Inschriftenkatalog: Stadt Helmstedt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 61: Stadt Helmstedt (2005)

Nr. 46† Beguinenstr. 1520

Beschreibung

Haus. Über seine genaue Lage in der Beguinenstraße ist nichts bekannt. Heinrich Meibom d. Ä. zitiert die Inschrift 1607 in einer akademischen Festrede ohne nähere Einlassungen1). Die inschriftliche Ausführung ist nicht weiter belegt.

Inschrift nach Meibom.

  1. Stirpis Olympiacae sesqui millesimus annus Bisq(ue) duo cursus lustra dedere suos Erigitur spatiosa domus quam candida sacri Carmeli soboles vatifer ordo2) struit Huc Tua Johannes Gennep tua docte Georgi Parta refers Drosen pulcrius hercle nihil

Übersetzung:

Es ist das anderthalbmaltausendste Jahr des Himmelssohnes, und zweimal zwei Jahrfünfte haben ihren Lauf dazugegeben: Errichtet wird ein geräumiges Haus, das die weiße Gefolgschaft des heiligen Karmel, der prophetische Orden, erbaut. Hierauf wendest du, Johannes Gennep, dein Vermögen und du, gelehrter Georg Drosen, – beim Herkules, nichts schöner als dies.

Versmaß: Elegische Distichen.

Kommentar

Die Inschrift ist der einzige Hinweis auf eine Niederlassung von Karmelitern in Helmstedt. Es gibt weder in der stadtgeschichtlichen Überlieferung weitere diesbezügliche Nachrichten noch erscheint eine Helmstedter Niederlassung unter denen der ehemaligen Ordensprovinz Saxonia dieses Bettelordens3). An der Richtigkeit der Meibomschen Mitteilung ist indes kaum zu zweifeln, da sie von Meibom 1607 in einer öffentlichen Rede in Helmstedt vor Ortskundigen vorgetragen worden ist. Möglicherweise hat es sich bei dem inschriftlich benannten Gebäude um eine sog. Terminei gehandelt, also ein Haus zur vorläufigen Aufbewahrung von Sammelgaben, das mit ein oder zwei meist besonders gut ausgebildeten Predigern besetzt war4). Bezeichnend ist die von Meibom angegebene Nachbarschaft zum Haus der Helmstedter Beginen (vgl. Nr. 79) in der Beguinenstraße. Von den Beginen gilt, daß sie seit der Mitte des 13. Jahrhunderts geistliche Betreuung vornehmlich bei Bettelorden suchten und ihre Häuser häufig in deren Nähe hatten5). Die Tatsache, daß die Stadt Helmstedt seit 1318 über das Recht verfügte, keine kirchlichen Neugründungen mehr dulden zu müssen6), läßt vermuten, daß das nach der Inschrift 1520 errichtete Haus ein Nachfolgebau einer älteren Niederlassung gewesen ist. Bei den von der Inschrift genannten und in Helmstedt nicht nachweisbaren Johannes Gennep und Georg Drosen handelt es sich vermutlich um auswärtige Stifter. Mit der Bezeichnung Christi als Olympiaca stirps („olympischer Sprößling“) und der Verwendung der antiken Beteuerungsformel hercle („beim Herkules“) ist das Gedicht – Inschrift einer geistlichen Stiftung – in bemerkenswerter Weise humanistisch geprägt. Der Bau des Hauses als spatiosa domus – wie die Inschrift rühmt – deutet darauf hin, daß die Armutsvorschriften nicht mehr streng ausgelegt wurden.

Anmerkungen

  1. H. Meibom, De origine Helmstadii. In: Opuscula historica, Helmstedt 1660, S. 552 und in: H. Meibom iunior (Hg.), Rerum Germanicarum tomi III, Bd. 3, Helmstedt 1688, S. 234 Anno 1520 domus Carmelitarum in platea Beginaru(m) erecta est uti dilucide ostendit sequens inscriptio .. (im Jahre 1520 ist das Haus der Karmeliter in der Beguinenstraße errichtet worden, wie klar aus der folgenden Inschrift hervorgeht). Die hier gegebene Datierung der Rede ist erschlossen aus den die Rede einleitenden Sätzen Heinrich Meiboms d. Ä.
  2. vatifer ordo verweist auf den den Karmelitern zugeschriebenen prophetischen Geist, der ihnen aus ihrer engen Verbindung zum Berg Karmel im Hl. Lande und ihrer Berufung auf den Propheten Elias als legendären Gründer ihres Ordens zufließt, vgl. LMA 5, Sp. 998ff.
  3. Vgl. C. Martini, Der deutsche Carmel, Bd. 1, Niederdeutschland und Sachsen, Bamberg 1922. Der Name Helmstedt erscheint auf S. 682 im Zusammenhang mit einer Bitte der Karmelitermönche des Klosters Querfurt, nach dem Zusammenhang wohl gerichtet an den Bischof von Halberstadt, auch in „Helmstedt“ ein Kloster zu stiften. Martini zitiert hierfür die der Bearbeiterin nicht zugänglichen, ungedruckten (?) Notizen des Freiherrn von Ledebour, Die hohen Dome und Collegiatsstifte, Propsteien, Klöster und Ordenshäuser des Halberstädtischen Sprengels, o. Seitenangabe, o. O. und J., und deutet „Helmstedt“ zu Hettstedt, Landkreis Mansfelder Land. Für den Hinweis hierauf und weitere Beratung dankt die Bearbeiterin P. Dr. A. Deckert, Bamberg.
  4. Vgl. dazu A. Mindermann, Die Termineien des Hamburger Dominikanerklosters St. Johannis in den Städten Stade und Lüneburg. In: Jb. der Gesellschaft für nieders. Kirchengeschichte 96, 1998, S. 139ff. In diesen beiden Städten sind die Termineien bis zu Mindermanns Arbeit nahezu völlig in Vergessenheit geraten.
  5. Beispiele aus dem norddeutschen Raum – allerdings von anderen Mendikanten, nicht von Karmelitern – bei G. Peters, Norddeutsches Beginen- und Begardenwesen im Mittelalter. In: Nieders. Jb. für Landesgeschichte 41/42, 1969/70, S. 93f.
  6. Meier, Kunstdenkmäler, S. 7.

Nachweise

  1. H. Meibom, De origine Helmstadii. In: Opuscula historica, Helmstedt 1660, S. 552.
  2. Meier, Kunstdenkmäler, S. 375 (nach Meibom).

Zitierhinweis:
DI 61, Stadt Helmstedt, Nr. 46† (Ingrid Henze), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di061g011k0004602.