Inschriftenkatalog: Bad Kreuznach

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 34: Bad Kreuznach (1993)

Nr. 254† Bad Münster am Stein-Ebernburg, Burg Ebernburg 1519

Beschreibung

Spruch- und Meisterinschrift auf einer „Nachtigall“ genannten Kanone; erstmals erwähnt in einer im Juni 1523 anläßlich der Eroberung der Ebernburg angelegten Liste1) des landgräflich-hessischen Beuteanteils an den 36 Geschützen Franz von Sickingens. Noch 1546 in der hessischen Festung Rüsselsheim nachgewiesen, geriet die Kanone im Verlauf des Schmalkaldischen Krieges in die Hände Kaiser Karls V. und wurde vermutlich nach Spanien verschifft. Das Geschütz2) war wohl über 70 Zentner schwer, 14,5 Schuh lang und verschoß bei einem Durchmesser von 17 cm 32pfündige Eisenkugeln. Nach einer im Jahr 1552 angefertigten Nachzeichnung3) war etwa in der Mitte des mit profilierten Stäben und Blattornament verzierten Laufes die Meisterinschrift (A) zu sehen und unten am Bodenstück war die Jahreszahl (B) vor der dreizeiligen Spruchinschrift (C) angebracht. Dazwischen befand sich eine Abbildung des vor einem Kruzifix knienden Franz von Assisi, begleitet von zwei ebenfalls knienden Figuren – wohl den Stiftern – und darüber acht4) halbkreisförmig angeordneten Ahnenwappen.

Nach Beck (d.i. Discvrso, Wolfenbütteler Exemplar; Abb.).

Schriftart(en): Kapitalis.

  1. A

    MEISTER STEFFAN ZV FRANKFORTa)

  2. B

    1519

  3. C

    EIN NACHTIGAL BIN ICH GENANTb)LIPLICH VND SCHON IST MEIN GESANGWEN ICH SING DEM IST DIE ZEIT LANCKc).

Versmaß: Knittelvers.

Wappen:
Sickingen, Puller von Hohenburg, Sien, Nackenheim5); Flersheim, Kranch von Kirchheim, Engaß? (ein Balken)6), Randeck?7).

Kommentar

Durch die Ahnenwappen sind die Stifterfiguren als Franz von Sickingen und seine bereits 1515 verstorbene Gemahlin Hedwig von Flersheim8) zu identifizieren. Von den Zeitgenossen wurde die „Nachtigall“ als sein „größtes(s) und schönste(s) Stück“9) bezeichnet. Der ironische Knittelvers unterstreicht zusätzlich ihre Wirkung.

Der hauptsächlich als Glockengießer10) und städtischer Büchsenmeister tätige Meister Stephan (von Bingen) zu Frankfurt soll neben der „Nachtigall“ noch ein weiteres (inschriftenloses) Geschütz11) für Franz von Sickingen gegossen haben. Im Gegensatz zu der späteren, von seinem Stiefsohn Simon Göbel ebenfalls für die Ebernburg gegossenen Kanone, handelt es sich bei dem hier verwendeten Namen nicht um eine Phantasie-, sondern um eine Gattungsbezeichnung12): Nachtigallen (Duplikana) und die etwas kürzeren Singerinnen (Triplikana) gehörten zur Kategorie der Mauerbrecher und damit zum schweren Gerät, bei dem Rohr und Lafette getrennt transportiert werden mußten.

Textkritischer Apparat

  1. Discvrso (Frankfurter Exemplar) überliefert Martin (sic!) Steffen zv franckfurtt, Spalatin, Gärtner und Leydhecker den Zusatz goß mich.
  2. Spalatin, Münch, Gärtner, Leydhecker und Lehmann überliefern abweichend Die Nachtigall heiß ich.
  3. Discvrso (Frankfurter Exemplar) überliefert wen ich sing dem Zeitt ist lang, Spalatin, Münch, Gärtner und Leydhecker Wem ich sing, dem wird die Zeit lang, Lehmann Wem ich sing, dem wird die Zeit nit lang, Beck und Wehr dagegen Wem ich sing dem ist die Zeit langk.

Anmerkungen

  1. Publiziert bei Polke, Ende 168f. – Vgl. zum Folgenden auch Nr. 259 von 1522.
  2. Angaben nach Spalatin und Beck; vgl. auch Nr. 259 Anm. 5.
  3. Discvrso (Wolfenbütteler Exemplar), nach Beck. – Vgl. dagegen die in Wappen und Text abweichende Fassung des Frankfurter Exemplars (Nr. 56), erstmals abgebildet bei Bund, Glockengießer 179 Abb. 33, mit der von dems. ohne nähere Begründung vorgenommenen Datierung „1518“. Vgl. zu beiden Fassungen Beck 431f.
  4. Discvrso (Frankfurter Exemplar) überliefert nur 6 Wappen.
  5. Nach der Ahnenreihe auf dem Grabdenkmal Franz von Sickingens zu Landstuhl (vgl. Kdm. Kaiserslautern 278 mit Abb. 191) müßte die Abfolge der Wappen lauten: Sickingen, Sien, Landschad von Steinach, Nackenheim.
  6. Discvrso (Frankfurter Exemplar) überliefert hier einen Balken; vgl. zu ihrer Ahnenreihe Möller, Stammtafeln NF I Taf. XVII.
  7. Wappenbild undeutlich.
  8. Vgl. Nr. 245 von 1515.
  9. So Wehr (nach einer damaligen Teilungsurkunde).
  10. Vgl. zu ihm ausführlich Bund, Glockengießer 177ff. und Nr. 259 von 1522.
  11. So Bund, Glockengießer 177 mit Abb. 32 S. 179 (nach Discvrso, Frankfurter Exemplar Nr. 77).
  12. Vgl. zum Folgenden die Systematik in: Das Bayerland 3 (1892) Nr. 27 S. 323.

Nachweise

  1. Spalatin, Leben 184.
  2. Discvrso (Wolfenbütteler Exemplar) Abb. nach S. 432 (nach Beck).
  3. Discvrso (Frankfurter Exemplar) Nr. 56 mit Abb.
  4. Münch, Franz von Sickingen I 314.
  5. Gärtner, Schlösser I 74.
  6. Leydhecker, Artillerie 548.
  7. Lehmann, Burgen IV 319.
  8. Schneegans, Ebernburg 74.
  9. Schneegans, Nahetal 164 bzw. 195.
  10. Beck, Artillerie (nach Discvrso, Wolfenbütteler Exemplar) 436 mit Abb.
  11. Wehr, Rüsselsheim 69.
  12. Sturmfels, Rüsselsheim 75.
  13. Dotzauer, Burgenterritorium 172.

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 254† (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di034mz03k0025409.