Inschriftenkatalog: Bad Kreuznach

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 34: Bad Kreuznach (1993)

Nr. 212 Bretzenheim, sog. Eremitage (Antoniusklause) (1043)/15.Jh.?

Beschreibung

Jahreszahl mit Namensinschrift auf einer Reliquienkasette. Aufgefunden am 14. September 1716 im „sepulchro sacrarii“ eines „lange Zeith verborgen gelegene(n) Althar(s) ... in deme ersten auff der linken Seithen im Felsen eingehawene(n) gegen Sonn=Aufgang lauffenden Bogen“1) der seit dem Jahr 15672) durch einen Erdrutsch verschütteten Felsenkapelle der Einsiedelei, vermutlich bereits lange vor 19283) verschollen. Das kleine, aus Blei gefertigte Kästchen war in den Altar eingelegt und wurde dort von einem „viereckigen mit Creutzlein marquierte(n)“4) Stein verschlossen. Die Jahreszahl war oben auf dem mit mehreren Weihekreuzchen versehenen Deckel des Bleikästchens gleichmäßig „eingeschnitten“, unten am Boden konnte man von außen die ebenfalls eingravierte Namensinschrift lesen. Bei der Öffnung des Kästchens fanden sich im Innern „fünff klein stücklein hl. Gebeine und ein Anzeichen etlicher mehreren species, welcher aber wie ein nasser Staub oder asch geschienen“ vor.

Nach Wagner5).

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

  1. · mo · xliiio · // Petrus Franz de Hedesheim

Kommentar

Bei korrekter Überlieferung bietet sich als Auflösung der Jahreszahl das Jahr 1043 an. Da sich dieser Befund jedoch weder mit der Schriftart noch mit der beigeschrieben Namensform in Übereinstimmung bringen läßt, ist davon auszugehen, daß Zahl und Inschrift in dem für die gotische Minuskel charakteristischen Zeitraum, also wohl im 15. Jahrhundert, angebracht worden waren.

Über Petrus Franz von (bzw. aus) Heddesheim, den mutmaßlichen Verfasser oder Auftraggeber der Inschriften, ist nichts bekannt. Es dürfte sich also um eine nachgetragene Memorialinschrift handeln, die auf ein älteres, damals bekanntes Weihedatum des Altars Bezug genommen haben könnte, wobei das Bleikästchen mit den Reliquien durchaus aus dieser Zeit stammen kann. Dies wird auch durch die gut bezeugte Lage des Kästchens unterstützt, das „vorn an dem Althar neben an der seithe, woe (!) die Evangelia pflegen gelesen zu werden“6) eingelassen war – eine im Früh- und Hochmittelalter für das sogenannte Reliquiengrab (sepulcrum)7) typische Stelle vermutlich links an der Front des Altarstipes.

Obgleich die zu Beginn des 18. Jahrhunderts reaktivierte Einsiedelei8) erstmals im 15. Jahrhundert als „stipendium St(anct)i Antonii“9) erwähnt wird, kann aufgrund von Ausgrabungen10) davon ausgegangen werden, daß sich an diesem versteckten Platz im Guldenbachtal zumindest eine romanische Felsenkapelle mit einem im oberen Teil gemauerten Altar als Vorgängerbau11) befunden hat. Dies harmoniert zudem mit der erstmaligen Nennung Bretzenheims12) im Jahr 1057 als Grundbesitz des Erzbistums Köln.

Anmerkungen

  1. Zitat bei Wagner 47 nach einer von dem damaligen Gräflich-Velen‘schen Amtsverwalter Johann Georg Streitt in den zwanziger Jahren des 18. Jh. eigenhändig verfaßten „Nachricht über die alhier zu Bretzenheim befindliche, dem hl. Vatter und Einsiedlern Anthonio dedicierten Einsiedelkapelle, und was sich nach und nach allda zugetragen“ (S. 43-59). Zum Aussehen der Einsiedelei in dieser Zeit vgl. die Abb. bei Schneegans, Beschreibung (nach) S. 362.
  2. So Wagner 37 nach einer chronikalischen Notiz eines Mönchs aus dem Mainzer Kloster St. Jakob zum Jahr 1716.
  3. Das Kästchen wurde gleich nach seiner Entdeckung „nach Bretzenheimb zur Kirchen in Verwahrsamb“ gegeben, konnte aber dort bereits von Wagner nicht mehr aufgefunden werden (vgl. ebd. 49 und 61).
  4. Folgende Zitate nach Wagner (wie Anm. 1) 40f.
  5. Wagner 41, dort Abb. einer nach der Auffindung des Bleikästchens angefertigten Zeichnung.
  6. Ebd. 48.
  7. Vgl. dazu Braun, Altar 586ff. und Reinle, Ausstattung 11. – Für das ursprüngliche Alter des Altars spricht zudem seine mit fünf Kreuzchen (vgl. Wagner 48) versehene Mensa, vgl. RDK I 423.
  8. Vgl. dazu ausführlich Wagner und Kilian.
  9. Vgl. Seibrich, Entwicklung 48.
  10. Vgl. Wagner 71f. und Kdm. 139.
  11. Die noch von F. Como, Die Kurmainzer Eremiten-Kongregation und die Präses-Eremitage in Gimbach/ Taunus, in: AmrhKg 9 (1957) 141 vertretene Ansicht einer römerzeitlichen („Mithras“) Tradition bzw. einer iroschottischen Missionstätigkeit beruht trotz eines benachbarten römischen Kastells auf reiner, wohl auf die Arbeit von Wagner zurückgehender Spekulation.
  12. Vgl. dazu ausführlich Heldmann, Bretzenheim 1ff.

Nachweise

  1. Lehfeldt, Bau- und Kunstdenkmäler 292 (erw.).
  2. F. Kern, Die Eremitage bei Bretzenheim. Hs. vom 27. Juli 1894 (Heimatwiss. Bibl. Bad Kreuznach) fol. 2 (teilw.).
  3. Kilian, Eremitage bei Bretzenheim 23 (teilw.).
  4. Kilian, Eremitage (teilw.).
  5. Wagner, Eremitage 41 und 49.
  6. Kilian, Felsenklause 2 (teilw.).
  7. Kdm. 139 (erw.).
  8. Seibrich, Entwicklung 48 Anm. 46.
  9. Rheinische Heimatpflege NF 29 (1992,3) 202 (erw.).

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 212 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di034mz03k0021205.