Inschriftenkatalog: Hohenlohekreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 73: Hohenlohekreis (2008)

Nr. 48 Kocherstetten (Stadt Künzelsau), ev. Pfarrkirche 1430–39?

Beschreibung

Grabplatte Wilhelms des Längeren von Stetten. Innen an der Nordwand des Langhauses, vierter Stein von Osten. Ursprünglich im Boden, dann im 19. Jahrhundert innen an der Südwand des Langhauses1. Sandstein. Umschrift zwischen Linien, links oben beginnend und in der Mitte der linken Längsseite endend (Kürzungsstriche jeweils über der äußeren Ritzlinie eingehauen); im Feld Vollwappen in Flachrelief, darüber und darunter je zwei große, paarweise aneinandergeschobene und an die Begrenzung des Felds anstoßende Wappenschilde, deren Umrisse nur eingerillt, deren Wappenbilder aber in Flachrelief ausgeführt sind. Keine erkennbaren Abtretungsspuren. Helm und Helmzier vollständig abgespitzt; großflächige Ausbrüche an den Rändern (Schriftverlust); oberer Rand eingeputzt.

Maße: L. 199, B. 94, Bu. 8,5–9,0 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versal.

© Heidelberger Akademie der Wissenschaften [1/2]

  1. + anno · d(omi)ni · M · cccc · / xxx〈. . .〉a) [o(biit) · w]ilhel(m)vs · de · stetn · longior · i(n) dieb) · / s(an)c(t)e · 〈. . . . . . . . . . . . . .〉 / · a(n)i(m)a · eiu(s)c) · req(u)iescat · iṇ [· p]ace ·d)

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 143(.) starb Wilhelm von Stetten der Längere am Tag der heiligen (…). Seine Seele ruhe in Frieden.

Wappen:
Stetten2;
unbekannt3 unbekannt4
unbekannt5 unbekannt6.

Kommentar

Die fast vollständig in ein Zweilinienschema gezwängte Gotische Minuskel weist in der Ausführung weitgehende Parallelen zu der Schrift auf der Kocherstettener Grabplatte des 1422 verstorbenen Zürich von Stetten (nr. 39) auf, die – auch nach Ausweis der gleich gestalteten Wappenfiguren und Helmdecken – in derselben Werkstatt hergestellt worden sein dürfte. Als Worttrenner dienen auch hier Quadrangel mit oben und unten angesetzten Zierhaken. Wie das freigelassene Sterbedatum zeigt, wurde die vorliegende Grabplatte noch zu Lebzeiten Wilhelms von Stetten angefertigt. Dem Steinmetz ist dabei das Versehen unterlaufen, sich für den Todestag vorweg mit der Übernahme der Formulierung i(n) die · s(an)c(t)e auf den Gedenktag einer weiblichen Heiligen festzulegen.

Wilhelm der Längere dürfte am ehesten der von Biedermann als Sohn Wilhelms des Alten von Stetten († 1415) und der Margaretha Rüdt von Collenberg verzeichnete Träger des Namens sein, der 1436 verstorben ist und dessen gleichnamiger Sohn († 1457) in den Quellen „der Junge“ und „der Lange“ genannt wird7. Trifft dies zu, wäre die Grabplatte näherhin in die Jahre zwischen 1430 und dem Todesjahr 1436 zu datieren. Angesichts der Unzuverlässigkeit der Angaben Biedermanns zur Stetten-Genealogie im 15. Jahrhundert ist allerdings Vorsicht geboten. Völlig unklar ist die Bedeutung der vier das Stammwappen umgebenden Wappenschilde auf der Grabplatte, die jedenfalls nicht als Ahnenwappen mit der von Biedermann gebotenen Stammfolge vereinbar sind. Der 1436 verstorbene Wilhelm war nach Biedermann zunächst mit Margaretha von Seldeneck und in zweiter Ehe mit Elisabeth von Kronberg verheiratet. Die Wappen bezeichnen – die Richtigkeit dieser Informationen vorausgesetzt – demnach auch keine Eheallianzen. Ein weiteres Rätsel gibt die offensichtlich von der üblichen Form abweichende Helmzier auf sowie die Tatsache, daß diese nachträglich ohne ersichtlichen Grund zerstört wurde, nicht jedoch der zugehörige Schild.

Textkritischer Apparat

  1. Vor und hinter den drei x sind ein l bzw. ein weiteres x in Kontur vorgeritzt. Die Konzeption sah also auch ausdrücklich ein Todesjahr erst nach 1450 vor. Angesichts dieses Befunds muß man wohl davon ausgehen, daß auch die drei jetzt sichtbaren x-Zahlzeichen zunächst nur vorgeritzt waren und erst nachträglich ausgehauen wurden. Tatsächlich sind die drei Zeichen mit ungleichmäßigerer Kerbe eingemeißelt als die übrige Inschrift. Da freilich der Todestag nicht nachgetragen wurde, ist fraglich, ob 1430 tatsächlich das Todesjahr bezeichnet oder ob nicht vielmehr die drei Zehnerzahlzeichen ausgehauen wurden, als abzusehen war, daß Wilhelm von Stetten vor 1450 sterben würde.
  2. i(n) die ohne Worttrennung.
  3. Das ausgeschriebene u eigentlich wegen des us-Kürzels überflüssig. Vgl. nr. 39 Anm. d.
  4. Hinter dem Worttrenner eine Dreiergruppe von Quadrangeln, aus denen eine Zierranke hervorwächst; der Rest der linken Randleiste leer.

Anmerkungen

  1. OAB Künzelsau 632.
  2. Oberwappen bis auf die Helmdecken vollständig abgespitzt. Der noch gut erkennbare Umriß der Helmzier weicht von der üblichen Helmzier des Stettenschen Wappens ab. Zwar könnte es sich um den Jungfrauenrumpf handeln, die beiden flankierenden Beile fehlen aber jedenfalls.
  3. Sechsspeichiges Rad. Ein in der Regel fünfspeichiges Rad führten die von Aschhausen, die von Berlichingen und die von Eicholzheim. Nach OAB Künzelsau 632: Berlichingen.
  4. Straußenrumpf mit Hufeisen im Schnabel. Vielleicht Wappen des Rothenburger Geschlechts Storre (Nachweis zu 1336); vgl. Weissbecker, Wappen-Zeichnungen 33 Nr. 333. Gleiches Wappenbild auch für Konrad Holtzer von Baldatsheim belegt (1352); vgl. ebd. 18 Nr. 129. Nach Kdm. Künzelsau: Tollinger.
  5. Auf einer verkürzten, schwebenden Leiste (Zweig?) stehender Rabe.
  6. Geteilt und viermal gespalten in verwechselten Tinkturen; vielleicht Rosenberg oder Uissigheim, die beide ein geteiltes und fünfmal gespaltenes Wappen führten. Nach OAB Künzelsau 632: Rosenberg.
  7. Biedermann, Ottenwald, tab. XXXVII. Nach Der Dt. Herold 23 (1892), Beil. S. 19 war der Verstorbene „Wilhelm von Stetten, Herr zu Krebsberg, † 1430“ (ohne Quellennachweis).

Nachweise

  1. OAB Künzelsau 632 (unvollst.).
  2. Der Dt. Herold 23 (1892), Beil. S. 19 (nur erwähnt).
  3. Kdm. Künzelsau 202 (unvollst., falsche Zuordnung zu „Margarethe von Stetten“).
  4. Rauser, Künzelsauer Heimatbuch II, 285 (nach Kdm.).

Zitierhinweis:
DI 73, Hohenlohekreis, Nr. 48 (Harald Drös), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di073h016k0004807.