Inschriftenkatalog: Stadt Hannover

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 36: Stadt Hannover (1993)

Nr. 95† Marktkirche 1553

Beschreibung

Epitaph des Antonius Corvinus. Corvinus wurde im Chor der Marktkirche vor dem Altar bestattet. Sein Epitaph befand sich an der Wand im Chor1); es dürfte im Zuge der Umgestaltung der Marktkirche in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts entfernt worden sein.

Inschrift nach Jürgens.

  1. D(OMI)NO ANTONIO CORVINO SUPERINT(ENDENTI)HIC eXhaVstVsa) ego CVrIs LongoqVe LaborePost Mea CorVJnVs fVnerab) paCe frVor.2)Lustra decem binosque annos mea viderat aetasc)Ut petiit superas umbra soluta domos.Hassia me genuit Marpurgum nobile fovitAdjecit Charites Leucoris alma suasd).Discipulusque fui comes et fidissimuse) adstesSancte Luthere tuus magne Philippe tuus.Obtinuit duce me sanctos ecclesia ritusSub sceptris princeps Elisabetha tuis.Hinc furiis aulae tenebroso carcere claudorQui fuit et morbi maxima causa mei.Hannovera excepit laxatum ubi desino lassusVivere mens coeli cernit in arce deum.

Übersetzung:

Dem Herrn Superintendenten Antonius Corvinus. Hier genieße ich, Corvinus, erschöpft durch Sorgen und langwierige Mühe nach meinem Begräbnis den Frieden. 52 Jahre hatte mein Leben gesehen, als die befreite Seele zu den himmlischen Wohnungen strebte. Hessen brachte mich hervor, das edle Marburg förderte mich, das segensreiche Leucoris (Wittenberg) schenkte mir seine Liebe. Ich war dein Schüler, Begleiter und treuster Helfer, ehrwürdiger Luther, und deiner, edler Philipp. Unter meiner Führung hat die Kirche während deiner Herrschaft, Fürstin Elisabeth, die heiligen Riten wiedererhalten. Darauf wurde ich aus Rache des Hofes in einem dunklen Verließ eingesperrt, das die Hauptursache meiner Krankheit war. Hannover nahm mich nach meiner Freilassung auf, wo ich erschöpft starb. Aber die Seele schaut in der Himmelsburg Gott.

Versmaß: Sieben elegische Distichen, das erste ein Chronodistichon.

Kommentar

Antonius Corvinus wurde 1501 in Warburg a.d. Diemel geboren.3) 1519 trat er in das Zisterzienserkloster Loccum ein, später wechselte er nach Riddagshausen. 1523 mußte er das Kloster verlassen, weil er zum Luthertum übergetreten war. Corvinus immatrikulierte sich am 12. November 1536 an der Universität Marburg. Die Matrikel enthält den Zusatz Artium liberalium Magister et Theologus.4) In der Matrikel der Universität Wittenberg ist Corvinus nicht verzeichnet. 1528 wurde er Pfarrer in Goslar, im Jahr darauf in Witzenhausen. Corvinus nahm an zahlreichen Religionsgesprächen teil, verfaßte verschiedene Kirchenordnungen und wurde zum führenden Reformator im Fürstentum Calenberg. Im Auftrag der Herzogin Elisabeth verfaßte er die Calenberger Kirchenordnung, die er 1542/43 als Landessuperintendent durchführte. Wegen seiner entschiedenen Ablehnung des Augsburger Interims wurde Corvinus im November 1549 von Herzog Erich II. auf dem Calenberg gefangengesetzt und erst im Oktober 1552 wieder freigelassen. An den Folgen der Gefangenschaft starb er am 5. April 1553.

Textkritischer Apparat

  1. eXhaVstVs] eXhaeVstVs Ising.
  2. fVnera] fVLnera Redecker, Ising.
  3. aetas] aeras Ising.
  4. suas] fuas Ising.
  5. fidissimus] fidelissimus Redecker metrisch nicht korrekt.

Anmerkungen

  1. Ising, S. 39.
  2. Das Chronogramm ist als 1553 aufzulösen.
  3. Zur Biographie vgl. NDB 3, S. 371f., und Krumwiede, Geschichte der evangelischen Kirche, S. 34ff.
  4. Matrikel Marburg (1527–1628), S. 23.

Nachweise

  1. Jürgens, Chronik, S. 186f.
  2. Redecker, Bd. 1, fol. 258v.
  3. Ising, S. 39f.
  4. Scheibe, Marktkirche, S. 38.

Zitierhinweis:
DI 36, Stadt Hannover, Nr. 95† (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di036g006k0009507.