Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 63 Dom-Museum 1. V. 13. Jh.

Beschreibung

Silberplatte im großen Bernwardkreuz.1) Das Kreuz ist Eigentum der Pfarrkirche St. Magdalenen und stammt aus dem Kirchenschatz von St. Michaelis. Es ist als lateinisches Krückenkreuz mit annähernd quadratischen Verbreiterungen der vier Enden ausgeführt.2) Die Vorderseite ist mit Edelsteinen und Filigran verziert, in den vier Enden jeweils große Bergkristalle, unter denen ursprünglich Reliquien lagen.3) Lediglich der obere der vier Bergkristalle birgt noch ein wohl aus bernwardinischer Zeit stammendes kleines Goldkreuz. In der Kreuzvierung befindet sich ein fünfter Bergkristall, der die Silberplatte4) erkennen läßt, aus der in der Mitte ein Kreuz ausgespart ist. In den vier Armen der kreuzförmigen Aussparung liegt auf rotem Stoff jeweils eine Partikel vom Kreuz Christi. Die Inschrift ist in Konturschrift auf der Silberplatte in den Winkeln der Aussparung eingraviert. Die Buchstabenkörper sind mit Strichen ausgefüllt. Die Rückseite des großen Bernwardkreuzes zeigt in Gravur Christus am Kreuz, in den quadratischen Eckfeldern die Symbole der vier Evangelisten. Das Kreuz wurde in den Jahren 1733, 1787 und 1962 restauriert.5)

Maße: H.: 48 cm (ohne Dorn); B.: 37 cm.6)

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

  1. LIG//NU(M) / D(OMI)NI//CU(M)a)

Übersetzung:

Das [Kreuz]holz des Herrn.

Kommentar

Die Inschrift ist in einer ausgeprägt flächigen gotischen Majuskel mit Schwellungen an Hasten und Bögen ausgeführt. C ist abgeschlossen und entspricht in seiner Form spiegelverkehrt dem kapitalen D, dessen Bogen stark gerundet an die nach rechts durchgebogene, nur in einem Haarstrich ausgezogene Haste ansetzt. Neben rundem U in DOMINICUM unziales U in LIGNUM.

Das Kreuz wird aus stilkritischen Gründen ins zweite Viertel des 12. Jahrhunderts bzw. um 1150 datiert.7) Es ersetzt möglicherweise das in der Vita Bernwardi erwähnte Kreuzreliquiar,8) das Bernward für die ihm von Kaiser Otto III. geschenkten Kreuzpartikel gestiftet hatte. Zumindest finden sich an dem Kreuz einzelne Spolien aus dem 11. Jahrhundert. Die Inschrift ist allerdings wohl erst im 1. Viertel des 13. Jahrhunderts entstanden, da die gotische Majuskel in Hildesheim vor 1200 noch nicht nachweisbar ist, vgl. Einleitung S. 62. Die ausgeprägt flächige Gestaltung der Buchstaben hat keine Parallele im Hildesheimer Bestand. Es ist daher auch nicht auszuschließen, daß die Inschrift wesentlich später entstanden und nachträglich mit dem Kreuz verbunden worden ist.

Textkritischer Apparat

  1. D(OMI)NI//CU(M)] DOMINI DEI Kratz.

Anmerkungen

  1. Inv. Nr.: DS L 109.
  2. Eine ausführliche Beschreibung gibt Brandt in Kat. Kirchenkunst des Mittelalters, S. 21–30; Kat. Bernward 2, S. 588f.
  3. Vgl. den Restaurierungsbericht Schlüters von 1787, abgedruckt in: Kat. Kirchenkunst des Mittelalters, S. 28, dem zufolge die Reliquien 1733 entfernt worden sind.
  4. Die Platte wurde nach Auskunft des Restaurierungsberichts von 1787 (ebd., S. 29) neu vergoldet.
  5. Kat. Bernward 2, S. 588f.
  6. Die Buchstabenhöhe kann nicht angegeben werden, weil die Buchstaben durch den Bergkristall verzerrt vergrößert erscheinen.
  7. Kat. Bernward 2, S. 588f.: 2. Viertel 12. Jahrhundert; Brandt in Kat. Kirchenkunst des Mittelalters, S. 21–30: um 1150.
  8. Vita Bernwardi, Kapitel 9: Bernwardus thecam auro gemmisque lautissimam, in qua vivificum lignum includeret, paravit.

Nachweise

  1. Kratz, Dom 2, S. 28.
  2. Elbern/Reuther, Domschatz, S. 84.
  3. Kat. Kirchenkunst des Mittelalters, Abb. S. 24.
  4. Kat. Bernward 2, S. 588, Abb. S. 587.
  5. Kat. Abglanz des Himmels, S. 191, Abb. S. 171.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 63 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di058g010k0006304.