Die Inschriften des Landkreises Jena: Einleitung

Geleitwort

Das interakademische Gesamtunternehmen "Die Deutschen Inschriften", an dem alle deutschen Akademien und die österreichische Akademie der Wissenschaften beteiligt sind, ist nach zähem Beginn und historisch bedingten Rückschlägen in den letzten Jahren beträchtlich vorangekommen. Sich mehrende Inschriftenverluste - nicht zuletzt nach anfangs langsamer, dann aber schneller fortschreitender Zerstörung infolge der Umweltverschmutzung - führten zu der nunmehr verbreiteten Erkenntnis, daß die Inschriften, eine Vielzahl bisher wenig bekannter und ungenügend genutzter unmittelbarer Zeugnisse unserer Geschichte, wenigstens im Wortlaut für die Nachwelt bewahrt und dokumentiert werden müssen. Inzwischen sind 38 Bände des Gesamtwerks erschienen, und weitere kann man in schnellerer Folge erwarten. Dennoch ist es dringend notwendig, das Gesamtunternehmen mit allem Nachdruck zu beschleunigen, will man nicht freiwillig auf einen beträchtlichen Teil dieser literarischen Quellen verzichten, deren unmittelbare Aussagen bekanntlich einen nicht zu überschätzenden fachlichen Wert für zahlreiche historische Disziplinen haben - für die allgemeine, die Landes- und Heimatgeschichte ebenso wie für die Kunstgeschichte, aber auch für Religionsgeschichte und Theologie, für die deutsche Volkskunde, die Heraldik und Spezialforschungen. - Die Sammlung und Bearbeitung der Inschriften wird zudem endlich die Grundlage für eine deutsche Epigraphik schaffen.

Daß die neue Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften nach der "Wende" nunmehr bereits einen zweiten Band vorlegen kann, ist nicht das Verdienst der dort 1992 eingerichteten Arbeitsstelle "Die Deutschen Inschriften", sondern der beiden Bearbeiter, Klaus und Luise Hallof, die sich der mühevollen Sammlung, Zusammenstellung und Kommentierung der Inschriften der Stadt und des Landkreises Jena aus freien Stücken, ohne staatliche Unterstützung und mit hohem Einsatz und persönlichem Engagement unterzogen.

Das Manuskript hat der Arbeitsstelle der Akademie zur Überprüfung vorgelegen. Deren Korrekturvorschläge konnten in engen Grenzen gehalten werden; denn wie der erste ist auch dieser zweite Band der beiden Bearbeiter bis zuletzt vervollständigt und mustergültig bearbeitet worden. Er entspricht auch den derzeitigen Publikationsgrundsätzen des Gesamtunternehmens.

Ich danke den Bearbeitern für ihre vorbildliche Leistung und bin überzeugt, daß der Band gut aufgenommen werden wird.

Halle, im Mai 1994
Ernst Schubert

VORWORT

Mit dem vorliegenden Band, der die Inschriften des Landkreises sowie des Stadtkreises Jena außerhalb der mittelalterlichen Stadt und ihrer unmittelbaren Vorstädte umfaßt, schließen wir an die nach sechsjähriger Verzögerung im Jahre 1992 (als fünfter Band der Berliner Reihe und erster nach der Wiederaufnahme der DI in den neuen Bundesländern) erschienene Sammlung der Inschriften der Stadt Jena an. Deren widriges Geschick hat sich auch auf den neuen Band ausgewirkt. Die Aufnahme der Inschriften konnte, nachdem die Jenaer Universität aus den bekannten Gründen uns eine Anstellung verweigerte, nur noch in den Urlaubstagen erfolgen und zog sich so über ein Jahrzehnt hin. Die jüngste Zeit brachte im Zusammenhang mit dem Sanierungsprogramm für die ostdeutschen kirchlichen Bauwerke auch für die Inschriftträger manche Veränderung mit sich, die wir nach Möglichkeit berücksichtigt haben. Leider sind auch Verluste von Inschriften zu beklagen.

Deutlicher als es in dem Jena-Band möglich gewesen ist, haben wir die Bemühungen der am Inschriftenwerk beteiligten Mitarbeiter aufgegriffen, die eine Vereinheitlichung der Editionsweise zum Ziel haben. Hierbei durften wir uns vor allem der Hilfe der Mainzer Arbeitsstelle erfreuen. Frau Dr. Y. Monsees und die Herren Dres. R. Fuchs, S. Scholz und E.J. Nikitsch haben uns nicht nur über diese Bestrebungen informiert und Einblicke in ihre eigene Arbeit gegeben, sondern auch unser Manuskript einer gründlichen und kritischen Prüfung unterzogen. Es verdankt ihnen weitaus mehr, als die gelegentliche Nennung ihrer Namen ausweist. Darüber hinaus übernahm freundlicherweise Herr Th. Tempel einen Teil der Fotoarbeiten mit bewährter Meisterschaft. Wo wir schließlich doch von den Editionsrichtlinien abweichen zu müssen glaubten, geschah dies nach reiflicher Überlegung und vor dem Hintergrund einer anderen Tradition epigraphischer Corpora, in die uns die Tätigkeit an den “Inscriptiones Graecae” der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften geführt hat.

Wir bedauern es sehr, daß wir durch die Umstände eng auf die Grenzen des Landkreises Jena verwiesen waren. Denn anders als bei dem geschlossenen Bestand der Stadt stehen die Inschriften des Landkreises in vielfacher Beziehung zu denen des umliegenden Gebietes, die zwar festgestellt, nicht aber weiter verfolgt werden konnten. Daran änderten auch einige Besuche in den Nachbarkreisen zur Aufnahme paralleler Texte nichts, auf deren Ergebnisse wir gelegentlich in den Anmerkungen eingehen. Die Einleitung zum Inschriftenkatalog ist daher im wesentlichen eine Darstellung des Materials; nur im Falle der Kryptogrammglocken haben wir methodische Fragen allgemeineren Interesses erörtert. Allerdings glauben wir, bei der Lesung der (zu fast einem Fünftel bislang unpublizierten) Inschriften an den Originalen das Mögliche getan zu haben.

Bei der Aufnahme und Bearbeitung der Inschriften konnten wir uns vielfacher Hilfe erfreuen. Die Unterlagen des damaligen Instituts für Denkmalpflege der DDR, Arbeitsstelle [Druckseite X] Erfurt, durften wir im Jahre 1985 einsehen. Auskünfte erhielten wir bereitwillig aus dem Landeskirchenarchiv Eisenach (Thüringer Pfarrerkartei) und von Prof. Dr. K. Peschel (Institut für Vor- und Frühgeschichte in Jena) und von Dr. H. Maué (Germanisches National-Museum Nürnberg, Glockenarchiv). Großes Interesse an unserer Arbeit brachten uns die Mitarbeiter der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Jena um Frau Dr. I. Kratzsch entgegen. Das sorgsam gehegte Armarium Jenense bot auch Ersatz für die uns von Dr. O. Mühlmann (†) in Nürnberg, dem hochverdienten, 1957 aus Thüringen vertriebenen Leiter der “Jenaer Denkmalwacht”, zugedachten Sonderdrucke seiner Aufsätze, die uns freilich nie erreicht haben.

Ganz besonderen Dank aber schulden wir den Superintendenten und Ortspfarrern, die uns, die wir keinen offiziellen Auftrag vorweisen konnten, auf Treu und Glauben ihre Kirchen und Archive öffneten. Stellvertretend für sie sollen Pf. H. Michaelis (Kahla) und Pf. L. Krautwurst (Göschwitz) genannt sein.

Das Werden des Bandes ging einher mit dem Heranwachsen unserer Kinder. Irene, Gregor, Agathe sowie unser Neffe Wieland haben uns auf den zahlreichen Fahrten in das Jenaer Land begleitet. Ihre Anwesenheit schuf Vertrauen, ihre Neugier ließ uns manch Verstecktes finden; ihre Fragen zu dem, was sie auf diese Weise von längst vergangener Zeit zu Gesicht bekamen, waren zugleich Fragen nach dem Sinn unseres eigenen Tuns.

Der größte Dank jedoch gebührt unseren Eltern bzw. Schwiegereltern, Edelgard und Dr. Dieter Rau in Jena-Ammerbach. Gastfrei stand uns jederzeit ihr Haus offen, wenn uns der Weg nach Jena führte. Mit stiller Liebe sorgten beide dafür, daß dies oft und gern geschah. Ihnen sei dieser Band gewidmet.

Berlin, April 1993
Luise und Klaus Hallof

1. Vorbemerkungen und Benutzungshinweise

Die vorliegende Sammlung erfaßt die Inschriften des Landkreises sowie des Stadtkreises Jena außerhalb der mittelalterlichen Stadt und ihrer unmittelbaren Vorstädte, d.h. der im 19. und im 20. Jh. eingemeindeten Dörfer, bis zum Jahre 1650.1) Die Edition berücksichtigt sowohl erhaltene als auch abschriftlich überlieferte Inschriften. Dabei ist Vollständigkeit angestrebt. Da sich die Aufnahme der Inschriften über fast ein Jahrzehnt hin erstreckte, konnten sicher nicht alle Veränderungen des Standortes und des Zustandes der Inschriftträger in jüngerer Zeit berücksichtigt werden; nach Möglichkeit aber ist dies geschehen.

Die Aufnahme und Anordnung der Inschriften folgen den Richtlinien der Interakademischen Kommission für die Herausgabe der Deutschen Inschriften, so wie sie uns zur Kenntnis gelangt sind. Hausmarken, Steinmetzzeichen und Monogramme bildender Künstler sind nur dann erfaßt, wenn sie in Verbindung mit einer Inschrift vorkommen. Sie sind im Anhang wiedergegeben.

Die Inschriften im Katalogteil sind chronologisch geordnet. Die Kopfzeile enthält links die fortlaufende Katalognummer, der ein Kreuz hinzugefügt wird, wenn das Original verloren ist; in der Mitte die Angabe des Standortes; rechts die Datierung. Undatierte Inschriften werden jeweils am Beginn des für sie ermittelten Zeitraumes eingeordnet. Eine zweifelhafte Datierung mit einem Fragezeichen versehen.

Am Beginn des Katalogtextes stehen Angaben zur Art der Inschrift und des Inschriftträgers, zu dessen Standort, Material und Überlieferungsgeschichte. Eine knappe Beschreibung bringt die notwendigen ikonographischen Daten sowie den Platz der Inschrift. Sofern sich mehrere Inschriften auf einem Objekt befinden, sind diese durch (A), (B), (C) usw. bezeichnet. Außer bei Blasonierungen von Wappen erfolgt die Beschreibung vom Betrachter aus.

Bei original überlieferten Inschriften folgen die Maße des Inschriftträgers (bei unregelmäßigen Formen jeweils die größte Höhe bzw. Breite) und die Buchstabenhöhe (maßgebend die Höhe des n bzw. N); ferner der Schrifttyp und Bemerkungen über die Technik, in der die Schrift angebracht worden ist (wird nichts dazu bemerkt, so sind die Lettern in den Grund [Druckseite XII] eingetieft worden). Bei nicht original überlieferten Inschriften ist die der Textgestaltung zugrundegelegte Quelle angegeben.

Bei der Edition der Inschrift finden die diakritischen Zeichen nach dem sog. Leidener Klammersystem Anwendung:

( ) Auflösungen von Abbreviaturen.
[ ] Ergänzung der Inschrift bei Textverlust durch den Herausgeber; der Umfang des verlorenen Textes wird durch eine entsprechende Zahl von Punkten angegeben; läßt sich dieser nicht bestimmen, stehen drei Striche.
{ } Tilgung durch die Herausgeber gegen den überlieferten Text.
< > Hinzufügung bzw. Änderung des überlieferten Textes durch die Herausgeber.
[[ ]] Tilgung auf dem Original.
/ Ende einer Zeile auf dem Original.
a͜b Ligatur.

Zusätzlich bedeuten:

// Übergang des Textes auf ein anderes Inschriftfeld.
⌈ ⌉ ursprünglich freigelassene Stellen im Original (für spätere Nachträge).

Die Auflösung von Abbreviaturen erfolgt unter Weglassung der Kürzungszeichen. Über der Zeile stehende Buchstaben werden – mit Ausnahme der Flexionsendungen bei lateinischen Ordinalzahlen – eingerückt. Die Worttrenner werden vereinheitlicht als Hochpunkte wiedergegeben und in den Anmerkungen beschrieben. Metrische Inschriften werden nach dem Versmaß, Prosa-Inschriften dagegen fortlaufend abgesetzt.

Unmittelbar nach dem Text folgt die Übersetzung der fremdsprachigen (d.h. zumeist lateinischen) Teile, die Umsetzung des Datums nach dem modernen Kalender und die Bestimmung der Wappen. Sind diese in den einschlägigen Wappenbüchern nicht nachzuweisen, werden sie blasoniert.

Der Kommentar zur Inschrift und zum Inschriftträger gibt Auskunft über Datierungsfragen, über die genannten Personen, über Stifter und Künstler, historische Ereignisse usw., soweit solches für das Verständnis der Inschrift notwendig und förderlich ist.

Im kritischen Apparat sind die Buchstabenanmerkungen den textkritischen Fragen vorbehalten; sie verweisen auf abweichende Lesungen, Varianten, orthographische Besonderheiten und Fehler im Inschrifttext. Ziffernanmerkungen enthalten Quellennachweise und weiterführende Literatur sowie zusätzliche Erläuterungen zur Edition.

Am Schluß jeder Inschrift ist – bei angestrebter Vollständigkeit – in chronologischer Folge die Literatur nachgewiesen, in der der Text der Inschrift publiziert, gefolgt von solcher, in der dieselbe bloß erwähnt oder der Inschriftträger nur beschrieben bzw. abgebildet wurde.

2. Historischer Kontext

Der vorliegende Band umfaßt die Inschriften der Orte im heutigen Lkrs. Jena sowie im Stadtkreis Jena außerhalb der Grenzen der mittelalterlichen Stadt.2) Der Lkrs. Jena, der sich zu beiden Seiten der mittleren Saale zwischen den Städten Orlamünde im Süden und Camburg im Norden erstreckt, wo er an den bereits früher im Rahmen der “Deutschen Inschriften” bearbeiteten Krs. Naumburg an der Saale anschließt,3) nimmt in seiner jetzigen [Druckseite XIII] Gestalt nur wenig Rücksicht auf die historisch gewachsenen Strukturen des Territoriums, für das die Saalelinie von entscheidender Bedeutung war.4)

Bis an die Saale erstreckte sich das Frankenreich in karolingischer Zeit; für Einhard ist sie ein Fluß, “der Thüringer und Sorben trennt“. Die Grenze freilich war durchlässig. Slawische Bodenfunde westlich des Flusses bis hin zur Ilm und die historischen Ortsnamen erweisen den Raum um Jena und Kahla als dicht von Slawen besiedelt. Die Christianisierung des Gebietes wurde entschieden von Erfurt aus vorangetrieben, wo Bonifatius im Jahre 743 ein kurzlebiges Bistum gegründet hatte, das nach seiner Ernennung zum Bischof von Mainz5) im Jahre 746 mit der Mainzer Diözese vereinigt wurde. Der Einfluß des Mainzer Erzbistums auf Thüringen stand aber zunächst dem Wirken der beiden Reichsklöster Fulda und Hersfeld nach.

Bei der Missionierung Thüringens stützte sich Bonifatius hauptsächlich auf den einheimischen Stammesadel. Diesen versuchten die karolingischen Herrscher in das Reich zu integrieren, indem sie im Jahre 782 die Grafschaftsverfassung einführten. Das Königsgut wurde mit einem System von Burgbezirken überzogen; Dornburg und Kirchberg (Hausbergburgen) könnten Mittelpunkte solcher karolingischen Burgbezirke gewesen sein. Das 9. Jh. wird vom Kampf der Franken gegen die Slawen bestimmt. Mit dem Verfall des Frankenreiches nahm die Macht der sich auf den militärischen Oberbefehl in diesem Grenzgebiet stützenden Markenherzöge (duces) zu, deren Eigenbesitz dem Krongut und dem Besitz der Reichsklöster gegenüberstand. Es ist kaum wahrscheinlich, daß es damals bereits zur Ausprägung größerer zusammenhängender Territorien gekommen ist. Doch eine ganze Anzahl von Orten im Lkrs. Jena erscheint in den frühen Hersfelder Zehntverzeichnissen (9. Jh.) als im Besitz des Kaisers befindlich (in potestate Cesaris).

Eine Veränderung dieses Kräfteverhältnisses brachte die Wahl Heinrichs I. zum deutschen König (919). Diese hatte bereits in den ersten Jahrzehnten des 10. Jh. Gebiete im nördlichen Thüringen unter seine Herrschaft gebracht, während das Thüringer Becken und die südlichen Gebiete in den Händen der einheimischen Adligen verblieben. Mit seiner Wahl trat Heinrich zugleich in den Besitz des Reichsgutes ein, das er weiter zu mehren suchte. Die Pfalzen Dornburg und Kirchberg wurden von den ottonischen Herrschern oft besucht. Eine Kette von Burgwarden zog sich an der mittleren Saale entlang, die bis in die Stauferzeit hinein zu Reichsburgen ausgebaut und Ministerialen, wie etwa den Burggrafen von Kirchberg, zur Verwaltung anvertraut wurden. Doch zu einem geschlossenen, der Krone gehörigen Gebiet führte diese Entwicklung nicht, und alle Versuche der Kaiser, sich Teile des Besitzes der thüringischen Grafen zusprechen zu lassen, scheiterten an den partikularen Gewalten. So endet im Jahre 1324 die Geschichte des Reichsgutes in Thüringen kläglich; an seine Stelle war die Hausmacht der großen Grafengeschlechter getreten, die untereinander um die Vormacht rangen.

Aufstieg und Niedergang der Ludowinger, die auf dem Reichstag zu Goslar 1131 die Würde eines Landgrafen von Thüringen erhielten, braucht in unserem Rahmen nicht weiter verfolgt zu werden. Keine der Inschriften des Bearbeitungsgebietes berührt jenes Geschlecht, das vor seinem Ende mit Heinrich Raspe für eine kurze Zeit sogar nach der Königskrone gegriffen hatte. Dessen Tod (Februar 1247) führte das Land in einen Erbfolgekrieg, den [Druckseite XIV] bereits 1249 Markgraf Heinrich von Meißen (1221–1288) für sich entscheiden konnte. Nach einem halben Jahrhundert wurden in der Schlacht bei Lucka (1307) die Ansprüche der königlichen Zentralgewalt endgültig zurückgewiesen. Die Thüringer Landgrafschaft verblieb in der Hand der Wettiner, die nun zielstrebig darangingen, ihren Grundbesitz abzurunden, die Adelsgeschlechter in ihrer Macht einzuschränken und in ein Lehnsverhältnis zu bringen. Von der Grafschaft Camburg aus galten ihre Bemühungen zunächst dem nach Süden anschließenden Gebiet der Herren von Lobdeburg-Leuchtenburg, die im 13. Jh. mit dem Aufbau eines eigenen Territoriums begonnen und durch die Gründung zahlreicher Städte – darunter Jena (um 1230) und Kahla – und Klöster den Ausbau zu einer Landesherrschaft versucht hatten. Vom Verfall des Lobdeburgischen Besitzes profitierten aber zunächst vor allem die Grafen von Schwarzburg. Diese hatten ihre Macht von Süden aus über Kahla, die 1333 gekaufte Leuchtenburg, Roda und die 1331 von der verwitweten Burggräfin von Kirchberg, einer gebornen Schwarzburgerin, erworbene Burg Windberg auf dem Hausberg bis hinauf nach Jena ausgedehnt. Damit bildete ihr Gebiet einen Riegel zwischen den thüringischen und den osterländischen Besitzungen der Wettiner. Im Gebiet um Jena stießen beide Mächte aufeinander; den Besitz der Stadt hatten sie sich zunächst noch zu teilen.6)

Gegen die Grafen gelang Markgraf Friedrich II. (1323–1349) in der sogenannten “Thüringer Grafenfehde” (1342–1345)7) mit Unterstützung der Stadt Erfurt ein entscheidender Schlag. Der Friedensvertrag von Weißenfels (28. Juli 1345) drängte die Schwarzburger aus dem Saaletal zurück. Sie verloren Kahla und mußten nicht nur Dornburg, das ihnen 1344 von den Schenken zu Tautenburg als Lehnherren aufgetragen worden war (s. Nr. 2), nun von dem Markgrafen zu Lehen nehmen, sondern auch Windberg und die Herrschaft Leuchtenburg mit Roda, die sie schließlich 1358 endgültig aufgaben. Der Burggraf von Kirchberg hatte die Burg Greifberg abzutreten. Auch die Grafen von Orlamünde trugen Friedrich II. ihre Herrschaft zu Lehen auf, nachdem ihm die Grafschaft und die Stadt selbst bereits 1344 durch den Grafen Heinrich IV. von Weimar-Orlamünde aus Geldmangel verkauft worden war. Im “Vogtländischen Krieg” (1354–1359) brachte Markgraf Friedrich III. (1349–1381) auch Teile des Gebietes der Vögte von Weida, Gera und Plauen an sich. Nur die Schenken zu Tautenburg, die in der Mitte des 13. Jh. altes Reichsgebiet erworben hatten (s. Nr. 1), blieben bis zu ihrem Aussterben im Jahre 16408) reichsunmittelbare Dynasten, wenngleich die Vielzahl der von ihnen überkommenen Inschriften in Tautenburg und Frauenprießnitz nicht vergessen machen darf, daß ihr Besitz sich äußerst bescheiden ausnahm und auf einige wenige Dörfer begrenzt war.

Ansonsten war das mittlere Saaletal, gegliedert in die Ämter Camburg, Dornburg, Windberg, Jena, Burgau, Lobeda, Kahla und Orlamünde, nun fest in wettinischer Hand und damit gebunden an das weitere Schicksal dieses Fürstengeschlechtes und insbesondere an seine verschiedenen Teilungen. Die Chemnitzer Teilung von 1382 endete im Jahre 1440 ohne größere Folgen. Die Altenburger Teilung von 1445 zwischen Kurfürst Friedrich II. (1428–1464) und Herzog Wilhelm III. (1445–1482), die maßgeblich von den adligen Räten Wilhelms, Busso und Apel Vitzthum, betrieben wurde, führte in den sogenannten “Sächsischen Bruderkrieg” (1445–1451),9) in dessen Verlauf zunehmend die thüringischen Besitzungen [Druckseite XV] der Vitzthume heimgesucht wurden. So wurden die Ämter Burgau und Lobeda verwüstet, Reinstädt zerstört (s. Nr. 36), Dornburg, Isserstedt und andere feste Plätze geschleift. Nach dem Naumburger Frieden von 1451, der im wesentlichen den früheren Zustand bestätigte, stifteten die fürstlichen Brüder als Zeichen der Sühne die Wallfahrtskirche in Vierzehnheiligen (Nr. 46). Mit dem Tode Wilhelms III. fiel Thüringen zurück an die wettinische Hauptlinie; aber als kurz darauf die Brüder Ernst (1464–1486) und Albrecht (1485–1500) sich erneut zu einer Landesteilung entschlossen, war es dem Hause Wettin nicht ein drittes Mal beschieden, daß die Gnade eines kinderlosen Todes die Spaltung nach einiger Zeit wieder aufhob. Die Leipziger Teilung von 1485 war dergestalt geplant, daß die beiden Hälften auf komplizierte Weise miteinander verzahnt bleiben und zu dem jeweiligen Hauptteil (Meißen bzw. Thüringen) auch kleinere Teile im Gebiet des anderen gehören sollten. Die Grenze verlief durch das Bearbeitungsgebiet. Die Ämter Camburg (mit der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen), Dornburg und Jena, die Propstei, das Zisterzienser-Nonnenkloster und das Brückenamt zu Jena sowie der Hof des Deutschritter-Ordens zu Zwätzen gehörten zum meißnischen Teil,10) den Albrecht sich wählte, wobei Amt und Stadt Jena noch 1485 an Ernst gingen,11) weil Albrecht die 100 000 Gulden Ausgleich für das als wertvoller geltende meißnische Gebiet nicht aufbringen konnte und diese Summe durch die Zugabe einiger Ämter, darunter Jena, halbierte.

Am Ausgang des Mittelalters hatten die ehemals so wichtigen Burgen12) ihre militärische und politische Bedeutung weitgehend verloren. Die wenigsten von ihnen spielen daher in der epigraphischen Überlieferung eine Rolle. Camburg im Norden wurde 1451 im “Sächsischen Bruderkrieg” zerstört. Die alte Kaiserpfalz Dornburg, seit 1358 wettinisch, wurde ebenfalls 1451 bis auf den Bergfried geschleift, aber bis zum Beginn des 16. Jh. (s. Nr. 130) das Schloß für die Bedürfnisse der ernestinischen Kurfürsten wieder hergerichtet. Die Tautenburg, seit dem 13. Jh. im Besitz der nach ihr benannten Schenken (s. Nr. 1), mußten diese im Jahre 1345 den Wettinern zu Lehen auftragen; die Albertiner nahmen sie nach dem Aussterben des Geschlechtes (s. Nr. 328) im Jahre 1640 als erledigtes Lehen in ihren Besitz und richteten ein Amt ein. Von der alten Wasserburg Lehesten, die im Jahre 1304 zusammen mit anderen festen Plätzen der Burggrafen von Kirchberg (s. Nr. 79) zerstört wurde und in den Besitz der Wettiner, von diesen aber 1507 an den Deutschen Orden in Zwätzen kam, steht heute nur noch der um 1550 (s. Nr. 145) umgebaute Turm. Die Kunitzburg, einst Reichslehen und von dem Ministerialengeschlecht der Gleisberger verwaltet, dann an die Reussen abgegeben, hatten sich die Wettiner bereits 1398 gegen die Ansprüche des Königs erfolgreich aneignen können. 1450 wurden die berüchtigten Gebrüder Vitzthum mit dem Schloß und der zugehörigen Pflege belehnt, aber schon ein Jahr später sah sich der Herzog genötigt, die Burg seiner unbotmäßigen Räte zu erobern und den Turm zu brechen. Auf dem sich nach Süden anschließenden Hausberg standen drei Burgen: Windberg, Kirchberg, Greifberg, deren Aussehen ein bemerkenswertes Wandgemälde aus dem 15. Jh. in der Wallfahrtskirche zu Ziegenhain (Nr. 79) überliefert. Hier saßen die an der mittleren Saale einst bedeutenden Burggrafen von Kirchberg, deren Burgen die Wettiner in einer spektakulären Aktion im Jahre 1304 unter dem Vorwand des Landfriedensbruches von einem Aufgebot der Städte Erfurt, Mühlhausen und Nordhausen erobern und zum Teil schleifen ließen. Die Kirchberger verkauften schließlich Greifberg im Jahre 1345 an die Landgrafen; der Griff der Schwarzburger Grafen nach der Burg Windberg (1331) blieb Episode.

[Druckseite XVI]

Südlich von Jena lagen die Lobdeburgen; von der oberen sind Reste erhalten. Ihre Besitzer haben zu den mittelalterlichen Inschriften des Lkrs. Jena nichts beigesteuert.13) Das Dynastengeschlecht der Lobdeburger, das sich im 13. Jh. in mehrere Linien (Burgau, Leuchtenburg, Arnshaugk, Elsterberg) gespalten hatte, war im 14. Jh. in wachsende wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, die die Wettiner für sich ausnutzen konnten; sie erscheinen 1344 als Besitzer der oberen und 1358 auch der unteren Lobdeburg. Die Gebäude dienten in nachfolgender Zeit als Steinbruch, so etwa beim Bau der Saalebrücke in Burgau (s. Nr. 142) und der Peterskirche von Lobeda (s. Nr. 60). Die im Bruderkrieg 1450 zerstörte Burg in Altenberga, nach der sich ein Zweig der Burggrafen von Orlamünde nannte (ihr Wappen begegnet überraschend noch um 1500 auf dem Altar in Großlöbichau, Nr. 69), war bereits im Grafenkrieg in wettinischen Besitz übergegangen. Nach Süden zu folgt die imposante Leuchtenburg14) auf einem Bergkegel am Ostufer der Saale; im dritten Viertel des 13. Jh. von den Herren von Lobdeburg erbaut, wurde sie 1333 an die Grafen von Schwarzburg verkauft. Freilich hatten die Wettiner zu diesem Zeitpunkt bereits die Lehnshoheit an sich gebracht, und sie setzten sich schließlich im Jahre 1396 in den direkten Besitz dieser wichtigen Bastion, die später zum Mittelpunkt eines Amtes wurde. Von der Leuchtenburg aus kann man in einem Nebental der Saale die Kemenate von Reinstädt, im Jahre 1083 als Sitz eines Rittergeschlechtes erwähnt, sehen. Die Burg, von der nur noch diese Kemenate aus dem 15. Jh. steht (s. Nr. 28), war schon früh in wettinischer Hand. Herzog Wilhelm III. gab sie 1448 seinem Kriegshauptmann Heinrich von der Pforten (s. Nr. 58), der in den folgenden Jahren das Rittergut im Ort erwarb. Die Kirche war die Grablege dieses Geschlechtes, von dem sich eine größere Anzahl von Denkmälern aus dem 16. und 17. Jh. erhalten hat (s. Nr. 175). Schließlich thront an der Südgrenze des Lkrs. Jena die Burg von Orlamünde hoch über der Saale.15) Die erhaltene Kemenate gehört zu den ältesten Bauwerken in der Gegend. Erstmalig wird die Burg im Jahre 1071 erwähnt. Besitzer waren die Grafen von Weimar, die sie 1344 aus Geldnot an die Wettiner verkauften.

Die in ungewöhnlicher Dichte entlang der mittleren Saale gelegenen Burgen kamen fast alle im 14. und im frühen 15. Jh. in landgräflichen Besitz. Ihre militärische Bedeutung sank, je mehr sich der wettinische Ständestaat in den größeren Territorialstrukturen formierte. Die meisten von ihnen verfielen im späten Mittelalter, als eben die epigraphischen Quellen reicher zu fließen beginnen.

Ein viel weniger einheitliches Bild gewinnt man bei der Betrachtung der kirchlichen Verhältnisse in jener Epoche. Die Pfarrorganisation in Ostthüringen geht noch auf ottonische Zeit zurück. Die ersten Pfarrkirchen entstanden in der Nähe von Burgen oder gingen aus den Burgkapellen hervor, und der Umfang der Sprengel orientierte sich in der Regel an dem der Burgbezirke. Diese Burgbezirks- oder Urpfarreien nahmen in einigen Fällen – wie etwa Lobeda – keine Rücksicht auf die Saalelinie. Sie dürften also noch vor 968 eingerichtet sein. In diesem Jahr wurde nämlich der Fluß zur Grenze zwischen den Diözesen Mainz und dem neu gegründeten Suffraganbistum Zeitz (das nach 1028 nach Naumburg zurückverlegt wurde) innerhalb des Erzbistums Magdeburg. Die Missionierung des Slawengebietes rechts der Saale ging im 10. und 11. Jh. nur zögernd vor sich. Die Organisation der Verwaltung [Druckseite XVII] des Mainzer Erzbistums kam erst unter Erzbischof Adalbert I. (1111–1137) mit der Einrichtung von Archidiakonatssprengeln zum Abschluß. Die linkssaalischen Orte im Bearbeitungsgebiet gehörten nun zum Archidiakonat Beatae Mariae Virginis in Erfurt und dort zur Sedes (Erzpriestersprengel) Oberweimar bzw. (im Norden) zur Sedes Utenbach, die rechtssaalischen zum Bistum Naumburg.16) Diese Gliederung wie überhaupt die Bistumsgrenze spielt nur am Rande in die überlieferten Inschriften des Lkrs. Jena hinein (s. Nr. 36); sie wurde in den folgenden Jahrhunderten durch die politische Neuordnung des Gebietes bei der Herausbildung der Landesherrschaft immer bedeutungsloser und endlich mit der Reformation aufgehoben.17)

Über das Gebiet der mittleren Saale war im Mittelalter ferner eine Anzahl von Klöstern und Stiften verteilt. Allein in der Stadt Jena gab es drei nicht unbedeutende Institutionen: das im Jahre 128618) gegründete Dominikanerkloster, das von Roda aus im Jahre 1301 mit Zisterzienser-Nonnen besetzte Michaeliskloster und das erst spät (1415) gegründete Karmeliterkloster.19) Das vor 1195 von Markgraf Dietrich von Meißen in Camburg eingerichtete Augustiner-Chorherrenstift wurde bereits 1219 nach Eisenberg verlegt. Ein ebensolches Stift war im frühen 13. Jh. im nur wenige Kilometer entfernten Porstendorf von Bischof Bruno II. von Meißen (1209–1228) gegründet worden. Sein Bruder Konrad von Porstendorf stiftete dort eine Kommende des Deutschritterordens, und um 1221 wurde das Stift dem Deutschmeister des Ordens übertragen. Daneben gab es im Ort einen Klosterhof der Zisterzienser in Pforte (Schulpforta, Krs. Naumburg). Im benachbarten Dorf Zwätzen wird ebenfalls 1221 eine weitere Niederlassung des Deutschen Ordens erwähnt, offenbar eine Gründung der ludowingischen Landgrafen gegen die von Norden her drängenden Wettiner. Das Haus Zwätzen ist Sitz des Landkomturs der Ballei Thüringen gewesen. Daneben gab es in Zwätzen einen Hauskomtur. Der Orden hatte in Thüringen wichtige Patronatsrechte und im Gebiet der mittleren Saale – freilich eher bescheidenen – Landbesitz: einzelne Dörfer, wie z.B. Nerkewitz, und seit 1502 die aus den Dörfern Altengönna, Rödigen und Lehesten gebildete Kommende Lehesten. In Altengönna, Nerkewitz, vor allem aber in Zwätzen selbst haben sich einige Grabmale für Mitglieder des Ordens, vornehmlich Land- und Hauskomture des frühen 16. Jh. (Nrr. 107, 108, 144, 165, 195) und aus späterer Zeit eine Wappentafel des Statthalters Bernhard von Anhalt (Nr. 237) erhalten. Während der Reformation wurden die meisten Güter des Ordens sequestriert, während die Ballei Thüringen mit der Komturei Zwätzen weiter bestand. Das Haus Zwätzen selbst war in der Leipziger Teilung von 1485 an das albertinische Sachsen gekommen, wo es – zusammen mit einigen Dörfern der Umgebung – als eigenes Amt bis zu seiner Auflösung im Jahre 1809 blieb und durch einen Schösser (vgl. Nr. 292) verwaltet wurde. Im ehemaligen Komtureigebäude (jetzt Versuchsgut der Universität Jena) befinden sich einige Tafeln mit den Intialen von Landkomturen und Statthaltern des 17. und 18. Jh. (vgl. Nr. 324).20)

Von dem im späten 13. Jh. durch die Schenken von Tautenburg gegründeten Zisterzienser- [Druckseite XVIII] Nonnenkloster Frauenprießnitz ist wenig bekannt. Es wurde 1525 im Bauernkrieg zerstört, und aus den Trümmern der Klosterkirche ging die heutige Dorfkirche St. Mauritii hervor. Um 1512 hatten die Schenken darin ihr Erbbegräbnis eingerichtet (s. zu Nr. 112), das bis zum Aussterben des Geschlechtes (1640) benutzt wurde. Von dem Kloster selbst gibt es – mit Ausnahme einer Spolie (Nr. 5) – keine epigraphische Überlieferung.

Ein Schattendasein fristete ebenfalls das durch eine Schenkung des Grafen Heinrich IV. (gest. nach 1354) im Jahre 1331 ins Leben gerufene Wilhelmiten-Kloster in Orlamünde,21) das, bereits Ende des 15. Jh. zerrüttet und verkommen, durch einen Brand im Jahre 1521 zugrundegegangen ist (s. zu Nr. 162). Auch hier sind keine Inschriften überliefert.

 

Die Reformation veränderte das Gebiet an der mittleren Saale nachhaltig. Nach dem Tode Kurfürst Friedrichs des Weisen (reg. 1486–1525) hat sein Nachfolger Johann der Beständige (reg. 1525–1532) nicht nur die aufständischen Bauern niedergeworfen und blutig Strafgericht gehalten,22) sondern sogleich den Aufbau der neuen Kirchenorganisation durch Visitationen (die erste bereits 1525 unter Mitwirkung von Melanchthon23) und Sequestrierung vorangetrieben. Die Aufhebung des reichen Jenaer Zisterzienser-Nonnenklosters brachte dem Amt Jena den Zugewinn der Klosterdörfer Cospeda, Löbstedt, Closewitz, Nerkewitz, Hainichen und Lützeroda.

Die albertinischen Gebiete in Thüringen, d. h. die Ämter Camburg und Dornburg, blieben bis zum Tode des Herzogs Georg (reg. 1500–1539) nicht nur der Reformation verschlossen, sondern wurden in ihrem katholischen Glauben noch bestärkt. Ein bemerkenswertes Zeugnis des Bemühens, den alten Glauben durch neue Formen auch humanistisch gebildeten Kreisen attraktiv zu machen, ist der spärliche Rest eines großangelegten Bildprogramms in der Wallfahrtskirche zu Vierzehnheiligen, ein lateinisches Distichon auf den hl. Blasius (Nr. 139). Georgs Nachfolger Heinrich der Fromme (reg. 1539–1541) führte schließlich die Reformation auch in seinem Gebiet ein. Im albertinischen Thüringen wurden durch Visitationen – im August 1539 der Städte, zwischen August und Oktober 1540 des flachen Landes – die Ämter Camburg, Dornburg und die albertinischen Dörfer um Jena sowie unter Hans Schenk (gest. 1551, s. Nr. 149) die Herrschaft Tautenburg der lutherischen Lehre zugeführt. Die neue Kirche erhielt ihre Strukturen. Neben Jena, wo bereits 1527 eine Superintendentur eingerichtet worden war,24) wurde selbiges nun auch für Frauenprießnitz (s. Nr. 285) und Camburg angeordnet; 1556 kam Orlamünde hinzu (s. Nr. 166).

Die folgenden Jahrhunderte sind politisch von der Zersplitterung der ernestinischen Territorien,25) von Absolutismus und Kleinstaaterei, bestimmt, ein oft beklagter, oft auch belächelter Zustand, von dem das Wort Treitschkes geht: “Unsere Cultur verdankt ihm unsäglich viel, unser Staat nichts“. Bei näherer Betrachtung, wozu die Inschriften als ein wichtiger Ausfluß dieser “Cultur” anregen, muß man doch deutlich relativieren. Nicht nur die politischen und wirtschaftlichen, auch die kulturellen Kräfte konzentrierten sich zunehmend [Druckseite XIX] und tendenziell fast ausschließlich an den Fürstenhöfen. Dorthin orientierten sich auch die neuen Führungsschichten der ernestinischen Staaten, die vom Landesherrn abhängigen, teils dem Adel, teils dem Bürgertum entstammenden Beamten der Regierungen und die evangelische Geistlichkeit. Den kleinstaatlichen Interessen mußte sich immer stärker auch die Kaufmannschaft in den Städten unterordnen, während die Bedeutung und der Einfluß des landständischen Adels mehr und mehr sank.

Ein Abbild dieser sozialen Entwicklung auf dem flachen Lande, fern der Residenzen, vermögen die Inschriften aus dem Lkrs. Jena zu geben. Nur wenige stammen aus den vier Städten (Camburg, Lobeda, Kahla, Orlamünde) und dokumentieren kommunale oder private Bauaktivitäten (Nrr. 154 und 280 auf Kanzeln; Nr. 293 Umbauten an der Kirche; Nrr. 170 und 179 an Privathäusern). Von den zahlreichen Adelsfamilien auf den Rittergütern in den Dörfern ist nur eine, die von der Pforten auf Reinstädt und Gumperda, mit zahlreichen Grabmalen hervorgetreten (Nrr. 58, 143, 175, 214, 228, 246, 278, 279, 286, 290, 291). Andere werden nur vereinzelt genannt, die von Thüna (Nr. 171), von Kessel (Nr. 215), von Watzdorf (Nr. 236), oder eine von Dolzig (Nr. 221), von Ende (Nr. 199) und von Posseck (Nr. 240). Von den meisten der im Umkreis Jenas begüterten Familien fehlen inschriftliche Nachrichten. Die zuletzt genannte Sibylla von Posseck läßt dagegen bereits den Prozeß der Übernahme von Rittergütern durch Bürgerliche erkennen, die sich an der Spitze der Verwaltung Vermögen, Einfluß und landesherrschaftliche Gunst erworben hatten. Sie war die Gattin des Philipp Brück, Enkels des kursächsischen Kanzlers Gregor Brück. Ferner finden wir den altenburgischen Amtschösser Wolfgang Zetzsching auf Dornburg (Nr. 140), den altenburgischen Konsistorialpräsidenten Sebastian Beer auf Drackendorf (Nr. 134), den Sohn des Kanzlers Christian Brück als Gerichtsherrn in Großkröbitz (Nr. 178) und den Prof. iur. und Sächsischen Rat Peter Theodoricus auf Großlöbichau (Nrr. 299, 306).

Die wettinische Landesherrschaft hat in den Inschriften nur dürftigen Niederschlag gefunden. Die Residenzstädte – Weimar, seit 1603 auch Altenburg26) – lagen weit entfernt. Nördlich von Jena verlief die Grenze der beiden Herzogtümer, die sich auch politisch entgegenstanden. So weisen nur wenige Inschriften auf die regierenden Wettiner: Stiftungen von Altargerät durch Herzog Bernhard im Jahre 1634 (Nrr. 311-315); das Gemälde einer Jagd Herzog Johann Casimirs (Nr. 277), die Initialen Herzog Albrechts von Sachsen (Weimar-Eisenach) als Statthalter der Ballei Thüringen, und ein in Serie hergestelltes Porträt von dem unglücklichen Kurfürsten Johann Friedrich I. (Nr. 156), verklärend zum Märtyrer des Protestantismus erhoben.

Diese geringe Präsenz des Hochadels wird nur dadurch ausgeglichen, daß die freiherrlichen Schenken zu Tautenburg in Frauenprießnitz ihr Erbbegräbnis hatten und dieses zwischen 1512 und 1640, als der letzte des Geschlechts in Armut starb, mit einer Reihe von Grabmalen ausstatteten.

Außer den Beamten der fürstlichen Regierungen, zu denen – neben den bereits genannten Bürgerlichen27) – auch einige Adlige wie der Sächsische Hofrat Heinrich von Thüna (Nr. 171) und der Kursächsische Geheimrat Burkhard Schenk zu Tautenburg (Nrr. 262, 264, 269) gehörten, waren die evangelischen Geistlichen zu einer führenden Schicht innerhalb [Druckseite XX] der thüringischen Territorien geworden.28) Ein Großteil der Grabmale zwischen 1550 und 1650 gilt Dienern der lutherischen Kirche (Nrr. 166, 168, 190, 249, 272, 285, 300, 310, 325, 329, 330). Die Pastoren werden auf Kanzeln (Nrr. 154, 280), Taufsteinen (Nrr. 244, 267) oder unter den Honoratioren auf Glocken genannt (Nrr. 208, 219, 299, 318, 319, 326). Keine Inschrift verrät freilich, in welch enger, oft auch verderblicher Weise das Schicksal dieses Standes mit der Politik und der Gesinnung seiner Landesherren verbunden war; zumal in der Zeit nach Luthers Tod, bis mit der in den Visitationen der Jahre 1586 und 1589/94 durchgesetzten “Konkordienformel” (1580) nach heftigen Auseinandersetzungen endlich eine relative Ruhe eintrat.

Die große Politik hatte für Kurfürst Johann Friedrich I. (1503–1554), der 1532 seinem Vater Johann dem Beständigen in der Regierung gefolgt war, tragische Folgen. In der für den Schmalkaldischen Bund und die Lutherischen verlorenen Schlacht bei Mühlberg (1547) zum Gefangenen Kaiser Karls V. geworden, mußte er Kurwürde und Kurkreis (Wittenberg) sowie mehrere der 53 Ämter des ernestinischen Staates, darunter Eisenberg und Altenburg, an seinen mit dem Habsburger verbündeten Vetter Moritz I. (reg. 1541–1553) abtreten; ein Verlust, der durch die ersatzweise Überlassung der albertinischen Ämter in Thüringen (Camburg und Dornburg) nur noch schmerzlicher fühlbar wurde. Aus der Haft betrieb er die Gründung einer Universität in Jena (1548), um so dem Verlust der Wittenberger Leucorea zu begegnen,29) und von ihren Studenten wurde er im Herbst 1552, als er nach Hause zurückkehren durfte, am “Fürstenbrunnen” begrüßt (Nr. 53). Denn inzwischen hatte sich die politische Lage erneut gewandelt, stand Moritz nun an der Spitze einer Fürstenopposition gegen den zu mächtig werdenden Kaiser. Um Annäherung bemüht, überließen die Albertiner im Naumburger Vertrag von 1554 den herzoglichen Vettern weitere Ämter, darunter Eisenberg und das so wichtige Altenburg.

Die Chancen einer Entwicklung zu einem geschlossenen ernestinischen Staatsgebilde wurden durch die törichte Politik der Söhne Johann Friedrichs I. zunichte gemacht. Johann Friedrich II. (reg. 1554–1567) verstrickte sich in die Machenschaften des Ritters Wilhelm von Grumbach und rückte auch dann nicht von ihm ab, als dieser, in die Reichsacht getan, von der Exekutionsarmee unter Führung des albertinischen Kurfürsten August (reg. 1553–1586) in Gotha belagert und 1567 zusammen mit dem Kanzler Christian Brück (s. Nr. 178) hingerichtet wurde. Der Herzog wurde als Gefangener abgeführt und sah bis zu seinem Tode 1595 die Freiheit nicht wieder.

Sein Bruder Johann Wilhelm (reg. 1554–1573) hatte noch rechtzeitig die Seiten gewechselt und mußte “nur” für die Exekutionskosten in Höhe von fast 1 Mio. Gulden aufkommen, wobei für den Fall von Zahlungsunfähigkeit vier sog. “assekurierte” Ämter an Kursachsen fallen sollten. Allerdings verstand auch er es nicht, den Konflikt mit dem Reich zu entschärfen, so daß im Jahre 1570 der Kaiser die Söhne Johann Friedrichs II. wieder in den Landesteil ihres Vaters einsetzte. So kam es 1572 zu einer ersten Teilung des ernestinischen Gebietes30) in das Herzogtum Sachsen-Weimar ältere Linie, das u.a. die an der Saale gelegenen Ämter Heusdorf, Dornburg, Camburg, Jena-Burgau, Leuchtenburg-Orlamünde sowie Eisenberg, Bürgel und Roda umfaßte und unter Herzog Johann Wilhelm (gest. 1573) und seinem Sohn Friedrich Wilhelm I. (bis 1582 unter Vormundschaft des Kurfürsten August, dann aber selbst ab 1591 Administrator des sächsischen Kurstaates) bis zu dessen [Druckseite XXI] Tod 1602 bestand; und in das Herzogtum Sachsen-Coburg-Eisenach unter Johann Casimir (reg. 1572–1633) und Johann Ernst (reg. 1572–1638), den damals noch minderjährigen Brüdern.

Die Teilung des Jahres 1603 zwischen Friedrich Wilhelms Bruder Johann (gest. 1605) einerseits und seinen unmündigen Söhnen (von denen Johann Philipp von 1603–1639, Friedrich Wilhelm II. von 1639–1669 das Herzogtum regierten) andererseits – diese standen bis 1618 unter albertinischer Vormundschaft – ging mitten durch das Bearbeitungsgebiet: An das Herzogtum Sachsen-Weimar jüngere Linie (bis 1640) kamen u.a. die Ämter Kapellendorf und Jena, an das Herzogtum Sachsen-Altenburg (erloschen 1672), das die beiden Kinder erhalten hatten, u.a. die Ämter Heusdorf, Camburg, Dornburg, Eisenberg, Bürgel, Roda und Leuchtenburg-Orlamünde. Gemeinsam blieben u.a. der Weinbau bei Jena, die Flößerei auf der Saale, die Universität Jena, das dortige Hofgericht und der Schöppenstuhl. In Altenburg wurde unter tätigem Wirken des Kanzlers Marcus Gerstenberg (s. Nr. 134) eine Verwaltung aufgebaut, 1612 ein eigenes Konsistorium gegründet. In diesem Jahr nahm Anna Maria (1575–1643), die Mutter der beiden altenburgischen Herzöge, ihren Witwensitz in Dornburg. Diesem Umstand ist die Existenz zweier ausgezeichneter Prunkwerke süddeutscher Goldschmiedekunst (Nrr. 181, 194) unter den liturgischen Geräten der Dornburger Kirche zu verdanken.

Im Jahre 1633 war das Herzogtum Sachsen-Coburg an Eisenach gefallen, fünf Jahre später auch dieses erloschen; es kam im Altenburger Rezeß (1640) zu zwei Drittel an Sachsen-Weimar, der Coburger Teil aber an Sachsen-Altenburg, was dessen Umfang nahezu verdoppelte. So bestanden im Jahre 1640 nur noch zwei Fürstentümer auf ernestinischem Gebiet. Aber bereits 1641 wurde Sachsen-Weimar erneut geteilt und die Herzogtümer Sachsen-Eisenach, Sachsen-Gotha und Sachsen-Weimar, bei dem das Amt Jena verblieb, gebildet. Acht Söhne hatte Johann im Jahre 1605 bei seinem Tod hinterlassen: Johann Ernst I. (1594–1626), Friedrich (1596–1622), Wilhelm (1598–1662), Albrecht (1599–1644), Johann Friedrich (1600–1628), Ernst (1601–1675), Friedrich Wilhelm (1603–1619) und Bernhard (1604–1639). Von ihnen führte nach zehnjähriger Vormundschaft Johann Ernst I. die Regierung in Weimar. Aber als der Krieg ausbrach, gingen die meisten auf Seiten der Protestanten in die Armee: Bernhard (s. Nrr. 311-315), der später den Beinamen “der Große” erhält,31) war einer der besten Feldherren auf schwedischer Seite, Wilhelm wurde schwedischer Statthalter in Thüringen im Rang eines Generalleutnants (1631–1635), Johann Ernst diente als Feldmarschall im dänischen Heer und starb im Felde, Friedrich fiel 1622 bei Fleury, Johann Friedrich kam unter mysteriösen Umständen in kaiserlicher Haft zu Tode.

1641 waren nur noch drei Brüder am Leben, die sich im Gothaer Rezeß auf eine Teilung einigten. Nur zwei, Wilhelm und Ernst, erlebten das Ende des Krieges. Das Herzogtum Sachsen-Eisenach war mit Albrechts Tod (1644) bereits wieder zwischen den Brüdern aufgeteilt worden.

So bot das Gebiet um Jena im Jahre 1650 ein Bild politischer Zersplitterung, deren ärgste Form freilich noch immer nicht erreicht war.32) Im Norden gehörten die Ämter Camburg und Dornburg zum Herzogtum Sachsen-Altenburg. Die im Nordosten bis fast an die Saale reichende Herrschaft Tautenburg war nach dem Aussterben der Schenken (s. Nr. 328) als kursächsisches Lehen eingezogen, 1656 dem neu geschaffenen Sekundogenitur-Herzogtum [Druckseite XXII] Sachsen-Zeitz eingegliedert und in drei Ämter (Tautenburg, Frauenprießnitz, Niedertrebra) geteilt worden; diese kamen 1815 (außer einigen an Preußen gefallenen Dörfern) an das Großherzogtum Sachsen-Weimar. Südlich davon gehörten einige Dörfer um Nerkewitz dem Deutschen Orden in Zwätzen; sie standen ebenfalls unter kursächsischer Oberhoheit und wurden 1815 an Sachsen-Weimar übergeben. In dem sich anschließenden, dem Herzogtum Sachsen-Weimar gehörenden Amt Jena lagen mehrere Enklaven, von denen z.B. Lichtenhain nach Camburg gehörte. Ebenso gab es im altenburgischen Amt Orlamünde-Leuchtenburg Gebiete, die zum Amt Jena zählten oder unter gemeinsamer Landeshoheit standen (Teile der Herrschaft Remda, die im Jahre 1631 der gemeinsamen ernestinischen Universität Jena überlassen wurde).

Dieser unübersichtliche Zustand änderte sich bis 1918 prinzipiell nicht. Als 1672 das Herzogtum Sachsen-Altenburg erlosch, wurde es im Verhältnis 1 : 3 zwischen Weimar und Gotha aufgeteilt. Weimar erhielt u.a. die Ämter Bürgel und Dornburg, woraus 1672 zusammen mit Jena, Kapellendorf und Heusdorf das kaum lebensfähige, bereits 1690 wieder erloschene Herzogtum Sachsen-Jena geformt wurde.33) Aber auch in Gotha wurde 1680/81 wieder geteilt: die Ämter Camburg und Roda kamen an die Herzöge von Sachsen-Eisenberg und nach deren Aussterben 1707 zurück an das Herzogtum Sachsen-Gotha-Altenburg, bei dem die Ämter Kahla und Orlamünde verblieben waren. Eine letzte größere Veränderung vor dem Zusammenschluß der thüringischen Staaten zum Land Thüringen (1. Mai 1920)34) betraf den nicht zum Großherzogtum Sachsen-Weimar gehörenden Teil des Bearbeitungsgebietes. Aus dem Altenburger Teil des Herzogtums Sachsen-Gotha-Altenburg, das 1825 mit Friedrich IV. ausgestorben war, wurde das Herzogtum Sachsen-Altenburg gebildet, zu dessen Westkreis die Ämter Kahla (mit Orlamünde), Roda und Eisenberg zählten. Das Amt Camburg dagegen wurde mit einigen zu Eisenberg gehörenden Dörfern sowie den Exklaven Lichtenhain und Vierzehnheiligen dem Herzogtum Sachsen-Meiningen zugeschlagen.

Die politische Zerrissenheit wurde im Jahre 1650 noch überschattet von der Not, die der 30jährige Krieg über Städte und Dörfer gebracht hat. Sachsen-Altenburg hatte die traditionelle Bindung an Kursachsen gesucht, das sich zunächst um Neutralität bemühte, Ende 1631 freilich auf schwedische Seite gedrängt wurde. Die Herzöge von Sachsen-Weimar dagegen hatten sich sogleich bei Kriegsausbruch militärisch auf Seiten der Protestanten betätigt. Seit 1626 war das Saaletal Durchzugsgebiet von Nachschub für die kaiserlichen Armeen Tillys und Wallensteins, nach der Schlacht von Breitenfeld (1631) hatte es ständig schwedische Einquartierungen zu ertragen. Die ehemaligen Verbündeten, nach dem Frieden von Prag (1635) zu Feinden geworden, hausten nicht nur bis zum Friedensschluß von Münster und Osnabrück im Lande; erst zwei Jahre später, nachdem allein vom Herzogtum Sachsen-Altenburg 45000 Taler an Entschädigung aufgebracht werden mußten, rückten die Schweden ab, und am 19. August 1650 (s. Nr. 341) konnte das ersehnte Friedensfest in Thüringen gefeiert werden.

Aufgrund seiner geographischen Lage war das Land von der Kriegsnot besonders stark betroffen. Dornburg und Kahla waren mehrfach geplündert worden, Orlamünde im Jahre 1640 so verwüstet, daß es zeitweilig von allen Bewohnern verlassen war; “welches elend kein Demosthenes bei den Griechen, kein Cicero bei den Römern, kein Lutherus bei den Deuttschen kan aussprechen“.35) Um so bemerkenswerter ist der Eifer, mit dem die [Druckseite XXIII] Gemeinden sogleich an die Beiseitigung von Kriegszerstörungen in ihren Kirchen gegangen sind. Nur ein Jahr nach dem Brand der Kirche wurden in Winzerla die Glocken neu gegossen (Nrr. 323, 327), ebenso in Frauenprießnitz (Nr. 326) und in Maua (Nr. 331). Geplündertes liturgisches Gerät ersetzte man durch Gefäße aus Zinn (Nrr. 332, 333), und Herzog Bernhard stiftete eine ganze Serie von Kelchen und Patenen in Gotteshäuser des Amtes Jena (Nrr. 311-315). So läßt die absolute Zahl der aus diesen Jahren überlieferten Inschriften, wie übrigens auch in der Stadt Jena, keinen Rückgang erkennen. Bei aller der Gattung eigenen Zurückhaltung sprechen sie jedoch ungewöhnlich deutlich von den Nöten der Zeit. “Gott, gib Friede in Deinen Landen”, schrieb im Jahre 1648 Philipp Tonndorf an sein Haus in Kunitz (Nr. 335).

3. Überlieferung

Von den 347 Inschriften36) im Lkrs. Jena sind 261 (= 75%) im Original erhalten. Der relativ geringe Anteil der nicht im Original überlieferten Texte ist typisch für Gebiete, die kein historisches – und man muß im Hinblick auf die Jenaer Inschriften37) hinzufügen: kein akademisches – Zentrum einschließen.38) Tradiert ist im wesentlichen der Bestand, wie er Ende des 19. Jh. vorlag. Das Wirken der gelehrten Sammler in Jena im 17. und 18. Jh. (A. Beier, C. Sagittarius39)) erstreckte sich kaum über die Mauern der Stadt hinaus. Es hat auch – mit Ausnahme der Schenken zu Tautenburg, deren Geschlecht aber bereits 1640 ausgestorben ist – keine hier begüterten Familien gegeben, deren hinterlassene Monumente Gegenstand einer Sammlung gewesen sind. Hinzu kommt, daß es kaum größere Bestände von Inschriften an einem Standort gibt. Ausnahmen sind Frauenprießnitz mit dem Erbbegräbnis der Schenken (19 Inschriften) und Reinstädt mit dem der Herren von der Pforten (8 Inschriften). Die im Lkrs. Jena liegenden kleinen Städte weisen keine kontinuierliche Reihe von Grabmalen der – freilich wirtschaftlich nie besonders vermögenden – Bürger auf. Vielmehr sind es mehr oder weniger Einzelstücke, in der Regel auf vergänglichem Material (Holz, Leinwand), die sich in Kahla, Lobeda oder Camburg erhalten haben.

Es erübrigt sich, auf die originale Überlieferung der Inschriften an den einzelnen Standorten einzugehen, weil hier gegenüber dem Zustand zur Zeit der Kunstdenkmäler-Inventarisation, auf die gleich noch zurückzukommen sein wird, nur wenig Veränderungen zu verzeichnen sind. Nennenswerte Verluste betrafen insbesondere die Glocken durch die Beschlagnahme im I. und – in geringerem Umfang – im II. Weltkrieg, sowie die vasa sacra. Doch nicht nur bei den kirchlichen Gebrauchsgegenständen kam es noch in jüngster Zeit zu Verlusten (Nr. 134, gestohlen 1990). Unverstand ließ im Jahre 1992 die schöne Grabplatte des Romanus Hilliger (Nr. 292) auf den Schuttplatz gelangen.

[Druckseite XXIV]

Die Inschriften verteilen sich auf die Dezennien wie folgt:

Inschriften Gebäuden Gebäuden Grabmalen Grabmalen Glocken Glocken vasa sacra vasa sacra sonstige sonstige
auf a b a b a b a b a b
13.Jh. 1 1 - - 1 - - - - - 3
14.Jh. 1 - 1 - 7 5 5 2 2 - 23
1400/09 - 1 - 1 - - - - - - 2
1410/19 2 - - - 1 - - - - - 3
1420/29 - - - - - - - - 1 1 2
1430/39 1 - - - - - - - - - 1
1440/49 1 - - - 1 2 - - - - 4
1450/59 - - - - 1 - - - - - 1
1460/69 2 1 - - - - 1 - - - 4
1470/79 2 1 - - 2 - - - - - 5
1480/89 3 1 1 - - 2 - - - - 7
1490/99 2 - 1 - - 2 1 - 1 - 7
15.Jh. 1 - - - 3 3 6 1 5 - 19
15./A.16.Jh. - - - - - 1 7 1 2 1 12
1500/09 3 1 5 - 3 3 1 - 1 - 17
1510/19 5 - 5 - 2 1 - - 5 - 18
1520/29 1 1 - - 2 1 - - 2 - 7
1530/39 1 - - - - 1 - - 1 1 4
1540/49 3 - 2 - - - - - - - 5
1550/59 4 - 2 1 2 1 - - 5 2 17
1560/69 3 1 4 - 1 - - - 1 2 12
1570/79 7 1 4 - - - 2 - 3 3 20
1580/89 6 2 8 - 3 3 2 - 3 1 28
1590/99 5 2 4 - 4 1 1 - 4 - 21
E.16./17.Jh. 1 - 2 - - - 1 - 2 - 6
1600/09 7 4 4 2 - 1 1 - 3 3 25
1610/19 3 - 6 - 1 1 1 1 6 - 19
1620/29 1 1 6 - 1 - 2 - - 2 13
1630/39 3 - 4 1 2 6 4 3 3 - 26
1640/5040) 2 - 3 - 1 2 3 2 1 1 15
71 18 62 5 38 36 38 10 51 17 346

a = erhalten b = nicht erhalten

Die Statistik zeigt ein ähnliches Bild wie in Jena,41) nur daß im Lkrs. Jena bedeutend mehr Inschriften aus vorreformatorischer Zeit (135 gegen 58 in der Stadt) erhalten blieben. Einschränkend aber muß gesagt werden, daß es sich hierbei um Gattungen handelt, die in der Stadt selbst nur in begrenzter Anzahl vorhanden sein konnten, vor allem die Glocken (39) [Druckseite XXV] und die vasa sacra (24). Die Anzahl der frühen Grabinschriften ist mit vier (Nrr. 5, 27, 58, 67) eher dürftig und entspricht darin den Jenaer Verhältnissen.

Stadt und Lkrs. gemeinsam ist auch der deutliche Rückgang der Zahl der Inschriften in den 30er und 40er Jahren des 16. Jh. (Lkrs.: 11; Stadt: 6). Ob dieses Phänomen die Kernlande der Reformation allgemein auszeichnet, bedarf weiterer Untersuchung. Die Ursachen lassen sich in der Umstrukturierung des kirchlichen Systems im Gefolge der Reformation einerseits, in den politischen und ökonomischen Krisen andererseits vermuten, die nicht nur die Herstellung ganzer Gattungen von Inschriften (z. B. auf Schnitzaltären) zum Erliegen brachten und die Bautätigkeit in den Kommunen weitgehend lahmlegten, sondern vor allem eine langwierige inhaltliche Neuorientierung der Epigraphik zur Folge hatten. Während in Jena der Schnitt zwischen alten und neuen Formen besonders der Sepulchralinschriften, d.h. in Sprache, Formular, aber auch in der Ausführung, unvermittelt und rasch erfolgte,42) erkennen wir im Lkrs. Jena Übergangsformen (etwa Nrr. 136, 144), die eine ganz andere Entwicklung als in der Stadt einleiten. Die dort vorherrschende “akademische” Epigraphik mit ihrem bewußten Rückgriff auf die Antike hat kaum in das Umland ausgestrahlt. Zieht man von den einschlägigen Inschriften jene ab, die offenkundig aus der Stadt43) oder von außerhalb44) importiert sind, sowie andere, die von der Universität selbst gestiftet wurden,45) so bleiben nur drei Inschriften, die deutlich humanistischem Geist und klassischen Formen huldigen: Epigramme am Renaissanceschloß in Dornburg (Nr. 140, um 1540) und an der Saalebrücke in Kahla (Nr. 167, 1563) sowie ein Distichon am Hause des ersten Orlamünder Superintendenten (Nr. 162, 1561).

Die geringe Zahl der Belege läßt sich zum Teil damit erklären, daß wichtige Gruppen der bürgerlichen Intelligenz, die vornehmlich diese humanistische und akademische Epigraphik trug, im Bearbeitungsgebiet nicht ansässig waren. Es fehlten Regierung46) und höheres Schulwesen. Selbst die Pfarrerschaft war wenig geneigt, sich in dieser Richtung epigraphisch zu manifestieren.47) Das verwundert doch sehr, vor allem, wenn man mit den Verhältnissen in der Stadt vergleicht. Dem dort herrschenden Niveau vermochte sich im Zeitraum bis 1650 keiner der Superintendenten, Pfarrer und Diakone an der Stadtkirche, die teilweise selbst Angehörige der Universität waren, zu entziehen. Man wird noch deutlicher, als an anderer [Druckseite XXVI] Stelle bereits ausgeführt, das epigraphische Jena als eine Art “Treibhaus” betrachten müssen, wobei die hochgezüchteten Inschriften nahezu jeglichen Bezug zu denen des Umlandes vermissen lassen.48) Dies gilt auch für die künstlerischen Beziehungen: Gemeinsame Werkstätten, die sowohl in der Stadt als auch im näheren Umland tätig waren, bilden die Ausnahme. Wie im Falle der genannten Grabplatten in Großlöbichau (Nrr. 298, 306) aus einer Jenaer Werkstatt, oder umgekehrt des Grabmals für die Jenaer Bürgerin Catharina Schrot aus der Werkstatt des in der Umgebung wirkenden Nikolaus Theiner,49) handelt es sich dabei jeweils um Fremdkörper in der sonstigen epigraphischen Umgebung.

Es wurde bereits gesagt, daß im Lkrs. Jena eine umfassende indirekte Überlieferung der Inschriften fehlt. Das erste auf Vollständigkeit abzielende Verzeichnis des Denkmalbestandes im Bearbeitungsgebiet ist das Kunstdenkmäler-Inventar. Fünf Bände berühren den Lkrs. Jena: Bd. I (Amtsgerichtsbezirk Jena50) und Bd. III (Kahla) zum größten Teil, Bd. II (Roda), Bd. XIV (Apolda) und – die Exklaven des Herzogtum Sachsen-Meiningen umfassend – Bd. VII (Camburg) eher marginal.51) Die Bände Jena, Roda und Kahla sind im Jahre 1888 in Jena erschienen, nachdem die Leitung des Unternehmens, die ursprünglich bei dem Jenaer Professor für Kunstgeschichte und Begründer der thüringischen Vorgeschichte, Friedrich Klopffleisch (1831–1898) lag, an den erst 38jährigen Paul Lehfeldt (1848–1900) übergegangen war.52) Die Grundlage bildeten Fragebögen, die an die Ortspfarrer geschickt worden waren; die Bereisung der Orte hat in der Umgebung von Jena selbst noch Klopffleisch allein besorgt. Leider war Lehfeldts Talent, Inschriften zu lesen, nicht besonders ausgeprägt, wie denn überhaupt nur die älteren Inschriften (in der Regel bis zur Reformation) ausgeschrieben worden sind. Ein weiterer Mangel besteht in der zahlenmäßig unzureichenden Reproduktion der Kunstdenkmale in Photo und Nachzeichnung. Nach Lehfeldts Mitteilung sind von fast allen Gegenständen Photographien angefertigt und archiviert worden, auf die im Text mit (A) verwiesen wird. Leider waren alle Nachforschungen nach diesem Archiv von zweifellos unschätzbarem Quellenwert vergeblich.53) Die Bedeutung des Kunstdenkmäler-Inventars kann dennoch kaum überschätzt werden. Von den Inschriften des Lkrs. Jena werden 98 im Band I (Jena) – davon 22 nicht mehr erhalten – und 67 im Band III (Kahla) – davon 14 nicht mehr erhalten – aufgeführt. Hinzu kommen die 12 Inschriften in den Bänden II (Roda), VII (Camburg) und XIV (Apolda), so daß eine Zahl von insgesamt 177 Inschriften (= 51%) [Druckseite XXVII] im Inventar erfaßt ist. 95 Inschriften finden sich bei anderen Autoren zuerst. 73 Inschriften (= 21%) sind erstmals in dem vorliegenden Band im Wortlaut publiziert,54) wobei es sich zum geringeren Teil um Inschriften handelt, die bereits im Inventar oder bei anderen Autoren erwähnt, aber nicht ausgeschrieben worden sind.

Das Inventar hat bald nach seinem Erscheinen von kompetentester Seite berechtigte Kritik erfahren: Der Kunsthistoriker und Pfarrer in Pfarrkeßlar b. Gumperda, Heinrich Bergner,55) wandte sich in seinen ausführlichen Rezensionen der Bände Jena und Kahla besonders auch den Inschriften zu.56)

Damit sind die zusammenfassenden Darstellungen zum heutigen Lkrs. Jena genannt. Die jüngeren und jüngsten Veröffentlichungen behandeln nur ganz vereinzelt epigraphische Themen. Eine Ausnahme bildet die Arbeit von E. Kießkalt zu den Grabinschriften des Kahlaer Gebietes, die 1914 erschien.57) Zu erwähnen sind schließlich noch die grundlegende Arbeit von H. Bergner zur Glockenkunde Thüringens,58) die vor dem großen Glockensterben im I. Weltkrieg erschien und in der die Texte aller vorreformatorischen Glocken zum großen Teil nach Autopsie aufgeführt werden. Die im I. Weltkrieg abgegebenen Glocken sind leider in keiner der von uns eingesehenen Pfarrchroniken dokumentiert.59) Für die im II. Weltkrieg in die zentralen Lager gelangten Glocken der Kategorie B und C60) wurden uns für sieben aus dem Lkrs. Jena die noch vorhandenen Unterlagen des Glockenarchivs und Photographien zur Verfügung gestellt.61)

Von früheren Autoren aus dem 17. und 18. Jh. sind nur wenige Inschriften, und diese eher zufällig, abgeschrieben worden. Der um die epigraphischen Zeugnisse Jenas hochverdiente Archidiakon Adrian Beier (1600–1678) berührte in seinem die Umgebung Jenas behandelnden “Geographus Jenensis” nur die Distichen am Fürstenbrunnen (Nr. 153, 1554) und am Leuterbrunnen (Nr. 186, 1577); ferner gibt er in seiner handschriftlichen Sammlung zu dem erwähnten Buch gelegentlich Inschriften aus Orlamünde (Nrr. 98, 162) und Beutnitz (Nr. 99, 101) wieder, ohne systematisch derartige Zeugnisse gesammelt zu haben.62) Ein Gelegenheitsfund ist die Abschrift des Grabsteins für Heinrich von Thüna (Nr. 171) in den Colectaneen des Weimarer Hofrats Friedrich Hortleder (1579–1640), die ihm der damalige Ortspfarrer im Jahre 1629 zwecks Klärung alter Besitzverhältnisse zugesandt hatte. Eine kirchenhistorische Arbeit zur Ephorie Orlamünde63) zitiert ebenso wie eine historisch-genealogische Untersuchung zu den Burggrafen von Kirchberg64) nur gelegentlich Inschriften.

Die erste Sammlung eines geschlossenen Bestandes ist Fridericis 1722 erschienene “Historia [Druckseite XXVIII] pincernarum ...” der Schenken zu Tautenburg. Hier werden die Inschriften in der fünfzig Jahre später abgetragenen Tautenburg (Nrr. 1, 55, 269) sowie erstmals diejenigen auf den Grabplatten (Nrr. 112-116, 149, 150, 191, 234, 260-263) im Erbbegräbnis zu Frauenprießnitz erfaßt. Die Lesungen wurden von allen späteren Autoren65) übernommen und erst von den Bearbeitern, freilich bei inzwischen dramatisch beschleunigtem Verfall der Steine, am Original revidiert.

Eine stattliche Anzahl inzwischen verlorengegangener Inschriften enthält Wettes 1756 erschienene kirchenhistorische Schrift “Evangelisches Jena ...”, in der die Stadt und die zur Superintendentur gehörigen Kirchen in den Dörfern der Umgegend beschrieben werden.66)

Das 19. Jh. brachte vor allem für den Süden des Bearbeitungsgebietes, die Gegend um Kahla, die seit 1826 zum Westkreis des neugebildeten Herzogtums Sachsen-Altenburg gehörte, eine nützliche Sammlung kirchlicher Nachrichten in Gestalt der “Kirchen-Galerie des Herzogthums Sachsen=Altenburg”; die Beiträge der einzelnen Pfarrer sind freilich von unterschiedlichem Niveau und konzentrieren sich vor allem auf die Prosopographie der Amtsvorgänger. Immerhin gilt in der Regel den vasa sacra und den Glocken einige Aufmerksamkeit.67) Übertroffen wird diese Zusammenstellung durch das monumentale Werk von J. und E. Löbe, “Geschichte der Kirchen und Schulen des Herzogtumes Sachsen-Altenburg”, dessen 3. Teil, den Westkreis umfassend, im Jahre 1891 erschien. Hierin wird den Inschriften reichlich Genüge getan, nachdem inzwischen für das Gebiet um Kahla und Orlamünde weitere kleine Sammlungen erschienen waren.68) Für den Norden, das Camburger Gebiet, gibt es dagegen nur zwei Chroniken,69) die wenig an der Kirchen- und Kunstgeschichte interessiert sind. Die Folge ist, daß nicht nur im Bestand der erhaltenen, sondern auch der nicht original überlieferten Inschriften zwischen dem Süden und dem Norden des Lkrs. Jena ein Gefälle herrscht.

Schließlich sei noch erwähnt, daß in den thüringischen Fürstentümern den Ortspfarrern das Führen einer Chronik zur Pflicht gemacht worden ist. Die Zusammenstellung der Quellen zur Vorgeschichte der Kirche einerseits und die laufenden Einträge andererseits sind von sehr unterschiedlicher Ausführlichkeit; insgesamt wurde jedoch den Inschriften kaum Beachtung geschenkt, was sich daran erweist, daß in keinem Fall die Texte auf den von der Beschlagnahme 1917 betroffenen Glocken abgeschrieben worden sind. Immerhin erwähnen drei Chroniken – von Beutnitz, Jenaprießnitz und von Rothenstein, wo der lokalhistorisch interessierte Pf. F. Auffart wirkte – Inschriften, die aus anderen Quellen nicht bekannt sind.70) Eine private Chronik von Camburg, die die Inschriften auf den 1848 umgegossenen Glocken aufführt,71) konnte nicht wieder aufgefunden werden.

4. Inschriftträger und Inschriftarten

4.1. Grabinschriften

Die unter den Inschriften in der Regel quantitativ vorherrschende, im Lkrs. Jena aber überraschend schwach vertretene Gruppe72) ist die der Inschriften auf Grabmalen. In der Diskussion nicht so sehr um die Terminologie der Inschriften (hier sollte man die eigentlichen Grab- von den Memorialinschriften unterscheiden) als vielmehr der Inschriftträger sind die folgenden Haupttypen herausgearbeitet worden, die – mitunter gegen den in der Inschrift selbst verwendeten Begriff73) – nach funktionalem Gesichtspunkt74) voneinander abgehoben werden:

Grabplatten kennzeichnen das tatsächliche, meist in den Boden einer Kirche oder im Kirchhof eingelassene Grab. Hierbei bleibt unberücksichtigt, daß sie in der überwiegenden Zahl in jüngerer Zeit gehoben75) und senkrecht aufgestellt worden sind. In der Regel sind sie als hochrechteckige, aus Stein gefertigte Platten gestaltet.

Ein Epitaph ist von vornherein nicht zur Markierung der Grabstätte bestimmt, sondern senkrecht stehend konzipiert. Gewöhnlich erfordern Epitaphe eine zusätzliche Grabplatte zur eindeutigen Kennzeichnung der Begräbnisstätte, doch ist dies im Bearbeitungsgebiet kaum konsequent durchgeführt worden. Es hat sich kein Beispiel doppelten Totengedächtnisses für ein und dieselbe Person erhalten, wenngleich es aus den Inschriften mitunter wahrscheinlich zu machen ist.76)

Als Grabmal schließlich wird ein nicht mehr eindeutig zu bestimmender, oft auch heute verlorener und nur aus unzulänglichen Beschreibungen bekannter Inschriftträger bezeichnet.

Die vorreformatorischen Grabmale setzen mit dem Jahre 1485 (Nr. 58) sehr spät ein; ein früheres von 1345 (Nr. 5) ist nur als Fragment erhalten. Es sind zehn überliefert, mit Ausnahme von Nr. 27 – einem verlorenen Epitaph von 1401, an dessen Datum Zweifel bestehen – alles Grabplatten. Sie zeigen den oder die Verstorbenen in Relief (Nrr. 58, 99, 101, 112-116) oder Ritzzeichnung (Nrr. 67, 96), unter Beigabe des Wappens. Von den Inschriften sind zwei (Nrr. 67, 96) lateinisch. Sie alle sind dem traditionellen Formular verhaftet: Anno domini (Datum) – obiit / ist verstorben – Name – Stand – Fürbitte. Doch dieses Formular wird vielfältig variiert, sei es durch Verkürzungen77) oder, in stärkerem Umfang, durch [Druckseite XXX] Erweiterungen. So wird gelegentlich die Sepultur ausdrücklich erwähnt78) bzw. die Inschrift um die Namen des Vaters (Nr. 113), der Ehefrau (Nrr. 112, 114, 116) bzw. der Schwester (Nr. 115) erweitert.79) Die Fürbitte ist die übliche, cuius anima requiescat in pace (Nr. 96, 1503, wo nur unvollständig erhalten), und dem Gott gnade; in Nr. 67 schließt die deutsche Formel die lateinische Inschrift ab.

Während die Reformation und in ihrem Gefolge die Gründung der Universität in der Stadt einen ganz neuen Typus von Grabinschriften hervorbrachte: lateinische Prosa- und Versinschriften in antiker Tradition80) – ist im Lkrs. Jena ein Festhalten an den überkommenen Formen zu beobachten, die sich nur in einigen Details ganz allmählich wandeln. Die wenigen lateinischen Carmina wirken gleichsam wie fremd unter den übrigen Sepulchralinschriften; doch selbst bei ihnen finden sich kaum entwickeltere Formen.

Unter den 32 Grabplatten aus der Zeit nach 1540 sind nur sechs (Nr. 165, 1562; Nr. 190, 1579; Nr. 191, 1579; Nr. 195, nach 1581; Nr. 298, 1625; Nr. 306, 1633) lateinisch. Die beiden letzteren sind für Familienangehörige eines Jenaer Professors, der Erbherr in Großlöbichau war, in Jena angefertigt und auf das Land gebracht worden. Die übrigen vier weisen die einfache Anno-domini-obiit-Formel auf.81) Bei den deutschsprachigen Grabinschriften ist kaum eine Entwicklung feststellbar, und die späteste (Nr. 325, 1639) unterscheidet sich substantiell in keiner Weise von der frühesten (Nr. 143, 1544). Sicher erfuhren die einzelnen Elemente des traditionellen Formulars Erweiterungen und Änderungen, aber diese sind nicht verbindlich und führen nicht zu eloquenteren Formen. Todesjahr und Todestag sind regelmäßig angegeben (Ausnahmen: Nrr. 149, 150), vereinzelt wird die Todesstunde hinzugefügt (Nrr. 175, 215). Nur bei knapp der Hälfte aller Inschriften steht das erreichte Lebensalter, mitunter bis auf den Tag genau.82) Das traditionelle ist in Gott (Christo) seelig entschlafen wird nur in Nrr. 175 (1570) um ein betont protestantisches in wahrer Anrufung und Bekenntnis des einigen Heilands Jesu Christi erweitert. Auf die Invokation wird – auch dies im Gegensatz zu den Inschriften der Stadt Jena – nur in wenigen Fällen (Nrr. 149, 150, 190, 191, 215, 218, 240) verzichtet. Dagegen erfreut sich das alte dem Gott gnade (gnädig sei) ungebrochener Beliebtheit und wird nur selten ersetzt durch die Bitte um eine fröhliche Auferstehung (Nrr. 168, 262, 264, 292).

Es kann kein Zufall sein, daß sich die beredtesten deutschen Grabtexte, Nrr. 262 und 263, auf Monumenten befinden, die nicht einer lokalen Werkstatt entstammen. Dies gilt auch für die Särge in der Gruft der Schenken von Tautenburg (Nrr. 264, 276, 289, 304, 316, 328), von denen insbesondere die beiden ältesten mit Künstlern am kursächsischen Hof in Verbindung zu [Druckseite XXXI] bringen sind. In Nr. 276 (1613) wird zum ersten und einzigen Mal ein Epicedium in Form einer langen lateinischen Periode verwendet, während sich der ältere Zinnsarg (Nr. 264) durch eine Vielzahl von Sprüchen und eine deutsche Grabinschrift auszeichnet, die zunächst die Sepultur feststellt (des wohlgeborenen ... K ö rper ruhet alhier) und in einem zweiten Satz die Lebensdaten anschließt (es ist aber wohlgedachter Herr geboren ...).

Ähnlich konservativ stellen sich die Epitaphe dar, meistens Gemälde zunächst einfacher Art (Nrr. 187, 199, 200, 201, 211, 241, 249, 300, 330), später auch mehrteilig und in Architektur (Holz) eingebunden (Nrr. 272, 310, 329). Nur in Nr. 166 (1562) liegt ein Epitaph in Stein vor.

Luther hat nicht nur der Verbreitung des Evangeliums in erzählenden Bildern Aufmerksamkeit geschenkt,83) sondern gleichzeitig darauf gedrungen, entsprechende Texte und Sprüche unmittelbar neben der entsprechenden Szene anzubringen. Die protestantischen Epitaphe des 16. und 17. Jh. artikulieren die evangelische Heilsgewißheit in einem oft aufwendigen theologischen Bildprogramm,84) wie es einige Epitaphe Jenaer Professoren aufwiesen.85) Im Lkrs. dagegen herrscht die schlichte Darstellung des Verstorbenen vor einer narrativ aufgefaßten, durch Sprüche nur sparsam interpretierten Szene aus dem Neuen Testament vor: Kreuzigung (Nrr. 187, 199, 211, 249 (?), 272, 310, 330), Taufe Christi (Nr. 241), Gebet am Ölberg (Nr. 329), Kampf Christi mit Tod und Hölle (Nr. 200). Nur ein Mal wird ein mythologisches Thema bemüht: Orpheus, der durch seinen Gesang selbst wilde Tiere befriedet (Nr. 201), mit einer die Macht der Musik preisenden Gedächtnisinschrift.

In einer anderen Tradition, die sicher von den figürlichen Grabplatten herrührt, steht das durch eine Sepulchralinschrift zum Epitaph umgeformte ganzfigurige Porträt86) des Pfarrers Johann Jonas (Nr. 300).87)

Was die Inschriften betrifft, so sind von den zwölf Epitaphen sechs ganz oder teilweise in Latein geschrieben (Nr. 166, 1562; Nr. 241, E. 16. Jh.?; Nr. 249, 1601; Nr. 272, 1612; Nr. 300, 1650; Nr. 329, 1640). Hierunter sind auch Verse (Nrr. 166, 241, 249, 329), jedoch stets (bis auf Nr. 241, wo aber offenbar noch eine weitere Inschrift fehlt) mit Prosatexten kombiniert. Auffällig ist in Nr. 166 die Übereinstimmung mit einem Distichon an einem Wohnhaus (Nr. 162), bei Nr. 241 die wörtliche Übernahme von zwei Versinschriften aus der Stadt Jena.

Die deutschen Epitaph-Inschriften entsprechen, sofern sie nicht gereimt sind (Nrr. 199, 200, 249), im Formular durchaus den zeitgenössischen Grabinschriften. Nur die späten Monumente (Nrr. 300, 310, 329, 330) sind beredter und bringen Angaben über die Amtsdauer, die Familie und erwähnen vor allem die Stiftung durch Witwe (Nr. 310), Witwe und Kinder (Nr. 300) sowie Kinder und “Eidmänner” (Nr. 329).

Zwei besondere Formen des Schriftträgers unter den Grabmonumenten sind noch zu erwähnen. Zwei schlichte Grabinschriften, enthaltend nur Namen und Todesdaten, sind an der Außenseite von Kirchen auf Quadersteinen geschrieben worden,88) Nrr. 245 und 288. Ferner haben sich unter den zahlreichen Steinkreuzen im Lkrs. Jena (nach dem Inventar [Druckseite XXXII] von 197689) sind es 33 an der Zahl) zwei aus dem späten 16. Jh. mit Inschriften gefunden, Nrr. 203 und 242. Es handelt sich bei ihnen nicht um Sühnekreuze, sondern um Unfallmale, die an tragische Ereignisse erinnern sollen (Nr. 203 an Tod durch Ertrinken; Nr. 242 ist nicht mehr zu lesen), wobei man mitunter einfach die Gedächtnisinschrift auf ein schon vorhandenes mittelalterliches Kreuz geschrieben hat. Unter den Steinkreuzen Thüringens sind die beiden Rothensteiner Kreuze hinsichtlich ihres frühen Datums und der Ausführlichkeit der Inschriften einzigartig.90)

4.2. Inschriften an Gebäuden

Die Inschriften, die auf ein Baugeschehen Bezug nehmen, lassen deutlich die Zäsur erkennen, die die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit für die Entwicklung der Epigraphik darstellt. Die mittelalterlichen Bauinschriften befinden sich in der überwiegenden Zahl an Kirchgebäuden91) und kommunalen Bauwerken. (Nrr. 51, 64). Nur wenige Inschriften sind an anderen profanen bzw. öffentlichen Gebäuden anzutreffen;92) Inschriften an privaten Häusern fehlen.93)

Was die äußere Gestalt anbelangt, so werden im 15. und im frühen 16. Jh. Steintafeln bevorzugt, die in die Außenwand eingelassen sind (Nrr. 28 (?), 29, 30, 34, 36 (?), 50, 52, 59, 98, 119). Dabei ist anzunehmen, daß diese Platten oft erst später in das bereits aufgeführte Gebäude eingefügt worden sind; anders ist es auch nicht möglich, daß ein Baubeginn an einer Stelle im Gemäuer dokumentiert wird, die erst nach längerer Tätigkeit erreicht worden sein kann. Anders verhält es sich bei Werksteinen, die gelegentlich zum Träger einer Inschrift werden: Ecksteine (Nrr. 64, 100, 123) und Quader eines Strebepfeilers (Nrr. 46, 48, 77, 103), wobei der Text auch alle drei sichtbaren Seiten desselben einnehmen kann (Nrr. 46, 77). Aufmerksamkeit verdient die Tatsache, daß die ältesten Bauinschriften des Bearbeitungsgebietes (Nr. 1, 1232; Nr. 2, M. 13. Jh.; Nr. 6, 1347) auf Türgewänden geschrieben sind. In der Regel stehen die Bauinschriften an den Außenseiten der Gebäude, unbestreitbar in der Absicht, sie möglichst Vielen zur Kenntnis zu bringen. Diesem Ziel diente zum einen die gelegentlich zu beobachtende Sicherung der Inschrift vor Regen durch Anbringung eines dachartigen Vorsprungs,94) zum anderen eine klar ausgeführte, ausgewogene Schrift mit großen Lettern. Allerdings hat sich die Vermutung, daß man hierfür die erhabene Ausführung der Buchstaben für geeigneter hielt, nicht bestätigt: Die Zahl der erhaben ausgeführten Inschriften ist nicht signifikant höher als die der eingetieften.95)

Bei Arbeiten geringeren Umfanges, die insbesondere die Inneneinrichtung und einzelne Ausstattungsstücke betrafen, wurde die epigraphische Dokumentation dagegen ins Innere verlegt. Wir finden solcherart Texte – allerdings nur kurze Baudaten aus jüngerer Zeit – auf Schlußsteinen (Nrr. 57, 1483; Nr. 127 (?), 1520) und hölzernen Pfeilern (Nrr. 126, 1518; 130, 1522).

[Druckseite XXXIII]

Inhaltlich ist zunächst zwischen schlichten Baudaten (Nrr. 45, 60, 66, 95, 100, 109, 118, 121, 126, 129, 130) und Bauinschriften im engeren Sinn zu unterscheiden. Letztere sind fast ausnahmslos in lateinischer Sprache abgefaßt (nur Nr. 55, 1482, ist deutsch; Nr. 45 von 1464 ist zweisprachig). In der Mehrzahl wird der Baubeginn dokumentiert (inceptus Nrr. 28, 29, 34, 48, 50, 51, 52, 64, 98, 103, 119, 123; inchoatus, Nr. 46; angefangen, Nr. 55), seltener der Bauabschluß (completus, Nrr. 30, 36; consummatus, Nr. 59; construxit, Nrr. 1, 2). Nur in etwa der Hälfte der Inschriften erfolgt die Datierung auf den Tag genau (Nrr. 28, 29, 34, 36, 48, 51, 59, 98, 103, 123).

Das Bauwerk wird am häufigsten allgemein durch die Worte structura (Nrr. 30, 34, 48, 59, 64, 93, 103) oder aedificium (Nr. 46; Gebäude Nr. 55) bzw. opus (Nrr. 29, 50, 52) bezeichnet; nur gelegentlich begegnen konkretere Termini wie turris (Nr. 51 von der Stadtbefestigung; Nr. 119 von einem Kirchturm), capella (Nrr. 1, 2), kemnata (Nr. 28).

Überraschend selten wird ein Bauherr genannt. Das scheint mehr oder minder typisch für ein Gebiet ohne bedeutendere Städte, in dem einerseits lokale Herrschaften des ortsansässigen Adels (abgesehen von den Tautenburgern) fehlten, das andererseits außerhalb eines besonderen Interesses der Landesherrschaft lag. So treten nur die Schenken von Tautenburg (Nrr. 1, 2, 55) auf ihren Besitzungen und die wettinischen Herzöge bei der Stiftung der Wallfahrtskirchen in Vierzehnheiligen (Nr. 46) in Erscheinung, wobei sie in den jeweiligen Inschriften zum Subjekt des Satzes werden.96) Sonst verwendete man eine Passiv-Konstruktion97) (inceptum est u.ä.), an die in drei Fällen der Name des Leutpriesters asyndetisch98) (Nrr. 6, 48, 103), in Nr. 34 mit der merkwürdigen Formel cum consilio angeschlossen wird. Eine Artikulation der den Bau tragenden Gemeinde bzw. ihrer Magistrate – sei es die Bürgerschaft oder die Dorfgemeinschaft – hat es, im Unterschied zu der Stadt Jena,99) nicht gegeben.

Gelegentlich (zuerst 1437) findet sich das Steinmetzzeichen des den Bau ausführenden Meisters auf der Inschrifttafel (Nrr. 34, 64, 119, 123); dagegen wird sein Name in keiner Inschrift genannt. Ausnahme ist auch hierin die Inschrift an der Kirche zu Vierzehnheiligen (Nr. 46), die selbst in diesem Detail ihre im Bearbeitungsgebiet exzeptionelle Stellung als Votivkirche der sächsischen Herzöge beweist.

Nur selten wird das, wie wir gesehen haben, relativ feste und verbindliche Formular der Bauinschriften durch eine Invokation (deo gratias in Nr. 64, 1492) oder durch amen (Nr. 30, 1430) abgeschlossen. In Nr. 127 (1520) ist umgekehrt eine Invokation durch Zufügung von Datum und Steinmetzzeichen in die Nähe einer Bauinschrift gerückt worden.

 

In der Zeit nach der Reformation überwiegen die Inschriften an profanen Bauwerken bei weitem. Die kirchliche Bautätigkeit war für Jahrzehnte nahezu erloschen100) oder beschränkte sich auf Reparaturen geringeren Umfangs. Das manifestiert sich sehr deutlich in den Bauinschriften, von denen nur eine (Nr. 160, 1559, eine “Chorkirche” betreffend) das traditionelle Formular aufgreift und deutsch umsetzt. Im übrigen sind derartige in die Außenmauer des Kirchgebäudes eingelassene Tafeln eher selten (Nrr. 164 (?), 268, 273, [Druckseite XXXIV] 344). In der Regel werden die Inschriften auf Architekturteile101) geschrieben: Tür- (Nrr. 155, 188, 259, 321) und Fenstergewände (Nr. 293), Torbögen am Eingang zum Kirchhof (Nrr. 184, 342), Ecksteine (Nrr. 206, 220). Häufiger aber sind Datierungen im Innern der Kirchen, vor allem an Teilen der Ausstattung:102) Taufstein (Nrr. 176, 182, 185, 204, 217, 222, 232, 302, 338), Kanzel (Nrr. 154, 158, 266, 274, 280), Lesepult (Nrr. 178, 294, 297, 308), Opferstock (Nr. 256).

Dem Inhalt nach herrschen Jahreszahlen vor (Nrr. 141, 155, 184, 188, 204, 220, 232, 259 (?), 302, 308, 321), denen öfter Initialen (Nrr. 158, 176, 182, 185, 206, 222, 303), selten Namen (Nrr. 164, 342) beigefügt wurden, ohne daß diese näher erläutert wären. Bei einer kleinen Gruppe von Inschriften sind die Zahlen durch die Namen der jeweils amtierenden Magistrate ergänzt. Da keine Stiftung bezeugt wird, handelt es sich bei diesen Namensreihen um ein Element der Datierung, wie das bereits bei den Jenaer Inschriften beobachtet worden ist.103) In den Dorfgemeinden werden Pfarrer und Altar-/Alterleute (Kirchväter) genannt,104) in den Städten die jeweils amtierenden Magistrate.105) Die Nennung der ausführenden Handwerksmeister ist nicht üblich; nur ein Mal (Nr. 273, 1612) ist ein solcher Subjekt einer selbständigen Inschrift. Sprüche begegnen – bis auf Nr. 338, 1649 (Taufstein mit Mt. 19,14) – nicht für sich, sondern nur als Bestandteil anderer Inschriften (Nrr. 154, 266, 280). Selten wird eine Stiftung dokumentiert: Nr. 217, 1589 (Taufstein), mit dem ausdrücklichen Vermerk “auf seine Kosten”, und Nr. 154 (C), 1635 (Kanzelbemalung). Jenseits dieser eher bescheidenen Objekte steht die Kapelle in der Tautenburg, deren aufwendige Ausgestaltung im Stile der Renaissance durch Burkhard Schenk zu Tautenburg in einer ausführlichen Inschrift (Nr. 269, 1608) verherrlicht wird. In eloquentem Latein wird unter Dreingabe sämtlicher Titel des Bauherrn ein doppelter Zweck genannt: zum Lobe Gottes, aber auch zur Zierde des freiherrlichen Besitzes. Weitere solcher Dokumente herrschaftlichen Bauwillens finden sich bis 1650 weder in der Stadt noch im Lkrs. Jena.

Umfangreicheren Niederschlag fand das in dieser Zeit sehr lebhafte profane Baugeschehen in den Inschriften. Die meisten Texte befinden sich an privaten Wohnhäusern, wobei sie ausnahmslos in Stein geschrieben sind; es fehlen aufgrund der Konstruktionsweise der Häuser106) die für andere Landschaften typischen Hausinschriften auf Holz (Fachwerk, Deckenbalken). In bescheidenem Umfang treten Inschriften an mehr oder minder repräsentativen Schloßbauten des ortsansässigen Adels hinzu (Nrr. 140, 145, 151, 260). Schließlich sind einige öffentliche Bauten (z. B. Brücken, Nrr. 142, 167) zu nennen, wobei drei [Druckseite XXXV] Brunnen mit ihren Versen (Nrr. 153, 186, 283) das Bild der profanen Gebäudeinschriften um eine besondere Note bereichern.

Unter den Inschriftträgern begegnen mit Abstand am häufigsten Tafeln, die an verschiedenen Stellen am Gebäude ihren Sitz haben können.107) Es folgen die unterschiedlichsten Architekturteile wie Fensterstürze (Nrr. 137, 145), Türgewände (Nrr. 151, 161, 207, 212, 216, 232a, 235, 250, 255), Gewände der Tordurchfahrten (Nrr. 183, 251, 258, 296), Konsolen (Nr. 287) und Portale (Nrr. 140, 260).

Auch unter den Inschriften an profanen Bauwerken erfreuten sich bloße Jahreszahlen der größten Beliebtheit (Nrr. 142, 151, 172, 183, 189, 198, 207, 212 (?), 216, 229 (?), 255 (?), 287). Die Jahreszahl verdeutlicht historische Dimension, vor der die individuellen Namen unwesentlich werden. In der Tat begegnet nur selten neben der Zahl ein ausgeschriebener Name (Nrr. 235, 252, 296 [im Genetiv]); öfter wird die Jahreszahl kombiniert mit Initialen (in der Regel des Bauherrn, selbst wenn dies nirgends ausdrücklich festgestellt wird, Nrr. 170, 226, 232a, 324), Wappen (Nrr. 145, 161), Handwerkszeichen (Nrr. 197, 239, 252) oder Steinmetzzeichen (Nrr. 251, 258).

In unerwarteter Deutlichkeit zeigt sich bei den Spruchinschriften an nichtkirchlichen Bauten ein Zusammenhang zwischen der Wahl der Sprache und der sozialen Position des Bauherrn. Der aufwendigen Architektur der Renaissance-Portale ihrer Schlösser galt den Schenken zu Tautenburg (Nr. 260, 1605; vgl. Nr. 269) und den Herren von Watzdorf (Nr. 140, um 1540) das Latein angemessen. Ein Spruch in antikem Versmaß zierte das Haus des ersten evangelischen Superintendenten in Orlamünde (Nr. 162, 1561). Damit sind – abgesehen von den bereits erwähnten, 1554 und 1577 mit elegischen Distichen verzierten Brunnen vor den Toren Jenas (Nrr. 153, 186) – die lateinischen Texte aber auch schon erschöpft, sieht man einmal von der formelhaften protestantischen Devise Verbum Domini Manet In Æternum ab (Nrr. 137, 174, 233, 250).

Die Sprüche sind christlich orientiert, sei es als direkte Zitate aus der Bibel (Nrr. 173, 177, 254, 257, 260), sei es als Reime, die zum Teil dem Schatz der evangelischen Kirchenlieder entstammen (Nrr. 179, 210, 227, 248, 265). Zwei Reiminschriften fallen aus dem Rahmen: die Brunneninschrift Nr. 283, 1617, mit der originellen Sentenz “Hier magst Du trinken ohne Geld”, und Nr. 275, 1613, die von dem Schicksal des Hauses während der sogenannten “Thüringer Sintflut” erzählt.

Auch diese immer mit einem Baudatum versehenen Sentenzen werden in verschiedener Weise um Personalien erweitert: Namen (Nrr. 137, 177, 227, 254, 257, 265, 283), Initialen (Nrr. 173, 174, 179, 210, 233, 248), Wappen (Nr. 177). Von den Steinmetzen und Baumeistern nennen sich nur zwei: Günter Otte (Nr. 254) und Nikolaus Lippert (Nr. 273).

Die Sprüche und Zitate beschäftigen sich mit den Themen “Haus” (Nr. 173), “Ein- und Ausgang” (Nrr. 140, 177, 227, 265), “Gottes Schutz, Allmacht und Segen” (Nrr. 179, 210, 248, 254, 257, 260). In auffallender Weise fehlt jeglicher Bezug auf die irdische Vergänglichkeit und den Tod, den die Jenaer lateinischen Hausinschriften des 17. Jh. so häufig strapazieren; man muß dies wohl als ein spezifisch akademisches Thema betrachten.108)

4.3. Inschriften auf Glocken

Thüringen ist eine alte Glockenlandschaft. Ein eindrucksvolles Zeugnis hierfür stellt die inschriftlose Glocke aus der Dorfkirche zu Graitschen, an der Grenze des Lkrs. Jena gelegen, dar. Sie befindet sich jetzt im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg. Nach neueren Untersuchungen muß man sie auf die Zeit um 1100 datieren.109) Der Gesamtbestand der Glocken in Thüringen ist freilich noch ungenügend erforscht. Nach der Inventarisierung am Ausgang des 19. Jh. hat es zwar eine zusammenfassende Untersuchung durch H. Bergner gegeben,110) aber das 20. Jh. hat bekanntlich stärkstens in den historischen Bestand eingegriffen. Neuere Inventare fehlen,111) und ein Glockenatlas112) für Thüringen ist nicht in Sicht. Es dürfte sich anhand der in dem vorliegenden Band publizierten Inschriften erneut erweisen, wie unbegründet und wenig hilfreich die immer wieder einmal in Vorschlag gebrachte Ausgliederung der Glockeninschriften aus dem Corpus der DI wäre, die nur zu einer (schwerlich sinnvollen) separaten Bewertung der epigraphischen Überlieferung auf Stein und auf Bronze führen müßte.113) Unter den Inschriftträgern aus dem 13./14. Jh. bilden im Lkrs. Jena die Glocken den größten Bestand, eine Tatsache, wie sie in vielen ähnlich strukturierten Territorien – Landkreise ohne mittelalterliche kirchliche oder städtische Zentren – gleichfalls anzutreffen sein wird, möglicherweise in Brandenburg oder Mecklenburg noch viel einseitiger.

Im Bearbeitungsgebiet sind die Inschriften von 74 Glocken bekannt, das sind 21,3% der im Band insgesamt erfaßten 347 Texte. Sie gliedern sich nach ihrer Entstehungszeit:

13.Jh. 14.Jh. 15.Jh. 16.Jh. 1.H.17.Jh. gesamt
1114) 12 19 27 15 74
2% 16% 26% 36% 20%
erhalten 1 7 9 16 5 38
verloren - 5 10 11 10 36

Von diesen 74 sind 36 Glocken (48,6%) nicht mehr erhalten und ihre Inschriften nur aus Abschriften von unterschiedlicher Glaubwürdigkeit bekannt. Der Verlust ist nicht nur auf die bekannten Beschlagnahmen des I. und II. Weltkrieges zurückzuführen; vielmehr wurde der historische Bestand bereits im 19. Jh. nachhaltig gestört, wie die folgende Übersicht verdeutlicht. In ihr ist der Bestand an Glocken im Bearbeitungsgebiet erfaßt, wie er sich zu Ende des 19. Jh. aus den Inventaren,115) späteren Notizen und eigener – bei den jüngeren Glocken allerdings nicht [Druckseite XXXVII] immer erschöpfender – Forschung ergibt. Zum Vergleich dient die statistische Übersicht, die Bergner seiner “Glockenkunde Thüringens” im Jahre 1896 beigegeben hat.

Ohne Inschrift Majuskel (undat.) 15.Jh. 16.Jh. 17.Jh. 18 Jh. 19.Jh. gesamt
Lkrs. Jena 10 11116) 15 19 24117) 51 63 193
5,2% 5,6% 7,7% 9,8% 12,4% 26,4% 32,6%
Thüringen118) 31 30119) (49)120) 81 112 279 592 1174
2,6% 2,5% 4,2% 6,9% 9,6% 23,8% 50,4%

Der Vergleich erweist zunächst, daß im Bearbeitungsgebiet ein sehr reicher Bestand an Glocken vorhanden war,121) unter denen die frühen überdurchschnittlich stark repräsentiert sind.122) So fallen von den erfaßten Glocken insgesamt 64, das ist ein Drittel, in die Zeit vor 1650 – eine Zahl, die sich unter Berücksichtigung der kopialen Überlieferung noch steigert. Es mag der relativen Armut und der politisch-wirtschaftlichen Zerrissenheit des Gebietes geschuldet sein, daß es im 18. Jh. nicht zu solch einem umfassenden Ersatz der älteren Glocken gekommen ist wie im benachbarten Sachsen. Den 64 Glocken stehen fast allerdings ebensoviele gegenüber, die im 19. Jh. gegossen worden sind. Auch wenn diese Zahl nicht annähernd an jenen Prozentsatz von 50,4% heranreicht, der im Gesamtbestand der Thüringischen Fürstentümer auf Glocken des 19. Jh. fällt, so wird doch das gleiche Phänomen deutlich: Die Gemeinden besaßen in jener Zeit die nötigen Mittel, um Glocken in großer Zahl gießen zu lassen, wobei die Tendenz zu beobachten ist, gleich das gesamte, aus unterschiedlicher Zeit stammende Geläut bei Abgang einer Glocke komplett zu erneuern.123) Das wird sicher auch dem neu erwachten Streben wider Renaissance und Barock nach vaterländischer, d.i. romanisierender oder gotisierender Form geschuldet sein, das sich auf den Glocken im Gebrauch der deutschen Sprache und der neo-gotischen Minuskel äußert. Die technischen Voraussetzungen schufen Nähe und Attraktivität der Glockengießerei Ulrich/Schilling in Apolda (und Laucha), die für die thüringisch-sächsischen Gebiete die beherrschende Produktionsstätte wird.124)

[Druckseite XXXVIII]

Bei den zwischen 1830 und 1914 neu gegossenen Glocken sollte man eine kopiale Überlieferung der Inschriften auf den Vorgänger-Glocken in den Kirchen- und Ortschroniken erwarten, deren Führung den Pfarrern der Sächsischen Herzogtümer seit 1825 zur Pflicht gemacht worden war. Leider ist dies nur ganz selten erfolgt. In der Regel finden sich wohl Vermerke über Umguß oder Abgabe, nicht aber die Inschriften mitgeteilt. So bleibt die Überlieferung solcher Glockentexte eher eine Sache des Zufalls.

Für den Bestand an Glocken um Jena herum erwies sich die Beschlagnahme des Jahres 1917 verhängnisvoller als diejenige von 1940.125) Es sollte von jedem Geläut nur eine – in der Regel die kleinste – Glocke für die Zwecke des Gottesdienstes auf den Türmen belassen werden. Für kunsthistorisch wertvolle Stücke war dagegen der sog. “Schutzschein C” anzuwenden und ein Verbleib der Glocken in den Gemeinden zu garantieren. Die Konsequenz, mit der Schutz oder Abgabe der Glocken betrieben wurde, lag wohl auch bei den Gemeinden und ihrem Engagement selbst. Anders ist es nicht zu erklären, daß das vorreformatorische Vierer-Geläut in Kahla erhalten blieb, während das nicht weniger wertvolle Dreier-Geläut von Wenigenjena bis auf eine, die kleinste, Glocke abgegeben worden ist.126) Der Vernichtung fielen mehr als zehn Glocken des alten Bestandes anheim.127) Dabei wurden natürlich als nicht schützenswert auch jene Glocken angesehen, die, im 19. Jh. gefertigt, Zier und Inschrift ihrer Vorgängerglocke übertragen bekommen hatten, wie etwa die Kryptogrammglocke in Ziegenhain (Nr. 15).

Die einsam auf dem Turm verbliebenen Glocken sind nach dem Ende des Krieges, als viele Gemeinden vordringlich an die erneute Vervollständigung der Geläute gingen, häufig zur Anschaffung von Hartstahlgußglocken in Zahlung gegeben worden, zumal das unterschiedliche Material einem harmonischen Zusammenklang von alten und neuen Glocken nicht dienlich war. Es verdient daher Erwähnung, daß man in Ammerbach und Zimmern die kostbaren Bronzeglocken im Kirchgebäude aufstellte (Nrr. 11, 83) und die verbliebene Glocke aus Wenigenjena (Nr. 22) in das Jenaer Stadtmuseum gab.

Der II. Weltkrieg ließ den Bestand an Bronzeglocken nochmals schwinden. Zwar sind Verluste von Glocken auf den Türmen selbst durch Kriegseinwirkung nicht bekannt,128) doch von der totalen Beschlagnahme des Jahres 1940 wurden wiederum fast alle Gemeinden betroffen. Es waren diesmal vor allem die späten Glocken aus dem 17.-20. Jh., die als sog. A- Glocken der sofortigen Verhüttung am Ort anheimfielen (von den früheren wohl Nr. 136, vielleicht auch Nr. 317), während die B- und C- Glocken zwar abgehängt, zunächst aber zurückgestellt und auf dem großen Glockenfriedhof in Hamburg gelagert wurden. Aus den Unterlagen des Glockenarchivs129) geht hervor, daß zwei Glocken (Nrr. 76, 117) als [Druckseite XXXIX] Kategorie B und drei Glocken (Nrr. 159, 299, 337) als Kategorie C dieses Schicksal hatten, aber nach 1945 unbeschadet den Gemeinden zurückgegeben werden konnten. Hinzu kamen zwei profane Glocken (Nr. 209 und eine inschriftlose vom Rathaus in Kahla, vgl. Nr. 159a), die bis dahin in den Kunstinventaren nicht erfaßt waren; demgegenüber finden sich aber hie und da auch Nachrichten darüber, daß bestimmte Glocken abgeliefert und vom Glockenfriedhof zurückgekehrt seien,130) die in den diesbezüglichen Akten des Glockenarchivs nicht erfaßt sind.

So erscheint es wie ein Wunder, daß sich in der Stadtkirche St. Margarethae zu Kahla ein vorreformatorisches Vierer-Geläute mit Glocken von 1415(?), 1470, 1509 und 1516 (Nrr. 31, 49, 106, 122) erhalten hat.131) Ein weiteres Geläute im benachbarten Orlamünde besteht neben zwei Glocken aus dem 14. Jh. und von 1582 (Nrr. 8, 202) aus zwei Bronzeglocken von 1697 und 1822. An Zweier-Geläuten aus der Zeit vor 1650 sind zu nennen: Golmsdorf (Glocken von 1522 und 1557, Nrr. 131 und 159), Großeutersdorf (von 1506 und 1582, Nrr. 102 und 196) und Reinstädt (von 1476 und 1592, Nrr. 53 und 228).

 

Am Beginn der mit Inschriften versehenen Glocken steht diejenige aus Zwabitz, Nr. 3, aus dem 13. Jh. (?), die in jeder Hinsicht ein Einzelstück ist – sowohl in der Wahl des Spruches Io. 1,14: Verbum caro factum est et habitavit in nobis,132) als auch in der Ausführung der Schrift: Der Gießer hat die Lettern rechtsläufig in den Mantel der Gußform eingeritzt, so daß sie auf der Glocke spiegelverkehrt erscheinen.

Gewisse Aufmerksamkeit haben in der Umgebung Jenas gehäuft auftretende Majuskel-Glocken mit Kryptogrammen erfahren. Bereits Bergner hatte zwei Gruppen dieser Glocken unterschieden. Es gehören die Glocken in Ammerbach, Großkröbitz, Lehesten, Oßmaritz und Ziegenhain (Nr. 11-15, davon Nr. 13 und Nr. 15 nicht mehr erhalten) einerseits und die durch ein Wappen mit zwei Sicheln ausgezeichneten Glocken von Nennsdorf, Jenalöbnitz und Wenigenjena (Nr. 17-19, die letztere verloren) andererseits zusammen. Beide sind Gegenstand einer Interpretation durch F. H. Schlippe geworden,133) die leider noch nicht die nötige Zurückweisung gefunden hat, obwohl sie die Grundlagen des Faches mißachtet.

Schlippe hat keine der Glocken selbst gesehen; die Reihenfolge der Buchstaben, so wie sie ihm recht dünkt, stellt er sich aus Wettes, Lehfeldts und Bergners Abschriften zusammen. So will er auf der Glocke von Ammerbach, Nr. 11, den zweiten Buchstaben (um 180° gedrehtes F) als A lesen, und bemerkt zum 15. Buchstaben (A in der gerundeten Form), den Wette und Bergner in der Tat für A hielten: “Er sieht aus wie ein Hufeisen, über das quer ein Nagel gelegt ist, Nagelkopf bei 11 Uhr. Wir räumen ein, daß wir dieses Zeichen in einem anderen Zusammenhang auch so deuten würden, hier aber schließt die Anwesenheit des anderen altertümlichen A unseres Erachtens diese Deutung sicher aus. Die Legende erfordert an dieser Stelle ein N.” Welchen Wert soll eine Interpretation haben, die den Zusammenhang bereits vorher weiß und mit “Legende” nichts anderes als einen vorgefaßten Wortlaut meint? In derselben Weise wird denn auch über den 17. Buchstaben (Wette: C, Bergner: G) geurteilt: “Beide Lesarten sind möglich, wir entscheiden uns für das in den Text besser sich einfügende C“.

[Druckseite XL]

Aber auch so scheitert er noch an der Abfolge der Lettern. Deshalb führt Schlippe ein merkwürdiges Konstrukt ein: den “Sammelbuchstaben“. Das ist ein Buchstabe, der neben sich selbst in einem seiner Teile noch einen weiteren beinhaltet, den es zu extrahieren gilt. Als “typischer Sammelbuchstabe” wird das unziale E erkannt, in dessen seitlichem Abschlußstrich sich ein I verberge – “Die endgültige Legende der Inschrift wird lehren, daß dem I der erste Platz gebührt und das E ihm nachgeordnet ist” –; und das um 180° gedrehte E an 9. Stelle wird gelesen “als 'Sammelbuchstabe' DE, diese Reihenfolge durch die endgültige Legende der Inschrift gesichert.” Ein solcher “Sammelbuchstabe” öffnet, wie man leicht einsieht, der interpretatorischen Willkür Tür und Tor.134)

Nicht nachvollziehbar ist auch das weitere Verfahren, nachdem die Lesung der Buchstaben gewonnen ist. Aus R A M A IE V A T DE S T O R P N R C I entsteht durch eine nicht näher begründete “Gliederung”: RA MA IE IVA T DES T OR P N R CI, und daraus der “Text” r(everend)a ma(ter) Ie(sus) iu(v)a, t(e) de(u)s t(enet), o(ra) p(ro) n(obis) r(egina) c(oel)i. Dabei gibt es keinerlei Regel in der Auflösung der Abbreviaturen, die als Kontraktionskürzung r(everend)a, dann wieder als Suspensionskürzung mit einem r(egina) oder auch zwei Buchstaben ma(ter) verstanden werden. Was noch verbleibt, sieht sich einem “Abhorchversuch” ausgesetzt, der zu Formen wie DE(V)S und IV(V)A führt. Die ganze Willkürlichkeit des Verfahrens zeigt sich darin, daß ein einzelnes T sowohl te als auch tenet gleichermaßen bedeuten soll;135) ganz abgesehen von dem merkwürdigen Ausdruck te deus tenet, für den die Übersetzung “Dich beachtet Gott” angeboten wird.

Zu neuen Schwierigkeiten führt die Annahme einer metrischen Bindung dieser Senzenten. Um Hexameter bzw. Distichen zu erhalten, werden nicht nur ganze Wörter ergänzt (“Nimmt man an, daß zwischen Iesus und iuva dabei noch ein hoc tempore ausgefallen ist” usw), sondern alle Regeln der Metrik mißachtet. Wenngleich hexametrischen Versfüßen wie réverénda matér (⏑ ⏑ – ⏑ – ⏑) oder té deús (– ⏑ –) ein “nicht ganz korrekt” zugebilligt wird, kann man tatsächlich in den entstandenen Texten überhaupt keine Verse erblicken.

Schlippes Bemühungen gemahnen eindrücklich, sich gerade bei frühen und “kryptischen” Texten der Grundlagen der Inschriftenkunde bewußt zu bleiben. Man muß daran erinnern, daß die Epigraphik seit ihrer Begründung als Wissenschaft durch Boeckh und Mommsen nicht nur die Erfassung der Inschriften in Corpora vorangetrieben, sondern auch ein methodisches Instrumentarium entwickelt hat, das der erwähnte “Interpretationsversuch”136) durchaus vergißt. Bereits K. Köster hat die Deutungen als “weithin problematisch” bezeichnet.137) Wenn diese jetzt bereits in einer repräsentativen Auswahl-Bibliographie zur thüringischen Geschichte138) zitiert werden, ist es geboten, sie deutlich als wissenschaftlich nicht haltbar zurückzuweisen.139)

Kehren wir zu den Inschriften selbst und dem obersten Gebot der Autopsie zurück! Festgestellt werden konnte das Alphabet des als “Jenaer Kryptogrammist” bezeichneten Meisters, der offenbar mit Modeln arbeitete. Damit steht die Lesung aller Kryptogramm-Glocken, [Druckseite XLI] soweit sie im Original erhalten sind, fest und ist kein Spielraum für wahlweise Identifizierungen der Lettern gegeben. Zwei Buchstaben hat der Gießer durch bewußte Drehung der Modeln gewonnen,140) D aus C und T aus G. Andere sind dagegen regelmäßig spiegelverkehrt gegossen, d. h. mit der vollen Absicht des Meisters in dieser Weise aufgebracht worden.

Jener Umstand spricht ebenso wie die stets überlegte, harmonische Anordnung der Buchstaben in regelmäßigen Abständen dagegen, von einer scheinbar einfältigen Auswahl der Typen ausgehend, auf die Unfähigkeit des Gießers zu schließen. Bergner konnte den Nachweis führen, daß dem “Kryptogrammisten” die Glocke von Flemmingen im benachbarten Krs. Naumburg zuzuschreiben ist, die einen fortlaufenden, sinnvollen Text aufweist. Man darf daher annehmen, daß der Gießer sehr wohl seine Inschriften verstand, aber offenbar dort, wo kein anderslautender Auftrag vorlag, seinen eigenen Intentionen folgte und einzelne Buchstaben in freier Reihung zusammenstellte. Es ist müßig zu ergründen, warum er dabei nicht, wie vielleicht naheliegen könnte, die weitaus tiefere und anerkannte symbolische Kraft des ganzen Alphabets141) erstrebte.

Mag dieses non liquet neue Versuche der Entschlüsselung geradezu provozieren, so dürften weitere substantielle Erkenntnisse wohl nur im Fortgang des Inschriftenwerkes bzw. des Glockenatlasses zu gewinnen sein. Denn es ist mit einer sehr weiten Wirkung des Gießers – bzw. der Modeln, deren sich der “Kryptogrammist” bediente – zu rechnen, nachdem Bergner ihm die Majuskel-Glocke in Hirschfeld im Krs. Bad Liebenwerda zuweisen konnte.

Weiterer Forschung bedürfen auch die Reliefs auf den Kryptogramm-Glocken. Mehrere (Nrr. 13, 14, 15; nicht aber Nrr. 11 und 12) zeigen einen Bischof mit Spruchband, auf dem CASPAR + MELCHOR zu lesen ist – eine bislang noch nicht recht gedeutete Darstellung. Mehr Klarheit dagegen besteht bei der Interpretation zweier Pilgerzeichen auf der Ammerbacher Glocke (Nr. 11) und eines weiteren in Großkröbitz (Nr. 12); letzteres ist mit der Wallfahrt zu dem wundertätigen Marienbild in Ziegenhain in Verbindung zu bringen und stellt damit für eine ganze Reihe weiterer Abgüsse auf Thüringer Glocken den historischen Bezug her.142) Dieser fehlt zwar noch immer für die beiden Ammerbacher Pilgerzeichen, doch haben sich von einem der beiden weitere Abgüsse gefunden, und zwar auf Minuskelglocken.143)

Dieses Phänomen macht erneut das Problem der Datierung der Glocken deutlich. Es steht fest, daß eine nähere Fixierung als auf die Zeit des Wechsels von der gotischen Majuskel zur Minuskel, d. h. Ende des 15. Jh., nicht möglich ist, wobei eine Benutzung der einmal gefundenen Buchstabenformen über einen längeren Zeitraum in Betracht zu ziehen ist.144) Genauere Ergebnisse könnte einzig die vollständige Katalogisierung aller frühen Glocken des sächsisch-thüringischen Raumes bringen. So läßt sich die Glocke von Arnshaugk, die einen deutschen Reim in gotischen Majuskeln ausfweist,145) nicht nur dem Gießer der Ave-Maria-Glocke in Orlamünde (Nr. 8) zuweisen: Sie zeigt gleichzeitig in den Lettern Formen des “Kryptogrammisten”, ferner dasselbe Pilgerzeichen (Maria mit Kind) wie in Großkröbitz (Nr. 12); ein zweites, mit dem auf der Minuskelglocke von Schorba (Nr. 78) identisches; und das Relief des Bischofs auf dem Drachen, wie es – allerdings in etwas anderer Form – der Jenaer Gießer auf seinen Glocken verwendet.

[Druckseite XLII]

Die Wirkung des “Kryptogrammisten” scheint mit seinen eigenen Werken nicht erschöpft zu sein. So weisen die eben genannte Ave-Maria-Glocke in Orlamünde (Nr. 8) und die späte Majuskel-Glocke in Leutra (Nr. 44) bei allen Unterschieden im Detail doch deutliche Ähnlichkeiten der Schriftformen auf. Die Interpunktion auf der Ammerbacher Glocke – neun ins Quadrat gestellte Punkte146) – begegnet 1450 in Leutra wieder (Nr. 44). Und nicht zuletzt finden wir die Form des Kryptogramms selbst auf einigen weiteren Minuskel- (Nr. 39) und Majuskel-Glocken.

Innerhalb der Majuskelglocken hat bereits Bergner von denen des “Kryptogrammisten” eine weitere Glocke unterschieden. Aber diese hat keine inhaltlichen Gemeinsamkeiten: Nr. 17 trägt ein Kryptogramm, Nr. 18 einzelne Lettern zwischen plastischen Zeichen, Nr. 19 einen Spruch. Eigen ist diesen drei nur ein Wappenschild mit zwei zur Teilung gekehrten Sicheln, die eine Blüte oder Traube einfassen. Es wird als Wappen der Familie Tümpling aufgefaßt und einem zwischen 1382 und 1411 in Jena genannten Ratsherrn dieses Namens zugewiesen,147) der diese Glocken gestiftet haben soll. Der zeitliche Ansatz mag richtig sein, wie vor allem das Nebeneinander von Majuskeln und Minuskeln auf Nr. 18 unterstreicht; die Identifizierung des Wappens ist aber nicht frei von Zweifeln, und die Zuschreibung an ein und denselben Gießer eher unwahrscheinlich. Die 3,2 cm großen, runden Medaillons der vier Evangelistensymbole auf der Nennsdorfer und der Wenigenjenaer Glocke (Nrr. 17 und 19) finden sich auf einer weiteren Glocke im Lkrs. Jena (Nr. 20) und mehrfach darüber hinaus.

Unter den Glocken des 15. Jh. finden sich zunächst noch solche mit Majuskel-Inschriften,148) von denen eine (Nr. 31) nach der Chronik von 1415 stammen soll, die andere in Leutra (Nr. 44) nach Ausweis der Inschrift von 1450. Auf dieser spätesten datierten Majuskel-Glocke in Thüringen nennt sich zum ersten Mal im Bearbeitungsgebiet149) der Gießer: Hermann Herlin. Erstmals ist auch bei ihm im Werk ein und desselben Gießers ein Wechsel der Schriftform150) nachweisbar: Sein Wappen zeigt an, daß ihm ebenfalls die Minuskel-Glocke von Stiebritz (Nr. 43) gehört. Doch erst am Ausgang des 15. Jh. erscheinen die Namen der Gießer regelmäßig auf ihren Glocken.151)

Für die Glocken der Jahrhundertmitte sind Zuschreibungen an eine Werkstatt schwierig, weil sie aus Schriftform und Inschriftenformular nur selten auch nur wahrscheinlich zu machen sind. So bieten trotz der übereinstimmenden Formel in der ... Ehre bin (han) ich gegossen auf Nrr. 35, 37, 38 und 40 die erhaltenen Nrr. 37 und 40 hinreichende Bedenken [Druckseite XLIII] gegen eine gemeinsame Herkunft. Andererseits hat der Gießer Hans Sinderam, der sich durch ein Schild mit seiner Marke zu erkennen gibt, nicht nur die bekannten gereimten lateinischen Hexameter, die mit dem Namen der Glocke spielen (Nrr. 49, 53, 54) in seinem Repertoire, er gießt auch die volkstümliche Formel hilf got maria berot (Nr. 56, vielleicht auch Nr. 62). Neben dem Einzelstück in Kleinbucha (Nr. 76), das von der schrifttechnischen Unbeholfenheit des Gießers ein hinlängliches Zeugnis abgibt, ist aus dieser Zeit noch eine Glocke mit einer ungedeuteten Inschrift zu nennen (Nr. 78), die die aufgebrachten Pilgerzeichen in einen Zusammenhang mit Glocken in der weiteren Umgebung Jenas zu bringen erlaubten.

Die Glockenlandschaft an der mittleren Saale wird in der Wende zum 16. Jh. durch drei bedeutende Meister beherrscht: Hans Abendbrot152) (vier Glocken von E. 15. Jh. (?) bis 1506, Nrr. 74, 94, 102, 104), der wiederum in enger Beziehung zu dem überragenden Heinrich Ciegler (zwei Glocken von 1509 und 1516, Nrr. 106, 122) stand, wie die Verwendung der gleichen Model für Lettern und Medaillons153) lehrt. Schließlich wirkt der im Osten Thüringens und im Vogtland bekannte, später in Schleiz bezeugte Marcus Rosenberger mit sechs Glocken von 1511–1531 (Nrr. 111, 117, 128, 131, 132, 136) in das Bearbeitungsgebiet hinein. Seine Werke sind sowohl in der Zier (Zinnen- und Bogenfriese, Worte durch Kleeblätter getrennt, am Schlag die vier Worte des Titulus) als auch in der Wahl der Inschriften (O rex glorie ..., mit Erweiterungen, gefolgt von ora pro nobis und Namen der Heiligen) ganz dem Mittelalter zugehörig. Auf die neue Zeit, die Reformation, reagiert er (Glocke von 1531, Nr. 136) mit einem bemerkenswerten Kompromiß: In Minuskeln setzt er neben das alte Glockengebet die Losung der Protestanten und ihres Schmalkaldischen Bundes – v(erbum) d(omini) m(anet) i(n) ae(ternum) –, wenn auch ganz in mittelalterlicher Orthographie: f.d.m.y.e.

Aus den nächsten zwanzig Jahren sind keine Glocken überliefert. Das ist sicher nicht Ergebnis einer gestörten Überlieferung. Die Protestanten hatten mit dem personellen und finanziellen Aufbau ihrer Kirche zu tun, was einschloß, neue Wege bei der Stiftung von Glocken zu finden. Als neue Auftraggeber mußten die evangelischen Gemeinden selbst auf den Plan treten. Zunächst standen ja auch noch die Glocken der aufgelösten katholischen Klöster und Stifte zur Verfügung. So ruhte in der Zeit des Überganges und der fortwährenden Religionskriege der Guß von Glocken für eine Generation. Dieses Phänomen bestätigt sich an Hand der in DI 9 veröffentlichten Inschriften im Krs. Naumburg.154) In den Jahren zwischen 1500 und 1524 werden in kontinuierlicher Folge zehn Glocken gegossen; dann tritt eine Unterbrechung von mehr als 50 Jahren ein, bis 1576 mit Eckart Kucher die Herstellung von Glocken wieder einsetzt.155)

Auch im Krs. Naumburg, der ja nördlich an den Jenaer anschließt, lag die Produktion von Glocken zu Beginn des 16. Jh. in den Händen dreier Meister. Zwei von ihnen – Hans Abendbrot156) und Heinrich Ciegler157) – waren auch um Jena tätig. Der Schleizer Gießer [Druckseite XLIV] Rosenberger dagegen ist mit seinen Glocken nicht bis nach Naumburg vorgedrungen. Dafür wirkte von Halle her Georg Wollgast158) in dieses Gebiet hinein.159)

Ein ganz ähnliches Bild bietet sich, wenn nach der Mitte des 16. Jh. der Glockenguß neu auflebt. Im Lkrs. Jena finden sich zunächst acht Glocken des Erfurter Gießers Eckart Kucher von 1552–1584 (Nrr. 152, 159, 159a, 163, 196, 202, 205, 208), seit 1585 von dem älteren Melchior Moering (sieben Glocken von 1585–1625, Nrr. 209, 213, 223, 228, 230, 231, 253, 299 160), später von dem jüngeren “zu Erfurt in Rudolstadt”161) und weiteren Angehörigen dieser Familie.162) Kucher, die Moering und die Meister aus der Familie König163) wirkten in der Stadt Erfurt, und, soweit in den Inschriften ausgewiesen, sind alle nachreformatorischen Glocken bis 1636 dort gegossen worden.164) Die Tradition dieser Stadt auf dem Gebiet des Metallgusses reicht jedoch länger zurück; mit den Erfurter Meistern Ciegler und Abendbrot wirkten bereits am Ende des 15. Jh. zwei Gießer weit über die Grenzen der Stadt nach Ostthüringen. Mit dieser führenden Rolle war es in der Mitte des 17. Jh. vorbei. Im Jahre 1636 erweiterte Melchior Moering (d. J.) seinen Namen um den Zusatz “von Erfurt zu Rudolstadt“. Die Gründe für den Wechsel des Gußortes mögen in der zweimaligen schwedischen Besetzung Erfurts in den Jahren zwischen 1631 und 1650 liegen. Mit Hans Berger (fünf (?) Glocken von 1638–1648, Nrr. 323, 327, 331 (?), 336, 337), der in den letzten Jahren des 30jährigen Krieges alle Glocken im Bearbeitungsgebiet schuf, beginnt die Geschichte des Glockengusses in Weimar.165)

Auch im Krs. Naumburg sind es in dem Jahrhundert von 1550 bis 1650 nur wenige Gießer, die den Bestand an Glocken gestalteten: Eckart Kucher,166) Melchior Moering,167) Hermann König168) und Hans Berger169) sind ebenfalls im Jenaer Kreis bekannt; hinzu kommt ein in Naumburg selbst ansässiger Meister, Hans Müller,170) der aber nicht weiter nach Süden wirkt. Der Einfluß der Erfurter Gießer des 16./17. Jh. erstreckt sich gleichermaßen über die beiden Territorien von Jena und Naumburg, so daß man von einer einheitlichen Glockenlandschaft sprechen kann.

Gemeinsam ist beiden Gebieten auch die Entwicklung der Inschriften auf den Glocken. Es stehen sich Inschriften, die in schlichter Weise das Jahr des Gusses und den Namen des Meisters mit einem kurzen Spruch kombinieren, und solche, die hierzu noch die Namen [Druckseite XLV] der Notablen aufführen, gegenüber. Letzteres wird, wie es scheint, im 17. Jh. die Regel,171) kommt aber auch schon im späten 16. Jh. gelegentlich vor.172) Im allgemeinen sind die Namen nicht in den Glockenspruch eingebunden (Ausnahme: Nr. 326), sondern werden asyndetisch – zumeist am Schlag – verzeichnet. Demgegenüber sind Kuchers und Moerings Inschriften in der 2. Hälfte des 16. Jh. geradezu stereotyp. Offenkundig waren die Gießer von den Gemeinden und ihren Honoratioren173) in jenen Fällen nicht auf einen bestimmten Text verpflichtet worden, und die Meister begnügten sich damit, sich selbst auf ihrem Werk zu nennen.

4.4. Inschriften auf liturgischem Gerät

Unter den Kelchen sind fünf mit Inschriften in gotischer Majuskel erhalten: Nrr. 7, 9, 10, 16 und 23. Ein sechster (Nr. 26) ging in jüngerer Zeit verloren. Ein einziger, Nr. 9, weist eine Stiftungsinschrift auf; die darin genannten Personen erlauben eine Datierung um 1350. Bei den anderen bleibt die absolute Datierung problematisch. Die Kelche sind oft überarbeitet und durch Teile aus späterer Zeit ergänzt worden (besonders deutlich Nr. 10). Was die Schrift anlangt, so zeigen die wenig signifikanten Buchstaben keine wesentliche Wandlung in den Formen; aber selbst die Unterschiede in den Details erlauben keine zeitliche Eingrenzung, weil vergleichbare datierte Inschriften aus dieser Zeit im Bearbeitungsgebiet und auch darüber hinaus überhaupt selten und in der Regel nur auf Stein zu finden sind.174) Hinzu kommt, daß für einige Kelche (Nrr. 16 und 23) die Verwendung von Metallbändern festgestellt werden konnte, in die mit Modeln ein oder mehrere Worte mehrfach hintereinander eingestanzt worden sind; von diesen Streifen wurde nach Bedarf ein durch den Umfang des Stilus bemessenes Stück abgeschnitten und aufgelötet. Es ist klar, daß ein solches Verfahren keinen Bezug mehr zu der allgemeinen Schriftentwicklung hatte und Rückschlüsse auf die Entstehungszeit der Gefäße eigentlich nicht mehr möglich sind.175) Die durchweg geschlossenen Formen der Buchstaben, die starken Schwellungen der Hasten usw. erlauben nur die Datierung allgemein in das 14. Jh.; eine engere Begrenzung ist aus den Schriftformen heraus unmöglich. Wenn dennoch absolute Datierungen – immer unter Vorbehalt – gegeben werden, so wollen sie nur den Eindruck eines “wahrscheinlich älter” bzw. “wahrscheinlich jünger” im Vergleich zum Geunitzer Stifterkelch umsetzen.176)

Die spätgotischen Kelche sind alle nach einem mehr oder weniger festen Typus gestaltet: runder Fuß mit aufgelegtem Kruzifix, runder Stilus, wulstiger und mit Maßwerk verzierter Nodus, glatte und becherförmige Kuppa. Den Inschriften sind die Umläufe ober- und unterhalb [Druckseite XLVI] des Nodus sowie die Rotuli177) vorbehalten. Die Texte sind stereotyp; für die sechs Rotuli in der Regel der durch ein h auf sechs Buchstaben erweiterte Name ihesvs. Bei dem auf 1466 datierten Kelch im Lutherhaus Jena (Nr. 47) begegnet erstmals die Sechspaßform des Fußes, der entsprechend auch der Stilus sechseckig gestaltet wird. Beide Formen – die runde (Nrr. 41, 42, 61, 71, 72, 73) und die sechseckige (Nrr. 47, 70, 91, 92, 93, 105, 134) – existierten nebeneinander, wie der 1490 entstandene runde Kelch in Zöllnitz (Nr. 61; die Inschrift unter dem Fuß war bislang unbekannt) beweist. Dennoch kann es kein Zufall sein, daß sich Inschriften in frühhumanistischer Kapitalis nur auf Sechspaß-Kelchen finden (Nrr. 91, 92, 93, 105), die mit großer Wahrscheinlichkeit aus einer gemeinsamen Werkstatt stammen und von denen einer (Nr. 105) durch einen eingeritzten Vermerk unter dem Fuß auf 1507 datiert ist.

Aus den folgenden siebzig Jahren haben sich keine Kelche erhalten. Erst 1579 arbeitete der Goldschmied B.M. unter Beibehaltung der Sechspaß-Form den in den Schmuckformen ganz der Renaissance verpflichteten Kelch in Golmsdorf (Nr. 192); derselbe Meister konnte als Schöpfer eines weiteren Kelches (Nr. 219, 1589) erwiesen werden. Der gotische Typus des Kelches hat sich also nicht, wie in anderen Gebieten, bis in das 17. Jh. hinein erhalten, sondern ist durch Renaissance-Formen ersetzt worden.178) Weitere Kelche in dieser aufwendigen Gestaltung sind – sieht man von dem nicht im Bearbeitungsgebiet entstandenen Prunkkelch Nr. 295 und dem Pokal des Nürnberger Meisters Elias Lencker (Nr. 194) ab, die nicht als liturgisches Gerät geschaffen worden sind – nicht überliefert. Von schlichter Form ist ein Kelch in Hainichen (Nr. 243, 16. Jh.). Bei all diesen nachreformatorischen Gefäßen zeigt sich, daß man die üblichen Plätze für Inschriften nicht durch solche neuen Geistes ausfüllen wollte oder konnte; sie verlieren ihre Bedeutung. So werden die Umläufe über und unter dem Nodus mit floralen Motiven und Beschlagwerk verziert,179) die Rotuli tragen keine Einzelbuchstaben mehr, die fortlaufend gelesen werden müßten, sondern abwechselnd Ornamente und Initialen sowie Jahreszahlen. Der weiteren Entwicklung, die auf die regelmäßig gewünschte Dokumentation der Stiftung180) des sakralen Gefäßes hinauslief, fielen schließlich die epigraphische Tradition und die überkommene Form überhaupt zum Opfer. Die 1634 von Herzog Bernhard für verschiedene Gotteshäuser der Umgebung Jenas gestifteten Kelche (Nrr. 312, 314) verzichten auf Rautenwürfel, der Stilus ist mit Ornamenten verziert. Die Stiftung selbst wird in einer auf dem Sechspaß-Fuß verlaufenden Inschrift bezeugt.

Auch die Patenen, wenngleich viel geringer an Zahl, lassen eine ähnliche Entwicklung erkennen. Die Spruchinschriften (Nr. 24) werden im 17. Jh. endgültig durch Stifterinschriften (Nrr. 311, 313, 315, ebenfalls 1634 von Herzog Bernhard Dörfern der Umgebung Jenas vermacht) abgelöst.

Aus dem späten 16. und dem 17. Jh. haben sich einige Kannen erhalten, die zunächst nur Gießermarken und Jahreszahl (Nr. 181, 1576; Nr. 225, 1591), später Stiftungs- (Nr. 270, 1610; Nr. 332, 1638; Nr. 339, 1649; Nr. 341, 1650) und Besitzvermerk (Nr. 333, 1645; Nr. 340, 1650) [Druckseite XLVII] aufweisen. Von kulturhistorischem Interesse ist eine Kupferflasche (Nr. 180, 1575), die bei den jährlichen Flurumzügen der Gemeinde Lichtenhain zum Umtrunk diente.

4.5. Werkstätten und Meister

Die kunsthistorische Forschung Thüringens hat für das 16. und 17. Jh. wohl die großen Linien der Entwicklung und die wichtigsten Namen herausgearbeitet.181) Die Inschriftenaufnahme zeigt dagegen, daß abseits der bedeutenden Städte und Residenzen noch wenig bekannt ist, ja daß die epigraphische über weite Strecken auch eine kunsthistorische Inventarisation ist. Wenngleich in dem vorliegenden Band nur wenige Zuschreibungen an bereits bekannte und noch weniger an bislang unbekannte bildende Künstler gelangen – ein Zustand, der sich mit der Bearbeitung der benachbarten Landkreise sicher ändern wird –, so konnten schließlich auch mehrere noch anonyme und in dem Umfang ihrer Wirksamkeit unbestimmte Werkstätten ausgemacht werden.

Die bekanntgewordenen Glockengießer sind bereits an anderer Stelle (oben Kap. 4.3) behandelt worden. Bei den mittelalterlichen Grabdenkmalen zeichnet sich eine am Anfang des 16. Jh. florierende, offenbar lokale Werkstatt ab, in der um 1512 die fünf frühesten, zum Teil als Gedächtnismale konzipierten Grabplatten Nrr. 112-116 in der Schenkengruft zu Frauenprießnitz hergestellt wurden. Die unbeholfenen, flachplastischen Darstellungen stammen von einem Steinmetzen unbekannten Namens, der nicht nur die vier Grabplatten in Beutnitz (Nrr. 99, 1505; Nr. 101, 1506) und Zwätzen (Nrr. 101, 108, 1509) schuf, sondern – der Schrift nach zu urteilen – auch Bauunternehmungen an den Kirchen in Zwätzen (Nr. 119, 1513) und Magdala b. Weimar (1516) dokumentierte. Mit Namen wird von den mittelalterlichen Baumeistern nur der an der Wallfahrtskirche in Vierzehnheiligen tätige Dittrich Pain genannt (Nr. 46, 1464).

Unter der vorreformatorischen Ausstattung der Kirchen im Lkrs. Jena fallen besonders die Schnitzaltäre auf182), von denen eine ganze Reihe mit Inschriften183) versehen wurden. Obwohl auch hier kein Name fällt, weder von Schnitzern noch von Malern, ist für die Altäre von Hummelshain (Nr. 63, 1491) und Ammerbach (Nr. 97, 1504) die Herkunft aus der bedeutenden Saalfelder Werkstatt sicher. Bei dem Altar in Maua (Nr. 120, um 1513?) wird an eine Herkunft aus Altenburg gedacht. Unklar ist die Provenienz des kleinen Schreines in Altengönna (Nr. 110, mit einer vergleichsweise für das Bearbeitungsgebiet untypischen Fürbitte an die hl. Anna Selbdritt) und des Zwätzner Altars, der auf 1517 datiert ist (Nr. 125). Der späte Altar in Dienstädt schließlich (Nr. 133, zwischen 1520/24?) ist in Zwickau entstanden, zu einer Zeit, da die Altarwerkstätten in Jena,184) von der sich in der engeren Umgebung der Stadt selbst kein Werk erhalten hat, und in Saalfeld zum Erliegen gekommen waren.

Importiert (aus Böhmen?) sind offenbar auch die – neben einem Fragment aus Maua (Nr. 80) – einzigen erhaltenen mittelalterlichen Glasscheiben von 1517 in Altendorf (Nr. 124), wie bestimmte Namensformen in den Inschriften nahelegen.

[Druckseite XLVIII]

Spärlich bleiben auch für die nachreformatorische Zeit die in den Inschriften überlieferten Namen bildender Künstler. Lokale Steinmetzwerkstätten hat es sicher in größerer Zahl gegeben, wenngleich man ihre Leistungsfähigkeit nicht zu hoch veranschlagen darf. Zwei Meister können hier erstmals nachgewiesen werden: ein Meister Nikolaus Lippert von Rothenstein wird auf einer erst 1981 an der Kirche zu Stiebritz aufgedeckten Inschrift genannt, wohl der Baumeister eines Umbaues unbekannten Umfanges dieser Kirche; und Günter Otte, der sich 1604 mit vollem Namen (Nr. 254), sonst gelegentlich mit Initialen (Nr. 177) nennt und dem aufgrund seines Steinmetzzeichens neben einigen, z.T. einfach verzierten Schrifttafeln an Häusern der Umgebung Jenas (Nrr. 177, 254), auch Torbögen (Nrr. 250, 251, 258) und eine das Hauszeichen (springender Hirsch) im Relief repräsentierende Tafel in Jena185) zugeschrieben werden können. Durch eine Kanzel in Kahla (Nr. 154, 1554) schon länger dem Namen nach bekannt ist der artifex Konrad Polz, von dem sonst nichts überliefert ist. Schließlich stehen in den benachbarten Orten Rothenstein und Ölknitz zwei Taufsteine (Nr. 176, 1570; Nr. 182, 1576) mit den Initialen H.P., unzweifelhaft das Werk ein und desselben Steinmetzen.

Es ist zu fragen, ob diese und andere lokale Werkstätten in der Lage waren, die aufwendigen, mit dem Bild des Verstorbenen und Wappen ausgestalteten Grabplatten zu schaffen, die sich verstreut in den Dörfern des Lkrs. Jena finden und von denen einige jeweils gemeinsamer Herkunft sind: so Nr. 215 (1588) und die von den Bearbeitern neu entdeckte Grabplatte Nr. 236 (1597) in Orlamünde, ferner Nrr. 149 und 150 (1551) in Frauenprießnitz. Von anderen wiederum gibt es Parallelen in den angrenzenden Gebieten, so zu Nr. 171 (1569) bzw. zu Nr. 285 (1618) im Krs. Naumburg. Der gelegentliche Besuch der Gegend um Triptis (Vogtland) brachte die Erkenntnis einer weiten Verbreitung der Grabplatten des Typs wie Nr. 234 (1597) in der Gruft der Schenken. Mit Sicherheit kann aber nur bei den Grabplatten des Schenken Burkhard zu Tautenburg und seiner Frau (Nrr. 262, 263, 1605) eine außerthüringische Provenienz (Melchior Brenner, Dresden?) behauptet werden. Nicht belegt werden konnte ein Ausstrahlen der für die bzw. in der Stadt Jena tätigen Werkstätten, von denen zwischen 1550 und 1650 mindestens vier zu unterscheiden sind,186) auf das Umland, sieht man einmal von den “Importen” Nrr. 298 und 306 ab, die für die Familie eines Professors an der Salana, der gleichzeitig Grundbesitzer in Großlöbichau war, geschaffen wurden. Hierbei muß man freilich berücksichtigen, daß im Lkrs. Jena die Herstellung von Grabplatten mit dem Beginn des 30jährigen Krieges fast zum Erliegen kam, während in der Stadt kein Rückgang der Produktion zu verzeichnen ist.

Von den auf Holz oder Leinwand gemalten Gedächtnisbildern haben sich nur wenige erhalten: einfache Tafelbilder (das früheste: Nr. 187, 1577), im 17. Jh. gelegentlich von Holzarchitektur eingefaßt (Nrr. 272, 310, 329). In Lobeda ist eine ganze Serie von derartigen Bildern eines unbekannten Malers überkommen (Nrr. 187, 199, 200, 201). Doch außer Initialen (Nr. 241, 2. H. 16. Jh.: H.F.; Nr. 272, 1612: FSP(?); Nr. 310, 1634: H AH B) ist nur ein Name überliefert: Andres Ahammer (Nr. 211, 1585), der wohl als Maler des Bildes, nicht als Stifter anzusprechen ist. Ferner besorgte ein sonst unbekannter Friedrich Wilhelm Franck nach einer jetzt nicht mehr vorhandenen Inschrift im Jahre 1615 die Bemalung des Kanzelkorbes in Kahla (Nr. 280).

Bislang nicht erkannt war schließlich der Meister der vier gußeisernen Platten vom Ofen in der ehemaligen Herrschaftsloge der Kirche von Altenberga (Nrr. 147, 148), auf 1551 datiert: Philipp Soldan, der bedeutendste hessische Formschneider des 16. Jh.

5. Schriftarten

Das früheste Auftreten der gotischen Majuskel im Lkrs. Jena ist zeitlich fixiert durch eine auf 1232 datierte Inschrift (Nr. 1), die aber nicht erhalten blieb. Von den Inschriften in dieser Schriftform sind 19 erhalten geblieben, davon zehn auf Glocken, fünf auf liturgischen Geräten, drei in Stein (Nrr. 2, 5, 6) und eine auf einer Wandmalerei (Nr. 25). Die früheste erhaltene – Nr. 2 (M. 13. Jh.) – ist stark überarbeitet. Immerhin ist zu erkennen, daß unziale Formen – bis auf das H – fehlen. Die erhaben ausgeführten Buchstaben sind sehr flächig angelegt, Schwellungen, Haar- und Schattenstriche sind ebenso vermieden wie Ligaturen. Die merkwürdige Form des L (ohne Balken) ist der modernen “Restaurierung” geschuldet.

Ein Jahrhundert später ist mit dem Fragment Nr. 5 (1345), die bekannte Spätform der Majuskel erreicht worden: Die eingetieften Unzialen C, E sind abgeschlossen (der Abschlußstrich in Nr. 5 gebogen, in Nr. 6, 1347, gerade), die Hastenenden keilförmig verbreitert. Ob die Buchstaben früher mit einer farbigen Masse ausgelegt waren,187) ist nicht mehr festzustellen. In jüngerer Zeit sind sie, mitunter fehlerhaft, nachgezogen worden. In Nr. 6 tritt als Besonderheit ein W auf, durch Unterteilung eines breit auseinanderklaffenden V, das oben abgeschlossen ist, gebildet.

Die übrigen Belege für die gotische Majuskel sind in anderer Technik und anderem Material gearbeitet; man muß sie daher gesondert betrachten. Von den fünf Kelchen aus dem 14. Jh. ist auf drei – Nr. 7 (M. 14. Jh.?), Nrr. 9 und 10 (3. V. 14. Jh.?) – die Schrift in Umriß vor schraffiertem Grund eingraviert worden. Sie zeigen bei grundsätzlicher Übereinstimmung der Formen mit denen der zeitgenössischen Steininschriften in der Gestaltung zusätzliche Verzierungen, etwa kleine abgesetzte Dreiecke an den Hastenenden. Bei den anderen beiden Kelchen (Nr. 16, 2. H. 14. Jh.?; Nr. 23, 14. Jh.?) konnte die Verwendung von mit Stanzmodeln gefertigten Schriftbändern nachgewiesen werden, eine Art der Herstellung, die für die Datierung freilich erhebliche Probleme bringt.

Ganz andere Formen weisen schließlich die Lettern auf den zahlreichen Glocken auf, über die bereits ausführlich (Kap. 4.3) gehandelt wurde. Die Glocke in Leutra (Nr. 44) bietet mit dem Datum 1450 die einzige Datierung unter ihnen und gleichzeitig das späteste Auftreten der gotischen Majuskel im Bearbeitungsgebiet und wohl auch im ostthüringischen Raum überhaupt. Die Glocke ist aber nicht der Endpunkt einer kontinuierlich fortschreitenden Entwicklung der Majuskel und ist auch nicht als Zeugnis für ihr Weiterleben im 15. Jh. zu werten.188) Vielmehr griff hier der Gießer Hermann Herlin aus uns unbekannten Gründen noch einmal tief in den Schriftfundus seiner Werkstatt, wo er doch selbst schon auf der Glocke in Stiebritz (Nr. 43, M. 15. Jh.?) seine Beherrschung der gotischen Minuskel unter Beweis gestellt hat.

 

Herkunft und Entwicklung der gotischen Minuskel sind durch jüngste Forschungen deutlicher herausgearbeitet worden. Die Übernahme der in Nordfrankreich und Belgien entwickelten Buchschrift (Textura) in die monumentale Epigraphik erfolgte wohl in der 2. H. 13. Jh.189) Früheste Belege in Deutschland stammen aus den Jahren 1320 und 1328 [Druckseite L] in Mainz. Ab etwa 1340 breitet sie sich allmählich aus, wenn auch zunächst punktuell. In Erfurt, dessen Sonderstellung auch auf dem Gebiet der Inschriften innerhalb Thüringens nicht genug betont werden kann, wird 1349 für eine Bauinschrift die Minuskel eingesetzt; deutlich später, 1391, tritt sie im Naumburger Dom das erste Mal in Erscheinung.190) Zu Beginn des 15. Jh. hat sie sich allgemein durchgesetzt. Relativ spät erfolgte die Übernahme im Jenaer Gebiet. Für die Stadt selbst stellt (bei dünnem Bestand) eine Glocke von 1415 den ältesten Beleg dar (DI 33, Nr. 8); im Lkrs., nur unwesentlich früher, die Bauinschrift an der Margarethenkirche Kahla (Nr. 29, 1411). Von zwei noch etwas älteren Inschriften, beide nicht erhalten, aber in Minuskeln überliefert, stammt Nr. 28 aus dem Jahre 1408, während bei Nr. 27 das überlieferte Datum 1401 Bedenken erregt.

Die gotische Minuskel beherrscht die Inschriften des 15. und frühen 16. Jh. Zunächst wird sie unter Verkürzung der Ober- und Unterlängen in ein Zwei-Linien-Schema gebunden, was sich äußerlich in der Rahmung der Schriftzeilen durch eng angelegte Stege manifestiert. Diese liniengerahmte Ausführung, bei der die Lettern nur unwesentlich kleiner als das zwischen den Stegen gelassene Spatium sind, während die Stege selbst nur durch die hochgestellten Kürzungszeichen unterbrochen werden, ist vor allem bei den frühen Bauinschriften beliebt (Nrr. 29, 1411; Nr. 34, 1437; Nr. 36, 1445).

In der 2. H. 16. Jh. kommt es zu einer stärkeren Betonung der Ober- und Unterlängen. In auffälliger Weise geschieht dies bei eingetieften Inschriften, indem hier kein Rahmen für die einzelnen Zeilen mehr vorgegeben ist (Nr. 46, 1464; Nr. 58, 1485) oder aber die nur eingeritzten Begrenzungslinien weit auseinandergerückt (Nrr. 99, 101, 107, 108) bzw. von den Ober- und Unterlängen der Buchstaben geschnitten werden (Nr. 103). Ähnlich wird bei den erhaben ausgeführten Inschriften verfahren: Die Begrenzungsstege werden reduziert, die langen Hasten reichen bis in sie hinein (Nr. 30, 1413; Nr. 48, 1468; Nr. 51, 1472) oder unterbrechen sie gar (z. B. Nr. 64, 1492), und die Buchstaben werden innerhalb der Schriftzeilen auf etwa drei Viertel der Höhe reduziert, um Platz für die Oberlängen und die Versalien zu erhalten (Nrr. 48, 59).

Die Versalien, der gotischen Minuskel naturgemäß fremd, werden zum bevorzugten Objekt gestalterischer Experimente. In der ältesten erhaltenen Majuskelinschrift (Nr. 29, 1411) hat man einfach das Minuskel-a des Anfangs gegenüber den anderen Lettern vergrößert (so auch noch auf der späten Glocke Nr. 132, 1522). Sonst überwiegen an gotische Majuskeln erinnernde Elemente in freilich oft willkürlicher und unverstandener Zusammenstellung: gerundetes A (Nr. 64), unziales M mit auswärts gebogenen Bogenenden und Nodus am Mittelschaft (Nr. 64), gerundetes A mit Deckbalken (Nr. 103), trapezförmiges A mit überstehendem Deckbalken, dessen Schaftschwellung zu einer sackförmigen Ausbuchtung verkommen ist (Nr. 34), oder rundes C mit seitlichem Abschlußstrich (Nr. 59). Insgesamt ist festzustellen, daß etwa die Hälfte aller Inschriften des 15. Jh. Versalien aufweisen, in der Regel aber nur das A am Beginn der Datierung (Nrr. 30, 34, 36, 48, 49, 51, 52, 53, 57, 58, 59, 63, 64, 67).

Nie ganz sind die mit der gotischen Minuskel eigentlich unvereinbaren runden Bögen verschwunden. Neben dem in der Regel bogenförmig gestalteten Abstrich des a sind sie vornehmlich für das Kürzel 9 = -us (Nrr. 34, 1437; Nr. 119) und für Zierstriche und Cauden verwendet worden. Erst spät und unter dem Einfluß der frühen Kapitalis werden auch andere Buchstaben ganz oder teilweise gerundet (Nr. 119 turris; Nr. 108 vorschide(n)).

Die späteste Verwendung der gotischen Minuskel im Lkrs. Jena geschieht in Stein 1531 (Nr. 137, zusammen mit frühhumanistischer Kapitalis), in Bronze erst 1557 (Nr. 159).

[Druckseite LI]

Sieht man von der Grabplatte des Anton von Harstall (Nr. 144, 1545) ab, für deren Schrift wir aufgrund der Ähnlichkeit mit einem Mainzer Grabmal von 1531 (DI 2, Nr. 1164a) auch die dort von F. V. Arens vorgeschlagene Bezeichnung Rotunda übernommen haben, begegnet bereits im Jahre 1570 die zur Fraktur weiterentwickelte gotische Minuskel wieder. Das überrascht zunächst, wenn man an die Verhältnisse in Jena denkt, wo fast ein Jahrhundert lang Kapitalis und humanistische Minuskel herrschten.191) Die klassischen Schriften bedurften offenbar eines ausgeprägten akademischen Umfeldes, um ihre mit der Reformation in den wettinischen Landen erreichte Vorrangstellung zu erhalten. Wo dies nicht der Fall war, kam sehr rasch die Fraktur zum Tragen.

 

Der Wandel der gotischen Minuskel zur Fraktur192) läßt sich im Bearbeitungsgebiet nicht verfolgen, da zwischen 1531 und 1570 (außer Nrr. 144 und 159) keine Minuskel-Inschriften überliefert sind. Auf dem Grabstein des Joachim von der Pforten (Nr. 175) tritt sie mit allen ihren Merkmalen deutlich entgegen: einstöckiges a, gerundete Unterlängen (g, h), ovales o, langes s; dagegen zeigt das d unziale Form.

Die Grabplatte ist ein Einzelstück geblieben.193) Auf Stein wird die Fraktur überhaupt nur noch ein einziges Mal (Nr. 280, 1615) verwendet. Der reichen Auszierung vor allem der Versalien war in diesem Material Grenzen gesetzt.194) Dagegen bemächtigt sich die Malerei dieser dem Duktus des Pinsels entgegenkommenden Schriftart. Denn fast alle weiteren Texte in Fraktur sind auf Holz oder Metall gemalt (Nrr. 199, 200, 201, 224, 247, 272, 277, 278, 282, 310, 316, 328, 329, 330; Nrr. 301 und 341 in Metall). Nur wenige sind von so vortrefflicher Ausführung, daß die Vorlage eines kalligraphischen Muster-Alphabets angenommen werden kann (Nr. 278).

 

Über Auszeichnungsschriften in Handschriften und frühen Buchdrucken vermittelt, fand im späten 15. Jh., ausgehend von Süddeutschland, eine besondere Form der Majuskel Eingang in die epigraphische Schrift, die als frühhumanistische Kapitalis bezeichnet wird.195) Charakteristisch für sie sind Ausbuchtungen (bzw. Nodi) an den Hasten der Buchstaben I, N, H (vgl. Nr. 124) und an den waagerechten Kürzungsstrichen; ferner zweibogiges E, M mit weit nach oben gezogenem Mittelteil, offenes D, A mit Deck- und gebrochenem Mittelbalken. Nur selten finden sich alle Merkmale vereint in einer Inschrift; eher trifft man auf ein Nebeneinander von diesen und Formen, die zum Teil auf die Unizialen der gotischen Majuskel (unziales G in Nr. 102; unziales D in Nr. 100; dort auch unzial halbgeschlossenes M) zurückgehen, zum Teil schon der Kapitalis gehören oder auch vom Künstler offenbar frei gestaltet worden sind (besonders auffällig in Nr. 124). Bei Inschriften von nur wenigen Buchstaben Umfang ist eine Abgrenzung zur Kapitalis [Druckseite LII] schwierig.196) Schließlich ist festzustellen, daß Inschriften in frühhumanistischer Kapitalis gern in Kombination mit solchen in gotischen Minuskeln erscheinen (Nrr. 69, 84, 96, 124, 137).

Ihrer Herkunft nach eignete sich die frühhumanistische Kapitalis besonders für gemalte und geschnitzte Inschriften und ist daher häufig und besonders früh auf Gegenständen des Kunsthandwerks anzutreffen: so auf Kelchen (Nrr. 91, 92, 93, 105), auf Schnitzfiguren (Gewandsäume, Nimben: Nrr. 69, 133), daneben gemalt auf Wandbildern (Nr. 84), Tafelmalerei (Spruchbänder, Nrr. 95, 125, 133) und Glasmalerei (Nr. 124). Im Unterschied zu anderen Gebieten gibt es sie im Lkrs. Jena aber auch in Stein (Nr. 105, 127, 137) und in Bronze (Glocken, Nrr. 102, 106). Gerade die beiden zuletzt genannten Glocken zeigen, wie unverbindlich diese Schriftform war und wie wenig progressiv und innovativ sie empfunden wurde, da beide Gießer auf späteren Werken zur gotischen Minuskel zurückkehrten.

Die früheste datierte Inschrift mit frühhumanistischer Kapitalis ist das Baudatum 1505 an der Kirche in Lichtenhain (Nr. 100). Nur unwesentlich älter dürfte der Altar in Großlöbichau sein (Nr. 69, um 1500?). Die drei undatierten Kelche Nrr. 91-93 zeigen Gemeinsamkeiten mit einem vierten (Nr. 105), der durch einen neu entdeckten, eingeritzten Gewichtsvermerk auf 1507 datiert ist, und gehören wohl auch in diese Zeit. Für mehr als zwei Jahrzehnte bleibt diese unklassische Majuskel präsent, zuletzt noch 1531 in Kombination mit der gotischen Minuskel (Nr. 137) bei dem berühmten Reformationsspruch VDMIÆ, wo statt des klassischen ligierten Æ das einfache E in seiner zweibogigen Form erscheint.

Einzelne Elemente der humanistischen Kapitalis erfreuten sich noch längere Zeit einer gewissen Beliebtheit. So verwendet der Gießer Melchior Moering regelmäßig auf seinen Glocken die Buchstaben H und N mit ausgebuchtetem Schräg- bzw. Mittelbalken, ebenso Jakob König noch 1639 (Nr. 326). Ähnliches ist auch in anderen Gebieten bereits beobachtet worden.197)

 

Die Kapitalis198) wird ab 1540 die beherrschende Schriftform. Doch nur selten erreicht sie eine wirklich klassische Gestaltung (Nr. 140). Die frühen Belege zeigen vielmehr, daß es keinen unmittelbaren Rückgriff auf die antiken Vorbilder gegeben hat. Ein Einfluß der vom Humanismus geprägten Zentren in Thüringen (vor allem Erfurt) ist nicht festzustellen. Auch die Stadt Jena kommt als Vermittlerin nicht in Betracht. Einerseits geschah die Gründung der Universität im Jahre 1548 zu spät, um in nennenswerter Weise die Ausbreitung der neuen Schriftform in einem bislang hiervon unberührten Gebiet zu befördern; zum anderen sind aus den ersten zwanzig Jahren der Universität kaum Stein-Inschriften im Original überliefert,199) die Vergleiche zuließen.

Die älteste Kapitalis-Inschrift im Lkrs. Jena (Nr. 138, 1536) zeigt in erhabener Schrift breite, “unklassische” Buchstaben auf einem Werkstück, das einer anderen Epoche anzugehören scheint, einem Tympanon, in dessen Bogenfeld sich ein roher, geometrisch gegliederter Kopf befindet. Die ursprüngliche Verwendung dieses Reliefs bleibt völlig unklar. Retrospektiv ist auch die Gestaltung der Schrift auf der Grabplatte der Amalie von der Pforten (Nr. 143, 1544): schlanke Buchstaben, M mit sehr kurzem Mittelteil und schrägen Hasten, spitzovales O, offenes D. Auch später mischen sich fast immer fremde Formen unter die Kapitalis: A mit gebrochenem Mittelbalken (Nrr. 150, 160, 171), rundes Z (Nr. 150) usw. Die Tendenz zu [Druckseite LIII] gleichmäßiger Strichstärke bleibt vorherrschend und zeichnet besonders die erhaben ausgeführten Steininschriften aus (Nrr. 138, 147, 148, 154, 160, 162, 166, 174, 179, 195, 214, 215, 218 usw.). Nur selten200) kommt es zu einer Auszierung der Buchstaben durch Schräglinksverstärkung (Nrr. 156, 262, 263, 269) und durch Serifen (Nrr. 140, 171, 262, 263, 269).

Daß die erreichte Nähe zum klassischen Formenkanon wesentlich von der künstlerischen Potenz der Werkstätten abhängt, beweisen eindrucksvoll die Grabplatten für Burkhard Schenk zu Tautenburg und für seine Gattin (Nr. 262, 263; vgl. ferner Nrr. 260, 269), die von Steinmetzen des kursächsischen Hofes gefertigt worden sind.

Nur am Rande sei erwähnt, daß die das Feld beherrschenden Erfurter Glockengießer aus den Familien Moering und Kucher an den einmal gefundenen, sicher nach einem Musteralphabet gestalteten Modeln für ihre Kapitalis201) über Generationen hinweg festhielten. Dagegen zeichnen sich in der Steinschrift sehr bald schon Tendenzen einer eigenständigen Entwicklung ab, die sie noch weiter von dem einstigen, im Bearbeitungsgebiet aber offenbar nie ernsthaft rezipierten antiken Vorbild entfernen. Schon 1579 (Nr. 191) begegnen kursive Formen (geschwungene Hasten bei E, M, N), und auch später sind solche gelegentlich anzutreffen (Nr. 203, 1582: X), bis hin zu den gebogenen rechten Hasten, die als konstitutiv für ein eigenständiges Majuskel-U empfunden worden sind (Nrr. 280, 1615; 298, 1625; 306, 1633). Dieses begegnet in auffälliger Weise zuerst in lateinischen Texten.

Die Abhängigkeit der gewählten Schriftart von der Sprache der Inschrift ist auch im Lkrs. Jena in der schon oft festgestellten Weise zu beobachten. Die lateinischen Inschriften sind alle in Kapitalis bzw. humanistischer Minuskel geschrieben. Bei deutschsprachigen Inschriften überwiegt die Kapitalis; später tritt – zunächst auf Gemälden, dann auch in Stein – die Fraktur hinzu. Bei zweisprachigen Inschriften ist zwar stets der lateinische Text in der Kapitalis, der deutsche in Minuskeln geschrieben;202) doch trifft man mitunter auch innerhalb eines Textes203) bzw. zwischen zwei deutschen Texten204) auf einen unmotivierten Wechsel zwischen Groß- und Kleinbuchstaben.

6. Nicht aufgenommene Inschriften

Im Unterschied zu einer Reihe anderer Bände der DI wurden in dem vorliegenden Band auch Inschriften aufgenommen, die nachgewiesen (z. B. Nr. 194) oder doch mit großer Wahrscheinlichkeit (z. B. Nr. 169) nicht im Bearbeitungsgebiet entstanden, sondern später auf verschiedene, mitunter nicht mehr zu klärende Weise hierher gekommen und von Lehfeldt inventarisiert sind.

Von den im Wortlaut überlieferten Inschriften wurde eine ausgeschlossen, die, in dem heute zu Camburg eingemeindeten Dorf Döbritzschen gefunden, angeblich aus frühester Zeit stammen soll: “Im Jahre 1868 wurde bei Gelegenheit des Grundgrabens zu einer Scheune am Döbritzscher Wege in dem tiefen Lehmboden ein Skelett ausgegraben, in dessen Nähe mehrere antike Scherben lagen. Zusammengefügt bildeten sie den Boden einer Schale, auf welchem Prof. Klopffleisch aus Jena Schriftzeichen eingedruckt erkannte, [Druckseite LIV] die von Sachverständigen gedeutet worden: Nimm hin, o Ciu, nimm hin, o reicher Ciu, nimm hin. Es wurde deshalb Veranlassung genommen, die Stätte näher zu untersuchen, und wurde dabei eine ziemliche Anzahl regelrechter Reihengräber aufgedeckt...”205) Ein Nachlaß Klopffleischs existiert nicht,206) so daß eine Überprüfung dieser Angaben nicht mehr erfolgen kann. Die Scherbe hat sich im Original nicht erhalten. Freilich erregen die Inschrift selbst wie auch der aus der Form Ciu = “Gott” gezogene Schluß auf eine Datierung “um 800 n. Chr.” berechtigten Zweifel, und wir haben diesen Text daher nicht aufgenommen.

Als verloren und der Entstehungszeit nach nicht mehr festzulegen muß ferner ein Gemälde in der Dorfkirche Kunitz gelten, das den Gekreuzigten mit zwei Stifterfiguren und der Inschrift Christus mein Trost hat mich erlöst zeigte.207)

Bei Restaurierungsarbeiten sind in der Dorfkirche Nerkewitz in den Jahren 1984/85 mittelalterliche Wandmalereien (E. 15. Jh.) freigelegt worden.208) An der Südwand des Chores ist oben der Kampf des hl. Georg mit dem Drachen zu sehen; die Königstochter Margarethe kniet im Hintergrund, in der Hand ein leider nicht mehr zu entzifferndes Spruchband.209) Besonders bedauerlich ist es, daß auch die an der Nordseite der Nikolaikirche in Lichtenhain angebrachten Wandfresken, ein Zyklus von Gemälden, nach Vorbild der “Biblia pauperum” von einem böhmischen (?) Künstler um 1420 geschaffen,210) so verwittert ist, daß die zahlreichen Spruchbänder (etwa im Bild III 3: Verkündigung des Untergangs von Sodom an Lot; III 7: Gott fordert Abraham zum Opfer auf; V 1: Verkündigung an Joachim; V 6: Verkündigung an einen Hirten) keine Reste von Schrift mehr zeigen. Auch die um 1924/25 über dem Original genommenen Pausen (jetzt im Stadtmuseum Jena) zeigen nur leere Bänder.

Vergeblich war die Suche nach einer Grabplatte für einen Geistlichen, offenbar aus dem späten Mittelalter, an der Dorfkirche Beutnitz.211)

Dem Verputzen des Kirchgebäudes fiel in jüngerer Zeit eine Inschrift von 1629 in Krippendorf212) zum Opfer; ebenso “Grabplatten des 17. Jh.” in den oberen Feldern des Fachwerks am Turm der Kirche zu Dorndorf, die erst 1956 aufgedeckt, aber niemals beschrieben worden sind.213) Durch Diebstahl kam 1989 eine im Jahre 1643 gestiftete Hostienbüchse in Drackendorf abhanden.214)

Besonders bedauerlich ist es, daß drei im Jahre 1991 im Fußboden der Wehrkirche in Reinstädt gefundene Grabplatten zwar gehoben, dann aber übereinandergestapelt auf dem Kirchhof abgelegt wurden, so daß die Inschriften nicht zugänglich sind. Nach Form und [Druckseite LV] Abmessung der Steine konnten zwei identifiziert werden, deren Inschriften von anderer Seite überliefert sind (Nrr. 168, 325). Von dem dritten war nur erkennbar, daß er eine Inschrift in gotischen Minuskeln aufweist; es handelt sich um einen neuen Text.

Aus Vierzehnheiligen und Camburg ist bekannt, daß zu Beginn des 19. Jh. die in den Kirchen vorhandenen Grabsteine und Epitaphe vernichtet worden sind.215) In Camburg baute man Steine sowohl der Cyriakskirche als auch von der Stadtkirche St. Laurentii in die dortige Friedhofsmauer ein. Wir haben diese Mauer gründlich untersucht, aber nur Grabsteine und Fragmente gefunden, die jünger als 1650 sind; ebenso in der Mauer des Kirchhofs in Löberschütz, wohin uns die Bemerkung Lehfeldts “Gedenktafel-Rest von 1632” führte.216)

Zitationshinweis:

DI 39, Landkreis Jena, Einleitung (Luise und Klaus Hallof), in: inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di039b006e001.

  1. Die anstehende Kreisreform für Thüringen soll im Jahre 1994 zu einer Fusion der bisherigen Kreise Eisenberg, Stadtroda und Jena-Land zum Holzland-Kreis [der Name ist noch umstritten] mit der Kreisstadt Eisenberg führen. Gleichzeitig werden einige Dörfer der näheren Umgebung Jenas, nämlich Cospeda, Drackendorf, Ilmnitz, Isserstedt, Jenaprießnitz, Krippendorf, Kunitz, Leutra, Maua und Münchenroda, deren Inschriften in dem vorliegenden Band erfaßt sind, der kreisfreien Stadt Jena zugeschlagen. Seit dem 1. April 1994 sind Drackendorf, Ilmnitz, Leutra und Maua Gebietsteile von Jena. – Der künftige Bearbeiter der Inschriften des Holzland-Kreises kann sich demnach auf die (heutigen) Kreise Eisenberg und Stadtroda beschränken. »
  2. Diese sind gesammelt in DI 33 (Jena). »
  3. DI 9 (Krs. Naumburg), Berlin 1965. »
  4. Grundlegend: Geschichte Thüringens, hrsg. von H. Patze und W. Schlesinger, 6 Bde., Köln 1968–1982 (Mitteldeutsche Forschungen, Bd.48/I-48/VI). Die neue Literatur (bis 1987) in: Thüringen, hrsg. von H. Patze und P. Aufgebauer, ²1989 (Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Bd. 9), 533–548. Im Überblick: Thüringen. Historische Landeskunde Mitteldeutschlands, hrsg. von H. Heckmann, Würzburg 31991. »
  5. Vgl. DI 2 (Mainz), Nr. 41»
  6. Vgl. DI 33, Einleitung, S. XIV-XVI»
  7. W. Füsslein, Die Thüringer Grafenfehde 1342–1346, in: Beiträge zur thüringischen und sächsischen Geschichte. Festschrift Otto Dobenecker, Jena 1929, 111–138. »
  8. Zur Genealogie dieses Geschlechtes, vgl. Nr. 112»
  9. H. Koch, Der sächsische Bruderkrieg (1445–1451), Erfurt 1910 (Jahrbücher der Kgl. Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt, N.F. 35). »
  10. UB Jena III, S. 143, Nr. 283 (26. August 1485) »
  11. UB Jena II, Nr. 745 (4. Oktober 1485). »
  12. Vgl. Platen/Schäfer 1979. »
  13. Die Lobdeburger hatten vor 1247 in Roda (Stadtroda) ein Zisterzienser-Nonnenkloster gegründet; dort richteten sie ihre Grablege ein. Mehrere Kreuzgrabsteine, darunter zwei mit Inschriften, haben sich erhalten; vgl. F.K. Azzola, in: Deutsche Inschriften. Fachtagung für mittelalterliche und neuzeitliche Epigraphik Worms 1986 (Abh. Ak. Mainz, Geistes- und sozialwiss. Klasse 12/1987), 37 Abb. 55–57. »
  14. Haufschild 1983. »
  15. Vgl. O. Mühlmann, Burg Orlamünde an der thüringischen Saale, in: Burgen und Schlösser 20, 1979, 22–25. »
  16. M. Hannappel, Das Gebiet des Archidiakonates Beatae Mariae Virginis Erfurt am Ausgang des Mittelalters, Jena 1941 (Arbeiten zur Landes- und Volksforschung, 10); R. Herrmann, Die Dekanatsgrenzen im Naumburger Bistumssprengel Thüringer Anteil, in: ZVThGA 39, N.F. 31, 1935, 243–284. »
  17. F. Koerner, Die kirchliche Verwaltungsgliederung Mitteldeutschlands im Mittelalter und ihre Auswertung für die Geschichte der Kulturlandschaft, in: Petermanns Geographische Mitteilungen 98, 1954, 17–23. »
  18. Vgl. DI 19 (Göttingen), Nr. 63»
  19. Vgl. DI 33, Einleitung, S. XXXI»
  20. Vgl. zusammenfassend Boehm 1992. Die Ballei wurde nach der Reformation zu einer Versorgungsanstalt für die Söhne des thüringisch-sächsischen Adels und zu einer Pfründe für die Fürsten der albertinischen Nebenlinien. Die Liste der Landkomture bei Boehm 14. »
  21. Zu dieser Kongregation vgl. K. Elm, Beiträge zur Geschichte des Wilhelmiten-Ordens, Köln – Graz 1962 (Münstersche Forschungen, 14); W. Rein, Der Wilhelmiterorden in den sächsischen Ländern, in: Archiv für die sächs. Geschichte 3, 1865, 187–202. »
  22. Vgl. W. Kopitzsch, Martin Luther und Jena, Jena 1983, 47–56. »
  23. C. A. H. Burkhardt, Geschichte der sächsischen Kirchen- und Schulvisitationen 1524–1545, Leipzig 1879; R. Herrmann, Die Kirchenvisitationen im Ernestinischen Thüringen vor 1528, in: Beiträge zur thüringischen Kirchengeschichte 1, 1929–1931, 167–230. 3, 1933–1935, 1–69; E. Löbe, Die Kirchenvisitation im Westkreise unseres Herzogthums im Jahre 1529, in: Mitt.Osterl. 8, 1882, 422–448. »
  24. Vgl. DI 33, Nr. 76 (Epitaph des Antonius Musa, des ersten Superintendenten von Jena). »
  25. W. Flach, Die staatliche Entwicklung Thüringens in der Neuzeit, in: ZVThGA 43, N.F. 35, 1941, 6–48; H. Herz, Zu einigen Problemen der Landesteilungen in Thüringen vom 16. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, in: ZVThGA 46, 1992, 147–159. »
  26. Nach 1650 u.a. auch Jena. Das kurzlebige Hzgm. Sachsen-Jena (1672–1690), aus den Ämtern Jena, Kapellendorf, Heusdorf, Dornburg und Bürgel bestehend, hat aber keine tiefen politischen und kulturellen Spuren hinterlassen (vgl. P. Eckold, Das Herzogtum Sachsen-Jena (1672–1690), Jena 1940 (Jena in Vergangenheit und Gegenwart, 5); Huschke (s. unten Anm. 30), 353–360). Inschriftlich ist es nur durch vier Särge in der Gruft der Jenaer Michaeliskirche und ein (inzwischen völlig verfallenes) Epitaph bezeugt, s. L. und K. Hallof, Die Inschriften der Stadt Jena bis zum Jahre 1700, Dipl.-Arbeit Jena 1983, Nrr. 305, 336, 337, 345, 356. »
  27. Hierzu noch Nr. 292 für Romanus Hillard, Amtschösser zu Zwätzen und Lehesten. »
  28. Zur Rolle des Thüringer Pfarrerstandes in Politik und Kultur an Einzelbeispielen vgl. Bedeutende Männer aus Thüringer Pfarrhäusern, bearb. von W. Quandt, Berlin 1956. »
  29. Vgl. ausführlich DI 33, Einleitung, S. XXI-XXVI»
  30. Zusammenfassend hierzu W. Huschke, Politische Geschichte von 1572 bis 1775, in: Geschichte Thüringens (s. Anm. 4), V 1,1 (1982), 1–551. »
  31. G. Droysen, Bernhard von Weimar, Leipzig 1885. »
  32. Zwischen 1680 und 1700 bestanden in Thüringen zehn ernestinische Herzogtümer, vier Schwarzburgische Grafschaften, zehn Reußische Herrschaften, zwei Reichsstädte, zwei kleinere Herrschaften und zehn Gebietsanteile außerthüringischer Staaten; vgl. die Kartendarstellungen in: Geschichte Thüringens (s. Anm. 4), V 1,2 (1982), Beilagen. »
  33. Teile dieses nur 515 km² umfassenden Zwergfürstentums kamen an Sachsen-Eisenach, nach dessen Erlöschen (1741) an Sachsen-Weimar, dem 1691 bereits das übrige Gebiet zugefallen war. »
  34. Zur weiteren territorialen Entwicklung des Landes Thüringen vgl. V. Wahl, Thüringens territoriale Neuordnung 1945, in: ZVThGA 46, 1992, 215–254. »
  35. Beier, Chronika sub a. 1640. »
  36. Zu den 345 durchnumerierten Inschriften kommen Nrr. 159a und 232a»
  37. Von den 265 Inschriften der Stadt Jena sind nur 50 (= 19%) im Original erhalten. »
  38. Diese Tatsache ist längst festgestellt; vgl. A. Seeliger-Zeiss, DI 20 (Großkrs. Karlsruhe), Einleitung, S. XVII»
  39. Vgl. DI 33, Einleitung, S. XXXII-XXXV»
  40. Nicht berücksichtigt sind die Studentenkritzeleien, Nr. 345»
  41. Vgl. DI 33, Einleitung, S. XXVI-XXVII»
  42. Vgl. DI 33, Einleitung, S. XL»
  43. Das ist der Fall, wenn einer der Jenaer Professoren zugleich Erbherr oder Rittergutsbesitzer auf einem der umliegenden Dörfer war und dort sich oder seine Angehörigen begraben ließ; vgl. Nrr. 298 und 306 sowie hierzu Hallof 1990, 24–30. Ähnlich eine bislang unpublizierte, auch in den Inventaren nicht erwähnte Grabplatte von 1675 in Rodameuschel (Jenaer Alabaster, H. 171 cm, B. 95,5 cm, D. 6,5 cm; die vier Wappen abgeschlagen): HIC / HUMATUS VIR / IUVENIS NOBILISSIMUS NECNON / DOCTISSIMUS D(OMI)N(US) HIERONYMUS / JACOBUS NITNERUS J(URIS) U(TRIUSQUE) STUDIOS(US) / FELICISSIMUS HAEREDITARIUS IN / RODAMEUSCHEL etc. NATUS DIE / XX. JULII RENATUS DIE XXIII. E<I>US/DEM ANNO M DC. LII. SED / BEATE JN D(OMI)NO DENATUS / DIE IX. AUGUSTI ANNO / MD.C. LXXV. TEXT(US) FUN(EBRIS) / EX / PS(ALMO) LXXII. V(ERSUS) 24. / 25. et 26.  »
  44. Hierunter zählen vor allem die herrlichen Grabplatten des in kursächsischen Diensten am Dresdner Hof stehenden Burkhard Schenk zu Tautenburg und seiner Frau (Nrr. 262, 263) sowie die Zinnsärge für ihn und seinen Sohn (Nrr. 264, 276) aus einer Werkstatt (Dresden?), die für den wettinischen Hof arbeitete. »
  45. Nr. 153. Der mit einem Epigramm des Prof. med. Ellinger verzierte Leuterbrunnen (Nr. 186) hätte, weil unmittelbar vor den Toren der Stadt gelegen, im Corpus der Stadt-Inschriften Aufnahme finden müssen. – In unklarer Abhängigkeit steht ein gemaltes Epitaph für einen Unbekannten in Kahla (Nr. 241), das Distichen enthält, die sich auch auf zwei Jenaer Grabmalen finden. »
  46. Nur vier Grabmale gelten Adligen, die im Dienst am Hofe standen: Nr. 171, 1569 (Fürstl. Sächs. Hofrat), Nr. 262, 1605 (Kurfürstl. Sächs. Geheimrat, Kammerherr und Oberhauptmann) und Bürgerlichen: Nr. 134 (1643, Sächs. Altenburgischer Rat), Nr. 292 (1621, Amtschösser). »
  47. Vgl. Nrr. 168, 190, 200, 201, 285, 310, 325, 329, 330; Ausnahmen bilden lediglich Nrr. 166 und 300, wo in der Verwendung antiker Metren bzw. in der Verwendung der hebräischen Sprache die klassische Bildung unter Beweis gestellt wird. »
  48. Eine ähnliche Feststellung wird man bei den anderen deutschen Universitätsstädten gewinnen, wenngleich der Anteil akademisch geprägter Inschriften zumeist nicht so deutlich hervortreten wird wie in Jena, da die Epigraphik der anderen Städte in starkem Umfang entweder durch ein machtvolles Patriziat (Leipzig, Erfurt) oder aber durch ansässige Regierungen und Fürstenhöfe (Wittenberg, Heidelberg; vgl. DI 12, wo leider Stadt- und Landkreis nicht getrennt ediert worden sind) beeinflußt ist. Am ehesten könnte der Bestand in Helmstedt, das von 1576 bis 1810 Heimstatt der Alma Julia war, dem Jenaer Material gleichen; vgl. die ältere Sammlung von J. Chr. Böhmer, Inscriptiones sepulchrales Helmstadienses, Helmstedt 1710; I. Henze, Helmstedt – ehemalige Universitätsstadt zwischen Elm und Lappwald, Braunschweig 1976, 30–55. »
  49. DI 33, Nr. 125; zum Künstler, vgl. Nr. 158»
  50. Nicht in das Bearbeitungsgebiet, wohl aber zum früheren Amtsgerichtsbezirk gehörte die Stadt Bürgel mit der nahegelegenen Benediktiner-Klosterkirche Thalbürgel. Die Inschrift auf dem Tympanon über dem Westportal dieser Kirche ist die älteste in der Umgebung; sie gehört vielleicht in das 3. Viertel des 12. Jh., vgl. L. und K. Hallof, in: Zum Burgelin 1, 1992, 27–40. »
  51. Zu Roda gehören einige Orte im Osten (vgl. Nrr. 61, 134, 153), zu Apolda im Westen des heutigen Lkrs. Jena (Nrr. 43, 243). Die alte Grafschaft Camburg sowie die Exklaven Vierzehnheiligen und Lichtenhain gehörten zum Hzgm. Sachsen-Meiningen, vgl. Nrr. 46, 88, 89, 100, 127, 282 und 333»
  52. Bereits 1880 war seitens der Regierung in Weimar eine Anfrage an den Verein für Thüringische Geschichte und Landeskunde in Jena ergangen, ob dieser die Inventarisierung in die Hand nehmen wolle. 1882 wurde aber seitens der Thüringischen Regierungen ein eigener Ausschuß eingesetzt; vgl. K. Marwinski, in: ZVThGA 46, 1992, 20. »
  53. Für Auskünfte danken wir herzlich Frau Dr. H. Sciurie, Jena. »
  54. Nrr. 5, 25, 32, 61, 63, 66, 67, 69, 75, 77, 83, 96, 105, 120, 121, 125, 137, 144, 151, 159a, 160, 161, 174, 179, 182, 183, 184, 185, 189, 190, 197, 198, 207, 211, 216, 222, 223, 224, 226, 236, 239, 240, 242, 251, 252, 256, 257, 273, 276, 277, 282, 285, 287, 289, 292, 298, 306, 308, 309, 300, 310, 311, 316, 324, 326, 328, 330, 332, 339, 342, 343, 344, 345»
  55. Vgl. O. Mühlmann, Dr. Heinrich Bergner, in: Bedeutende Männer (s. Anm. 28), 112–120. »
  56. Bergner 1894. 1894a. 1897; hinzu kommt die kritische Prüfung der Amtsgerichtsbezirke Blankenhain (in: ZVThGA 17 (N.F. 9), 1895, 689–725) und Rudolstadt (in: ZVThGA 18 (N.F. 10), 1897, 574–586). »
  57. Kießkalt 1913. 1914; vgl. Nrr. 58, 68, 143, 156, 162, 166, 168, 175, 215, 221, 246, 278, 279, 286, 290, 325, 329. Nrr. 146, 214, 218, 241 und 291 hat er als erster gelesen. »
  58. Bergner 1896. Vgl. unten Kap. 4.3. »
  59. Nur Bergner hat in der ihm eigenen Gründlichkeit einen Abrieb der 1917 abgegebenen Rathausglocke in Kahla genommen und publiziert; s. Nr. 230. »
  60. Zu den Kategorien vgl. E. Sauermann, Die deutsche Glocke und ihr Schicksal im Krieg, in: Aus der Arbeit des Deutschen Glockenarchivs, München – Berlin 1952, 4–22. »
  61. Nrr. 76, 117, 131, 209 (bislang völlig unbekannt), 299, 331 und die inschriftlose Glocke (14. Jh.) vom Rathaus in Kahla (vgl. Nr. 159a). »
  62. Beier 1665; Beier, q.14. Zu Beier vgl. DI 33, Einleitung, S. XXXII-XXXIII»
  63. Loeber 1689; darin Nrr. 162, 166»
  64. Avemann 1747; darin Nrr. 33, 38, 79»
  65. Puhle, f. 1a und f. 1b; BuKTh I (Jena), 1888, 46–48. Schneider, der 1819 das Erbbegräbnis öffnen ließ, entdeckte hierin sechs Särge (Nrr. 264, 276, 289, 304, 316, 328), gab aber von den Inschriften nur die persönlichen Daten wieder.  »
  66. Hierin aus Ammerbach: Nrr. 11, 65, 97; Beutnitz: Nrr. 99, 101; Bucha: Nrr. 74, 321; Burgau: Nrr. 27, 142; Cospeda: Nr. 311; Göschwitz: Nr. 220; Isserstedt: Nr. 35; Löbstedt: Nr. 111; Maua: Nrr. 57, 331, 336, 337; Oßmaritz: Nr. 14; Rothenstein: Nrr. 48, 103, 249; Ziegenhain: Nr. 15; Zwätzen: Nr. 237»
  67. Zitiert werden Inschriften aus Altenberga (Nr. 37), Altendorf (Nrr. 20, 123), Drackendorf (Nr. 134), Drößnitz (Nr. 138), Großpürschütz (Nr. 90), Gumperda (Nrr. 65, 91, 163), Hummelshain (Nr. 128), Kahla (Nrr. 49, 106, 122 u.a.), Lindig (Nrr. 213, 318), Löbschütz (Nr. 319), Zimmritz (Nr. 231) und Zöllnitz (Nr. 152). »
  68. Loebe 1870; Löbe 1871; Fischer 1871. »
  69. Füldner 1821; Eichhorn 1897. 1899. »
  70. Beutnitz: Nr. 21; Jenaprießnitz: Nr. 164; Rothenstein: Nrr. 208, 281 (zwei 1877 umgegossene Glocken). »
  71. Zitiert von Eichhorn 1897, 22. »
  72. Mit 67 (= 19,3% des Gesamtbestandes) sind weniger Grabinschriften überliefert als Inschriften auf Glocken (74). »
  73. Vgl. F. Rädle, Epitaphium – zur Geschichte des Begriffs, in: Epigraphik 1988. Referate und Round-table-Gespräche der Fachtagung für mittelalterliche und neuzeitliche Epigraphik Graz, Wien 1990 (Österreich. Akad. d. Wiss., Phil.-hist. Klasse, Denkschriften, 213), 305–310. »
  74. Zuerst A. Seeliger-Zeiss, DI 25 (Lkrs. Ludwigsburg), Einleitung, S. XXX-XXXII; dies., Grabstein oder Grabplatte? Anfragen zur Terminologie des mittelalterlichen Grabmals, in: Epigraphik 1988 (s. Anm. 73), 283–291 [hierzu Beiträge von G. Schmidt, a. O. 293–304, und E. J. Nikitsch, a. O. 311–312]; zuletzt E. J. Nikitsch, DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach), Einleitung, S. XXIV-XXVI»
  75. So sind im Lkrs. Jena in den Jahren 1991 und 1992 die Grabplatten in den Kirchen zu Reinstädt, Ziegenhain und Zwätzen gehoben worden; im Boden, aber auch schon lange nicht mehr über den Gräbern liegen noch Nrr. 165, 190 und 298»
  76. Dies ist bei einer Art “Informationsteilung” zwischen den beiden Grabmalen der Fall, bei der der Inschrift auf dem Grabstein die Lebensdaten vorbehalten bleiben, die auf dem Epitaph fehlen. Am ehesten würde man aus den Eigenheiten der Epitaph-Inschrift auf die Existenz eines (nicht erhaltenen) Grabsteins bei Nrr. 166 und 241 schließen wollen. »
  77. Weggelassen wird der Todestag (in Nrr. 96, 99, 101, 112-116). Das befremdet zunächst, war doch dieser zur Feier des Totengedächtnisses weitaus wichtiger als das Todesjahr, auf das z. B. die Inschriften des 12./13. Jh. regelmäßig verzichten. Doch war im 15./16. Jh. für die Fixierung des Todestages anderweitig gesorgt, wie die zahlreich erhaltenen handschriftlichen Mortuologien aus dieser Zeit beweisen. Für den in der Umgebung Jenas ansässigen Adels ist von besonderer Bedeutung das vor 1368 angelegte, bis in das 16. Jh. hinein fortlaufend ergänzte Mortuologium des Jenaer Dominikanerklosters, UB Jena III, S. 222–251. »
  78. Nr. 58: hi begraben; Nr. 67: hic – – – sepultus»
  79. Diese Erweiterungen begegenen auf den fünf frühesten Grabplatten in der Schenkengruft zu Frauenprießnitz. Es handelt sich um eine Serie von fünf gleichgestalteten Grabmonumenten, die zum Teil für schon verstorbene Glieder der Schenken-Familie lange postum angefertigt worden sind. Hier werden die weiblichen Namen nur asyndetisch und ohne Todesdatum vor die Invokation gesetzt. Dagegen erhalten der Stifter dieser Gedächtnismale und seine Frau, zu dessen Lebzeiten das Erbbegräbnis angelegt wurde, zwei separate Grabinschriften auf einem Stein (Nr. 116). »
  80. DI 33, Einleitung, S. XLV-IL»
  81. In knappster Form Nr. 165, in überraschender Weise zu dem klassischen diem suum obiit erweitert in Nr. 191 (vgl. DI 33, Nrr. 124, 193, 241, 243). In Nr. 190 liegt vielleicht eine nach dem Vorbild antiker Inschriften abgekürzte Wendung für die Stiftung des Grabmals vor. »
  82. Lebenszeit nicht angegeben: Nrr. 143, 144, 149, 150, 165, 190 (?), 195 (?), 215, 218, 240, 246, 262, 263 (?), 279 (?), 290 (?), 292, 325; bis auf das Jahr genau: Nrr. 146, 171, 175, 191, 234 (?), 236, 285, 291; bis auf den Tag genau: Nrr. 214, 221, 286, 298, 306»
  83. Luther, In epistolam S. Pauli ad Galatos commentarium [1531], 1535 (Werke, Bd. XL 1 (1911), 548: vulgus libentius videt ein gemald Bild quam bene scriptum librum et libenter audiunt fabulam (“Die Menge sieht sich lieber ein gemaltes Bild als ein schön geschriebenes Buch an und hört gern eine Geschichte”). »
  84. Vgl. J. Harasimowicz, Scriptura sui ipsius interpres. Protestantische Bild-Wort-Sprache des 16. und 17. Jh., in: Text und Bild, Bild und Text, hrsg. von W. Harms (Stuttgart 1988), 273–275. »
  85. Vgl. z. B. DI 33, Nr. 144»
  86. Um die Mitte des 17. Jh., mitunter schon früher, wird in mehreren Städten Thüringens mit einer Galerie aller Superintendenten und ersten Pfarrer begonnen. In Jena ist das früheste derartige Porträt das des Johann Gerhard, gest. 1637, DI 33, Nr. 248»
  87. Ähnlich wird Nr. 330 (1640) das Gemälde – der Verstorbene und seine Familie vor dem Kruzifix – als Contrafractur im 38. Lebensjahr (weitere Daten fehlen) bezeichnet, und erst das hinzugefügte weiland und die angezogenen Sprüche lassen es als Epitaph erkennen. »
  88. Sie kennzeichnen die unmittelbar am Fuß des Gebäudes auf dem Kirchhof gelegenen Grabstätten. Daß dies eine in der Tat für Thüringen ungewöhnliche Form ist, beweist u. a. der Umstand, daß man Nr. 245 als Bauinschrift aufgefaßt hat. »
  89. Steinerne Flurdenkmale in Ostthüringen (Bezirk Gera), bearb. von H. Deubler/R. Künstler/G. Ost, Gera o. J. [1978]. »
  90. Vgl. das gesamte Material bei Störzner 1988. »
  91. Nrr. 1, 2, 6, 29, 30, 34, 36, 46, 48, 50, 52, 77, 98, 100, 103, 119, 123»
  92. Nr. 28 (Kemenate), Nr. 35 (Burggebäude), Nr. 121 (Domänengebäude). »
  93. Unklar ist der originale Sitz der nicht überlieferten Inschrift Nr. 129»
  94. Z. B. Nrr. 30, 34; an Strebepfeilern wurde in der Regel der oberste Quader, der unter der vorkragenden Schräge sitzt, für die Inschrift verwendet (Nrr. 48, 77). »
  95. Ausführung in erhabener Schrift: Nrr. 2 (M. 13. Jh.), 29 (1411), 30, 34, 36, 48, 51, 52, 59, 64, 77, 98 (1504); in eingetiefter Schrift: Nrr. 6 (1347), 46, 100, 103, 119, 123 (1517). »
  96. Interessant ist Nr. 46 von 1464 deswegen, weil hier eine lateinische Bauinschrift des üblichen Typs durch zwei deutsche Sätze erweitert wird, die die Namen des Stifters (Hz. Wilhelm III.) und des Baumeisters in einer parallelen Konstruktion hinzusetzen. »
  97. Vgl. DI 33, Einleitung, S. XXXIX»
  98. Wie DI 33, Nr. 42»
  99. Vgl. DI 33, Nrr. 10, 11, 16, 25, 44, 68»
  100. Vgl. Mertens 1982, 22–24. »
  101. Unklar ist die Bedeutung des tympanonartigen, mit dem Relief eines Kopfes verzierten Steins Nr. 138, der sich jetzt – sicher nicht am ursprünglichen Ort – in der Mauer der Kirche zu Drößnitz befindet. »
  102. Für die liturgische Ordnung der Evangelischen waren Altar und Kanzel von besonderer Bedeutung. Vielfach wurden Kanzeln, den Bedürfnissen des Wortgottesdienstens entsprechend, verlegt oder neue angefertigt. Mit dem umfangreichen Wiederaufbau Thüringens nach dem 30jährigen Krieg entstand hieraus die für die Landschaft typische Form des Kanzelaltars; vgl. H. Mai, Der evangelische Kanzelaltar. Geschichte und Bedeutung (Halle 1969), bes. 35–41. »
  103. DI 33, Einleitung, S. XXXIX»
  104. Nr. 266, 1606 (Kanzel): [Pfarrer?], Alterleute; Nr. 276, 1607 (Taufstein): Pfarrer, Alterleute; Nr. 274 (Kanzel): Kirchväter. »
  105. Nr. 154, 1554 (Kanzel, Kahla): Pfarrer, Bürgermeister, Steinmetz; Nr. 280, 1615 (Kanzel, Kahla): Pfarrer, Bürgermeister, Kämmerer, Maler; Nr. 293, 1622 (Renovierung der Stadtkirche Lobeda): Bürgermeister, Kämmerer, Ratsmannen (?). »
  106. Vgl. DI 28 (Hameln), Einleitung, S. XXVII-XXVIII mit der Feststellung, daß die Steinhäuser (Massivbau und Häuser mit massivem Untergeschoß) insgesamt arm an Inschriften sind. Ebd. wird die geringe Zahl von Inschriften an mittel- und süddeutschen Fachwerkhäusern mit der unterschiedlichen Konstruktion des Fachwerks erklärt, indem durch die Verwendung von diagonalen Streben die horizontalen Balken entlastet und damit dünner und schmaler gestaltet werden. Somit sind sie zur Aufnahme umfangreicher Inschriften ungeeignet.  »
  107. Nrr. 162, 170, 173, 174, 177, 179, 189, 197 (?), 210, 226, 227, 233, 239, 248, 254, 257, 265, 324, 335»
  108. Vgl. DI 33, Nrr. 164, 170, 219, 236, 249»
  109. Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, KG 702. Vgl. Hallof 1993, 7–13. »
  110. Bergner 1896; Bergner 1899. »
  111. Anders in Sachsen, wo seitens der Sächsischen Landeskirche in den Jahren 1985–1988 eine Befragung der Kirchgemeinden stattfand; erste statistische Ergebnisse bei R. Thümmel, Zum Stand der Inventarisation von Kirchenglocken in Sachsen, in: Jahrbuch für Glockenkunde 1–2, 1989–1990, 123–137. »
  112. Zur Geschichte dieses Unternehmens vgl. L. Veit, Das Deutsche Glockenarchiv im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg 1965–1985, in: Lusus campanularum. Beiträge zur Glockenkunde, hrsg. von T. Breuer, München 1986 (30. Arbeitsheft des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege), 91–98, bes. 95f. »
  113. So auch erneut auf der Epigraphik-Arbeitstagung in Bonn, März 1992, unterstrichen; vgl. H. Giersiepen, in: ZfdPh 111, 1992, 402. »
  114. Nr. 3»
  115. Die Schwierigkeit liegt hier vor allem bei der – bereits von Bergner 1896, 177 (“unglaubliche Nachlässigkeit und Unfähigkeit”) gerügten – mangelhaften Inventarisierung Lehfeldts, der freilich selbst häufig genug von den ungenügenden Recherchen der Ortspfarrer abhängig war. So erwähnt er beispielsweise für die Kirchen von Coppanz, Hirschroda, Neuengönna, Schmölln, Seitenroda und Wittersroda keine Glocken, begnügt sich bei Drössnitz, Isserstädt u.a. mit dem Vermerk “Glocken neu“. Bergner selbst hat sich ganz einseitig auf die "älteren Glocken mit Majuskel- und Minuskelinschriften bis etwa 1550” beschränkt; bei der Statistik der späteren ist er von Lehfeldt abhängig. »
  116. In das 15. Jh. gehören ferner die Majuskel-Glocke Nr. 31 und Nr. 44 (auf 1450 datiert). »
  117. Davon gehören 12 in die Zeit bis 1650 und sind im vorliegenden Band aufgenommen. »
  118. Nach Bergner 1896, 178. Bergner zählt die Glocken ohne Inschrift und undatierte extra. Ferner listet er auch noch die Inschriften in Majuskeln und Minuskeln separat auf. Daher ist seine Statistik mit der oben gegebenen für den Lkrs. Jena nicht völlig vergleichbar. »
  119. Davon zwei datierte aus dem 14. Jh. »
  120. Nach Bergner sind 34 Glocken in das 15. Jh. datiert; hinzu kommen die undatierten Minuskel-Glocken, die bei ihm einerseits in der Gesamtzahl von 92 Minuskel-Glocken (hierbei sind aber auch die aus dem 16. Jh. erfaßt), andererseits in der Gesamtzahl von 43 undatierten (worunter auch die meisten Majuskel-Glocken zählen) enthalten sind. Zum Zweck der Statistik wurden von den 43 nicht datierten die 28 Majuskel-Glocken abgezogen (s. die vorige Anm.) und die Differenz von 15 auf die Zahl der 34 in das 15. Jh. datierten aufgeschlagen. »
  121. Das kann sicher nicht seine Ursache in der territorialen Größe des Bearbeitungsgebietes haben. Unter den 11 Kreisen des ehemaligen DDR-Bezirkes Gera kam der Krs. Jena (Stadt und Land) mit 416 km² hinter Gera, Rudolstadt und Schleiz. »
  122. Vgl. bereits Bergner 1896, 178, wo für die Amtsgerichtsbezirke Jena und Kahla 158 bzw. 118 Glocken erfaßt sind. Nur der Bezirk Weimar hält mit 128 Glocken mit, die anderen liegen deutlich darunter. »
  123. Das betrifft u.a. Beutnitz (1870), Bucha (1862), Camburg (1848), Hummelshain (1896), Lindig (1867), Rothenstein (1877). »
  124. Vgl. K. Hübner, Der Glockenguß in Apolda, Weimar 1980 (Weimarer Schriften, 40), 22. Aus der Gießerei von C.F. Ulrich in Apolda sind zwischen 1830 und 1876 über 1260 Glocken hervorgegangen. In diesem Jahr übernahm F. F. Schilling den Betrieb, den bis zum Jahre 1918 weitere über 7000 Glocken verließen. Bei der Inventarisierung der sächsischen Kirchenglocken wurde festgestellt, daß über 55% des derzeitigen Bestandes (rund 1500 Eisenhartgußglocken) und alle nach 1945 als Um- und Neuguß gefertigten Bronzeglocken aus der Gießerei Schilling stammen, vgl. Thümmel (s. Anm. 111), 125, 132. – Eine umfassende Publikation zur Gießerei Schilling liegt jetzt vor: M. Schilling, Kunst, Erz und Klang. Die Werke der Glockengießerei Ulrich/Schilling vom 17. Jh. bis zur Gegenwart, Berlin 1992. »
  125. Vgl. Sauermann (s. Anm. 60), 4. »
  126. S. Nr. 19, Anm.2. »
  127. Nr. 56 (als mittlere Glocke zusammen mit der kleinen von 1674; die große Nr. 163 blieb erhalten), Nr. 331 (mittlere Glocke), Nr. 320 (kleine Glocke; die beiden größeren von 1724 und 1767 wurden zurückgestellt), Nr. 94 (große Glocke; auf dem Turm verblieb die kleine von 1656), Nr. 78 (hier wurden zum einzigen Mal die wertvollen Reliefs herausgetrennt und aufbewahrt), Nrr. 323 und 327, Nrr. 19 und 82, Nr. 39 (und Nr. 319?), Nr. 253»
  128. Dagegen sind die als D-Glocken auf dem Turm der Stadtkirche Jena belassenen Glocken im Jahre 1945 beim Brand des Gebäudes alle geschmolzen; s. DI 33, Einleitung, S. XXVIII»
  129. Wir möchten auch an dieser Stelle nochmals Herrn Dr. H. Maué, Germanisches National-Museum Nürnberg, für die Kopien der den Lkrs. Jena betreffenden Unterlagen des Glockenarchives danken. »
  130. Dies berichtet Weinhold 1986, 99 von Nr. 238. Uns wurde von älteren Einwohnern Reinstädts erzählt, daß man auch Nr. 228 vom Turm geholt habe, die Glocke dabei auf das steinerne Gesims des Turmes aufschlug, woher die Verletzungen an der Schärfe herrührten. »
  131. In der Kirchenprovinz Sachsen hat sich nur ein einziges (nicht einheitliches) vorreformatorisches Vierer-Geläut erhalten, vgl. Thümmel (s. Anm. 111), 127. »
  132. Späteres Vorkommen auf Glocken in Pösneck (1490), Bucha b. Könitz (1507), Quittelsdorf (1507) und Oberwellenborn (1519). »
  133. Schlippe 1975, 340–362. »
  134. Schlippe selbst liest (S. 355) auf der Kryptogrammglocke von Graitschen das spiegelverkehrte E einmal als “Sammelbuchstabe”, das zweite Mal aber “kommt nur E in Frage“. »
  135. Aus den Interpretationen der anderen Glocken kommen t(ecum) (S. 350) und – um nicht bei nur einem Wort zu bleiben – t(imorem dei) (S. 349) hinzu. »
  136. “Zugleich ein Beitrag zur Frage der vorreformatorischen Glaubenshaltung“. Die Ergebnisse der Art wie “reminiscere, renova, sancta virgo Maria, populi innocentiam”, die dem Versuch entspringen, tragen zu dieser Frage nichts bei. »
  137. Köster 1979, 378 Anm. 35. »
  138. Patze ²1989, 540. »
  139. Vgl. W. Arnold, Gemälde-Inschriften, in: Pantheon 34, 1976, 116–120, zu unwissenschaftlichen Versuchen, Gewandsaum-Inschriften zu deuten; hierzu zustimmend Kloos 1980, 46–47. »
  140. Ähnliche Methoden beobachtet Köster 1979, 416, bei den Gießern von Alphabetglocken. »
  141. Vgl. Köster 1979, 373–377; F. Dornseiff, Das Alphabet in Mystik und Magie, Berlin-Leipzig ²1925. »
  142. Vgl. Nr. 12, Anm. 12. »
  143. Vgl. Nr. 78, Anm. 6. »
  144. Noch die im Bearbeitungsgebiet späteste Majuskel-Glocke von 1450 (Nr. 44) weist keine wesentlich anderen Formen auf. »
  145. Vgl. zu Nr. 8»
  146. Dieses auffällige und singuläre Zeichen gibt Veranlassung zu einem motivgeschichtlich anregenden Exkurs. Die antike griechische Epigraphik kennt es ein einziges Mal in einer für die Schriftentwicklung höchst bedeutsamen, altattischen Inschrift, der sog. Hekatompedon-Inschrift (IG I3 4), aus dem Jahre 485/4 v. Chr., wo es jeweils am Ende von Sinnabschnitten steht, während als Worttrennung in üblicher Weise drei Punkte bzw. kleine Kreise übereinander stehen; vgl. R. Kaiser, De inscriptionum Graecarum interpunctione, Diss. inaug. Berlin 1887. – Die Entwicklung der Interpunktionszeichen in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Inschriften ist erstmals im Rahmen des Inschriftenwerkes von E.J. Nikitsch anhand der Inschriften im Lkrs. Bad Kreuznach dargestellt worden, DI 34, Einleitung, S. LIII-LVI»
  147. S. DI 33, Nr. 7»
  148. In das 15. Jh. gehörten auch zwei Jenaer Glocken von 1415, DI 33, Nrr. 8 und 9»
  149. Im benachbarten Krs. Naumburg nennt sich erstmals ein Gießer (Berthold Abendbrot) auf einer Glocke von 1441: DI 9, Nr. 378. »
  150. So gebraucht Hans Abendbrot auf Glocken des Jahres 1506 die Minuskel (Nr. 104) und die frühhumanistische Kapitalis (Nr. 102). Heinrich Ciegeler gießt 1509 erstmals die frühhumanistische Kapitalis (Nr. 106), kehrt später aber zur gotischen Minuskel zurück (Nr. 122 von 1516). Eine Generation später stellt Eckart Kucher in den Jahren 1557 und 1559 noch Minuskelglocken her (Nrr. 159 und 159a), bevor er zu einer hervorragenden Kapitalis findet (Nr. 163 von 1562, und später). – Es ist bemerkenswert, daß sich die spätesten Belege für die jeweilige Schriftform bei der gotischen Majuskel und der Minuskel auf Glocken finden (Nr. 43 und Nr. 159a). »
  151. Vgl. Walter 1913, 153. »
  152. Es ist unverständlich, daß ein Lexikon mit solch hohem Anspruch wie das “Allgemeine Künstlerlexikon der bildenden Künstler aller Zeiten und Völker” (Leipzig 1983 ff., München ²1992 ff.) Bd. I, S. 127 s. v. “Abendbrot” auf dem Stand des Thieme/Becker stehengeblieben ist und die Bände des Inschriftenwerkes offenbar überhaupt nicht zur Kenntnis nimmt. »
  153. Vgl. Schilling 1988, 338–339. »
  154. Eine DI 9, S. VII versprochene Auswertung der Inschriften von Dom, Stadt und Krs. Naumburg ist leider nicht erschienen. Auf die Nachweise im einzelnen wird in den folgenden Anmerkungen verzichtet. »
  155. DI 9, Nr. 441. Ähnlich die Verhältnisse in der Stadt Naumburg mit einer Pause im Guß von Glocken zwischen 1518 (DI 7, Nr. 212) und 1596 (DI 7, Nr. 267). »
  156. Glocke von 1518 in der Wenzelskirche, DI 7, Nr. 212. »
  157. Sieben Glocken zwischen 1504 und 1524. »
  158. Zwei Glocken von 1513 und 1517. »
  159. Hinzu kommen drei Glocken in der Wenzelskirche von 1518, die in “Freybergk” (welches?) gegossen wurden, aber keinem der bekannten Gießer zuzuweisen sind. »
  160. Die jüngste Glocke von 1625 mag vielleicht schon dem jüngeren Moering gehören. – Aus Schleusingen sind zwei Verträge mit Moering über Umgüsse von Glocken bekannt (vgl. Eggebrecht, in: Jahrbuch des Henneberg.-Fränk. Geschichtsvereins 3, 1939, 98–125); danach bekommt der Gießer im Jahre 1595 für den Umguß einer Glocke von 37 Zentner und 67 Pfund Gewicht: 2 Gulden Lohn pro Zentner alter, 17 Gulden pro Zentner neuer Glockenspeise, für die Aufhängung 4 Gulden. Im Jahre 1608 hat sich durch die Verschlechterung des Münzfußes der Preis auf 25 Gulden pro Zentner erhöht. »
  161. Vier Glocken, alle aus dem Jahre 1636, Nrr. 317-320, davon Nr. 317 zusammen mit Hieronymus Moering. »
  162. Hieronymus Moering 1611 (Nr. 271) und 1615 (Nr. 281); derselbe (?) mit Melchior “zu Erfurt in Rudolstadt” Nr. 317 von 1636. »
  163. Nr. 238 wurde 1598 von Hermann König, Nr. 326 von Jakob König 1639 gegossen. »
  164. Anders kann man den Zusatz “goß mich zu Erfurt” nicht verstehen. Explizit heißt es auf der Glocke in Frauenprießnitz (Jakob König, 1639): ast Erforti ex igne resurgo (Nr. 326). »
  165. Die früheste Glocke (von 1638, Nr. 323) ist nach Ausweis der Inschrift vor Ort in Winzerla selbst gegossen worden. Alle späteren Glocken Bergers nennen dagegen die Stadt Weimar. »
  166. Drei Glocken von 1576, 1586 und 1598. »
  167. Zwei Glocken von 1592 und 1598, dazu in der Stadt Naumburg sechs Glocken von 1596 bis 1610. »
  168. Eine Glocke von 1606. »
  169. Zwei Glocken von 1648 und 1650. »
  170. Vier Glocken zwischen 1598 und 1619. »
  171. Nrr. 281, 299, 317, 319, 320 (?), [323], 326 (lateinisch), [331], 336 (?), 337. Von den Glocken des 17. Jh. weisen nur zwei Glocken keine Namen auf: Nr. 305, eine von einem sonst völlig unbekannten Adam Lorentius gegossene Glocke, die offenbar ein Einzelstück ist; und Nr. 327, die kleinste Glocke eines Geläutes, auf dessen größerer (Nr. 323) die Namen genannt sind. »
  172. Nr. 208 von 1584. Vgl. auch DI 9, Nr. 465 von 1592; DI 7, Nr. 267 von 1596; DI 9, Nr. 494 von 1606. »
  173. Es kommen vor: Altarleute (Nrr. 208, 299, 317 (?), 318, 319), Amtschösser (Nr. 317), Gastwirt (Nr. 281), Gemeindevorsteher (Nrr. 281, 318, 331), Gerichtsschöppe (Nr. 317), Kirchvater (Nr. 337), Patronatsherr (Nrr. 228, 326), Pfarrer (Nrr. 208, 299, 318, 319, 337), Schulmeister (Nr. 208), Schultheiß (Nrr. 208, 317, 318, 319), Superintendent (Nr. 326). »
  174. Datiert sind einzig Nr. 5, 1345, und Nr. 6, 1347. Hinzu kommt DI 33, Nr. 5 aus dem Jahre 1382. »
  175. Dasselbe Problem erhebt sich immer dort, wo mit Modeln gearbeitet wurde; hier ist vor allem auch an die bekannten Messing-Taufschalen zu denken, s. Nrr. 85-89»
  176. Nr. 7 scheint früher (1. H. 14. Jh.), Nr. 10 scheint etwa zeitgleich mit dem Kelch von Geunitz. Der bemerkenswerte Kelch von Kleineutersdorf (Nr. 23) könnte seiner Anlage nach noch dem 13. Jh. gehören; der Fuß mit dem aufgelegten Inschrift-Streifen stammt sicher aber erst aus späterer Zeit. S. die Kommentare zu den einzelnen Nrr. »
  177. Diese weisen in Nrr. 41 und 61 keine Buchstaben auf. »
  178. Vgl. DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach), Einleitung, S. XXXVI. Unklar ist, ob die Renaissance-Verzierungen des nicht mehr vorhandenen Kelches Nr. 47, der wohl gotische Minuskeln aufwies, original waren oder von einer Überarbeitung im Jahre 1643 stammten. »
  179. Das Wort HILF in Nr. 243 kann nur Verlegenheit sein, da kein Adressat dieses Anrufs genannt wird (vgl. dagegen Nr. 71 got vn ma(r)ia hilf, und Nr. 73 hilf gott); auch sind die Buchstaben nicht in üblichen Formen, sondern gleichsam als ein Ornamentfries gestaltet. »
  180. Ähnlich die Entwicklung bei den Inschriften auf Glocken, wo im 17. Jh. die Zufügung der Namen der Honoratioren die Regel wird; für diese wird ein früher nur gelegentlich in Anspruch genommener Platz, der Schlag, reserviert. »
  181. P. Lehfeldt, Einführung in die Kunstgeschichte der thüringischen Staaten, Jena 1900; W. Thomae, Thüringische Kunstgeschichte, Jena ²1956; K. Degen, Die Kunst im Mittelalter, in: Geschichte Thüringens (s. Anm. 4), II 2 (1973), 250–305; K.-H. Möller, Die Kunst der Neuzeit, in: Geschichte Thüringens VI (1979), 1–160. »
  182. Zusammenfassend Degen (s. Anm. 181), 297–302. Die wenigsten ostthüringischen Altäre sind bisher einer der bekannten Werkstätten sicher zuzuschreiben. »
  183. An unterschiedlichster Stelle: an den Sockeln der Figuren, an Gewandsäumen und Nimben; am Schrein; auf den Malereien auf der Rückseite des Schreins bzw. auf den Flügeln. »
  184. P. Weber, Eine Jenaer Altarwerkstatt am Ausgang des Mittelalters, in: Beiträge (s. Anm. 7), 205–224. »
  185. DI 33, Nr. 152, die Zugehörigkeit dort noch nicht erkannt. »
  186. DI 33, Einleitung, S. XXXVI»
  187. Vgl. DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach), Einleitung, S. XLVI mit Anm. 152. »
  188. In bislang einzigartiger Weise ist in Worms ein Weiterleben, d.h. auch: Weiterentwicklung der gotischen Majuskel im 15. Jh. zu beobachten, s. DI 29 (Worms), Einleitung, S. LXI-LXII»
  189. Hierzu grundlegend R. Neumüllers-Klauser, Schrift und Sprache in Bau- und Künstlerinschriften, in: Deutsche Inschriften. Fachtagung für mittelalterliche und neuzeitliche Epigraphik, Lüneburg 1984 (Abh. Akad. Göttingen, Phil.-hist. Klasse, 3. Folge, Nr. 151), 62–73. »
  190. KPrSa I (Erfurt), 1929, 23 und 98 (Abb.); DI 6 (Naumburg, Dom), Nr. 18. »
  191. Unter den erhaltenen Inschriften begegnet die Fraktur erstmals auf einer Wappentafel von 1645, DI 33, Nr. 254; doch ist, da nur wenige Jenaer Inschriften im Original überliefert sind, vielleicht schon mit früheren Belegen zu rechnen. »
  192. Vgl. ausführlich Zahn 1966, 5–16. »
  193. Es sei aber darauf hingewiesen, daß die Gestaltung der Grabplatte – die gerahmte Platte weist im Bildfeld ein Kreuz auf, eine Form, die F.K. Azzola als “Grab-Kreuzstein” bezeichnet und mehrfach nachgewiesen hat (vgl. J. und F.K. Azzola, Die nachmittelalterlichen Grab-Kreuzsteine des 17. Jh. in der Kirchenburg von Rohr bei Meiningen, in: Zeitschr. d. Vereins für hess. Geschichte u. Landeskunde 89, 1982–1983, 75–92) – auf zwei weiteren Grabplatten in Reinstädt wiederholt wird (Nrr. 214, 1586; 218, 1589). »
  194. A. Seeliger-Zeiss, DI 25 (Lkrs. Ludwigsburg), Einleitung, S. XLVII»
  195. Vgl. R. Neumüllers-Klauser, Epigraphische Schriften zwischen Mittelalter und Neuzeit, in: Epigraphik 1988 (s. Anm. 73), 315–328, und die Bemerkungen von R. Fuchs, a. O. 331–336, und W. Koch, a. O. 337–345. »
  196. Das betrifft z. B. den Titulus INRI in der sonst Spruchbänder mit gotischen Minuskeln aufweisenden Wandmalerei (E. 15./A. 16. Jh.) in der Peterskirche Lobeda, Nr. 84»
  197. Vgl. Chr. Wulf, DI 28 (Hameln), Einleitung, S. XXXIII»
  198. Vgl. Kloos 1980, 158–160; F.A. Bornschlegel, Die frühe Renaissance-Kapitalis in Augsburg, in: Epigraphik 1988 (s. Anm. 73), 217–225. »
  199. DI 33, Nrr. 67 (1556), 69 (1557), 71 (1558). »
  200. Häufiger dagegen in der Malerei; vgl. Nrr. 237, 247»
  201. Kucher: nur schwach angedeutete Verstärkung der Schrägstriche, dafür aber kräftige Serifen; E mit hochgebogenem, abgerundetem unterem Balken, W aus zwei verschränkten V gebildet. – Moering: gleichmäßige Strichstärke, schwache oder keine Serifen; H und N mit ausgebuchteten Balken. »
  202. Nrr. 200, 280, 300, 333. Nicht signifikant ist der Kreuztitulus INRI auf deutschsprachigen Epitaphen, der immer in Kapitalis geschrieben wird: Nrr. 272, 310, 330»
  203. Lateinisch: Nrr. 165, 276; deutsch: Nrr. 161, 341»
  204. Nrr. 247, 300, 301, 316, 328, 329»
  205. Eichhorn 1897, 23, nach einer Mitteilung des Medicinalrats Dr. Bender zu Camburg. »
  206. Frdl. Mitteilung von Prof. Dr. K. Peschel, Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Universität Jena, September 1991. Die zur Verfügung stehenden Fundakten, die noch auf die Zeit Klopffleischs zurückgehen, erbrachten keinen Nachweis für diesen beschriebenen Bodenfund. »
  207. BuKTh I (Jena), 1888, 164, “an van Dyck anklingend“. Der von Lehfeldt überlieferten Sage nach sollen die beiden Stifter die letzten Kunitzburger gewesen sein, was nicht richtig sein kann, da dies in das 15. Jh. verweisen würde. »
  208. Ausführliche Beschreibung bei Victor 1991, 30ff. und Nachzeichung der Szenen S.78–80. »
  209. Abgebildet bei Victor 1991, 59. Deutlich ist die Buchstabenform der gotischen Minuskel zu erkennen. »
  210. E. Lehmann, Ein didaktischer Bilderzyklus des späten Mittelalters an der St. Nikolai-Kirche zu Jena-Lichtenhain, Straßburg 1932 (Studien zur deutschen Kunstgeschichte, 289). »
  211. Nach den Akten des Landesamtes für Denkmalpflege Erfurt handelte es sich um eine stark verwitterte Kalksteinplatte, H. 183 cm, B. 105 cm, mit der Ritzzeichnung des Verstorbenen. Mühlmann 1977, 49 erwähnt sie “heute rechts vom Südportal“. »
  212. BuKTh I (Jena), 1888, 162: “Kirche ... in seiner jetzigen Gestalt ein Bau von 1629 (Inschrift an der Südseite des Turmes)“. »
  213. Vgl. P. Oberthür, bei Victor 1991, 21–22. »
  214. Löbe 1891, 269; BuKTh II (Roda), 1888, 7; vgl. Nr. 134»
  215. Vgl. Nr. 46 und Anm. 7 (Vierzehnheiligen); Eichhorn 1897, 23 (Camburg). »
  216. Vgl. aber Nr. 343»