Inschriftenkatalog: Stadt Hannover

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 36: Stadt Hannover (1993)

Nr. 74† Marktkirche 1541

Beschreibung

Epitaph des Urbanus Rhegius. Das Epitaph befand sich im Chor nahe dem Hochaltar.1) Es dürfte im Zuge der Umgestaltung des Kirchenraumes in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts entfernt worden sein.

Inschrift nach Redecker.

  1. URBANO REGIO THEOL(OGO)Regius Alpigenas inter genitore colonoEditus extremo nomen in orbe tenet.Accitus numero vatum cum laude docebatQuod fovet in multis Teutona terra scholis.Ata) postquam nostris verbi lux fulsit in orisPost habuit Christo dogmata vana suo.Pontificum contemsit opes Babylone relictaFoecundi amplexus foedera casta thori.Insignis Christi miles discrimina adivitPraebens Vandalico pabula laeta Gregi.Saxoniae tandem respexit ovilia nostraeTestantur tanti quod monumenta viri.Ossa cubant Zellae virtus celebratur ubiqueIllius et semper vita superstes erit.Obiit Cellisb) Anno Christi 1541 die 23. Maji.

Übersetzung:

Dem Theologen Urbanus Rhegius. Der bei den Alpenbewohnern als Sohn eines Bauern geborene Rhegius ist bekannt bis ans Ende der Welt. Berufen in den Kreis der Dichter lehrte er unter allgemeinem Beifall, was Deutschland in vielen Schulen pflegt. Aber seitdem das Licht des Wortes in unseren Landen erstrahlte, setzte er die nichtigen Lehren für seinen Christus hintan. Er verachtete die Macht der Päpste und, nachdem er Babylon verlassen hatte, entschied er sich für den keuschen Bund einer fruchtbaren Ehe. Als außerordentlicher Streiter Christi ging er schwierige Aufgaben an, indem er dem rohen Volk die frohmachende Nahrung (des Evangeliums) darreichte. Schließlich nahm er sich der Schafställe unseres Sachsenlandes an, was die Denkmäler dieses so bedeutenden Mannes bezeugen. Die Gebeine ruhen in Celle, seine Tugend aber wird überall gepriesen, und er wird immer lebendig bleiben. Er starb in Celle am 23. Mai 1541.

Versmaß: Elegische Distichen.

Kommentar

Urbanus Rhegius wurde 1489 in Langenargen am Bodensee geboren.2) Er absolvierte zunächst ein Studium der Rechte und wandte sich dann der Theologie zu. In Freiburg erwarb er den Titel eines Baccalaureus, in Ingolstadt den Magistergrad. Hier erhielt er einen Lehrstuhl für Rhetorik und Poesie. 1519 wurde Rhegius zum Priester geweiht, 1520 erhielt er in Basel den theologischen Doktortitel. Nach einem Aufenthalt in Augsburg wurde der inzwischen offen zum lutherischen Bekenntnis übergetretene Rhegius 1530 von Ernst dem Bekenner nach Celle gerufen und 1531 zum Generalsuperintendenten des Fürstentums Lüneburg ernannt. 1535 verfaßte Rhegius die im darauffolgenden Jahr gedruckte Kirchenordnung für die Stadt Hannover, die wegen der in ihr enthaltenen grundsätzlichen Überlegungen zur Reformation als die bedeutendste niedersächsische Kirchenordnung angesehen wird.3) Urbanus Rhegius starb 1541 in Celle und wurde dort beigesetzt. Das Epitaph in der Hannoverschen Marktkirche hatte daher lediglich die Funktion, an den für die Stadt bedeutenden Reformator zu erinnern.

Textkritischer Apparat

  1. At] Atque Scheibe.
  2. Cellis] Zellae Scheibe.

Anmerkungen

  1. Ising, S. 38.
  2. Zur Biographie ADB 28, S. 374–378, u. Krumwiede, Geschichte der evangelischen Kirche, S. 31f. Im Gegensatz zu der Inschrift vermuten die Biographen, Rhegius sei der Sohn eines Priesters (ebd.).
  3. Krumwiede, Geschichte der evangelischen Kirche, S. 16f.

Nachweise

  1. Redecker, Bd. 1, fol. 246v.
  2. Ising, S. 38.
  3. Scheibe, Marktkirche, S. 35f.

Zitierhinweis:
DI 36, Stadt Hannover, Nr. 74† (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di036g006k0007400.