Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 373(†) Osterstr. 60 (Scheelenstr. no. 281) 1552, 1553, 1562, 1584, 1585, 1646

Beschreibung

Vorderhaus und Hinterhaus.1) Das an der Scheelenstraße gelegene Vorderhaus wurde wahrscheinlich schon im 19. Jahrhundert abgebrochen, während das als „Kemenate“ bezeichnete Hinterhaus zum Teil noch in der „Bürgermeisterkapelle“ erhalten ist. Diese Kemenate bestand aus einem massiven Untergeschoß und einem Fachwerkaufbau. Am Untergeschoß befinden sich die Inschriften B–F. Inschrift A war auf einem nicht näher lokalisierten Schwellbalken angebracht. Sie wurde wahrscheinlich bereits vor 1875 beseitigt, da Mithoff sie nicht nennt. Inschrift B in zwei Zeilen auf einem Kaminsturz in der „Bürgermeisterkapelle“. Links und rechts außen auf dem Kaminsturz die Jahreszahl C. Zwischen den Ziffern der Jahreszahl und der Inschrift B sind heraldisch rechts das Wappen des Erbauers und heraldisch links das Wappen seiner Ehefrau angebracht. Inschrift D an der Außenwand auf dem Türsturz, E auf einem in die Außenwand des Untergeschosses eingemauerten Wappenstein, F auf einem zweiten neben dem Wappen der Ehefrau angebrachten Stein. Die Inschriften sind erhaben ausgeführt. An der Vorderseite des Hinterhauses war auf dem Schwellbalken des ersten Obergeschosses die Inschrift G angebracht. Das zu dieser Inschrift gehörende Baudatum (H) war auf die Balkenköpfe verteilt.2) Die verlorene Bauinschrift I befand sich an der Hofseite des Hinterhauses,3) Inschrift J über der Tür zu einem Saal im Inneren des Hauses, über der Inschrift die Wappen Brandis und Varhirher.

Im Vorderhaus auf einem Kamin neben dem Küchenherd die Inschrift K und die nicht blasonierten Wappen der Eheleute Storre und Bulle. Außerdem hing im Vorderhaus eine Tafel mit der Inschrift L. Die Angaben bei Buhlers erlauben keine Entscheidung darüber, ob sie noch im Erfassungszeitraum entstanden ist.4) Die erhaltenen Inschriften sind erhaben vor vertieftem Hintergrund ausgeführt.

Inschrift A nach DBHi, HS 789; Inschriften G–I, K nach Mithoff; Inschrift J nach Roemer-Museum, Inv. Nr.: 1832 (Aquarell); Inschrift L nach Buhlers.

Maße: H.: 53 cm; B.: 161 cm; Bu.: 6 cm (B). H.: 39 cm; B.: 141 cm; Bu.: 7,8 cm (D). H.: 43 cm; B.: 80 cm; Bu.: 6,5 cm (E). H.: 58 cm; B.: 73 cm; Bu.: 5 cm (F).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Frakturversalien (B), Kapitalis (E–I)5), gotische Minuskel mit Versalien (D).

  1. A †

    Iosta) Brandes · Domum · Hanc · Pro. Sua · Interdum · Commoditate · A · Fundamentis · Novam · Fieri · Curavit · Anno · M · CCCCCLII Mense Julio ·

  2. B

    Jost Brandes Anna V/arhirherb) syn elige husf(ru)

  3. C

    15 62

  4. D

    Anno domini M d lxii

  5. E

    SOLI DEO GLO/RIAc)

  6. F

    IM MAN[TE]d) / IVNIO6)

  7. G †

    IOST BRANDES DER ELTERe) BORGEMESTER HENNI BRANDES SELIGER SON HEFT DVT ALLES NA TIDEN GEBVWET VND HIRMIT GESLOTEN7)

  8. H †

    IM // IAR // DES // HE//REN // 15 //84

  9. I †

    [IOST BRANDES ET ANNA V]ARHIRHERf) VXOR VETVSTATE COLLAPSAM RESTITVER(VNT) AMPLIAVER(VNT)Q(VE) MDLIII

  10. J †

    I(OST) · B(RANDES) · 1585 · A(NNA) · V(ARHIRHER).

  11. K †

    IVST(VS) HENNING(VS) STORREN . ANNA SOPHIA BVLLEN 1646

  12. L †
    Regulae vitae 
    Cogitatio Attenta Pavida Pia 
    Sermo Honestus Gravis Verus 
    Opera Justa Sedula Sancta 
    Mores Gratiosi Benigni Alacres 
    Victus Tenuis Conveniens Frugalisg) 
    Voluntas Firma Constans Matura 
    Vestitus Honestus Mundus Decens 
    Somnus Moderatus Placidus Opportunus 
    Oratio Brevis Fidelis Frequens 
    Joci Liberales Breves Rari 
    Memoria Mortis Poenae Gloriae 

Übersetzung:

[Jost] Brandis ließ dieses Haus zu seiner einstweiligen Bequemlichkeit von Grund auf neu bauen im Jahr 1552 im Monat Juli. (A)

Gott allein die Ehre. (E)

Jost Brandis und [seine] Ehefrau Anna Varhirher haben [dieses Haus], das infolge seines Alters verfallen war, erneuert und erweitert 1553. (I)

Lebensregeln. Das Denken [soll sein]: aufmerksam, ehrfürchtig, fromm. Die Rede [soll sein]: ehrenhaft, ernst, wahrhaftig. Die Werke [sollen sein]: gerecht, eifrig, fromm. Das Wesen [soll sein]: freundlich, gütig, heiter. Die Nahrung [soll sein]: schlicht, bekömmlich, sparsam. Der Wille [soll sein]: fest, beständig, reif. Die Kleidung [soll sein]: anständig, sauber, geziemend. Der Schlaf [soll sein]: maßvoll, friedlich, zeitlich passend. Das Gebet [soll sein]: kurz, andächtig, häufig. Späße [sollen sein]: geistreich, kurz, selten. Das Gedenken [richte sich auf]: den Tod, die Strafe [der Hölle], die Herrlichkeit [des Himmels]. (L)

Wappen:
Brandis*, Varhirher8)
Storre, Bulle

Kommentar

Die Inschriften erlauben eine weitgehende Rekonstruktion der Baugeschichte des Hinterhauses. Im Juli 1552 hat Jost Brandis das Haus zunächst vorläufig instandgesetzt (A), ein Jahr später erfolgte ein gründlicher Wiederaufbau mit einer Erweiterung (I). Im Jahr 1562 (B–F) sind die Fassade und Teile des Inneren der Kemenate renoviert worden, 1584 (G, H) waren die Baumaßnahmen im wesentlichen abgeschlossen. 1585 wurde im Inneren ein Saal gebaut (J).

Die Regula vitae in Inschrift L ist inhaltlich in der Tradition lateinischer Schultexte wie z. B. des ‚Facetus’, des ‚Floretus’ oder des ‚Regimen moralitatis’ zu sehen. Sie unterscheidet sich von diesen Texten allerdings durch ihre nicht-metrische Fassung.9)

Jost Brandis wurde am 6. Oktober 1519 als Sohn des Henning Brandis und der Adelheid Blome geboren. Am 4. November 1548 heiratete er in Hannover Anna Varhirher. Er starb am 7. März 1596 und wurde in St. Andreas begraben, Anna Varhirher starb am 16. April 1601.10)

Anna Sophia Bulle wurde am 5. Oktober 1616 als Tochter des fürstlichen Hofrats Anton Bulle und der Sophia von Anderten in Minden geboren, am 29. November 1634 heiratete sie in Hannover den späteren Hildesheimer Bürgermeister Justus Henning Storre. Sie starb am 13. Juli 1673 und wurde in St. Paul begraben.11) Justus Henning Storre wurde am 16. Februar 1606 als Sohn des Hans Storre und der Margarete Bex geboren. 1623 immatrikulierte er sich an der Universität Helmstedt in der juristischen Fakultät.12) Weitere Stationen seiner universitären Laufbahn waren Leipzig (Sommersemester 1625), Altdorf (9. April 1626), Leiden (9. April 1628), Groningen, Straßburg (11. Oktober 1629) und Bologna.13) In Bologna war er Sprecher der deutschen Studenten. Im Jahr 1642 war er das erste Mal Mitglied des Rates, in den Jahren 1646 bis 1652 und 1660 bis 1666 hatte er mehrfach das Amt des Bürgermeisters inne. Er starb 1678 und wurde ebenfalls in St. Paul begraben.14)

Textkritischer Apparat

  1. Iost] In HS 789 unterpungiert.
  2. V/arhirher] Nach dem V ein Doppelpunkt als Trennzeichen.
  3. GLO/RIA] GRATIA Aquarell Heyer.
  4. Die beiden letzten Buchstaben durch den Türrahmen verdeckt.
  5. DER ELTER] SELIGER Aquarell Heyer H 1814.
  6. [IOST BRANDES ET ANNA V]ARHIRHER] Klammern so bei Mithoff.
  7. Frugalis] Buhlers bemerkt dazu, daß die von ihm benutzte Handschrift Fructualis überliefert.

Anmerkungen

  1. Beschreibung nach Mithoff, Kunstdenkmale, S. 175 und S. 179.
  2. Beschreibung nach Roemer-Museum, Inv. Nr.: 1814: Friedrich Richard Heyer, Aquarell „Die Brandissche Kemenate in der Osterstraße“ (28. 4. 1894).
  3. Zur Lokalisierung heißt es bei Mithoff (Kunstdenkmale, S. 179): „Scheelenstrasse Nr. 280 auf dem Hofe, an der Rückseite eines zu Nr. 281 gehörigen Hauses ...“.
  4. Vgl. Buhlers, Zerstörte Hildesheimer Haussprüche, S. 230.
  5. Schriftarten der Inschriften G–I nach Aquarell Heyer (wie Anm. 2).
  6. ‚Im Monat Juni.‘
  7. ‚Jost Brandis der Ältere, Sohn des verstorbenen Bürgermeisters Henning Brandis hat dies alles nach und nach gebaut und hiermit abgeschlossen im Jahr des Herrn 1584.‘ (G, H).
  8. Wappen Varhirher (Hausmarke H52).
  9. Zu diesem Texttyp vgl. Nikolaus Henkel: Deutsche Übersetzungen lateinischer Schultexte. Ihre Verbreitung und Funktion im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. München 1988 (MTU 90).
  10. Vgl. Henning Brandis’ Diarium, S. 224; Joachim Brandis’ Diarium, S. 71, S. 385f., S. 479.
  11. Roth, Leichenpredigten, R 677.
  12. Matrikel Helmstedt, Bd. 1, S. 273, Nr. 72.
  13. Matrikel Leipzig, Registerband 1, S. 452; Matrikel Altdorf, Bd. 1, S. 194, Nr. 6282; Matrikel Leiden, S. 208; Matrikel Straßburg, Bd. 2, S. 224, Nr. 46. Die Angabe der übrigen Studienorte folgt Schlotter, Hildesheimer Familiengeschichten, S. 168f.
  14. Vgl. Schlotter, Hildesheimer Familiengeschichten, S. 168f.

Nachweise

  1. DBHi, HS 789, fol. 366v (A).
  2. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 175, S. 179.
  3. Roemer-Museum, Inv. Nr. H 1814 (Aquarell Heyer, E, F, H, I); Inv. Nr.: H 1832 (Aquarell Heyer, K).
  4. Buhlers, Zerstörte Hildesheimer Haussprüche, S. 230 (L).
  5. Kd. Hildesheim, Bürgerliche Bauten, S. 217–222, S. 221 Zeichnung der Kemenate.
  6. StaHi, Bestand 300, Nr. 58, Blatt 27f. (E–I).
  7. Slg. Rieckenberg, S. 802f., S. 805.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 373(†) (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di058g010k0037305.