Inschriftenkatalog: Stadt Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 58: Stadt Hildesheim (2003)

Nr. 59 London, The Trustees of The British Museum 1181–1204

Beschreibung

Tragaltar.1) Holzkern, mit vergoldeten Kupferplatten beschlagen, der Altarstein Porphyr.2) Der Tragaltar gehörte ursprünglich zum Kirchenschatz von St. Godehard. Anfang des 19. Jahrhunderts ist er in der Sammlung Renesse-Breidbach, später in der Sammlung Debruge-Duménil nachgewiesen. Über mehrere Zwischenstufen gelangte er 1902 in das British Museum.3)

Die Schauseite erinnert in ihrer Gestaltung an einen Bucheinband.4) Der Altarstein ist von einer breiten Randleiste umgeben, in deren vier Ecken die Symbole der vier Evangelisten in Medaillons eingraviert sind. Sie halten leere Schriftbänder. An der oberen und der unteren Schmalseite in der Mitte oben und unten je ein quadratisches Relief aus Walroßzahn. Das obere zeigt die Kreuzigung: Christus am Kreuz mit dem eingravierten Titulus A, die Füße auf dem Suppedaneum, unter dem Kreuz Maria und Johannes auf Christus blickend; das untere zeigt die thronende Gottesmutter, die Rechte segnend erhoben, mit dem linken Arm das Kind haltend. Rechts und links von ihr zwei nimbierte Bischöfe (Bernhard und Godehard). An den Langseiten beiderseits des Altarsteins hinter Kristallscheiben Miniaturen der Bischöfe Bernhard und Godehard auf Pergament mit Beischriften.5) Beide sind mit Nimben dargestellt, da auch Bernhard als Fundator im Godehardkloster wie ein Heiliger verehrt wurde. Oberhalb und unterhalb der Miniaturen sind auf jeder Seite zwei Halbfiguren graviert: links oben Petrus mit Schlüssel, unten Stephanus mit Märtyrerpalme und einem leeren Schriftband; rechts oben Andreas, unten Laurentius, beide halten ein leeres Schriftband. Die Dargestellten sind durch Beischriften B identifiziert, deren Buchstaben unregelmäßig und zum Teil mit wechselnder Leserichtung um die Figuren herum angeordnet sind. Unterhalb des Reliefs der Gottesmutter ist die Stiftungsinschrift C angebracht. Die Unterseite des Altars trägt Inschrift D. Diese ist über die gesamte hochrechteckige Fläche in neun Zeilen zwischen breiten Braunfirnisleisten ausgeführt. Die Buchstaben stehen zwischen zwei Linien, die Wörter sind durch Punkte auf der Mittellinie getrennt. Die Inschriften sind graviert.

Maße: H.: 35,4 cm; B.: 25,1 cm; Bu.: 0,2 cm (A), 0,7–1 cm (B), 1,2 cm (C), ca. 0,7 cm (D).

Schriftart(en): Übergangsschrift von der romanischen zur gotischen Majuskel.

  1. A

    I(ESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDAEORVM)6)

  2. B

    S(AN)C(TV)S PETRVS · // S(AN)C(TV)S STEPHANVS // S(AN)C(TV)S ANDREAS · // S(AN)C(TV)S LAVRENTIVS

  3. C

    THIDERICVS · ABBAS · (TERTIVS)a) · DEDIT

  4. D

    · IOH(ANN)IS · BAPT(ISTE) · PAVLI · AP(OSTO)LI · IACOBI · AP(OSTOLI) · MAHEIb) · / · AP(OSTOLI) · ETc) EW(ANGELISTE) · IOH(ANN)IS · EW(ANGELISTE) · STEPHANI · P(RO)TOMa(RTYRIS)d) · LAVRENTII · / · VITI · CORNELII · CIPRIANI · FABIANIe) · SEBASTIANI · BONIFACII · EP(ISCOP)I · / BLASII · EP(ISCOP)I · FELICIS · CRISTOPHORI · COSME · DAMIANI · PAN·/CPATIIf) · THEODORI · DIONISII · EP(ISCOP)I · MARELLINI · PETPIg) · / CIPRIANIh) · IPOLITI · VITALIS · FELICISSIMI · MAVRICII · IACINCTI · TOT/NATIi) · EELICIS · NARORISj) · M(A)R(TYRV)M · ET (SAN)C(T)OR(VM)k) · CONFESSOR(VM) · GODEHARDI · / EP(ISCOP)I · NICOLAI · SERVACII MARTINI · BENEDICTI · ABB(AT)IS · EGIDII MARIE · / MAGDALENE · AGATHEl) · M(ARTY)RIS · THIDERICVS · ABBAS · (TERTIVS)a) · DEDIT ·

Übersetzung:

Dietrich, der dritte Abt, hat [dies] gestiftet. (C)

[Reliquien] Johannes des Täufers, des Apostels Paulus, des Apostels Jakobus, des Apostels und Evangelisten Matthäus, des Evangelisten Johannes, des Erzmärtyrers Stephanus [und] der Märtyrer und heiligen Bekenner Laurentius, Vitus, Cornelius, Cyprianus, Fabian, Sebastian, des Bischofs Bonifatius, des Bischofs Blasius, Felix, Christophorus, Cosmas [und] Damian, Pankratius, Theodorus, des Bischofs Dionysius, Marcellinus, Petrus, Cyprianus, Hippolytus, Vitalis, Felicissimus, Mauricius, Hyazinth, Totnan, Felix, Nabor, des Bischofs Godehard, Nikolaus, Servatius, Martin, des Abts Benedikt, Egidius, Maria Magdalena, der Märtyrerin Agathe. Dietrich, der dritte Abt, hat [dies] gestiftet. (D)

Kommentar

Die romanische Majuskel weist bereits einzelne Elemente der gotischen Majuskel auf, wie abgeschlossenes E in ANDREAS, einzelne Bogenschwellungen (unziales A im zweiten CIPRIANI) und gerundete Übergänge zwischen Bögen und Hasten bei D und B. Die Buchstaben A, E, H und N sind in eckig-spitzer und in runder Form im Wechsel ausgeführt. A überwiegend in der unzialen Form, wobei die gebogene linke Haste unter die Grundlinie reicht und mit einer Schwellung versehen ist; M überwiegend als links geschlossenes unziales M. Die senkrechte Haste des L ist in einzelnen Fällen nach rechts durchgebogen. Hasten- und Bogenenden tragen deutliche Sporen, die die Tendenz zum Abschluß des Buchstabens erkennen lassen.

Aus der Darstellung des heiligen Godehard und des Bischofs Bernhard läßt sich das Kloster St. Godehard als Herkunftsort des Tragaltars erschließen. Der in Inschrift C und am Schluß von D genannte Stifter THIDERICVS ABBAS war nach den Äbten Friedrich und Arnold (Nr. 43) der dritte Abt des Godehardklosters. Seine Amtszeit von 1181 bis 12047) legt gleichermaßen die Entstehungszeit des Tragaltars fest.

Textkritischer Apparat

  1. (TERTIVS)] III und us-Kürzel.
  2. MAHEI] Statt MATHEI.
  3. Ungewöhnliche Form einer Ligatur aus unzialem E und t, um 90o gedreht.
  4. P(RO)TOMa(RTYRIS)] Hochgestelltes Minuskel-a über M.
  5. FABIANI] Zweites A proklitisch.
  6. PAN · /CPATII] Statt PANCRATII.
  7. MARELLINI · PETPI] Statt MARCELLINI · PETRI. Gemeint sind Marcellinus und Petrus von Rom, Märtyrer um 299 unter Diokletian (vgl. LCI 7, Sp. 489).
  8. CIPRIANI] Der heilige Cyprian ist in diesem Reliquienverzeichnis zweimal genannt.
  9. TOT/NATI] Statt TOTNAN.
  10. EELICIS · NARORIS] Statt FELICIS und NABORIS.
  11. (SAN)C(T)OR(VM)] Das Wort ist fehlerhaft gekürzt, das Anfangs-S fehlt.
  12. AGATHE] E verbessert aus S.

Anmerkungen

  1. Inv. Nr.: MLA / 1902,6 – 25,1.
  2. Angaben nach Kat. Schatz von St. Godehard, S. 102.
  3. Besitzgeschichte ebd., S. 104.
  4. Vgl. z. B. Nr. 54.
  5. Die beiden Bischöfe werden im Vokativ angesprochen: BERNARDE EP(ISCOP)E (Lesung am Schluß unsicher) und S(ANCTE) GODE[H]ARDE. Die Anrufung ist als verkürztes Gebet um Fürbitte zu verstehen.
  6. Io. 19,19.
  7. Die Liste der Äbte von St. Godehard in der Germania Benedictina VI, S. 211 ist für diesen Zeitraum fehlerhaft. Abt Dietrich ist noch in einer Urkunde von 1204 als Zeuge erwähnt (UB Hochstift 1, Nr. 594). Seine Memorie ist im Domkapitelsgedenkbuch unter dem 18. Dezember (15. Kal. Januarii) eingetragen.

Nachweise

  1. Kat. Stadt im Wandel 2, Nr. 1047, S. 1205 (C), Abb. S. 1206f.
  2. Kat. Schatz von St. Godehard, S. 102 (C), Abb. S. 102f.
  3. Kat. Abglanz des Himmels, Abb. S. 149.

Zitierhinweis:
DI 58, Stadt Hildesheim, Nr. 59 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di058g010k0005907.