Inschriftenkatalog: Landkreis Jena

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 39: Landkreis Jena (1995)

Nr. 9 Geunitz, Pfarrarchiv 3. V. 14. Jh.?

Beschreibung

Inschriften auf silbernem, vergoldetem Kelch. Auf dem runden Fuß aufgelötetes Kruzifix (der Titulus ohne Inschrift) und Inschrift (A) umlaufend, erhaben auf graviertem Schriftband, unter dem Fuß des Kruzifixes beginnend; Worte durch Rosetten1) getrennt, Kürzungsstriche über dem Schriftband. Der Rand des Fußes ist durch einen ornamentalen Fries (jeweils fünf ins Quadrat gestellte Punkte) verziert. Am runden Stilus über und unter dem Nodus Fries aus Dreipaßarkaden. Zwischen den Rotuli mit den Einzelbuchstaben (B) durchbrochenes Maßwerk.

Maße: H. 14,5 cm; Dm. 11,0 cm (Fuß), 10,0 cm (Kuppa); Bu. 0,6 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel, erhaben.

SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Luise u. Klaus Hallof) [1/5]

  1. A

    + IST(VM) ∙ CALICE(M) ∙ CO(M)P(AR)AVIT ∙ H(ENRICVS)a) ∙ DE ∙ GERA ∙ ET ∙ VXOR ∙ SVA ∙ MEZCE

  2. B

    +b) M A R I A

Übersetzung:

Diesen Kelch beschaffte (= stiftete) Heinrich von Gera und seine Frau Mezze (= Mechthild).

Kommentar

Der Kelch von Geunitz weist eine frühe Stiftungsinschrift auf, die eine ungefähre Datierung erlaubt. Die Donatoren, Heinrich von Gera und Mechthild (Mezze) geb. von Käfernburg, sind urkundlich im 3. Viertel des 14. Jh. bezeugt; Heinrich (V.) starb im Jahre 1377.2) Dieser zeitliche Ansatz harmonisiert mit der Form der Buchstaben, die überwiegend3) unzial sind; an den Enden zeigen sie dreieckige Abschlüsse, die (bei L und T) über die halbe Breite des Schriftbandes reichen. Die Schwellung der Bögen läuft spitz aus. Formale Ähnlichkeiten bestehen zu dem gotischen Kelch in der Stadtkirche zu Stadtilm.4) Für den Typus der Inschrift lassen sich Parallelen aufweisen.5) Angemerkt werden muß die Verwendung des Kürzels , üblich für P(ER), im Wort CO(M)P(AR)AVIT.

Inschrift (B) zeigt dieselben breiten Formen6) wie (A); die Ecken der Rauten sind durch ein dreiteiliges Ornament ausgefüllt,7) wodurch die gedrungenen Buchstaben in einem leeren Rechteck zu stehen scheinen. Die Bogenfriese über und unter dem Nodus sind von einem gestanzten Metallband in der benötigten Länge abgeschnitten.8)

Der Schauenforst,9) eine Waldung und Burg, deren Ruine etwa 3 km südlich von Geunitz liegt, gehörte bis 1326 den Herren von Schauenforst, einem Vasallengeschlecht der Grafen von Orlamünde, dann bis 1393 den Grafen selbst. Seitdem war sie in wettinischem Besitz bis zum Jahre 1534, in welchem der sächsische Kurfürst Herrschaft und Burg an die Reussen von Plauen verkaufte.10) Im Jahre 1620 verkauften sie Burg und Herrschaft (zu der u.a. die Dörfer Reinstädt, Geunitz, Drößnitz, Kesslar, Milda, Kröbitz, Röttelmisch, Zweifelbach und Gumperda gehörten) wieder. Es ist gut möglich, wie Bergner annimmt,11) wenn auch nicht zu beweisen, daß in der Zeit von 1534 bis 1620 die Reussen den Kelch aus ihrem alten Familienbesitz der Kirche zu Geunitz übereignet haben, da nur in diesen Jahrzehnten – nicht etwa um 1350, als der Kelch ursprünglich gestiftet worden war – ein Einfluß der Vögte auf die besagte Gegend nachweisbar ist.

Textkritischer Apparat

  1. H ohne Kennzeichen der Abbreviatur.
  2. Krückenkreuz.

Anmerkungen

  1. Teils mit fünf, teils mit sechs Blättern.
  2. Vgl. Schmidt 1903, Taf. C, Nr. 7: Heinrich (V.) d. J., Sohn Heinrichs II. (urk. 1274–1306), Vogt und Herr von Gera, urk. seit 1309; 1347 Landrichter zu Meißen, im Osterland, zu Landsberg und Pleißen; gest. 8. Dezember 1377; verheiratet mit Mechthild Gräfin von Käfernburg (urk. seit 1328), gest. 25. Mai vor 1376.
  3. Pseudo-unziales A, kapitales D, halbgeschlossenes M, kapitales neben unzialem T.
  4. Vgl. Kühlke 1962, 46 und Photo S. 47. Die Stifterinschrift lautet: CUNRAT : VON : KUNGESSE : ET : SOROR : EIUS : BERTATH . AVE . M(ARIA); Konrad von Königssee wird in einer Urkunde von 1333 genannt.
  5. DI 14 (Fritzlar), Nr. 62, ein später Beleg von 1478.
  6. Abweichend von (A) ist das M hier nicht halbgeschlossen.
  7. Diese Art begegnet bei den frühen Kelchen im Lkrs. Jena sonst nicht.
  8. Der Bogen, durch den der Schnitt verläuft (über dem Rautenwürfel mit dem zweiten A), ist schmaler als die anderen. – Eine ähnliche Technik zeigen auch die Schriftbänder an den Kelchen Nrr. 16 und 23.
  9. Vgl. J. Löbe, Der Schauenforst, in: Mitt.Osterl. 8, H. 4, 1882, 471–492.
  10. Seit dem Beginn des 13. Jh. bestanden drei Linien der Vögte – zu Weida, zu Gera und zu Plauen – nebeneinander; letztere teilte sich in ein älteres und ein jüngeres Haus, und nur dieses jüngere trug den Namen Reuss. Die Linien zu Weida und Gera starben um 1535 bzw. 1550 aus, ebenso mit Heinrich VI. im Jahre 1572 die ältere Linie der Herren von Plauen, Burggrafen von Meißen (s. J. Richter, in: Sächsische Heimatblätter 38, 1992, 299–303). Der sächsische Teil der ehemaligen Gebiete der Vögte von Weida, Gera und Plauen kam an das albertinischen Sachsen, während die jüngere Linie in den reussischen Landen und dem Territorium der ehemaligen Herrschaft Gera bestätigt wurde.
  11. Bergner 1894a, 59.

Nachweise

  1. BuKTh III (Kahla), 1888, 81.
  2. Bergner 1894a, 59–60.

Zitierhinweis:
DI 39, Landkreis Jena, Nr. 9 (Luise und Klaus Hallof), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di039b006k0000906.