Inschriftenkatalog: Bad Kreuznach

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 34: Bad Kreuznach (1993)

Nr. 3† Disibodenberg, Klosterkirche zw.1138 u.1143?

Beschreibung

Fragment (?) einer Grabinschrift, vermutlich vom steinernen Hochgrab des hl. Disibod. Anfang des 18. Jahrhunderts „unter dem Schutte des verwüsteten Gotteshaußes gefunden“1), heute verschollen. Das Grabdenkmal wurde wohl zwischen 1138 und 1143 im Verlauf der Errichtung der benediktinischen Klosterkirche unter Abt Cuno I. angefertigt und an zentraler Stelle zwischen dem in der Chorapsis stehenden Benediktus-Altar und dem Hauptaltar aufgestellt2). Ein überlieferter Kupferstich, dessen Vorlage als Buchdeckelschmuck einer für das Kloster Disibodenberg angefertigten Handschrift aus dem Ende des 12. Jahrhunderts anzusprechen sein dürfte3), gibt vermutlich eben diese Grabstätte in Form eines durchaus zeittypischen, an der Längsseite mit sieben Arkaden verzierten Tumbengrabes4) wieder. Die Deckplatte zeigt die Figur des Verstorbenen in einer kastenartigen Vertiefung ruhend, bischöflich gekleidet mit Mitra5), Stab und Pallium. Aussehen und Anbringungsort der Inschrift sind unbekannt.

Nach Remling.

  1. Hac Disibodi corpus tumulatur in urnaPropriusa) hic exstans ara dicata DeoServat ad aeterni spem judicis ossa virorumQui pavere sacris Glanicolasb) dapibusMira loci pietas et prompta precantibus araSpes hominum placida prosperitate juvat

Übersetzung:

In dieser Urne ist Disibods Leichnam beigesetzt. Der hier ganz in der Nähe stehende, Gott geweihte Altar birgt bis zum erwarteten Kommen des ewigen Richters die Gebeine jener Männer, die mit heiliger Speise die Bewohner des Glantales genährt haben. Die wunderbare Heiligkeit dieses Ortes und der für die Beter bereitstehende Altar fördern die Hoffnungen der Menschen durch die Gewährung eines wohltuend gesegneten Lebens6).

Versmaß: Drei Distichen.

Kommentar

Am Karfreitag des Jahres 1138 öffnete man im Beisein des Disibodenberger Abtes Cuno I., sowie der Äbte Gerhard vom Kloster St. Maximin in Trier und Bernhelm7) vom Kloster Sponheim die in der unter Erzbischof Willigis (†1011) erbauten Vorgängerkirche gelegene, alte Grabesstätte des hl. Disibod. Seine dort aufgefundenen Überreste wurden ein Jahr später in die neue Klosterkirche gebracht und vorläufig beigesetzt8); wohl ein Hinweis auf das zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertiggestellte, für die Aufnahme der Reliquien vorgesehene Grabdenkmal. Erst gleichzeitig mit der Schlußweihe der Klosterkirche am 29. September 1143 durch den Mainzer Erzbischof Heinrich I. wurden die Überreste des hl. Disibod in seine neu angefertigte Grabstätte überführt.

Die erste Zeile der aus drei reimlosen, elegischen Distichen bestehenden, vom Wortschatz her stark liturgiesprachlich9) geprägten Inschrift bezieht sich wohl auf die beiden, in den Annales Sancti Disibodi erwähnten Bleikästchen, von denen das kleinere für die Gebeine, das größere für die Asche bestimmt war. Hinzu kamen in hölzernen Behältern Reliquien von den elftausend Jungfrauen der hl. Ursula und den Märtyrern der Thebäischen Legion10). Der in der zweiten Zeile erwähnte Hauptaltar war zu Ehren Jesu Christi, Mariens, des Evangelisten Johannes und des hl. Disibod errichtet -aus diesem Grund geben die folgenden Zeilen Rätsel auf. Möglicherweise waren unter oder bei diesem Altar die Gebeine von Disibods Gefährten beigesetzt: Gillilaldus, Clemens und Salustus, wie sie in der von der hl. Hildegard verfaßten Vita sancti Disibodi genannt werden11).

Form und Inhalt der Grabinschrift ermöglichen wohl keine eindeutige Datierung, widersprechen aber auch nicht der hier vorgenommenen Einordung: Bei der Reimlosigkeit der vorliegenden Hexameter könnte es sich um ein weiteres Beispiel für die seit dem 12. Jahrhundert unter Berufung auf die antike, reimlose Tradition vereinzelt zu beobachtende Abkehr12) vom mittelalterlichen Reim handeln; die antikisierende Bildung von Glanicolas wäre dafür ein weiteres Indiz. Eine spätere Abfassung der Inschrift läßt sich daher nicht ausschließen.

Textkritischer Apparat

  1. Offensichtliche Verschreibung, sinnvoll wäre propius.
  2. Vermutlich analoge Bildung zu dem in der antiken poetischen Literatur gebräuchlichen Begriff „caelicola“; nachgewiesen erstmals im 2. vorchristlichen Jh. bei Ennius und im Mittelalter durchgängig für ‘Himmelsbewohner, Engel‘ verwendet (freundliche Hinweise von Prof. Dr. Otto Zwierlein, Bonn, und Prof. Dr. Fidel Rädle, Göttingen).

Anmerkungen

  1. Remling. – Vgl. zur gesamten Problematik ausführlich Nikitsch pass.
  2. Im Jahr 1138 weihte – wegen der damaligen Mainzer Sedisvakanz – der exilierte Bischof Siward von Upsala den Altar des hl. Benedikt, dessen Standort in den wohl gleichzeitigen Annales Sancti Disibodi 25 mit „retro tumbam sancti Dysibodi“ angegeben wird.
  3. AASS 29,2 nach S. 586; vgl. dazu ausführlich Nr. 8.
  4. Vgl. dazu grundsätzlich Borgwardt, Typen 11f. sowie zum Vergleich den um 1180 datierten, ähnlich strukturierten Stiftersarkophag in der Benediktinerabtei Comburg (vgl. E. Schraut, Die Comburg. Sigmaringen 1989, 44 Ab. 6) und das Grabmal des 1181 verstorbenen Grafen von der Champagne, Henri le Large (vgl. Rhein und Maas 2, 165 mit Abb. 24). Allerdings ist nicht auszuschließen, daß es sich bei der Darstellung in den AASS um die Wiedergabe eines für das 12. Jh. ebenfalls typischen Sarkophages mit einfacher Deckplatte (vgl. den Sarkophag von Schwarzenthann im Elsaß bei Hotz, Handbuch Abb. 228) bzw. eines Reliquienschreins handelt (vgl. die Beispiele in Rhein und Maas 2, 244 und 279), dagegen spricht allerdings die hier liegend dargestellte Figur Disibods. – Ob sich der Sponheimer Abt Trithemius in seinen Ende des 15./ Anf. 16. Jh. verfaßten Ann. Hirsaug. beschriebenen Marmorgrabmal auf eine Nachbearbeitung oder Neufassung bezogen hat, muß vorerst dahingestellt bleiben: „in tumba marmorea nova retro maius altare suspensa in aëre ubi adhuc manet collocatum“ (Annales Hirsaugienses I. St. Gallen 1609, 405); vgl. dazu ausführlich Nikitsch 201f.
  5. Es handelt sich eigentlich um einen sog. bischöflichen Schleier, vgl. Bock, Gewänder II Taf. XXII Fig. 3.
  6. Für die Übersetzungshilfe danke ich herzlich Herrn Prof. Dr. Fidel Rädle, Göttingen.
  7. Vgl. zu ihm Nr. 7 von 1175?.
  8. Annales Sancti Disibodi 25f. – Laut der von der hl. Hildegard verfaßten Vita des Heiligen wurde Disibod auf eigenen Wunsch zuerst in seiner am Osthang des Berges bei einer Quelle errichteten Klause bestattet, später dann in die auf dem Disibodenberg entstandene klosterähnliche Anlage überführt und beigesetzt (vgl. AASS 29,2 S. 593 und 595f.). Dort ruhte er bis zu seiner erneuten Umbettung im Jahre 1138 bzw. 1143. Bei dieser Gelegenheit dürfte ihm unter anderem auch einen Teil des Armes entnommen worden sein, der in ein Reliquiar gefaßt wurde, vgl. Nr. 2.
  9. So dürfte etwa hinter den Formulierungen des letzten Distichons ein liturgischer Text von der Art der Sekret der Missa S. Maria in Sabbato stehen („Tua, Domine, propitiatione, et beatae Mariae semper Virginis intercessione...haec oblatio nobis proficiat prosperitatem et pacem“, vgl. Schott, Meßbuch [85]); freundlicher Hinweis von Herrn Clemens M.M. Bayer, Bonn.
  10. Annales Sancti Disibodi 26.
  11. Wie Anm. 3, 591. – Die hl. Hildegard von Bingen verbrachte weit über die Hälfte ihres Lebens (1106-1150, †1179) in der kleinen Frauenklause des Klosters Disibodenberg; die Vita verfaßte sie auf Wunsch des Disibodenberger Abtes Helinger im Jahr 1170. – Zu Leben und Person Disibods und seiner Begleiter vgl. Nr. 3 sowie die kritische Untersuchung von Schmitt, Leben und zur Frühgeschichte des Klosters Seibrich, Disibodenberg 55ff.
  12. Vgl. P. Klopsch, Einführung in die mittelateinische Verslehre. Darmstadt 1972, 45 und zur Entwicklung des Reims Bayer, Entwicklung, 113ff.

Nachweise

  1. Remling, Geschichte 28 Anm. 27.
  2. NN., Disibodenberg 24f.
  3. Clarus, Leben II 248 (Übers.).
  4. Voigtländer, Nahe-Thal 45.
  5. Kraus, Christliche Inschriften II Nr. 278.
  6. May, Hildegard 42.
  7. Nikitsch, Überlegungen 200.

Zitierhinweis:
DI 34, Bad Kreuznach, Nr. 3† (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di034mz03k0000304.