Inschriftenkatalog: Landkreis Jena

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 39: Landkreis Jena (1995)

Nr. 49 Kahla, Stadtkirche St. Margarethae 1470

Beschreibung

Inschriften auf der zweitkleinsten der vier Glocken,1) der Vesperglocke (Benigna), im Turm. Die Kronenbügel achtseitig gebrochen, an den Kanten aufgelegte gedrehte Stricke; zwischen den sechs Bügeln sechs aufgelegte Schwerter. Die einzeilige Inschrift verläuft zwischen vier gedrehten Schnurstegen um den Glockenhals und setzt sich auf der Flanke fort, wo die Buchstaben am Schluß nur in den Mantel eingeritzt worden sind; auf der Flanke Reliefs: 1. (rechteckig) Verkündigung; 2. (rechteckig) Noli me tangere, über Christus auf dem Grab ein Schriftband, ein weiteres links über Maria Magdalena, rechts ein Engel mit einem dritten, alle sehr verdrückt und unlesbar; am Wolm zwei Stege; am Schlag zwei Stege. Die Glocke wurde im Jahre 1906 gedreht; die Medaillons sind daher durch den Glockenstuhl verdeckt.

Maße: Dm. 88 cm; Bu. 4 cm, auf der Flanke ca. 1 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel, erhaben, auf der Flanke eingeritzt.

SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Luise u. Klaus Hallof) [1/1]

  1. Anno d(omi)ni mo cccco lxxo a)do laudu(m) sig(na) m(ihi)b) nomen dulce benigna ∙a⟨t⟩q(ue)c) deo dig(n)a / ∙d) voco cantica pello maligna ∙d)feria quinta post d Ve)

Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1470. Ich gebe die Zeichen für die Lob(lieder), ich trage den süßen Namen Benigna und ich rufe zu Gott würdigen Gesängen, ich vertreibe das Schädliche. Am Freitag nach dem Sonntag (Estomihi?)

Versmaß: Zwei leoninische Hexameter.

Datum: Datum: 16. März (?) 1470.

Kommentar

Auf Grund der Gestaltung der Glocke (Schwerter zwischen den Bügeln der Krone) und des leoninischen Versmaßes der Inschrift hat Bergner2) sie dem zwischen 1476 und 1495 nachweisbaren sog. „Erfurter Unbekannten“ zugewiesen, der sich auf allen seinen Werken der gleichen Gießermarke bediente: auf einem Schild ein unten in zwei, oben in drei verdickten Enden gegabelter Stab.3) Dieses Zeichen scheint aus einer Lilie4) hervorgegangen zu sein, wie sie die Vesperglocke von 1470 in Kahla aufweist; diese wäre demnach sein frühestes Werk. Auch das hier anzutreffende Verhältnis von Breite des Schriftbandes und Buchstabenhöhe ist für die Arbeiten dieses Gießers typisch.5) Andererseits fehlen in Kahla weitere seine Glocken kennzeichnende Elemente wie als Trennungszeichen eingedrückte Münzen, Weinlaubfries, Laubstab am Rand usw. Die Buchstabenformen lassen keine sichere Entscheidung zu; im Vergleich zu der Glocke von 1476 in Reinstädt (Nr. 53) fallen kleine Unterschiede bei e in der Länge der Cauda und bei x auf; a ist charakterisiert durch einen feinen Haarstrich. Das Majuskel-A ist stets von anderer Form, auf der Vesperglocke mit breitem Deckbalken und Abschlußstrich, der Mittelbalken endet rechts in einem Kleeblatt. Die Lettern treten ziemlich stark hervor.

Der „Erfurter Unbekannte“ wurde aus Urkunden als Hans Sinderam namhaft gemacht.6) Seine Glocken zeichnen sich durch leoninische Verse aus, die mit dem Namen der Glocke (Benigna,7) Gloriosa, Cantabona, Benedicta, Osanna) spielen; aber auch den schlichten Reim hilf Gott Maria berot hat er verwendet,8) so daß allein aufgrund der Inschrift eine gesicherte Zuschreibung nicht möglich ist. Im Lkrs. Jena sind drei weitere Glocken von ihm bekannt.9) Die Datierung des Glockengusses auf den Tag genau ist aus dem 15. Jh. gelegentlich auch sonst bezeugt.10) Auch der eingeritzte Zusatz am Schluß einer sonst mit Modeln hergestellten Inschrift am Glockenhals hat Parallelen.11)

Textkritischer Apparat

  1. Erstes und drittes o stehend, zweites o querliegend.
  2. Kürzungsstrich stehend.
  3. adq; steht auf der Glocke.
  4. Stilisierte Lilie; Gießermarke?
  5. d(ominicam) V (= Quintanam)? Bergner. Der Sonntag Quintana (oder Quinquagesima) ist der Sonntag Estomihi, der 7. vor Ostern. Aber auch J(udica) oder J(ubilate) wären möglich, da die Lesung des letzten Buchstabens nicht eindeutig ist.

Anmerkungen

  1. Die anderen Glocken: Nrr. 31, 106, 122.
  2. Bergner 1896, 229–230; Bergner 1919, 104.
  3. S. Anhang, Nr. 25; Abb. bei Bergner 1896, Taf. II, Abb. 16. Dieses Zeichen befindet sich auf einem gestürzten Wappen unter einer Glocke auf der Grabplatte von 1495(?) eines Mannes und einer Frau in bürgerlicher Tracht (H. 190 cm; B. 123 cm) im Kreuzgang des Domes zu Erfurt (KPrSa I (Stadt Erfurt), 1929, 350 Nr. 184); von der Inschrift war nur noch zu lesen: An(n)o d(omi)ni m cccc xcv ... xx die .. maii – – – iohannes(?) – – –.
  4. Abb. bei Bergner 1896, Taf. II, Abb. 16a.
  5. Die Buchstaben sind etwa halb so hoch wie die Bandbreite (in Kahla: 8 cm, Bu. 4 cm); vgl. Schilling 1988, Abb. 117 (Cantabona in Erfurt).
  6. Schilling 1968, 20–26; Bergner 1899, 146 hat ihn in Verkennung der Inschrift auf der Erfurter Cantabona von 1492, seinem Hauptwerk, als Johannes Kanttebon bezeichnet.
  7. Laude su(m) digna cu(m) sim vocata benyngn(a) auf der Sinderam-Glocke in Engerda üb. Rudolstadt von 1493, s. Bergner 1896, 192 Nr. 15.
  8. Nr. 56, vielleicht auch Nr. 62.
  9. Nrr. 53 (1476), 54 (1482), 56 (1483).
  10. Z. B. DI 11 (Merseburg), Nr. 26 (Glocke von 1479 im Dom).
  11. So auf einer Glocke des Naumburger Gießers Nikolaus Rimann von 1471 in Krumpa b. Querfurt (BuKPrSa XXVII (Querfurt), 1909, 51).

Nachweise

  1. Kirchen-Galerie II 3 (Findeisen).
  2. Löbe 1869, 193.
  3. Löbe 1871, 24.
  4. BuKTh III (Kahla), 1888, 114.
  5. Löbe 1891, 432.
  6. Bergner 1894a, 67 Nr. 3.
  7. Bergner 1896, 194 Nr. 21 mit Nachzeichnung der Gießermarke Taf. II, Abb. 16a, und des Noli-me-tangere-Reliefs Taf. IX, Abb. 70.
  8. Walter 1913, 258.
  9. Bergner 1919, 103–104 mit Nachzeichnung der Inschrift Abb. 41.
  10. Denner 1937, 48.

Zitierhinweis:
DI 39, Landkreis Jena, Nr. 49 (Luise und Klaus Hallof), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di039b006k0004907.