Inschriftenkatalog: Landkreis Jena

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 39: Landkreis Jena (1995)

Nr. 53 Reinstädt, Dorfkirche St. Michaelis 1476

Beschreibung

Inschrift auf der größeren der beiden Bronzeglocken1) im Turm. Der Kronenbügel wie bei Nr. 49; am Glockenhals einzeilige Inschrift zwischen vier gedrehten Schnurstegen; Worttrennung durch eingedrückte Münzen. Auf der Flanke am unteren Steg Rundbogenfries auf gotischen stilisierten Blättern; in den Bögen unregelmäßig eingedrückte Brakteaten, darunter ein Schild (H. 5,5 cm) mit Gießermarke.2) Am Wolm drei Stege; am Schlag Laubstab-Fries zwischen zwei Stegen.

Maße: Dm. 116 cm; H. 89 cm; Bu. 5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel, erhaben.

Reproduktion aus Bergner 1919, S. 105 mit Abb. 42 [1/2]

  1. Anno d(omi)nia) ∙ mo ∙ cccco ∙ lxxvionon ∙ me ∙ s(u)bsannab) cu(m) sit michy ∙ nomen osanna

Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1476. Höhne mich nicht, da mein Name Hosanna ist.

Versmaß: Leoninischer Hexameter.

Kommentar

Die Glocke von Reinstädt ist dem Gießer Hans Sinderam aus Erfurt zuzuschreiben, vgl. Nr. 49. Der für ihn charakteristische Schild mit der Marke findet sich auf der Flanke. Der Gießer liebt leoninische Hexameter, die mit den Namen der Glocken spielen. Der Spruch auf der Reinstädter Glocke scheint seine Erfindung zu sein. Eine verkürzte Fassung weist die Glocke in Bremsnitz üb. Stadtroda3) aus dem Jahre 1475 auf; in derselben Form wie in Reinstädt erscheint er 1479 im benachbarten Großkochberg4) und 1482 in Burgau (Nr. 54); in erneuter Wandlung 1480 in Langenschade bei Pößneck.5) Das entlegene, aber in der Vulgata mehrfach vorkommende6) Verbum subsannare ist des Reimes wegen gewählt worden. Den Gedanken des Spruches selbst – der Name der Glocke erheischt deren Verehrung – hat der Gießer mehrfach formuliert;7) nur ist er hier im ersten Teil – aus Gründen des Reimes – negativ ausgedrückt (non me subsanna), wodurch das kausale cum störend wirkt.8) Der Glockenname steht in Verbindung mit der Liturgie (vgl. Avemaria- und Propace-Glocken).

Textkritischer Apparat

  1. dnio steht auf der Glocke; das falsche Ablativ-o findet sich auch auf anderen Sinderam-Glocken, vgl. Anm. 3. Vielleicht ist es als Kürzungszeichen gedacht.
  2. ssanna Lehfeldt.

Anmerkungen

  1. Die andere Glocke: Nr. 228.
  2. S. Anhang, Nr. 25.
  3. BuKTh II (Roda), 1888, 4, verbessert von Bergner 1896, 195 Nr. 5: Anno dmo [oder wie in Reinstädt dnio?] mo cccco lxxvo nomen osanna.
  4. Bergner 1896, 201 Nr. 8, mit michi; osanna fehlt. Die Glocke trägt das Pilgerzeichen von Vierzehnheiligen, vgl. Nr. 12, Anm. 5.
  5. Bergner 1896, 202 Nr. 9: Anno dni mo cccco lxxxo osanna vocor laus deo sit cu(m) pulsor. Amen.
  6. Ps. 2,4; 34,16; 79,7 u. ö.
  7. So auf einer Glocke von Engerda bei Rudolstadt (1493), Bergner 1896, 192 Nr. 15: laude su(m) digna cu(m) sim vocata benyngn(a).
  8. Gleichsam als gäbe der Name Grund zur Verhöhnung. Dies hat zu Mißdeutungen des Verses geführt. Bergner 1896, 137 unterlegt, daß der Vers nur Sinn macht, wenn er gegen die Verfälschung des Glockennamens durch das volkstümliche „Susanna“ gewendet ist. Er folgt hierin Lehfeldt, ZVThGA 17 (N.F. 9), 1895, 664–666, der, an die Reinstädter Glocke anknüpfend, die Erklärung versucht, ein des Lateins unkundiger Leser habe im Anfang der Inschrift nomen susanna gelesen. Der Vers kann aber schwerlich Reaktion auf die falsche Lesung sein, die er doch selbst erst provoziert haben soll.

Nachweise

  1. BuKTh III (Kahla), 1888, 156.
  2. Bergner 1894, 563.
  3. Bergner 1896, 195 Nr. 25 mit Nachzeichnung der Inschrift Taf.II, 15.
  4. Walter 1913, 261.
  5. Vgl. Bergner 1919, 105 Abb. 42 (Nachzeichnung der Inschrift).
  6. Weinhold 1986, 98.

Zitierhinweis:
DI 39, Landkreis Jena, Nr. 53 (Luise und Klaus Hallof), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di039b006k0005307.