Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 184(†) St. Andreas um 1466?

Beschreibung

Fragment der Grabplatte für den in Hildesheim als heilig verehrten Franziskaner Konrad. Sandstein. Der Stein zeigt im vertieften Innenfeld unter einem mit Blüten besetzten spätgotischen Kielbogen im Halbrelief die stehende Figur eines betenden Franziskanermönchs. Das Gesicht ist abgeschlagen. Ursprünglich bedeckte die heute im nördlichen Seitenschiff von St. Andreas angebrachte hochrechteckige Platte das Hochgrab Konrads, das sich im Franziskanerkloster St. Martini befand.1) Das Grab wurde im Jahr 1544 von Protestanten zerstört und die Grabplatte mit der Vorderseite nach unten verlegt.2) Bei ihrer Wiederauffindung im Jahr 1633 durch die nach dem Restitutionsedikt von 1629 zurückgekehrten Franziskaner waren nur noch Reste der heute vollständig verlorenen Umschrift A zu lesen. Die überlieferten Teile der Inschrift befanden sich auf der oberen und der unteren Rahmenleiste.3) Außerdem war auf oder neben dem Stein noch die Inschrift B angebracht.4) Nachdem die Franziskaner am 27. Juli 1634 Hildesheim verlassen hatten, blieb der Stein wohl in St. Martini.5) Nach der Profanierung der Kirche gelangte er in das Andreas-Museum6) und von dort in die Andreaskirche.

Inschrift A nach Eubel, B nach St. Bernwardusblatt.

Maße: H.: 188 cm; B.: 90 cm.

  1. A

    Anno Domini MCCLXI pridie nonas octobris7) [...] Miraculosus in vita et post mortem

  2. B

    Conradus Sanctus

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1261 am Tag vor den Nonen des Oktober [...]. Er war wundertätig im Leben und nach seinem Tod. (A) Der heilige Konrad. (B)

Kommentar

Konrad gehörte wahrscheinlich zu den ersten Franziskanern, die sich in Hildesheim ansiedelten.8) Aufgrund seiner karitativen Tätigkeit genoß er, obwohl nie offiziell kanonisiert, in Hildesheim und Umgebung den Ruf besonderer Heiligkeit.9) Im Anschluß an seine von Johannes Gülicher im Jahr 1633 zusammengestellte Vita ist auch von zahlreichen Wundern die Rede, die der Hildesheimer Heilige in seinem Leben gewirkt haben soll. Sein Grab im Martinikloster wurde ein über den Hildesheimer Raum hinaus bekanntes Wallfahrtsziel. Im Jahr 1466 erhielten die Hildesheimer Franziskaner einen Indulgenzbrief, wonach derjenige, der das Grab Konrads besuchte und einen Beitrag zum Bau der Kirche sowie zum Unterhalt der Ordensleute leistete, 40 Tage Ablaß erwarb.10) Möglicherweise ist die Grabplatte des heiligen Konrad, die aus stilistischen Gründen nicht unmittelbar nach seinem Tod angefertigt worden sein kann, sondern wohl eher aus dem 15. Jahrhundert stammt, im Zusammenhang mit diesem Indulgenzbrief und den auf diese Weise finanzierten Baumaßnahmen entstanden.

Anmerkungen

  1. Hans Guelicher von Werle: Vita, Leben und Wundergeschichten des sel. Bruders Conrad mit dem Zunamen der heilige Vater (sonsten Curdt Eyerflicker genannt) [...]. o. O. 1666. (Exemplar SUB Göttingen: 8 H. E. Ord. 118/55), S. 34. Gülicher hat den Untersuchungen Lemmens’ zufolge Bruder Konrad von Hildesheim mit dem seligen Bruder Konrad von Offida verwechselt, so daß die Vita für die Biographie des Hildesheimer Franziskaners keine Bedeutung hat, vgl. Leonhard Lemmens: Niedersächsische Franziskanerklöster im Mittelalter. Beitrag zur Kirchen- und Kulturgeschichte. Hildesheim 1896, S. 13–16.
  2. Vgl. Kurd Fleige: Der volkstümliche Hildesheimer Heilige Bruder Konrad (OFM). In: Diözese 51 (1983), S. 45–49, hier S. 45.
  3. Vgl. P. Konrad Eubel: Geschichte der Kölnischen Minoriten-Ordensprovinz. Köln 1906 (Veröffentlichungen des Historischen Vereins für den Niederrhein 1), S. 21.
  4. Lauenstein, Kirchen- und Reformationshistorie, Zuschrifft zum 6. Buch, o. S.
  5. Ob das von Lauenstein u. a. vor dem Dammtor auf der Dammbrücke gesehene „Bildnis dieses Conradi“ mit der Grabplatte identisch ist, bleibt fraglich, vgl. Lauenstein, Kirchen- und Reformationshistorie 6, S. 4; s. a. DBHi, HS 114b, fol. 65v.
  6. Kd. Hildesheim, Kirchen, S. 175.
  7. 6. Oktober.
  8. Zur Niederlassung der Franziskaner in Hildesheim vgl. Stephan Gutowski: Die Minderbrüder in Hildesheim. In: Franziskanisches Leben im Mittelalter. Studien zur Geschichte der rheinischen und sächsischen Ordensprovinzen, hg. von Dieter Berg. Werl 1994 (Saxonia Franciscana 3), S. 113–115.
  9. Fleige (wie Anm. 2), S. 45–49.
  10. Gutowski (wie Anm. 8), S. 116. Der Indulgenzbrief ist abgedruckt bei Guelicher (wie Anm. 1), S. 37–39.

Nachweise

  1. P. Konrad Eubel: Geschichte der Kölnischen Minoriten-Ordensprovinz. Köln 1906 (Veröffentlichungen des Historischen Vereins für den Niederrhein 1), S. 21.
  2. St. Bernwardusblatt vom 13. November 1910, Das ehemalige Franziskanerkloster und die Martinikirche in Hildesheim, nach Aufzeichnungen von Dr. J. M. Kratz, S. 356–358, hier S. 357, in: DBHi, HS C 1109 (B).
  3. Stephan Gutowski: Die Minderbrüder in Hildesheim. In: Franziskanisches Leben im Mittelalter. Studien zur Geschichte der rheinischen und sächsischen Ordensprovinzen, hg. von Dieter Berg. Werl 1994 (Saxonia Franciscana 3), S. 116f.
  4. Slg. Rieckenberg, S. 343 und S. 444 (B).

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 184(†) (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di058g010k0018408.