Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 153† St. Magdalenen 1440 o. später

Beschreibung

Zwei Gemälde.1) Das eine zeigte den Konvent beim Mahl am Tisch sitzend, während einzelne Konventualinnen Speisen auftragen, darunter die Inschrift A. Auf dem zweiten Bild waren die Klostergebäude zur Zeit ihrer Gründung abgebildet, darunter Inschrift B.

Inschriften nach DBHi, HS C 25.

  1. A

    Anno millesimo quadringentesimo trigesimo nono in die assumptionis gloriosae V(irginis) Mariae2) facta est prima congregatio mensalis in refectorio hujus monasterii secundum constitutionem regularem ipsa die primitus inchoata ac perpetuis temporibus Deo dante duratura Amen

  2. B

    Noverint tam praesentes quam futuri quod anno Domini MCCXXIIII constructum est praesens monasterium cujus fundator extitit Reverendus in Christo Pater et Dominus Conradus Episcopus ecclesiae Hildesemensis Doctor sacrae theologiae qui huic monasterio multa bona praestitit ac fundos hujusmodi propriis sumtibus comparavit Pro quibus beneficiis anima ejus requiescat in sancta pace Obiit autem idem episcopus Anno MCCXLVIIIa) decimo quinto Calendas Januarij3)

Übersetzung:

Im Jahre 1439 am Tage der Himmelfahrt der glorreichen Jungfrau Maria ist zum ersten Mal der gemeinschaftliche Tisch im Refektorium dieses Klosters den Ordensregeln gemäß gehalten worden. An diesem Tage ist die Tischgemeinschaft begonnen worden, und sie soll mit Gottes Gnade ewige Zeiten dauern. Amen. (A)

Sowohl die Gegenwärtigen wie auch die in Zukunft Lebenden sollen wissen, daß dieses Kloster im Jahr des Herrn 1224 errichtet worden ist. Sein Stifter war der hochwürdige Vater in Christus und Herr Konrad, Bischof der Hildesheimer Kirche, Doktor der heiligen Theologie, welcher diesem Kloster viele Güter zugewandt und dieser Art Grundstücke mit seinen eigenen Mitteln erworben hat. Um dieser Wohltaten willen ruhe seine Seele im heiligen Frieden. Eben dieser Bischof starb im Jahre 1248 am 15. Tag vor den Kalenden des Januar. (B)

Kommentar

Die beiden Inschriften und die dazugehörenden Bilder sind wahrscheinlich im Zusammenhang mit der in St. Magdalenen im Jahr 1440 eingeführten Bursfelder Reform entstanden.4) Der Klosterreformator Johannes Busch beschreibt den gemeinschaftlichen Tisch im Magdalenenkloster so, daß im Refektorium drei Tische standen, an denen nur an einer Seite jeweils die Konventualinnen saßen. Einer der Tische stand am oberen Ende des Raums, zwei an der Seite.5) Die in diesem Visitationsbericht beschriebene Sitzordnung, die dort erwähnte Tischlesung und einzelne weitere Details stimmen recht genau mit einem Bild von 1499 aus dem Kloster Medingen überein, dessen Bildunterschrift u. a. die Klosterreform und das gemeinsame Mahl zum Inhalt hat.6) Das verlorene Bild aus dem Magdalenenkloster dürfte diesem Medinger Bild ziemlich genau entsprochen haben. Die übereinstimmende Thematik beider Bilder läßt vermuten, daß der Konvent beim gemeinsamen Mahl ein typisches Bild für die Darstellung der Klosterreform gewesen sein könnte.7)

Inschrift B gedenkt der Klostergründung durch den Hildesheimer Bischof Konrad II. (1221–1246). Das Formular legt nahe, daß die Inschrift den Text einer Urkunde aufnimmt. In der Inschrift ist 1224 als Gründungsjahr des Klosters genannt, die älteste urkundliche Erwähnung findet sich allerdings erst in einem päpstlichen Schutzbrief von 1235.8) Solche oft bildlich dargestellten Rückbesinnungen auf die Geschichte und die Gründung des eigenen Klosters verbunden mit dem Gedenken an den vorbildlichen Stifter sind häufig im Zusammenhang von Reformen einzelner Konvente entstanden.9)

Textkritischer Apparat

  1. Die Jahreszahl ist wahrscheinlich fehlerhaft. Bischof Konrad II. hatte sein Amt bis 1246 inne und starb am 18. Dezember 1249, vgl. Bertram, Bistum 1, S. 245.

Anmerkungen

  1. Beschreibung nach DBHi, HS C 25, Magdalenenkloster, S. 9.
  2. 15. August.
  3. 18. Dezember.
  4. Zur Reform des Magdalenenklosters vgl. Johannes Busch: Liber de reformatione monasteriorum, bearb. von Karl Grube. Halle 1886 (Geschichtsquellen der Provinz Sachsen 19), S. 577–588.
  5. Ebd., S. 578: Nam tres mensas in refectorio posuimus unam in capite et duas a lateribus, quatenus non in una mensa omnes una contra aliam, ut consueverant, sederent, sed singulariter singule ex uno latere mense omnes sibi considerent.
  6. Das Medinger Bild ist in einer Skizze überliefert bei: Johann Ludolph Lyßmann [...]: Historische Nachricht von dem Ursprunge, Anwachs und Schicksalen des im Lüneburgischen Herzogthum belegenen Closters meding [...]. Halle 1772, Anhang, S. 14. Für den Hinweis auf diese Überlieferung danke ich Frau Dr. Eva Schlotheuber, Göttingen. Das Bild des gemeinsamen Tisches hat die Unterschrift: Anno domini M CCCCLXXIX in die S(anc)ti Blasii Episcopi. Reverendus in Christo pater & dominus dom(inus) Bertoldus Episcopus Hildensemensis & verdensis dyocesis administrator perpetuus Visitavit & reformavit monasterium nostrum. Et in sexta feria ante dominicam Letare sedebamus ad communem mensam comedentes de una olla. [...].
  7. Zur Wiedereinführung des gemeinsamen Tischs als zentralen Punkt der Klosterreform s. a. Heike Uffmann: Die Ebstorfer Klosterreform im Spiegel von Chronistik und Tischlesung. In: 800 Jahre Kloster Ebstorf. Uelzen 1997, S. 213–224, hier S. 215 u. S. 219. Offenbar hatten viele der Konventualinnen in Ebstorf vor der Reform aus Privateigentum gelebt.
  8. UB Stadt 1, Nr. 137.
  9. Vgl. z. B. den bei der Übernahme der Augustinerregel im Stift Fischbeck wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstandenen, 1583 durch eine Kopie ersetzten Teppich mit einer Darstellung der Gründungslegende. Ediert in: Sabine Wehking und Christine Wulf: Die Inschriften des Stifts Fischbeck bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts. In: Ja muz ich sunder riuwe sin. FS für Karl Stackmann zum 15. Februar 1990. Göttingen 1990, S. 51–82, hier S. 66. S. a. Renate Neumüllers-Klauser: Maulbronner Stifterdenkmäler. In: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 37 (1978), S. 27–45.

Nachweise

  1. DBHi, HS C 25, Magdalenenkloster, S. 9.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 153† (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di058g010k0015303.