Inschriftenkatalog: Landkreis Jena

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 39: Landkreis Jena (1995)

Nr. 46 Vierzehnheiligen, Wallfahrtskirche 1464

Beschreibung

Bauinschrift, am südöstlichen Strebepfeiler des Schiffes. Quader aus Kalkstein. Die Inschrift steht vier- bzw. dreizeilig an den drei sichtbaren, ein wenig vorspringenden Seiten des Quaders und auf dem abgeschrägten Rahmen (B): (A) auf der Vorderseite (Süden), (B) auf der rechten (Osten), (C) auf der linken Schmalseite (Westen). Die Westseite verwittert.

Maße: H. 47 cm; B. 80 cm; D. 36 cm; Bu. ca. 8 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Luise u. Klaus Hallof) [1/3]

  1. A

    anno d(omi)nia) mo cccco / lxiiiiob) a(nn)o inchoatu(m) / e(st) p(raese)ns edificium

  2. B

    hercogk / wilhe(lm) vo(n) / sach(se)n ist / ey(n) forste(her) // diß goteßhusc)

  3. C

    ditterich / paind) ist / ey(n) [b]ume/ist(er) diß h(auses)

Übersetzung:

(A) Im Jahre des Herrn 1464 Jahr ist angefangen worden das gegenwärtige Gebäude.

Kommentar

Nachdem die Brüder Friedrich II. (der Sanftmütige, 1428–1464) und Wilhelm III. (der Tapfere, 1440–1482) infolge der „Altenburger Teilung“ (1445), in der ersterer die Mark Meißen mit Altenburg und Zwickau, letzterer Thüringen und die fränkischen Gebiete erhalten hatte, über fünf Jahre den sog. „Sächsischen Bruderkrieg“ untereinander ausgetragen hatten, fand dieser mit der Versöhnung vom 27. Januar 1451 zu Pforta ein Ende. Politisch wurde im wesentlichen nur der Status quo ante bestätigt. Aber die Brüder entschlossen sich zur Sühne für den Krieg zu einer geistlichen Stiftung.1) Jedoch erst mehr als ein Jahrzehnt später wählte Hz. Wilhelm auf der Flur des Dorfes Lutzendorf (auf der Hochfläche zwischen Jena und Apolda), das dem in Ungnade gefallenen Ratgeber Apel Vitzthum gehört hatte, den Ort für den Bau einer würdigen Kirche. Die Inschrift dokumentiert den Baubeginn im Jahre 1464.2) Das Jahr des Bauabschlusses ist unbekannt. Im Jahre 1482 beschwert sich die Stadt Neustadt a.d. Orla über den neu aufgekommenen Zoll zu den 14 Nothelfern.3) Mit der Kirche war eine Wallfahrt verbunden. Diese florierte, nachdem die Kirche in der „Leipziger Teilung“ (1485) an die albertinische Linie gekommen war, noch bis zu dem Tod des katholischen Hz. Georg des Bärtigen (1539).4)

Die Inschriften sind wegen ihrer Mischung von Latein und Deutsch interessant. Unter den Buchstabenformen fallen g und p auf, weil sie identisch sind.5) Es werden keine Versalien verwendet. In (A) ist das Wort anno zweimal wiederholt. Mit Dittrich Pain nennt sich erstmals6) auf den Inschriften im Lkrs. Jena ein Baumeister mit Namen. Über dem Quader mit der Inschrift befindet sich die apotropäische Skulptur eines Kopfes und Dämonen.

Die Kirche, für die Gemeinde des kleinen Dorfes viel zu groß, wurde 1801 entscheidend verändert, als man den Chor abriß. „Beim Abbruch der Hinterkirche wurden große Platten, die mit unleserlicher Schrift versehen gewesen sein sollen, und vor dem Altar lagen, hinweggenommen, unter denen wahrscheinlich Grabstätten waren.“7)

Textkritischer Apparat

  1. Zwischen anno und dni steht ein Stz. (Anhang, Nr. 2).
  2. lxvii Lehfeldt.
  3. Die beiden letzten Worte auf dem Rahmen.
  4. Itam Bohn. gain oder gam will R. Fuchs (Mainz) lesen.

Anmerkungen

  1. Auf Bohn 1858, 6 geht die Behauptung zurück, Margarethe, die Gattin Kfst. Friedrich des Streitbaren, habe den fränkischen Gnadenort Vierzehnheiligen, der aufgrund der Visionen eines jungen Schäfers auf dem Klostergut der Zisterzienserabtei Langheim 1445/46 entstanden war, besucht und 1453 eine Sekundärwallfahrt ins Leben gerufen (so auch Köster [s. Nr. 12, Anm. 12], 219). Unter dieser Annahme ist nicht zu erklären, wieso mit dem Bau erst 1464 begonnen wurde. Zudem lag das thüringische Vierzehnheiligen nicht auf kurfürstlichem Gebiet.
  2. Die Baugeschichte ist noch ungenügend erforscht, die Literatur hierzu widersprüchlich. Bohn 1858, 8 behauptet, daß der Bau 1453 begonnen, 1464 vollendet und durch den Naumburger Bischof Dietrich III. (1463–1466; vgl. DI 6 [Naumburg, Dom], Nr. 33) den 14 Nothelfern geweiht worden sei. Nach Lehfeldt, BuKTh Camburg, 203 wurde die Kirche 1453 gestiftet, 1464 geweiht, 1467 im Turmbau vollendet (ähnlich Weber 1935, 101 und Mühlmann 1967, 73). Dies steht aber im Widerspruch zu der Inschrift, wobei die unterschiedlich gelesene Jahreszahl (1464 / 1467) zu weiterer Verwirrung führte. Dagegen datiert Mühlmann 1977, 95–98 den Baubeginn in Übereinstimmung mit der Inschrift auf 1464 und betont, daß Lützendorf nicht, wie Bohn behauptet, im „Bruderkrieg“ zerstört worden sein kann, da es noch 1462 urkundlich genannt wird (UB Jena II, Nr. 556). Ausschlaggebend für die Wahl des Bauplatzes könnte vielmehr eine als wundertätig geltende Quelle auf der Flur des Dorfes gewesen sein, dessen Name später in dem des neuen Gnadenortes aufging.
  3. UB Jena II, Nr. 687.
  4. Vgl. Nr. 139.
  5. pns in (A) läßt klar erkennen, daß bei p die rechte (!) Haste lang und (wie bei g) unter die Grundlinie gezogen ist, wo sie nach rechts gebrochen ist. Daher ist in (C) der Eigenname nicht eindeutig zu lesen, s. Anm. d.
  6. Noch früher sind Künstlernamen nur auf Glocken überliefert, so Herman Herlin in Nr. 44 von 1450.
  7. Bohn 1858, 59.

Nachweise

  1. Schneider 1800, 103–104.
  2. Bohn 1858, 63–67, mit Nachzeichnung der Inschrift – BuKTh VII (Camburg), 1889, 203.
  3. Vgl. Weber 1935, 101.
  4. Mühlmann 1967, 73.

Zitierhinweis:
DI 39, Landkreis Jena, Nr. 46 (Luise und Klaus Hallof), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di039b006k0004601.