Inschriftenkatalog: Landkreis Jena

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 39: Landkreis Jena (1995)

Nr. 97 Ammerbach, Dorfkirche St. Nicolai 1504

Beschreibung

Inschriften auf ehemals vierflügligem Schnitzaltar; Mittelschrein und Innenflügel sind über dem Triumphbogen der Kirche an der Wand befestigt (Gemälde auf den Außenseiten vom Turm aus zugänglich); der linke Außenflügel befindet sich im Stadtmuseum Jena, Inv.-Nr. I, 235. Der Altar wurde im Jahre 1745 durch einen barocken Kanzelaltar1) ersetzt; vielleicht sind schon damals Mittelschrein und Innenflügel über dem Triumphbogen angebracht worden. Der linke Seitenflügel war zunächst noch im Schiff,2) später auf dem Kirchenboden abgestellt; um 1900 hat ihn P. Weber in der Ecke des Schulhofes wiederentdeckt und in das Stadtmuseum Jena gebracht.3) Es fehlen der rechte Außenflügel, Predella und Gesprenge.4) Die in Ammerbach verbliebenen Teile sind im Juli 1971 kurzzeitig abgenommen, dabei aber nicht restauriert worden. Holz, farbig gefaßt, und Öl auf Holz. – Mittelschrein: Auf der Innenseite sieben Schnitzfiguren, von links nach rechts: Sebastian (H. 93 cm), Barbara (H. 95 cm), Nikolaus (H. 104 cm), Maria mit dem Kind (H. 140 cm), Thomas (H. 86 cm), Katharina (H. 94 cm), Urban (H. 104 cm);5) diese stehen vor einem als Teppich mit rot-weiß quadrierter Kante6) gestalteten Hintergrund. Die Inschriften (A) befinden sich auf den 58-eckigen Sockeln der Figuren. – „Auf dem bloßen Holz gemalt“7) wurde der Vermerk über die Fertigstellung (B) auf der Rückseite des Mittelschreins, 1956/57 kurzzeitig sichtbar, jetzt wieder verdeckt; Maße nicht überliefert. Linker Seitenflügel: Auf der Innenseite drei Schnitzfiguren, von links nach rechts: Margaretha (H. 94 cm), Laurentius (H. 90 cm) und Magdalena (H. 86 cm); die Inschriften (C) auf den Sockeln der Figuren. In der Ecküberhöhung Brustbild des Königs David mit Schriftband (D). Die Außenseite trägt ein Gemälde der Anna Selbdritt und der hl. Elisabeth vor reich gestalteter Landschaft; in der Ecküberhöhung Brustbild eines Mönches mit Schriftband (E), jetzt wieder verdeckt und unzugänglich. Rechter Seitenflügel: Auf der Innenseite drei Schnitzfiguren, von links nach rechts: Erasmus (H. 104 cm), Dorothea (H. 95 cm) und Martin (H. 94 cm); die Inschriften (F) auf den Sockeln der Figuren. In der Ecküberhöhung Brustbild des Propheten Jesaja mit Schriftband (G). Die Außenseite trägt ein Gemälde der Beweinung Christi vor felsiger Landschaft; in der Ecküberhöhung Brustbild des Königs David mit Schriftband (H), jetzt wieder verdeckt und unzugänglich. Linker Außenflügel: Auf der Innenseite Gemälde der Verkündigung an Maria in einem reich gefliesten Raum; Schriftbänder um den Erzengel Gabriel (I) und Maria (K). In der Ecküberhöhung Brustbild des Balaam (Bileam) mit Schriftband (L). Auf der Außenseite Gemälde des hl. Georg in Rüstung und des hl. Wigbert als Bischof mit den Namen über den Nimben (M). In der Ecküberhöhung Brustbild des Psalmisten in orientalischer Tracht8) mit Schriftband (N).

(E) und (H) nach den Photos bei Vorbrodt 1957, Abb. 2 und Abb. 4; (B) nach Mühlmann 1976, Taf. 4.

Maße: Außenflügel: H. 123 cm, B. 98 cm; Innenflügel: H. 125 cm, B. 100 cm; Mittelschrein: H. 125 cm, B. ca. 210 cm; Ecküberhöhungen: H. 24 cm, B. 19 cm; Bu. 2 cm, 4 cm (A, C, F), 5 cm (M).

Schriftart(en): Gotische Minuskel, schwarz gemalt und zum Teil rubriziert, in (M) golden auf dunklem Grund; Frühhumanistische Kapitalis in (I); Worttrennung durch geschwänzte Quadrangeln.

SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Renate Helfrich) [1/2]

  1. A

    S(an)ctus / ∙ sebastian/us ∙S(an)cta ∙ / ∙ barbara / ∙ virg/o ∙S(an)ctus / ∙ nicolau/s ∙ / ep(iscop)usS(an)ctus /∙ thomas(us) / ∙ ap/ost(olus) ∙S(an)cta ∙ / katherin/a ∙S(an)ctus / ∙ urbanu/s ∙ / [papa]a)

  2. B

    1 5 o 4b) completu(m) / [e(st)] hoc opvs in die / simo(nis) et ivde appostol(o)ru(m)

  3. C

    S(an)cta ∙ / margar/etha ∙S(an)ctus / ∙ lauren/cius ∙S(an)cta ∙ / magdalen/a ∙

  4. D9)

    Dauid ∙ Gau(dete)c) iusti ∙ i(n) d(omi)no ∙ Rectos ∙ decet ∙ collaudacio

  5. E10)

    Regnu(m)d) mu(n)di et omne(m) ornatu(m) seculi co(ntempsi)

  6. F

    S(an)ctus / ∙ Erasmu/s ∙ [ep(iscop)us]a)S(an)cta ∙ / dorothe/a ∙S(an)ctus / ∙ martinus / ∙ ep(iscop)us ∙

  7. G11)

    Yesai(e)e) Letami(ni)f) ∙ cu(m) ∙ ih(e)r(usa)l(e)mg) ∙ et ∙ in ea om(n)es ∙ que ∙ ∙

  8. H12)

    Excitat(us)h) e(st) ∙ ta(m)qua(m) dormie(n)s ∙ do(minus) t(am)q(uam)i) pote(n)s c(ra)pulat(us) a ui(n)ak) ∙ ∙ dauid:∙

  9. I13)

    ∙ AVEl) GRACIA PLENA ∙ D(OMI)N(V)S ∙ TECVM ∙

  10. K14)

    ∙ Ecce ancilla ∙ ∙ d(omi)ni ∙ ∙ fiat michi secundu(m) ∙ verbu(m) ∙ tuum ∙

  11. L15)

    Oriet(ur)m) ∙ stella ∙ ex iacob ∙ de radice ∙ iesse ∙ balaam

  12. M

    S(an)ctus ∙ Geor(g)ius ∙∙ S(an)ctus Wibertusn)

  13. N16)

    Gaudeteo) ∙ ivsti ∙ in ∙ ∙ ∙ d(omi)no

Übersetzung:

1504 ist dieses Werk vollendet worden am Tage der Apostel Simon und Judas (B). – David: Freut euch, ihr Gerechten, im Herrn, die Frommen sollen ihn recht loben (D). – Das Königtum der Welt und allen Zierrat des irdischen Lebens habe ich verachtet (E). – Jesaja: Freut euch mit Jerusalem und (seid fröhlich) über sie alle, die (ihr die Stadt lieb habt) (G). – Es erwachte der Herr wie ein Schlafender, wie ein Starker, berauscht vom Weine (H). – Sei gegrüßt, du Gnadenreiche, der Herr ist mit dir (I). – Siehe, ich bin des Herren Magd, mir geschehe nach deinem Wort (K). – Es wird aufgehen ein Stern von Jakob aus der Wurzel Jesse. Bileam (L). – Freut euch, ihr Gerechten, im Herrn (N).

Datum: 28. Oktober 1504.

Kommentar

An dem bemerkenswert reich ausgestatteten Ammerbacher Schnitzaltar, der allein schon nach Ausweis des äußeren Aufbaus (Ecküberhöhungen und Aufsatz am Mittelschrein) in einer Saalfelder Werkstatt gefertigt worden ist, haben zwei verschiedene Künstler gewirkt. Als Bildschnitzer ist der sogenannte „Meckfelder Meister“ namhaft gemacht worden,17) der zunächst in Erfurt, kurz nach 1500 in Saalfeld tätig war. Zeitlich vor dem Ammerbacher liegen die Altäre von Kirchhasel und Oberhasel b. Rudolstadt,18) unmittelbar vorher und auf 1503 datiert der Martinsaltar von Meckfeld b. Weimar, jetzt in den Kunstsammlungen zu Weimar.19) Wie der Ammerbacher auf 1504 datiert ist der Altar von Farnroda üb. Eisenach,20) und nur wenig später dürfte der Annenaltar in Kesslar b. Weimar entstanden sein.

Die Rückseiten der Innenflügel mit den Gemälden der Beweinung Christi sowie der Anna Selbdritt und der Hl. Elisabeth sind von einem wohl aus Franken (Albrecht Dürer als Vorbild für die Beweinung) stammenden Maler geschaffen, dem zwei Fragmente eines vierflügligen Altars unbekannter Herkunft in den Kunstsammlungen Weimar (um 1510)21) und ein Flügel des Altars aus Elxleben b. Erfurt, jetzt im Angermuseum Erfurt, gehören. Die ebenfalls im Angermuseum befindlichen fünf Schnitzfiguren dieses Altars22) werden als Werkstattarbeiten dem späten „Meckfelder Meister“ zugeschrieben, so daß der Altar von Elxleben neben dem Ammerbacher Altar ein weiteres Gemeinschaftswerk der beiden Künstler und ihrer Werkstätten darstellt.

Den Außenflügel des Ammerbacher Altars mit der Darstellung der Verkündigung will A. Stange23) einer älteren Hand „wohl aus der Saalfelder Tradition“ zuschreiben. Die Darstellung des Hl. Wigbert ist ein später Reflex des ursprünglichen Wigbert-Patroziniums der Ammerbacher Kirche.24)

Die Inschriften sind in gotischer Minuskel geschrieben; dabei ist r meistens rund und tritt in Ligatur mit den vorangehenden Buchstaben.25) Über den u sind mitunter Doppelstriche. Die rubrizierten Versalien dagegen sind gotische Majuskeln: E geschlossen, D und G unzial.

Textkritischer Apparat

  1. Vermutungsweise; die Seitenflächen der Sockel sind nicht einzusehen.
  2. Gotische 5 und 4, von der die unteren Enden noch zu erkennen waren.
  3. D und G rubriziert; nach Gau-Schriftband von der Hand überdeckt.
  4. R rubriziert; über g falscher Kürzungsstrich.
  5. -e unter der Hand des Propheten.
  6. Yesai und L rubriziert.
  7. ihrm geschrieben.
  8. E rubriziert.
  9. tq3 geschrieben.
  10. Statt vino.
  11. A rubriziert.
  12. Unten durch den Rahmen beschnitten.
  13. W verschnörkelt.
  14. G rubriziert.

Anmerkungen

  1. Der Kanzelaltar wurde am 15. November 1745 von Johann Michael Ziege aus Lobeda aufgestellt; der spätgotische Altar wird bereits 1716/17 in einem ausführlichen Inventar der Kirche nicht mehr erwähnt; vgl. Leidenfrost 1928, 32.
  2. Wette 1756, 243 erwähnt „die Aposteln von künstlicher Hand in LebensGröße“ und (Anm. 2) „gegen der Kirchenthür über ein alt Bild“ mit der Verkündigung.
  3. P. Weber, bei Leidenfrost 1928, 35–36.
  4. Heß 1861, 36 erwähnt „noch vorhandene Statuetten des Heilands und zweier Frauengestalten“, die möglicherweise von Gesprenge stammten.
  5. Die Maße nach E. Schildbach, bei Mühlmann 1976, 89.
  6. Diese Kante weist auch der Altar an der Südwand der Kirche zu Maua auf (Nr. 120), worauf Koch 1960, 344 hinweist.
  7. Mühlmann 1976, 88 und 89 Anm. 27.
  8. Nach Lehfeldt der Erzvater Abraham.
  9. Ps. 32,1.
  10. ... propter amorem domini mei Jesu Christi, „...wegen der Liebe zu meinem Herren Jesus Christus“. Der Spruch entstammt dem Breviarium Romanum, Commune non virginum, Matutin, 3. Nokturn (Responsorium nach der 8. Lesung; vgl. Mühlmann 1976, 86 Anm. 18; wir danken Herrn Clemens M.M. Bayer in Bonn für freundliche Auskunft hierzu). Derselbe Spruch begegnet auf einem Münchener Medaillonfenster (vor 1420), DI 5 (München), Nr. 105 I 2.
  11. et exultate in ea omnes, qui diligitis eam, Is. 66,10.
  12. Ps. 77,65.
  13. Lc. 1,28.
  14. Lc. 1,38.
  15. Nm. 24,17, nach Is. 11,1 (de radice Iesse) ergänzt.
  16. Ps. 96,12 (laetamini iusti in domino) bzw. Ps. 32,1; vgl. Inschrift (D).
  17. Zuletzt zusammenfassend H. Hoffmann, in: Malerei und Plastik Kunstsammlungen Weimar, 51; vgl. Kämpfer 1955, 19–21 und Abb. 68–79.
  18. Der Altar von Oberhasel zeigt in den Ecküberhöhungen ebenfalls Brustbilder des Patriarchen Isaak und des Königs Davids mit den Sprüchen Is. 66,10 und Ps. 32,1 (= Inschriften (G) und (D) in Ammerbach); vgl. Bergner 1897, 577, Anm.
  19. Malerei und Plastik, 45–52, Kat.-Nr. 46.
  20. Vgl. Kämpfer 1956, 54–60. Der Altar wurde 1957 abgenommen und dabei die Inschrift mit dem Datum der Fertigstellung entdeckt (nach G. Kühn, Kirchen im Wartburgland, Berlin 1989, 60: Completa est haec tabula vigilia Palmarum Anno Domini millesimo quingentesimo quarto). Der Altar wurde also am 30. März 1504, nur 7 Monate vor dem Ammerbacher, vollendet.
  21. Malerei und Plastik, 69–74, Kat.-Nr. 55.
  22. Inv.-Nrr. 26–28. 31–32; die Altarflügel: Inv.-Nr. 4438.
  23. A. Stange, bei Mühlmann 1976, 87.
  24. Mühlmann 1970, 64; doch schon 1406 ist nach dem Zeugnis des Geschoßbuches der Stadt Jena der hl. Nikolaus an dessen Stelle getreten, der unter dem Schnitzfiguren des Altars zu finden ist und dem neben der hl. Anna die Glocke von 1498 geweiht war (Nr. 65).
  25. Vgl. Kloos 1980, 134.

Nachweise

  1. Wette 1756, 243–244.
  2. Heß 1861, 36.
  3. BuKTh I (Jena), 1888, 4–9.
  4. Bergner 1897, 319–320.
  5. P. Weber, bei Leidenfrost 1928, 34–39 und Taf.
  6. Kämpfer 1955, 19–20 Photo Taf. 71.
  7. Kämpfer 1956, 58–60.
  8. Vorbrodt 1957, 185–188 und Abb. 1–4.
  9. Mühlmann 1960, 119–124 und Abb. 1–11.
  10. Koch 1960, 343–344.
  11. Henschel 1960, 78–84 und Abb.
  12. Mühlmann 1970, 63–64.
  13. Mühlmann 1976, 83–90 und Photos Taff. B 2–16.
  14. Mühlmann 1981, 273.
  15. O. Mühlmann, in: Der Schnapphans 46, 1984, 43–49.
  16. Vgl. Linke/Bühner 1990, 15 Abb. 1 (Photo).

Zitierhinweis:
DI 39, Landkreis Jena, Nr. 97 (Luise und Klaus Hallof), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di039b006k0009709.