Inschriftenkatalog: Landkreis Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 88: Landkreis Hildesheim (2014)

Nr. 148 Alfeld, Winde 17 1540?

Beschreibung

Haus. Fachwerk. Ehemals Haus der Schuhmachergilde.1) Das aus Erdgeschoss, Zwischengeschoss und vorkragendem Obergeschoss bestehende Haus liegt giebelständig zur Straße „Hinter der Schule“ und traufenständig zur „Winde“. Die Traufenseite ist neun, die Giebelseite sieben Gefache breit. In den Brüstungstafeln des Obergeschosses und am Zwischengeschoss halbe und ganze Fächerrosetten, Vorhangbogenornamente am Zwischengeschoss, Flechtband am Schwellbalken des Obergeschosses der nördlichen Giebelseite.

Auf dem Schwellbalken des Obergeschosses der Traufenseite Inschrift A. Am Obergeschoss der Giebelseite Messer und Halbmond als Zeichen des Schuhmacherhandwerks2) mit den Initialen B. Links davon in einer Brüstungstafel Inschrift C, rechts in einer weiteren Brüstungstafel die Inschriften D und E. Die Inschriften sind erhaben in vertiefter Zeile geschnitzt und farbig gefasst. Am Anfang von Inschrift A und am Ende von E ein Blatt an einem senkrechten Ast. Die Versenden von A sind durch Doppelpunkte bezeichnet. In einer Brüstungstafel des Obergeschosses, rechts oberhalb des Eingangs eine Kartusche mit einer aufgemalten neuzeitlichen Inschrift, die das Baudatum mit 1540 angibt.3)

Maße: Bu.: ca. 12 cm (A), ca. 8 cm (B, D), ca. 5 cm (C, E).

Schriftart(en): Frühhumanistische Kapitalis (A–C, E) mit Versal (D).

Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Christine Wulf) [1/3]

  1. A

    ALLER WELT PRACHTa) VND MVTH:STEIT NA TITLIKEM GVTH: WEN SE DAT ERWARVEN: VALLEN SE NEDER VND STARVEN4)

  2. B

    H · M ·

  3. C

    WIRb) BVWEN STEDE VND VESTE /VND SINT DOCH FROMDE GESTE /DAR WI EWICH SCHOLDEN SIN /DAR DENCKEN WI WEINICH HIN5)

  4. D

    SOLI DEO GLORIA

  5. E

    GODE DEM HEREN VND SCHEPPERE MEINSI LOP PRIS VND ERE ALLEIN ·

Übersetzung:

Aller Menschen [wörtlich: „aller Welt“] Trachten und Sinn steht nach zeitlichem Gut. Wenn sie das erwerben, fallen sie nieder und sterben. (A)

Wir bauen Städte und Festungen und sind doch [nur] fremde Gäste. Wo wir ewig sein sollen, daran denken wir nur selten. (C)

Gott allein die Ehre (D).

Gott, meinem Herrn und Schöpfer, sei allein Lob, Preis und Ehre. (E)

Versmaß: Deutsche Reimverse (A, C, E).

Kommentar

Die Inschriften weisen die typischen Merkmale der frühhumanistischen Kapitalis auf: durchgängig retrogrades N, offenes D, kapitales D ohne Schaft, I, H, N mit Ausbuchtungen an den Schäften und Balken sowie M mit sehr hohem Mittelteil und leicht nach innen durchgebogenen Schäften.

Die den Inschriften A und C zugrunde liegenden Sprüche sind vielfach als Hausinschriften verwendet worden (vgl. Anm. 4 u. 5). Sofern das erschlossene Baudatum 1540 – Graff vermutet 15436) – zutrifft, wäre die Inschrift C die früheste inschriftliche Verwendung dieses seit dem 15. Jahrhundert überlieferten Spruchs über das paradoxe Verhalten der Menschen, die in ihrer vergänglichen irdischen Lebenszeit feste Häuser bauen, sich aber um ihre Zukunft als Himmelsbewohner wenig kümmern.7)

Textkritischer Apparat

  1. PRACHT] Fehlerhaft für TRACHT im Sinne von ‚trachten‘.
  2. WIR] Befund unklar, möglicherweise in Folge einer Restaurierung aus WI verschrieben, die übrige Inschrift hat WI für ‚Wir‘.

Anmerkungen

  1. Das Haus gehörte der Schuhmachergilde, ob es aber tatsächlich das Gildehaus war, ist nicht zu belegen.
  2. Zu den Handwerkszeichen vgl. Werner Müller, Handwerkszeichen und bäuerliche Zeichen auf Kreuzsteinen in Niedersachsen. In: Diözese 54 (1986), S. 65–82, hier S. 74 mit Abb.
  3. ERBAUT / ANNO 1540.
  4. Sprichwörtlich, nicht bei Wander. Der Anfang des Spruchs stimmt überein mit einem Lied aus: Johann Eccard, Newe deutzsche Lieder mit vieren und Fünff stimmen auff allerley Musikalischen Instrumenten zu gebrauchen. Mühlhausen 1578 (VD 16 N572). Nachgewiesen bei Christine Böcker, Johannes Eccard. Leben und Werk (Berliner Musikwissenschaftliche Arbeiten 17). München/Salzburg 1980, S. 182. – Als Hausinschrift in Hameln 1548 nachweisbar, vgl. DI 28 (Stadt Hameln), Nr. 34.
  5. Vgl. Wander, Sprichwörterlexikon, Bd. 1, Sp. 254, Nr. 61. Zur Textgeschichte des Inschrift C zugrunde liegenden Spruchs s. Gisela Kornrumpf ‚Spruch der Engel‘ in: Die Deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, hg. von Burghart Wachinger u. a. Berlin/New York 21995, Bd. 9, Sp. 180–186; s. a. DI 58 (Stadt Hildesheim), Nr. 644.
  6. Vgl. Graff, Geschichte des Kreises Alfeld, S. 582.
  7. Die meisten Belege für diesen Spruch sind erst deutlich später entstanden, vgl. z. B. DI 26 (Osnabrück), Nr. 154 von 1586.

Nachweise

  1. Mithoff, Kunstdenkmale Fürstenthum Hildesheim, S. 17 (ohne B).
  2. Heinze, Geschichte Stadt Alfeld, S. 148 (ohne B).
  3. Graff, Geschichte des Kreises Alfeld, S. 582.
  4. Kdm. Kreis Alfeld I, S. 88f.

Zitierhinweis:
DI 88, Landkreis Hildesheim, Nr. 148 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di088g016k0014804.