Inschriftenkatalog: Landkreis Jena

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 39: Landkreis Jena (1995)

Nr. 106 Kahla, Stadtkirche St. Margarethae 1509

Beschreibung

Inschrift auf der zweitgrößten der vier Bronzeglocken1) (Concordia) im Turm. Einzeilige Inschrift zwischen vier Stegen am Glockenhals; auf der Flanke vier Reliefs: 1. und 3. (rechteckig, H. 10,5 cm; B. 7,5 cm) Maria mit dem Kind in der Glorie,2) 2. und 4. (rund, Dm. 13,5 cm) Hortus conclusus;3) am Wolm drei Stege; am Schlag Laubfries zwischen vier Stegen.4) Die Glocke wurde im Jahre 1906 gedreht,5) so daß die Medaillons durch den Glockenstuhl verdeckt werden.

Maße: Dm. 148 cm; Bu. 6 cm.

Schriftart(en): Frühhumanistische Kapitalis, erhaben; die Buchstaben sind frei aus Wachsplättchen geschnitten.

SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Luise u. Klaus Hallof) [1/2]

  1. + ANNO D(OMI)NI XVc IX IARCONCORDIA HEIS ICHHEINRICH CIEGELER G(OS) M(ICH)

Versmaß: Knittelverse.

Kommentar

Nach den Ratsrechnungen war der Rat zu Saalfeld Glockenpate und ordnete im Jahre 1509 zur Taufe den Bürgermeister Hans Meise nach Kahla ab.6) Von Heinrich Ciegeler, dessen Glocken seit 1499 in Thüringen nachweisbar sind,7) ist diese die früheste Glocke mit Kapitalis; auf späteren kehrt er wieder zur gotischen Minuskel zurück.8) Im Lkrs. Jena gibt es eine weitere Glocke von seiner Hand, Nr. 122 (1516); in näherer Umgebung ferner in Döbritschen b. Weimar (1518).9) Mit dem Gießer Hans Abendbrot hat er zusammengearbeitet.10) Ciegelers Glocken zeichnen sich durch ihre Größe (fast alle im Dm. über 100 cm) und den vorzüglichen plastischen Schmuck aus: eine Anzahl auffällig schöner Medaillons erscheint auf seinen Glocken in unterschiedlichen Kombinationen. Nach den Feststellungen von Schilling waren die Formen weit verbreitet. Die Modeln wurden in den Ton der Glockenform gedrückt. Abgüsse sind bis nach Italien, Ungarn und den Niederlanden verbreitet und noch im 17. Jh. auf Glocken angebracht worden.11) Zu dem Hortus-conclusus-Medaillon hat sich der Model aus Ton im Germanischen Nationalmuseum zu Nürnberg erhalten.12) Auf dem Medaillon befinden sich weitere Inschriften (Spruchbänder). Sie sind nach besser erhaltenen Abgüssen desselben Models auf anderen Glocken zu lesen.13)

Die Inschriften auf den Ciegeler-Glocken sind zumeist lapidar. Bevorzugt wird der Spruch Anno ... gos mich h.c. in ... ere (auch: im namen Gottes14) oder der Vers Consolor viva ... (s. Nr. 122); vereinzelt steht die vorliegende Inschrift. Ciegelers Lettern, hier eine frühhuma-nistische Kapitalis,15) sind flach und von breitem Strich. Zur Schrift auf der Abendbrot-Glocke in Großeutersdorf (Nr. 102) besteht eine enge Verwandtschaft; doch sind auf ersterer das D unzial und S geschlossen, hier dagegen das D kapital und halbgeschlossen, S kapital. Nur selten schreibt Ciegeler seinen Namen aus;16) zumeist verwendet er seine Initialen h c (vgl. Nr. 122). Gelegentlich „signiert“ er mit seinem Wappen, einer Sichel (Sicheler, Ciegeler).17)

Anmerkungen

  1. Die anderen Glocken: Nrr. 31, 49, 122.
  2. Dieses Relief findet sich auch auf Glocken in Tromsdorf, DI 9 (Krs. Naumburg), Nr. 408 von 1504, und in Spielberg, DI 9 (Krs. Naumburg), Nr. 418 von 1520.
  3. Dieses Medaillon tragen auch zwei Glocken im Krs. Naumburg, DI 9 (Krs. Naumburg), Nrr. 420 (1521) und 421 (1521); weitere Belege bei Schilling 1988, 339 (Photo a.O. 205, Abb. 411; nicht ganz exakte Nachzeichnung bei Bergner 1896, Taf. X, Abb. 71).
  4. Wie bei Nr. 122.
  5. Bergner 1919, 107.
  6. Bergner 1896, 135; Denner 1937, 60.
  7. Heinrich Ciegeler ist unter den Erfurter Glocken- und Geschützgießern in der 1. Hälfte des 16. Jh. der bedeutendste. Ob er freilich der Erfurter Patrizierfamilie Ziegler entstammt, wie mitunter behauptet (Walter 1913, 710), muß erst noch bewiesen werden; ein Heinrich Ziegler starb im Jahre 1514 (Lorenz/Jahr 1915, 100 Nr. 516). Der Meister ist auf Glocken – hauptsächlich in Thüringen und Sachsen-Anhalt – von 1499 bis 1524 häufig (Bergner 1896, 223–224), dann nur noch sporadisch (Walter 1913, 710 führt drei spätere Glocken von 1543, 1547 und 1556 auf; hinzu kommt ein Geschütz von 1542, Lorenz/Jahr 1915, 173 Nr. 212) genannt. Vgl. DI 9 (Krs. Naumburg), Nrr. 408, 411, 418, 420–423 (von 1504 bis 1524).
  8. Vgl. Schilling 1988, 152.
  9. Zur Glocke in Döbritschen, vgl. Bergner 1896, 183 Nr. 17.
  10. Vgl. Nr. 102.
  11. Schilling 1953, 66.
  12. Schilling 1988, 339.
  13. Gotische Minuskel, erhaben, auf Schriftbändern, Bu. 0,3–0,4 cm:
    (A) aus dem Hifthorn des Engels: ave∙gracia∙ple(n)a∙d(omi)n(u)s∙tecum, Lc. 1,28.
    (B) unter der Mauer des Gartens: hortus∙conclusus, Ct. 4,12.
    (C) unter dem Brunnen: fons∙signatus, Ct. 4,12.
    (D) unter dem Fell rechts unten: vellus∙gideonis, Idc. 6,36.
    (E) über einer Urne rechts in der Mitte [fehlt bei Bergner]: urna∙aurea, Ex. 16,33.
    (F) auf dem Sockel des Altars: virga∙aaron, Nm. 17,16.
    (G) unter der Figur Gottvaters rechts oben: rubus∙Mosis, Ex. 3,2.
  14. DI 9 (Krs. Naumburg), Nr. 423, aus Lissdorf (1524).
  15. Das c nach der Zahl der Jahrhunderte XV ist eine gotische Minuskel.
  16. Schriftproben bei Schilling 1988, 152.
  17. Vgl. Bergner 1896, Taf. III, Abb. 16c.

Nachweise

  1. Mehlis 1802, 81.
  2. Kirchen-Galerie II 3 (Findeisen).
  3. Löbe 1871, 24.
  4. BuKTh III (Kahla), 1888, 114.
  5. Löbe 1891, 432.
  6. Bergner 1894a, 66.
  7. Bergner 1896, 193 Nr. 19 mit Nachzeichnung des Hortus-conclusus-Medaillons Taf. X, Abb. 71 und des Marienreliefs Abb. 72.
  8. Walter 1913, 295.
  9. Bergner 1919, 102–105 mit Nachzeichnung Abb. 42.
  10. Denner 1937, 60.
  11. Vgl. Schilling 1988, 205 Abb. 411.

Zitierhinweis:
DI 39, Landkreis Jena, Nr. 106 (Luise und Klaus Hallof), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di039b006k0010609.