Inschriftenkatalog: Hohenlohekreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 73: Hohenlohekreis (2008)

Nr. 4 Künzelsau, ev. Johanneskirche 1296

Beschreibung

Tympanon mit Bauinschrift. Ursprünglich vermutlich außen an der Westwand des Langhauses über dem Hauptportal; dann wohl beim Neubau des Langhauses 1612/17 an die neue Westfassade versetzt; nach der Kirchenrenovierung von 1913/141 innen über dem Westeingang in das neue Rundbogenportal eingefügt2; bei der letzten Renovierung 1970/72 wieder ausgebaut und danach mit Eisenklammern innen an der Südwand des Langhauses über Augenhöhe befestigt. Rundbogentympanon aus Sandstein. Zwischen Ritzlinien umlaufend eingehauene Inschrift, die rechts unten beginnt, so daß die untere, erste Zeile auf dem Kopf steht. Im Binnenfeld drei eingetiefte Spitzbogenfelder, die ursprünglich bemalt waren, wie aus geringen Resten von schwarzen Konturen im mittleren und rechten Feld zu schließen ist. In der Mitte war die Kreuzigungsgruppe dargestellt, von der nur mehr der Kreuzstamm und die beiden nimbierten Figuren von Maria und Johannes Evang. ansatzweise erkennbar sind, rechts ein am Schreib- oder Lesepult sitzender Heiliger mit aufgeschlagenem Buch, auf dem die Taube des Hl. Geistes sitzt (hl. Gregor der Große?)3. Oben in den Bogenzwickeln je eine versenkt-erhaben eingehauene Rosette, umgeben von Lanzettblattmotiven; in den beiden unteren Ecken je eine Lilie in Ritzzeichnung, die linke auf einem Stufensockel. Ränder vielfach ausgebrochen; Stoßschäden. Der untere Rand dürfte um Fingerbreite beschnitten sein4.

Maße: H. 88, B. 179,5, Bu. 4,2–6,2 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

© Heidelberger Akademie der Wissenschaften [1/4]

  1. · ANNO · D(OMI)NI · M · CCa) · NONAGES/IMOb) · VI · Estc) · IstAd) · ECCESIAe) · F̣ṾṆḌATAf) · APVDg) · Lh) · PLEB(ANUM)i)

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1296 ist diese Kirche gegründet (?) worden zur Zeit des Leutpriesters L(…) (?).

Kommentar

Die Schriftausführung ist sehr unbeholfen und läßt auf einen des Lesens und Schreibens unkundigen Steinmetzen schließen, der eine Vorlage unverstanden umsetzte. Die Buchstaben sind zumeist mehr breit als hoch. Die Schäfte verbreitern sich an den Enden entweder keilförmig oder es sind Sporen im rechten Winkel angesetzt. Bogenschwellungen sind nur gelegentlich etwas stärker ausgeprägt. An unzialen Formen sind E und das links geschlossene M sowie D (neben der kapitalen Form) zu nennen. C und E sind fast kreisrund und mit einem langen Abschlußstrich geschlossen. Sehr unterschiedlich ist die Gestaltung des A, dessen Mittelbalken meist fehlt und das – mit einer Ausnahme – einen beiderseits weit überstehenden Deckbalken mit ausgeprägten Sporen besitzt. O ist einmal rautenförmig. Als Worttrenner dienen große Punkte auf halber Zeilenhöhe. Die sonst in Inschriften seltene5, hier aber gleich zweimal vorkommende st-Ligatur in Minuskeln ist sicherlich der handschriftlichen Vorlage zu verdanken. Da diese beiden Ligaturen bislang durchweg nicht als solche erkannt und die Wörter Est IstA daher falsch gelesen und als Tagesangabe nach dem römischen Kalender fehlinterpretiert wurden (vgl. Anm. c und d), ist die Inschrift bisher stets auf 1290 datiert worden. Leider läßt die verderbte Stelle der Inschrift nicht eindeutig klären, welches Ereignis des Jahres 1296 hier inschriftlich bezeichnet werden sollte. Die archäologischen Untersuchungen von 1970/71 haben ergeben, daß der älteste Kirchenbau schon vor dem ausgehenden 13. Jahrhundert bestanden hat, wenngleich dieser Bau aufgrund fehlender Begleitfunde nicht datiert werden kann. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts fanden aber durch Bodenfunde grob datierbare Baumaßnahmen statt, die offenbar in einer umfassenden Wiederherstellung der – möglicherweise durch einen Brand zerstörten – Kirche bestanden6. Teil der Wiederherstellungsmaßnahmen war die Vorblendung einer breiten Mauer vor die Westfassade. Wahrscheinlich ist die Tympanoninschrift hiermit in Verbindung zu bringen. Falls die Lesung FVNDATA richtig ist, kann damit dann freilich nicht die Gründung der Kirche gemeint sein, sondern lediglich eine Wiederherstellung, die aber vielleicht so umfassend war, daß sie einem Neubau gleichkam. Befürworter der Lesung PVRGATA bzw. PVR(IFI)CATA konstruierten versuchsweise einen Zusammenhang mit einer in Hall und Umgebung „am Ende der Hohenstaufenzeit“ nachweisbaren Sekte, die vielleicht auch in Künzelsau Fuß gefaßt habe und von der die Künzelsauer Kirche (durch Neuweihe?) „gereinigt“ worden sein könnte7 – eine Deutung, die m. E. wenig für sich hat. Die Angabe am Ende der Inschrift kann sich dem Befund nach wohl nur auf den seinerzeit amtierenden Künzelsauer Pfarrer beziehen. Eine andere sinnvolle Auflösung von PLEB läßt sich jedenfalls nicht finden. Die Präposition apud ist in Verbindung mit Personen in der Bedeutung „zur Zeit von“ schon im klassischen Latein nachweisbar8.

Die Pfarrei Künzelsau ist 1149 erstmals in einer Würzburger Bischofsurkunde sicher bezeugt9. Die erste namentliche Nennung eines Künzelsauer Pfarrers datiert von 123610. Ab 1299 ist ein Petrus plebanus urkundlich bezeugt11, so daß der inschriftlich genannte L(…) zu diesem Zeitpunkt vermutlich nicht mehr am Leben war. An die Stelle der kleinen romanischen Kirche trat im 15. Jahrhundert ein wesentlich vergrößerter Neubau, der wiederum 1612/17 durch einen Neubau des Langhauses erweitert wurde12.

Textkritischer Apparat

  1. ET Fromm.
  2. Das Innere des letzten O ausgebrochen, so daß nur mehr die Außenkontur erkennbar ist.
  3. Geschlossenes unziales E; der Balken beschädigt, aber noch deutlich zu erkennen. Ligatur von langem s und t. Alle bisherigen Überlieferungen lesen CA(LENDAS).
  4. st-Ligatur wie Anm. c. Die bisherigen Überlieferungen lesen meist IAN(UARII); I(a)N(u)A(rias) oder I(u)N(i)A(s) Klemm, Inschrift; JVL(II) OAB Künzelsau; Keppler; Nowak; IVL(II) Eyth.
  5. So statt ECCLESIA.
  6. Das Wort ist offenbar bereits ursprünglich verhauen und noch vom selben Steinmetzen oder erst nachträglich verändert worden, ohne daß Spuren einer Tilgung zu erkennen wären. Es ist weder eine eindeutige Rekonstruktion des ursprünglichen Befunds möglich, noch ist ersichtlich, welches Wort die Korrektur bzw. der etwaige spätere Eingriff ergeben sollte. Der erste Buchstabe besteht aus Schaft und Mittelbalken sowie aus einem oberen Balken, der bogenförmig bis zum Mittelbalken herabgezogen ist, möglicherweise auch ein P. Der zweite Buchstabe besteht aus zwei Schrägschäften (ohne Sporen an den oberen Enden), die unten nicht zusammenstoßen, sondern mittels Querstrich miteinander verbunden sind; zwischen die Schrägschäfte ist ein Mittelbalken eingefügt, so daß der Buchstabe einem auf den Kopf gestellten trapezförmigen A gleicht; vermutlich Steinmetzfehler statt V. Der dritte Buchstabe ist ganz verunklärt, er läßt sich entweder als kapitales N beschreiben, bei dem die obere Hälfte des Schrägschafts halbkreisförmig nach rechts oben durchgebogen ist, oder als R, an dessen Caudaende ein Schaft anschließt; vielleicht war auch zunächst ein rundes N beabsichtigt, das dann nachträglich mit einem rechten Schaft versehen wurde. Der vierte Buchstabe wahrscheinlich ein unziales D, das nur etwa zwei Drittel der Zeilenhöhe einnimmt und dessen freies Ende waagerecht nach links umgebogen ist; spiegelbildlich dazu ist allerdings auch rechts ein kurzer Balken angesetzt. Vor diesem Buchstaben ein zusätzlicher, vermutlich erst nachträglich eingefügter Schaft mit etwas unter der Mitte nach links angesetztem Balken und kurzem, beidseitig überstehendem Deckbalken. Das T besitzt links neben dem Schaft einen zweiten, nur bis zur Zeilenmitte herabreichenden Schaft, wahrscheinlich ebenfalls ein Versehen des Steinmetzen. Bisherige Lesungen: purhuata Fromm; P....ATA Albrecht (HZAN); PAR(ochialis). FV(nd)ATA. conj. Klemm, Drei alte Inschriften (ohne Autopsie); PVRGATA OAB Künzelsau; Eyth; Künzelsau am Kocher; Nowak; Johanneskirche Künzelsau; PURGATA (?) Keppler; Kdm. Künzelsau; pur(ifi)cata (?) Klemm, Inschrift.
  7. A. PR(esbyter)O. conj. Klemm, Drei alte Inschriften (ohne Autopsie); vom Befund her ausgeschlossen.
  8. Offensichtlich der Anfangsbuchstabe eines Namens. Eine gesicherte Auflösung ist nicht möglich, die meisten Überlieferungen ergänzen L(UDOVICUM). Die allenfalls zu erwägende Deutung des Buchstabens als Zahlzeichen für 50 ergibt keine plausible Lesung.
  9. Pier. Fromm.

Anmerkungen

  1. Im Zuge dieser durchgreifenden Renovierung wurde vor die Westfassade ein – mittlerweile wieder entfernter – Portalvorbau gesetzt, der offenbar die Versetzung des Tympanons veranlaßte; vgl. Stachel, Johanneskirche 62.
  2. Vgl. ebd. 83 (Abb. 20); LDA Esslingen, Fotoarchiv, Neg.-Nr. 13403 (1957). Durch den Einbau waren die Bogenkante des Tympanons und stellenweise auch Teile der Inschrift unter dem abgefasten Portalbogen verdeckt. Vor dem Einbau in das Portal 1913 soll sich das Tympanon – vermutlich nur kurzzeitig? – an der „südlichen Außenwand“ befunden haben (Beschriftung des Fotos im LDA Esslingen, s. oben).
  3. Zur Ikonographie des hl. Gregor vgl. LCI 6, Sp. 432–441, hier bes. 436. Im linken Spitzbogenfeld des Tympanons wurde von ungeübter Hand nachträglich zu unbekanntem Zeitpunkt ein Kruzifixus eingeritzt.
  4. Entlang der äußeren Ritzlinie der Fußleiste. Der sicherlich ursprünglich außerhalb der Leiste am Rand angebrachte Kürzungsstrich über DNI ist daher nicht erhalten.
  5. Die beiden einzigen mir bisher bekannt gewordenen Beispiele sind zwei Grabinschriften am Dom zu Pisa, die vielleicht in die 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts zu datieren sind; vgl. Fulvia Donati, Il reimpiego dei sarcofagi. Profilo di una collezione, in: Il Camposanto di Pisa, a cura di Clara Baracchini e Enrico Castelnuovo (Biblioteca di storia dell’arte 27), Torino 1996, 69–96, hier: 94 nr. 13 (mit 74 Abb. 8); 95 nr. 28 (ohne Datierungsvorschlag). Langes s in Majuskelinschriften ohne Ligatur mit t findet sich dagegen häufiger, allerdings sind alle mir bekannten Beispiele deutlich früher anzusetzen als die Künzelsauer Inschrift: Tontafel mit Stifter- und Sterbevermerk für die um 1020 verstorbene Kunigunde aus Dießen, jetzt Bayer. Nationalmuseum München, das s dort vor TR-Nexus; vgl. Walter Koch, Auf dem Wege zur Gotischen Majuskel. Anmerkungen zur epigraphischen Schrift in romanischer Zeit, in: Inschrift und Material 225–247, Abb. 210–240, hier: 235, Abb. 218; Weiheinschrift von 1128 in Rötenberg (Gde. Aichhalden, Lkr. Rottweil), das s dort vor einem T (Fotokartei der Inschriftenkommission der Heidelberger Akademie der Wissenschaften); Tympanon von etwa 1180 (?) in Hildrizhausen (Lkr. Böblingen), vgl. DI 47 (Böblingen) nr. 1; Elfenbein aus dem Anfang des 13. Jh. in Bamberg; vgl. Die Zeit der Staufer. Geschichte, Kunst, Kultur. Katalog der Ausstellung, hg. v. Reiner Haussherr, Bd. II, Stuttgart 1977, Abb. 436.
  6. Vgl. dazu ausführlich Stachel, Johanneskirche 50–53.
  7. So v. a. Gustav Bossert in OAB Künzelsau 266 und Klemm, Inschrift 151; vgl. ebd. auch die redaktionelle Anm. Bosserts (Anm. 2): „Die obige Annahme, die lediglich den Werth einer Hypothese hat, könnte darin eine Stütze finden, daß das dunkle Wort absichtlich bis zur Undeutlichkeit entstellt scheint, um den für Künzelsau darin enthaltenen Vorwurf zu verdunkeln“. Zu der Haller Sekte vgl. Daniel Völter, Die Secte von Schwäbisch-Hall und der Ursprung der deutschen Kaisersage, in: Zs. für Kirchengeschichte 4 (1881) 360–393; Gustav Bossert, Die Sekte von Schwäbisch Hall und der Ursprung der deutschen Kaisersage, in: WVjh. 5 (1882) 290–296.
  8. Vgl. Georges I, Sp. 522.
  9. OAB Künzelsau 278, 301. Das Patronat über die Künzelsauer Kirche hatte das Kloster Komburg (bis 1662), vgl. LdBW IV, 198f.
  10. OAB Künzelsau 301; vgl. auch Klemm, Inschrift 150.
  11. Ebd. 151.
  12. Vgl. dazu Stachel, Johanneskirche 53–58 (Abb. 18).

Nachweise

  1. L[udwig] Fr[omm], Der Denkstein an der Kirche zu Künzelsau, in: Zs. d. hist. Vereins f. d. württ. Franken 1 H. 1 (1847) 43–45, hier: 43 (m. Abb.: sehr fehlerhafte Zeichnung).
  2. Hermann Bauer, Kirchen romanischen Baustyls im mittleren Kocherthal, in: Zs. d. hist. Ver. f. d. württ. Franken 4 H. 2 (1857) 252–254, hier: 253 (teilw.).
  3. HZAN GA 55 (Nachlaß Albrecht) IX. Bü 248: Korrespondenz Friedrich Karl Fürst zu Hohenlohe-Waldenburg mit Albrecht (1867) mit vereinzelten Richtigstellungen der Frommschen Lesung.
  4. Klemm, Drei alte Inschriften 133.
  5. Ders., Inschrift 150.
  6. OAB Künzelsau 266.
  7. Keppler 176.
  8. Eyth, Bezirk Künzelsau 66.
  9. Künzelsau am Kocher 6 (dt. Übersetzung), 14.
  10. Nowak, Ganerbschaft 56.
  11. Kdm. Künzelsau 43, 45 (Abb.).
  12. Stachel, Johanneskirche 65 Anm. 15 (erwähnt), 83 (Abb.).
  13. Rauser, Künzelsauer Heimatbuch I, 318 (nach Kdm.).
  14. Johanneskirche Künzelsau [7] (m. Abb.).

Zitierhinweis:
DI 73, Hohenlohekreis, Nr. 4 (Harald Drös), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di073h016k0000405.