Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85: Halle/Saale (2012)

Nr. 14 Moritzkirche nach 1388

Beschreibung

Quader aus Sandstein an der Stirnseite des zweiten Strebepfeilers südlich des Chorscheitels, in etwa 5 m Höhe unterhalb eines Wasserschlags eingesetzt. Bauinschrift mit erhabenen, ursprünglich „vergüldeten Buchstaben“.1)

Maße: H.: 31,5 cm; B.: 116 cm; Bu.: 6 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien der gotischen Majuskel.

SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Markus Scholz) [1/1]

  1. M · tria · ccc · scriptoa) · post · octuaginb) · dabis · octoc) · /Stante · die · lune · misericor · dum · canis · alte · /Tunc · fuit · iste · chorus · primo · saxo · renouatus ·2)

Übersetzung:

1300 nach (Christi Geburt) geschrieben und 88 dazugefügt, am Montag, wenn man laut Misericordias singt, da war dieser Chor vom ersten Stein an erneuert worden.

Versmaß: Drei Hexameter, einsilbig leoninisch gereimt.

Datum: 1388 April 13.

Kommentar

Die Worte misericor und chorus weisen eigentümliche Bogen-r auf: ein kurzer, am oberen Ende nach links umbrochener Schaft mit quadrangelartig abgeschnürtem, unteren Abschluß. Die erste und zweite Zeile der sehr sorgfältig ausgehauenen Inschrift beschließt ein vegetabiles Ornament.

Der zweite Vers überliefert ein präzises Datum, das Ilas Bartusch folgendermaßen erläutert: „Die ungewöhnliche Tagesbezeichnung Stante die lune wird auf die spätmittelalterliche Tendenz der formalen Ersetzung von ‚esse‘ durch ‚stare‘ zurückzuführen sein, zumal es sich um eine Partizipialkonstruktion handelt. (...) Daß sich hinter misericor zweifellos der Psalm 88 ‚Misericordias domini cantabo in eternum‘ verbirgt, der nach dem Missale regelmäßig am zweiten Sonntag nach Ostern als Introitus zur Messe gesungen wurde, beweist die Aufnahme dieses Wortes in den Hexameter trotz der drei aufeinanderfolgenden kurzen Silben. (...) Aus den Zwängen des Versmaßes ergibt sich auch die seltsame Abkürzung: Die Endsilbenreihe ‚-cordias‘ stellt einen Kretikus dar und wäre somit nirgendwo im regulären Hexameter unterzubringen.“3)

Die Inschrift ist sicherlich erst einige Zeit nach der Grundsteinlegung entstanden, als der neue Chor bis zur Höhe des Inschriftenstandorts aufgemauert war. Der Chor und das im 15. Jh. begonnene Kirchenschiff konnten erst 1511 (oder 1519; s. Nr. 93, 94) bzw. 1557 mit der schrittweisen Einwölbung abgeschlossen werden (s. Nr. 168).4)

Textkritischer Apparat

  1. scripto] scripta Schadendorf 1953.
  2. octuagin] Sic! Für octoginta.
  3. octuagin · dabis · octo] octuaginta · bis · octo emendiert Reinhold Schmidt; siehe BKD Prov. Sachsen NF 1, S. 617.

Anmerkungen

  1. Olearius 1667, S. 169.
  2. Übersetzung nach Bartusch 1998, S. 83 (Nr. 1).
  3. Bartusch 1998, S. 90 f. Als weiteren Beleg für diese Art der Datierung zitiert Bartusch eine Urkunde des Moritzstifts, die 1399 „an monthage allernest nach dem sunthage, als man singet in der heylgen kerchen Misericordias domini“ ausgestellt wurde; Bartusch 1998, S. 91 (Anm. 16). Vgl. UBH III, 2, S. 585 (Nr. 1468).
  4. Zur Grundsteinlegung s. Nr. 13; zur Baugeschichte s. auch Einleitung, S. XXIII–XXV.

Nachweise

  1. Schubart 1662, fol. D4r.
  2. Olearius 1667, S. 170.
  3. Dreyhaupt 1, 1749, S. 1082.
  4. Weise 1824, S. 62 f.
  5. BKD Prov. Sachsen NF 1, S. 91.
  6. Schadendorf 1953, S. 6 (Anm. 61).
  7. Schadendorf 1958, S. 4.
  8. Bartusch 1998, S. 83 (Nr. 1).

Zitierhinweis:
DI 85, Halle/Saale, Nr. 14 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di085l004k0001407.