Inschriftenkatalog: Hohenlohekreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 73: Hohenlohekreis (2008)

Nr. 16 Buchenbach (Gde. Mulfingen), Burg 1356

Beschreibung

Wappenstein mit Bauinschrift des Rüdiger von Bächlingen. Außen an der Südseite zwischen den beiden Fenstern des zweiten Obergeschosses; ursprünglich wohl über dem Portal1. Sandstein, aus zehn Werkstücken zusammengesetzt. In hohem, spitzgiebeligem Feld Vollwappen in hohem Relief, ringsum eingefaßt von einer breiten Randleiste und oben und an den Seiten von einem weit vorragenden, nach außen gefasten und nach innen gekehlten Rahmen, dessen Spitze mit einer plumpen Fiale bekrönt ist. Auf der unteren Randleiste die erste Zeile der zeilenweise zwischen Ritzlinien eingehauenen Inschrift, die auf einer unten angefügten querrechteckigen Tafel fortgesetzt ist. Leichte Witterungsschäden und Ausbrüche an den Rändern.

Maße: H. ca. 365, B. ca. 115, Bu. ca. 4,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

© Heidelberger Akademie der Wissenschaften [1/2]

  1. + NOCH · CRISTES · GEBVRT · //a) DRVZEHEN · HVNDERT · IOR · / VND · IN · DEM · SEHS · VND · FVN/FZIGESTEN · IOR · HOT · DIZ · S/TEINHVS · GEBVWET · HER · R/VDEGER · VON · BECHELINGE/N · GENANT · DER · REZZE · K/ORHERRE · ZV · DEM · NVW/EN · MVNSTER · ZV · WIRZ/EBVRG · DES · DISV · WOP/PEN · SINT · VND · SINER · / ALT · VORDERN · AMEN

Wappen:
Bächlingen.

Kommentar

Die Buchstaben haben breite, annähernd quadratische Proportionen. Das gesamte Schriftbild wird im wesentlichen von den kräftigen Bogenschwellungen und den keilförmigen Verbreiterungen der Schaftenden bestimmt. Als Fremdkörper wirkt das Z, dessen beide Balken eine aufgesetzte Schwellung tragen und dessen Schrägschaft sich zur Mitte hin spindelförmig aufbläht. Der relativ schmale Abschlußstrich des C und des E ist markant nach links durchgebogen, und die Bogenenden sind dreieckig verdickt. Für A ist durchweg die pseudounziale Form verwendet. Einzige Doppelform ist das einmal eingesetzte runde T (in HOT) neben der sonst durchgängig gebrauchten kapitalen Form. Insgesamt überwiegen die runden Formen: ausschließlich unziales H, symmetrisches unziales M mit beidseitig weit überstehendem Abschlußstrich und rundes N. Das G ist unterschiedlich stark eingerollt. Bemerkenswert ist schließlich die stark einwärts gekrümmte, geschwungene Cauda des R. Als Worttrenner dienen große runde Punkte.

In vielem vergleichbar – so in der zeilenweisen Rahmung durch Ritzlinien, in den Proportionen, im Grad der Bogenschwellungen und der Schaftstärke sowie in etlichen Einzelformen – ist die Schrift einer Würzburger Hochwasserinschrift von 13422. Die charakteristische Z-Form begegnet in einer deutschsprachigen Weihe- und Stifterinschrift von 1344 an St. Michael in Schwäbisch Hall3, die ebenfalls gleiche Proportionen und einzelne vergleichbare Einzelformen aufweist, insgesamt aber durch deutlich längere Sporen und häufige Kürzungen und Buchstabenverbindungen einen anderen Duktus besitzt. Bedingt vergleichbar sind schließlich auch die Inschriften auf den Grabplatten von Adelheid von Hohenlohe in Kloster Gnadental (Gde. Michelfeld, Lkr. Schwäbisch Hall, 1342)4 und von Otto Lacher von Hall in Kloster Comburg (Stadt Schwäbisch Hall, 1355)5.

Die von Himmelheber6 angemeldeten Bedenken gegen die Echtheit der Inschrift sind unbegründet, seine angeführten Argumente („die Form des Wappensteins, Schrift, Orthographie und Trennung und vor allem die gute Erhaltung“), die für eine Entstehung in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts sprächen, sind m. E. nicht stichhaltig. Die Schriftformen sind, wie gesehen, in zeitgenössischen Inschriften der weiteren Umgebung sämtlich nachweisbar, und auch die Art der Worttrennung ist unverdächtig. Die Wortformen der deutschsprachigen Inschrift lassen sich durchweg im Mittelhochdeutschen belegen. Die Schreibungen IOR statt IAR, HOT statt HAT und WOPPEN statt WAPPEN dürften mundartlich bedingt sein. Als Unregelmäßigkeit ist allerdings das Fehlen des I bei DRIVZEHEN und DISIV zu nennen, und anstelle des zweimaligen ZV wäre eher ZE zu erwarten. Zusammengenommen reichen diese Beobachtungen aber nicht aus, eine zeitgenössische Entstehung der Inschrift in Frage zu stellen.

Auch die Form von Wappenschild, Helm, Helmzier und Helmdecken paßt in die Mitte des 14. Jahrhunderts. Lediglich die glatten, tadellos erhaltenen Kanten von Schild und Helm könnten darauf hindeuten, daß das fast vollplastische Wappen später (anläßlich der Versetzung?) überarbeitet wurde. Schließlich ist zu berücksichtigen, daß Wappenstein und Inschrift bereits in den zwischen 1812 und 1820 angelegten Kollektaneen des Karl von Alberti in Zeichnung und Wortlaut wiedergegeben sind7. Alberti betont ausdrücklich die „noch sehr wohl erhaltene Inschrift“, ohne aber einen Verdacht an ihrem Alter zu äußern. Wäre die Inschrift erst kurz zuvor geschaffen worden – was man sicherlich hätte deutlich erkennen können –, hätte Alberti dies zweifellos erwähnt.

Für Bauinschriften wird besonders früh die Volkssprache verwendet, ab der Mitte des 14. Jahrhunderts häufen sich die Belege im deutschsprachigen Raum8. Das Formular entspricht im Aufbau ganz dem lateinischer Bauinschriften. Ungewöhnlich und m. W. ohne Parallele ist allerdings der in der vorliegenden Inschrift angehängte Hinweis auf das dargestellte Wappen und auf die Führung dieses Wappens durch den Auftraggeber der Inschrift und seine Vorfahren. Möglicherweise spiegelt sich hier die zunehmende Forderung von adeligen Domkapiteln, Kanonikerstiften und Ritterorden nach dem Nachweis der Ritterbürtigkeit und des hohen Alters der zu den Pfründen zugelassenen Adelsgeschlechter wider, wie sie bald auch monumentalen Ausdruck in heraldischen Vierahnenproben fand9.

Rüdiger von Bächlingen war, wie in der Inschrift erwähnt, Kanoniker des Stifts Neumünster in Würzburg. Bereits 1309 wurde er zur Aufnahme in das Kapitel vorgeschlagen, als Kanoniker erscheint er dann ab den 1320er Jahren10. 1323 studierte er in Bologna11. 1355 bis 1376 bekleidete er das Amt des Scholasters von Neumünster12. Als zusätzliche Pfründen besaß er die Oblei Haltenbergstetten (Niederstetten, Main-Tauber-Kreis) und die Pfarrei Lipprichshausen (Hemmersheim, Lkr. Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim)13. 1340 erwarb er zusammen mit seinem Bruder Heinrich († 1370)14 einen Anteil der Burg Buchenbach von Gernot gen. der Buchener von Stetten15, nachdem die erste Hälfte bereits 1335 an Heinrich von Bächlingen übergegangen war16. Die Brüder waren Söhne des 1320 verstorbenen Burchard von Bächlingen gen. Rezze17 und der Elisabeth von Morstein. Rüdiger teilte 1360 mit seinem Bruder Heinrich das Erbe18. Am 16. September 1379 wurde sein Kanonikat vom Papst neu verliehen19, Rüdiger muß demnach kurz vorher gestorben sein. Der letzte Bächlinger, Rezzo, trat 1403 seinen Anteil an Burg und Gütern in Buchenbach gegen eine Leibrente an die Herren von Hohenlohe ab20, ab 1417 gehörten Burg und Ort dann wieder als würzburgisches Lehen den von Stetten21. Unter diesen erhielt die Burg Buchenbach vermutlich erst im 15. Jahrhundert ihre heutige Gestalt22. Das Gebäude war bereits im 16. Jahrhundert baufällig, wurde notdürftig 1714 repariert und ab 1891 und erneut zuletzt 1974 durchgreifend renoviert23.

Textkritischer Apparat

  1. Danach Wechsel vom Wappenstein auf die Schrifttafel.

Anmerkungen

  1. So Schönhuth, Burgen … Württembergs, 2. Aufl., II, 166. Um 1880 befand sich der Wappenstein dann jedenfalls bereits an der jetzigen Stelle; vgl. OAB Künzelsau 441.
  2. DI 27 (Stadt Würzburg I) nr. 61.
  3. Foto in der Fotokartei der Inschriftenkommission der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.
  4. Vgl. Drös, Zur Heraldik 65 Abb. 4. Dort allerdings einige Buchstaben in deutlich schmalerer Ausführung: eckiges C, kapitales E, F und L.
  5. Wie Anm. 3.
  6. Kdm. Künzelsau 116.
  7. StAL E 258 VI Bü 2087 (Koll. Alberti OA Künzelsau) Nr. 27.
  8. Vgl. dazu Neumüllers-Klauser, Schrift und Sprache, bes. 78f.
  9. Für das hier interessierende Gebiet der ehem. Diözese Würzburg vgl. dazu zuletzt Drös, Zur Heraldik 67–69.
  10. Zur Person vgl. ausführlich Das Bistum Würzburg 4: Das Stift Neumünster in Würzburg, bearb. v. Alfred Wendehorst (Germania Sacra NF 26: Die Bistümer der Kirchenprovinz Mainz), Berlin New York 1989, 376f.
  11. Ebd.
  12. Ebd.
  13. Ebd.
  14. Zum Todesjahr Heinrichs vgl. [Gustav] Bossert, Urkunden und Urkunden-Auszüge, in: Zs. d. Hist. Ver. f. d. württ. Franken 10 H. 3 (1878) 194–197, hier: 195.
  15. Rückert/Ziegler, Archiv Stetten Nr. 584 (1340 XI 2).
  16. OAB Künzelsau 446 (Belehnung durch den Bischof von Würzburg 1335 VIII 29).
  17. Begraben in Bächlingen (Stadt Langenburg, Lkr. Schwäbisch Hall), sein erhaltenes Epitaph den Schriftformen zufolge frühestens 2. D. 14. Jh. Zur Genealogie der von Bächlingen vgl. die spärlichen Angaben in Bauer, Ritterliche Geschlechter 3f.
  18. Ebd. 4.
  19. Vgl. Das Bistum Würzburg 4 (wie Anm. 10), 376.
  20. OAB Künzelsau 447; LdBW IV, 189.
  21. Ebd.
  22. So Fleck, Burgen und Schlösser 95f.; Gradmann, Burgen u. Schlösser in Hohenlohe 49.
  23. Gradmann, Burgen u. Schlösser in Hohenlohe 49, 51.

Nachweise

  1. StAL E 258 VI Bü 2087 (Koll. Alberti OA Künzelsau) Nr. 27 (mit Zeichnung).
  2. J[oseph] Albrecht, Die Herren von Bächlingen, in: Zs. d. hist. Vereins für d. württ. Franken 1 H. 2 (1848) 38–43, hier: 41.
  3. Schönhuth, Burgen … Württembergs, 2. Aufl., II, 166.
  4. OAB Künzelsau 441.
  5. Gustel Karsten, Die Burg Buchenbach, Lehrerarbeit 1948 (masch., Kopie im KrAHK, Manuskriptenslg. 10.8.6) 6.
  6. Kdm. Künzelsau 116.
  7. Rauser, Mulfinger Heimatbuch 90 (nach Kdm.).
  8. Gradmann, Burgen u. Schlösser in Hohenlohe 49 (nur erwähnt).

Zitierhinweis:
DI 73, Hohenlohekreis, Nr. 16 (Harald Drös), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di073h016k0001605.