermeilen, vermeiligen“ swv. „beflecken, beschädigen“; vgl. M. Lexer, Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Bd. II Leipzig 1878, 176.

Nachweise

  1. Friedlaender, Grabschriften 371 (A).
  2. Kohl, Inschriften 112.
  3. Kohl, Bildhauerwerke 64f. mit Abb. 1 (A) und 2 (B).

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 261† (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di034mz03k0026102.