Inschriftenkatalog: Bad Kreuznach

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 34: Bad Kreuznach (1993)

Nr. 180† Sponheim, ehem. Abtshaus 1494

Beschreibung

Spruchinschriften des Humanisten Konrad Celtis und des Abtes Johannes Trithemius an den Wänden des 1494 neu erbauten und zu unbekannter Zeit abgebrochenen Abtshauses1) des Klosters Sponheim, verloren. Die wohl eigenhändig ausgeführten Epigramme befanden sich an verschiedenen Stellen in dem mit weiteren griechischen, lateinischen und hebräischen Versen und Sentenzen ausgemalten „conclavi Trithemiano“2). Den sich darauf beziehenden ersten Spruch (A) schrieb („ista adscripsit“) Celtis, der zweite (B), ebenfalls von ihm verfaßte („his adscriptis“), befand sich unter seinem farbig ausgeführten Bildnis, den abschließenden dritten Spruch (C) setzte der Abt Trithemius hinzu. Die Ausführung der jeweiligen Anfangszeile in kapitalen Buchstaben scheint im Kloster Sponheim zu dieser Zeit nicht ausgeschlossen zu sein3).

Nach Freher.

  1. A

    CONRADVS CELTIS PROTVCIUS Poëta:Aspice versiculos hospes venerabilis istos,Trithemius posuit quos tribus ecce notis:Ille vetustatis cultor, quantus vel amatorLinguarum, paries scriptus vtrumqu(e) docet.

  2. B

    CONRADVS CELTIS PROTVCIUS Poeta Laureatus, haec cecinit anno Domini 1494 cum esset hic. Ad futurum Abbatem.Quisque futurus sis Abbas, haec carmina nostraMente rogo memori voluerea) saepe velis.Esto pius, clemens, et relligionisb) amator;Trithemiumque meum, consulo, disce sequi.

  3. C

    IOHANNES TRITHEMIVS ABBAS AD SVCCESSOREM.Aspice, doctorum posui monumenta virorum,Et quicquid multum vos decorare potest.Hortor et admoneo, vestigia nostra sequaris,Post me venturus qui mea tecta reges.

Übersetzung:

Konrad Celtis Protucius4), Dichter: Betrachte diese Verse, verehrungswürdiger Gastfreund, die Trithemius hier in drei Schriften angebracht hat: welch ein Bewahrer des Altertums und welch ein Liebhaber der Sprachen er war, beides lehrt die beschriebene Wand.

Konrad Celtis Protucius, gekrönter Dichter, schrieb dies im Jahr des Herrn 1494 nieder, als er hier gewesen war. An den künftigen Abt. Wer auch immer du künftig Abt sein magst, ich bitte, du wollest oft diese unsere Verse im Gedächtnis bewegen. Fromm sollst Du sein, mild und ein Liebhaber des Glaubens. Ich rate Dir, lerne meinem Trithemius zu folgen.

Abt Johannes Trithemius an seinen Nachfolger. Schau hin, ich habe Denkmäler (Denksprüche) gelehrter Männer und (damit) alles, was Euch sehr zur Zierde gereichen kann, (hier) angebracht. Ich ermuntere und ermahne Dich, der Du nach mir kommen und mein Haus lenken wirst, unseren Spuren zu folgen.

Versmaß: Distichen.

Kommentar

Die Datierung dieser ungewöhnlichen Epigramme ergibt sich aus der eindeutigen Angabe in Inschrift (B), die wohl auf einen Besuch Conrad Celtis‘ am 17. September 1494 bei dem ihm befreundeten Trithemius5) zurückzuführen ist. Obwohl die Bemerkungen in den Inschriften darauf hindeuten, daß die kunstvollen Sprüche von beiden Männern persönlich auf die Wände der Abtswohnung geschrieben wurden, ist dennoch nicht auszuschließen, daß sie lediglich die Vorlagen lieferten und die Ausführung anderen Händen überließen6).

Bei dem erwähnten, mit Inschriften geschmückten Zimmer des Trithemius, handelte es sich vermutlich um seine im Abtshaus untergebrachte, von den Zeitgenossen hochgerühmte Bibliothek7), die sich schnell zum vielbenutzten Treffpunkt8) interessierter Gäste, humanistischer Gelehrter und hochgestellter Persönlichkeiten entwickelte. Die auch im Epigramm (A) bewunderte Dreisprachigkeit bezog sich dabei nicht nur auf Inhalt und Aussehen der zahlreichen Inschriften, sondern auch auf das der ausgesuchten Bücher und seltenen Handschriften. Die beiden wohlmeinenden, an den künftigen Nachfolger des Abtes gerichteten Sprüche (B, C) erfüllten ihren Zweck nicht. Trithemius wurde während einer Reise im Jahr 15059) von einem Aufruhr, den ihm mißgünstig gesonnene Mönche seines Klosters angezettelt hatten, überrascht und dadurch innerlich so erschüttert, daß er Sponheim nicht mehr aufsuchte und schließlich resignierte. Als Ersatz wurde er im darauffolgenden Jahr zum Abt des Würzburger Schottenklosters berufen.

Textkritischer Apparat

  1. So für volvere.
  2. Verdoppelung wegen des Versmaßes.

Anmerkungen

  1. Vgl. dazu die folgende Nr. 181 von 1494? Anm. 8.
  2. Vgl. Freher. – Der Wortlaut dieser in „elegantibus litteris“, teils in roter, teils in schwarzer Farbe ausgeführten Inschriften ist nicht überliefert; es handelte sich u.a. um Zitate aus den meist dichterischen Werken von Sedulius, Juvencus, Fortunatus, Hildebert von Lavardin, Petrus Riga und Galterus Insulanus (vgl. zu ihnen die Art. im Tusculum-Lexikon griechischer und lateinischer Autoren des Altertums und des Mittelalters, hg. von W. Buchwald, München 31982).
  3. Vgl. die folgende Nr. 181.
  4. Diese Namensform war bisher lexikalisch nicht nachzuweisen. Laut ADB 4 (1876) 83 soll es sich hierbei um die gräzisierte Form seines latinisierten Familiennamens ‘Pickel‘ (d.i. Meißel) handeln. – Celtis wurde 1487 als erster Deutscher von Kaiser Friedrich III. zum Dichter gekrönt und empfing den erstmals verliehenen philosophischen Doktorhut; vgl. dazu J. Aschbach, Die früheren Wanderjahre des Conrad Celtes und die Anfänge der von ihm errichteten gelehrten Sodalitäten, in: SB d. Phil.-Hist. Cl. d. Kaiserl. Ak. d. Wiss. 60 (1868) 75-150, hier v.a. 79f. und 141ff.
  5. Vgl. die entsprechenden Hinweise in dem an ihn gerichteten Brief des Trithemius vom 11. April 1495 (vgl. Rupprich, Briefwechsel 145ff.) und die Angabe bei Fleischer 25. – Beide waren prominente Mitglieder einer von Celtis 1491 ins Leben gerufenen humanistischen Gelehrtengesellschaft, der sogenannten sodalitas litteraria rhenana; vgl. dazu M. Matz, Konrad Celtis und die rheinische Gelehrtengesellschaft. Beitrag zur Geschichte des Humanismus in Deutschland (Programm des Kgl. humanistischen Gymnasiums Ludwigshafen a.Rh. für das Schuljahr 1902/03). Ludwigshafen 1903.
  6. Celtis verfaßte gelegentlich Oden und Epigramme, die von seinen Freunden auch als begleitende Texte für Wandbilder verwendet wurden; vgl. Rupprich, Briefwechsel 148ff. – Hartfelder nimmt (C) wohl zu Unrecht in die Sammlung seiner Epigramme auf.
  7. So bezeichnet sie der Maastrichter Matthäus Herbenus in einem in Sponheim verfaßten Brief überschwenglich als eine Akademie, in der man von den Wänden mehr Gelehrsamkeit ablesen könne, als aus vielen anderen verstaubten und mit wertlosen Büchern gefüllten Bibliotheken (vgl. Freher I 121). – Zu Bestand und Schicksal dieser im Jahr 1505 etwa 2000 Bände umfassenden Bibliothek vgl. E.G. Vogel, Die Bibliothek der Benedictinerabtei Sponheim, in: Serapeum 3 (1842) 312-328, sowie Lehmann, Trithemius 8ff. und Arnold 56ff.
  8. Vgl. zum Personenkreis ausführlich Arnold 74ff.
  9. Vgl. dazu seine eigene, bewegende Schilderung im Chr. Sponh. 422ff.

Nachweise

  1. Freher, Trithemii...opera historica I fol. 6v.
  2. Ziegelbauer, Historia 268 (A).
  3. K. Hartfelder (Hg.), Fünf Bücher Epigramme von Konrad Celtes. Berlin 1881, V 81 (B), 82 (C).
  4. Schneegans, Trithemius 88 Anm. 2.
  5. Silbernagl, Trithemius 17 Anm. 11 (A, übers.).
  6. Kdm. 392 (B, C).
  7. H.-H. Fleischer, Dietrich Gresemund der Jüngere. Ein Beitrag zur Geschichte des Humanismus in Mainz (Beiträge zur Geschichte der Universität Mainz 8). Wiesbaden 1967, 27 (C).
  8. Arnold, Trithemius 19.

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 180† (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di034mz03k0018002.